Du bist gut!

Sternförmige blaue Blume mit gelbem Stempel zwischen zwei Fingern gehalten.

Was sind Ihre persönlichen Stärken?

In jeder neuen Maßnahme, die ich als Integrationsberaterin durchführe, stelle ich den Teilnehmer*innen  diese Frage, nachdem wir ergründet haben, welche Stärken man potentiell haben kann.

Hin und wieder kommen Standardantworten, die im Anschreiben gut aussehen: Teamfähigkeit, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit.

Selten können sie mir beantworten, was sie als Teamplayer oder zuverlässige Menschen auszeichnet. Oft bleibt die Frage auch unbeantwortet. Oder es heißt:

"Keine Ahnung. Ich kann nichts."

Das Selbstbewusstsein schrumpft mit jedem Scheitern

 

Die meisten Teilnehmer der Maßnahmen haben einen unruhigen Lebenslauf. Abgebrochene Schulen und/oder Ausbildungen sind eher die Regel als die Ausnahme. Mobbingerfahrungen an unterschiedlichen Bildungsstationen, lange Arbeitslosigkeit. Das sind nicht die optimalsten Bedingungen um wieder (manchmal auch überhaupt zum ersten Mal) in den ersten Arbeitsmarkt zu starten.

Genau dabei sollen meine Kolleg*innen und ich den Teilnehmer*innen helfen. Wir helfen bei der Erstellung der Bewerbungsunterlagen, wir suchen gemeinsam Stellenanzeigen und erklären, worauf man achten muss. Welche Rechten und Pflichten gibt es für Arbeitnehmer*innen, worauf ist beim Arbeitsvertrag zu achten usw.

Gedanklich sind wir mit unserem Curriculum für die meisten Teilnehmer*innen aber schon einen Schritt zu weit. Denn viele haben über lange Jahre gehört, was sie uns nun sagen: "Keine Ahnung. Ich kann nichts."

Das Selbstbewusstsein dieser Teilnehmer*innen passt manchmal in einen Fingerhut. Damit können sie auf dem Arbeitsmarkt nicht bestehen, schon gar nicht, wenn eine Pandemie alles noch unsicherer macht als es ohnehin schon ist.

Wir versuchen zu ermutigen, über Hobbys der jeweiligen Person darauf zu kommen, wo persönliche Fähigkeiten liegen. 

"Sie basteln gern? - Dann sind Sie doch bestimmt kreativ und feinmotorisch begabt!"

"Sie verbringen gern Zeit mit Ihren Hunden? - Offenbar haben Sie ein Händchen für Tiere."

Unsere Teilnehmer*innen nicken und merken; so haben sie das noch gar nicht gesehen.

Vermutlich haben sie das auch noch nie so gesagt bekommen. Was Sie hören ist immer:

"Abgangszeugnis 8. Klasse? Nicht gut! Zwei Ausbildungen abgebrochen? Oh weh! Immer nur 1€-Jobs? Keine Berufserfahrung? Damit haben Sie keine Chance!"

 

Ermutigung und Lob auch ohne Leistung

 

Es ist leicht zu sagen, dass "die ja alle nicht arbeiten wollen."

Auf den einen oder anderen mag das zutreffen. Nicht alle Teilnehmer*innen sind immer nur Opfer. Manche haben an ihrer Situation auch fleißig mitgearbeitet. Dennoch erlebe ich bei vielen eine tief verwurzelte Verunsicherung.

In einer Maßnahme über 12 oder 16 Wochen können meine Kolleg*innen und ich keine unglückliche Kindheit ungeschehen machen, wir können keine Lücke im Lebenslauf schließen oder einen verpassten Schulabschluss nachholen. 

Wir können nur an der Oberfläche der harten Schale von Versagensängsten kratzen und immer wieder motivieren, bestärken und ermutigen. Das ist anstrengend und auch nicht immer leicht.

Trotzdem nehme ich mir jeden Tag vor irgendetwas Positives zu finden, das ich den Teilnehmer*innen mitgeben kann. Ein Lob über eine ordentliche Mitschrift, eine gut gelöste Aufgabe, oder ihren Einsatz, dass sie trotz widriger Umstände zuhause pünktlich zum Unterricht gekommen sind. 

Und auch wenn ich 10 mal wieder höre "Ich kann doch nichts", sage ich 11 mal: "Auch wenn Sie das glauben, sind Sie trotzdem ein wertvoller Mensch!"

Vielleicht täte es nicht nur den Teilnehmer*innen in der Maßnahme, sondern unserer Gesellschaft insgesamt gut, wenn wir unsere Mitmenschen mehr ermutigen und bestätigen würden. 

Wer macht bei dieser Challenge mit?

 

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