Aus dem Leben einer Autorin

In der Autorenbubble sind die Beiträge über das Beenden eines Manuskripts meistens mit freudigen Smileys und Partybildern versehen. „Juhuu, habe gerade das Wort Ende unter mein Manuskript gesetzt!“

Ja, ein Manuskript zu beenden, ist ein tolles Gefühl. Schließlich hat es oft lang gedauert. Wir Autor*innen haben Kämpfe mit Figuren ausgetragen, mitgelitten, mitgefiebert, geträumt und prokrastiniert. Da dürfen wir nach all der Arbeit auch mal jubeln und uns freuen.

Leider ist das nur ein Teil der Wahrheit.

 

Kurz danach stürzen wir in ein Wechselbad der Gefühle. Denn es heißt: Überarbeiten!

 

Wow, hab ich das geschrieben?

 

Manche Szenen haben wir vor so langer Zeit geschrieben, dass wir uns vielleicht gar nicht mehr im Detail daran erinnern. Dann kommt es vor, dass wir beim erneuten Lesen des Manuskripts plötzlich denken: „Wow, die Szene ist ja cool. Das hab ich geschrieben?“

Diese Momente sind sehr schön. Wenn wir mit unserm Autoren-Ich unser Leser-Ich überraschen, scheint das, was wir in mehr oder weniger hellen Stunden vor uns hingeschrieben haben, nicht ganz so schlecht zu sein.

Ich habe auch schon oft über Szenen gelacht, weil ich mich nicht mehr erinnern konnte, etwas Witziges geschrieben zu haben. Oft bin ich dann etwas neidisch, dass mir beim Schreiben einfällt, was mir im realen Leben total abgeht. Über witzige Szenen denke ich nämlich selten lange nach, sie fließen mir einfach so aus den Fingern. Wo ist also diese Schlagfertigkeit im echten Leben? – Na ja, das ist ein anderes Thema.

 

Vielleicht kein Schund, aber Müll

 

Die Freude über solche Sternstunden der Literatur im eigenen Manuskript hält nicht unbedingt lange an. Oft folgt auf eine gelungene Szene ein Abschnitt, bei dem ich die Hände über dem Kopf zusammenschlage und mich wieder frage: „Hab ich das geschrieben?“ Diesmal wohlbemerkt ohne das „Wow“ davor.

Abschnitte, Szenen, schlimmstenfalls Kapitel, die mir beim Lesen nicht (mehr) gefallen, in denen zu wenig passiert, mir die Formulierungen nicht schön genug sind oder ich plötzlich nicht mehr sicher bin, ob das, was ich geschrieben habe, bei der Leserschaft so ankommt, wie ich es mir vorstelle.

Ganz ehrlich; diese Momente sind grässlich! Bei 500 Normseiten Manuskript könnt ihr euch vielleicht vorstellen, dass es von diesen Hilfe-ich-bin-die-schlechteste-Autorin-aller-Zeiten-Momenten einige gibt. Und wie das nun einmal so ist, wir sind schließlich alle noch von irgendwelchen Urinstinkten geleitet, sind diese zweifelnden Stimmen immer lauter als die, die uns Wow zurufen und applaudieren.

 

Augen zu und Lektorat

 

Es wäre ein Leichtes zu verzweifeln. Tu ich auch. Regelmäßig. Ehrlich!

Aber andererseits habe ich doch, verdammt noch mal, mir nicht die letzten Monate die Finger wundgeschrieben, um mir jetzt mein eigenes Werk schlechtzureden!

Immerhin hab ich zwischendurch doch auch gelacht und mich gefreut. Die Lektorin fand meine Leseprobe auch nicht schlecht und sagte, der Arbeitsaufwand sei voraussichtlich überschaubar.

Also!

„Ja, aber sie hat nur die ersten 30 Seiten zu Gesicht bekommen“, versuchen es die fiesen Stimmen noch einmal aus dem Unterbewusstsein.

Ich nehme meinen Mut zusammen, stampfe trotzig mit dem Fuß auf und rufe: „Dann bekommt sie jetzt noch die anderen 470!“

 

Abwarten und Sumsi mit Po

 

So nämlich. Das gesamte Manuskript liegt jetzt bei der Lektorin und wird von ihr auf Herz und Nieren (und den einen oder anderen Rechtschreibfehler) geprüft.

Bin ich deshalb entspannt?

J … nein. Ich frage mich, wie das Urteil ausfallen wird. Ist sie begeistert und schreibt ganz fleißig Lobeshymnen an den Rand? Oder dauert es etwa so lange, weil sie meine Geschichte sterbenslangweilig findet und sich jeden Tag zu 40 Seiten zwingen muss?

Nein, dann hätte sie sicher schon geschrieben und das Projekt abgebrochen.

Dieses Aber-was-wenn-Spiel lässt sich nicht so leicht abschalten – zum Glück funktioniert es in beide Richtungen.

Ich übe mich in Sumsi mit Po (Optimismus) und versuche, diese Seite zu sehen.

 

 

Denn was, wenn meine Lektorin die Geschichte gut findet?    

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