1. Advent

Immer dem Glitzer folgen

Eine Explosion aus grünem und rotem Glitzer ergoss sich über das Papier und darüber hinaus. Auch Svenja steckte bis zu den Ellenbogen im Glitzer. Kurz überlegte ich, ob ich ihr doch noch den Kittel umhängen sollte, um zu verhindern, dass sie vollständig im Glitter versank, verwarf den Gedanken aber sofort. Es war ohnehin zu spät. Außerdem konnte es für Svenja gar nicht genug glitzern. Ich gönnte ihr jedes einzelne silbergold glänzende Körnchen auf ihrer Haut, auf dem verwaschenen Mickey Maus Pullover, vor allem aber das Leuchten in ihren Augen. Hoffentlich würde sie mit diesem Glanz in den Augen einschlafen, den ich jetzt darin sehen konnte.

Svenja hatte die Zunge ein wenig zwischen den Lippen vorgeschoben und schob hochkonzentriert mit einem Finger den Glitzerkleber hin und her. Ihr dunkles strähniges Haar fiel ihr dabei wie ein Vorhang ins Gesicht. Trotzdem sah ich noch Reste von Tomatensoße in ihren Mundwinkeln kleben. Ich konnte nicht anders als darüber zu lächeln. Sie war mir nach dem Mittagessen mal wieder entwischt und ich hatte es erst jetzt bemerkt.

Sie schob das Papier über den Tisch zu mir. „Wie finnse das?“

Wilde Striche mit dickem schwarzen Filzer lugten zwischen dem Glitzer hervor. Schlacksige Beine, ein etwas unförmiger Körper, lange Arme, spitze Ohren und eine schiefe Zipfelmütze mit Bommel.

„Sehr schön. Wer ist denn das?“

„N Wichtel vom Weihnachsmann“, antwortete Svenja. „Kennse kein'?“

Ich schüttelte bedauernd den Kopf. „Nein, tut mir leid, Svenja. Ich habe noch keinen Weihnachtswichtel getroffen. Aber du hast auf jeden Fall ein richtig tolles Bild gemalt.“

Svenja strahlte und drückte sich an mich. Der Glitzer färbte genauso an mir ab wie ihre Freude. Ich wusste nicht, was ich getan hatte, dass dieses Kind einen solchen Narren an mir gefressen hatte. Seit ich vor einigen Wochen hier im Hort meinen Dienst begonnen hatte, hielt sie sich an mich. Wenn sie mittags nach der Schule herkam, fiel sie mir um den Hals, noch bevor sie Jacke oder Schuhe ausgezogen hatte, und beim Essen bestand sie darauf neben mir zu sitzen. Mitunter fiel es mir nicht leicht, ihr nicht mehr Zuwendung zu schenken als meine Professionalität mir erlaubte. Die abgetragene, dem Wetter oft genug nicht angemessene Kleidung, ihr ungewaschener Körper und ihre stummen Rückzüge, die sie jedes Mal antrat, wenn es im Hort Streit gab, ließen mich ahnen, dass es in ihrem Zuhause nicht nur an Geld mangelte.

Auch heute war sie die letzte im Hort, und sie wäre wohl auch über Nacht geblieben, wenn Teresa nicht mit der Jacke der Kleinen neben uns gestanden hätte. Ich sah das Bedauern in ihrem Gesicht. Teresa leitete diese Einrichtung schon lange genug, um die Schicksale der einzelnen Kinder zu kennen, oder zumindest zu erahnen. Trotzdem konnte sie Svenja zuliebe nicht einfach den Hort geöffnet lassen oder das Mädchen mit zu sich nach Hause nehmen. Ebenso wenig wie ich. Ich erst recht nicht!

„Komm, Svenja, wasch dir schnell die Hände – und am besten noch das Gesicht, du glitzerst bis an die Ohren“, sagte Teresa lachend.

„Ich mag Glitzer“, erwiderte Svenja und verschränkte die Arme vor der Brust, eine eindeutige Geste, dass keine zehn Pferde und auch keine Hortleiterin und ihr Mitarbeiter sie an ein Waschbecken bekommen würden. Teresa half ihr in die Jacke und setzte ihr eine Mütze auf den Kopf.

„Hast du deine Schulsachen alle wieder eingepackt?“

Svenja zuckte uninteressiert mit den Schultern, dafür konnte ich Teresa beruhigen. Die Hausaufgaben der Kinder hatte ich beaufsichtigt und darauf geachtet, dass alle Hefte in den richtigen Ranzen landeten.

„Na dann, bis nächste Woche“, verabschiedete Teresa sie an der Tür.

Svenja sah zu mir. „Kommse mit?“

Ihren dunklen, bittenden Augen konnte ich nicht widerstehen. Also schlüpfte auch ich in Jacke, Stiefel, Schal und Mütze und versprach meiner Chefin noch einmal wiederzukommen, um ihr beim Putzen vor dem Wochenende zu helfen. Draußen wehte uns feuchtkalter Wind entgegen und Svenja war bestimmt froh, dass Teresa ihr noch eine Mütze aufgesetzt hatte, die irgendein Kind einmal im Hort vergessen und nicht wieder abgeholt hatte. Zwar war die Mütze etwas groß und Svenja schob sie sich regelmäßig aus den Augen, aber sie schützte doch besser gegen die Kälte als Svenjas dünne Haare. In ihrer linken Hand hielt sie das Bild, das sie gemalt hatte, und aus dem immer wieder kleine Glitzerkörnchen rieselten. Ihre rechte klebrige Hand schob sich langsam in meine, als wir das Kaufhaus passierten. Ich zuckte zusammen. Laut Vertrag und Richtlinien meines Arbeitgebers war eine so vertraute Geste nicht erlaubt. Aber ich brachte es nicht übers Herz, Svenjas Hand nicht zu ergreifen.

„Schau mal, da steht schon n Baum“, sagte sie. Ich sah durch die Scheibe der Drehtüren. Im Eingangsbereich des Kaufhauses stand ein großer Weihnachtsbaum, behangen mit Lichterkette und bunten Kugeln. Dazwischen hingen einige Zettel.

„Das ist ein Wunschbaum“, erklärte ich ihr. „Du kannst auf einen Zettel schreiben, was du dir zu Weihnachten wünschst, und den Zettel an den Baum hängen.“

„Hm.“ Svenja klang wenig überzeugt. „Könn‘ Bäume Wünsche erfüll’n?“

„Ich weiß nicht“, gab ich zu, wollte ihr aber trotzdem nicht verraten, dass die Wunschzettel an dem Baum von Kunden mitgenommen und erfüllt werden konnten.

„Dann häng ich nix dran“, sagte Svenja und zog mich weiter.

„Hast du denn keinen Wunsch?“

Sie senkte den Kopf. „Doch“, flüsterte sie.

„Lass mich raten! Glitzerkleber?“

„Nee.“

„Eine Mütze, die passt?“

„Nee.“

„Na gut, ich weiß es nicht. Verrätst du’s mir?“

Svenja sah zu mir auf. Nur weil ihr Gesicht so blass war, verschmolzen ihre Augen nicht mit der Dunkelheit drumherum. „Geht nich, dann geh’n Wünsche nich in Erfüllung.“

„Das gilt nur bei Sternschnuppen und der Zahnfee. Bei Weihnachtswünschen ist das was anderes. Du kannst mir deinen Wunsch ins Ohr flüstern.“

Svenja zog an meinem Ärmel, dass ich mich zu ihr hinunterbeugen musste, und stellte sich selbst auf Zehenspitzen. Ich schluckte, als sie mir ihren Wunsch zuwisperte, so leise, dass es kaum zu hören war, und kämpfte gegen den Impuls, sie fest in den Arm zu nehmen.

„Das ist ein schöner Wunsch“, sagte ich.

Inzwischen waren wir in der Siedlung angekommen, wo Svenja wohnte, und der Wohnkomplex war schon in Sichtweite.

„Schade, dass jetz‘ Wochenende is‘“, murmelte Svenja. Sie umarmte mich fest, wobei das Papier mit ihrem Gemälde an meinem Rücken raschelte. „Ich wird dich vermissen, Ezechiel.“

„Aber nur bis Montag, dann sehen wir uns wieder.“

Wir blieben vor dem Haus stehen, dass sich groß und dunkel in den Novemberabend lehnte und wenig einladend aussah. Nur langsam löste Svenja sich von mir, schob sich die Mütze aus den Augen und ging schlurfenden Schrittes hinüber zum Eingang. Ich wusste, welches der zahllosen Fenster ihres war, und wartete, bis ich hinter der Scheibe ein schwaches Licht aufleuchten sah. Kurz darauf trat ein Schatten ans Fenster, Svenja winkte mir zu. Ich winkte zurück und machte kehrt, obwohl mir nicht wohl dabei war, Svenja zurückzulassen. Wie hielt Teresa das aus? Sie machte sich doch auch ihre Gedanken. Als ich wieder an dem Kaufhaus vorbeiging, kam mir eine Idee. Ich trat durch die Drehtür, nahm einen Zettel aus der Box neben dem Baum und schrieb auf, was Svenja mir auf unserem Spaziergang ins Ohr geflüstert hatte.

 

Keine Ahnung, was mich an diesem Abend in das Kaufhaus trieb. Eigentlich hatte ich hier nichts verloren, aber als ich an dem hell erleuchteten Gebäude vorbeiging, verspürte ich den unwiderstehlichen Drang hineinzugehen. Nicht, weil ich etwas brauchte, geschweige denn kaufen wollte. Nein, irgendetwas anderes zog mich dorthin. Unschlüssig streifte ich zwischen Kleiderständern und Auslagetischen mit Weihnachtsdeko herum, ohne dass mir mein Gefühl eine Eingebung gab. Gut, hier war ich definitiv falsch. Ich ging weiter, an den Rolltreppen vorbei, durch die Spielzeugabteilung, zu den Aufzügen – auch nichts. Ich fuhr nach unten. Sobald sich die Türen öffneten, fiel mein Blick auf einen großen künstlichen Weihnachtsbaum. Und obwohl er hässlich war – niemals hätte ich einen Baum auf diese Art geschmückt! – wusste ich sofort, dass ich gefunden hatte, was mich hergelockt hatte. Wobei, es war nicht der Baum selbst, es war etwas anderes … jemand anderes. Neben den grünen Plastikzweigen stand ein junger Mann und sah sich um. Das Personal und die anderen Kunden nahmen von ihm genauso wenig Notiz wie von mir. Er beugte sich zu einer Box, die neben dem Baum stand, holte einen Zettel heraus, schrieb etwas darauf und hängte den Zettel in den Baum. Gleich darauf verschwand er durch die Drehtür. Hatte ich mich getäuscht, oder war da wirklich ein Leuchten gewesen, das ihm hinterherschwebte? Ein Glanz, von dem ein Rest auch an dem Zettel im Baum hing?

Neugierig trat ich auf den Baum zu. Es hingen schon viele Zettel in den Zweigen, aber ich fand auf Anhieb denjenigen, den der junge Mann vor ein paar Sekunden aufgehängt hatte. Ich hatte mich nicht getäuscht; um den Papierrand stand ein Leuchten, das nicht von den elektrischen Glühbirnen herrührte. Ich drehte den Zettel und las die Worte. Als ob ein Rentier mich in den Bauch getreten hätte, fuhr ich zusammen. Ich hatte schon viele Wunschzettel in meinem Leben gelesen, aber einen wie diesen hatte ich noch nie gesehen. Rasch ließ ich meinen Blick über die anderen Zettel am Baum gleiten; ihr Inhalt glich den Wunschzetteln, die ich schon kannte. Mit einem Mal war mir klar, dass ich nur wegen dieses Wunsches hergekommen war. Nichts anderes hatte mich angezogen. Trotzdem zögerte ich. Weder war ich im Dienst, noch hatte ich hier offiziell etwas verloren. Aber meine Finger klebten wie magisch an diesem Wunschzettel, ich konnte ihn nicht loslassen. Verwundet sah ich auf meine Hand und ein Lächeln flog über mein Gesicht. Roter und grüner Glitzer. Kein Wunder! Die Sache war klar. Ich zog den Anhänger von dem Plastikzweig, steckte ihn in die Tasche und eilte durch die Drehtür, durch die der junge Mann verschwunden war. Von ihm sah ich nichts mehr, aber ich war von Berufs wegen auf das Aufspüren von Glitzer trainiert, und so fiel es mir nicht schwer m Licht der Schaufenster und Straßenlaternen weitere rote und grüne Glitzerkörnchen entlang der Straße zu entdecken. Neugierig folgte ich der Spur. Sie führte mich weg von dem Kaufhaus, den hell ausgeleuchteten Straßen in ein Wohnviertel mit hohen Häusern, zwischen deren Fassaden der Wind heulte. Wenn ich nicht deutlich den Glitzer auf dem nassen Asphalt gesehen hätte, wäre ich niemals auf den Gedanken gekommen, dass sich hier etwas Weihnachtliches verstecken könnte. Die Glitzerspur endete auf den abgetretenen Stufen vor einem Mietshaus, durch dessen Türfenster man ursprünglich wohl einmal ins Innere hatte sehen könnten. Jetzt versperrten schwarze Schmierereien und Kratzspuren die Sicht. Ob die Glitzerspur hinter der Tür weiterging? Irgendwie sah es nicht danach aus. Konnte sich hinter dieser Tür auch nur die Spur etwas Glänzenden verbergen? Es wirkte unwahrscheinlich. Ich wäre im Leben nicht darauf gekommen … allerdings, wenn ich den Wunschzettel in meiner Hand und dieses Haus betrachtete, war Glitzer gerade hier bitternötig.

„Na gut, Ellina Jula. Immer dem Glitzer nach”, sagte ich zu mir selbst und glitt durch die Tür. Alter Zigarettenrauch und ein süßlich-herber Geruch schlugen mir entgegen und ich zog mir meinen Schal über die Nase. Püh! Wer wollte denn solche Düfte in seinem Haus? Manche Dinge würde ich nie verstehen. Die Briefkästen an den Wänden waren ähnlich verschmiert wie die Haustür, manche der Blechtürchen waren eingedellt oder fehlten völlig. Auf dem Boden alte Zeitungen, eine Mülltüte, ein einzelner Schuh … aber dazwischen tatsächlich Spuren von rotem und grünem Glitzer. Verrückt!

Ich folgte der Spur, eine Treppe hinauf, eine zweite, eine dritte, schließlich noch eine vierte. Die Flure waren ähnlich unaufgeräumt wie unten, Tür reihte sich an Tür. Keine wirkte richtig einladend, aber an einer Türklinke klebte ein grüner Glitzerpunkt.

„Ha! Wusste ich’s doch!“ Ich war fast am Ziel und legte mein Ohr an die Tür. Nichts. Wer auch immer hier Glitzer verteilt hatte, war entweder nicht zuhause oder sehr leise. Jetzt wollte ich es wissen. Warum hatte mich der Wunschzettel und der Glitzer hierhergeführt? Dankbar über meine Berufsgabe glitt ich ein zweites Mal lautlos durch eine Tür. Die Wohnung, in der ich nun stand, war dunkel und roch nur unwesentlich besser als das Treppenhaus. Aber dort, einige Meter von mir entfernt, schien ein fahler Lichtschein unter einer Tür her. Auf Zehenspitzen ging ich darauf zu.

 

Ich lächelte, als ich ins Zimmer trat. Ich war am Ziel!