2. Advent

Schwierigkeiten voraus

Nachdem ich ohne Auftrag den Zettel vom Weihnachtsbaum genommen hatte und der Glitzerspur gefolgt war, hätte ich nach Hause zurückkehren sollen. Vielleicht würde man mir später zugutehalten können, dass ich auch die feste Absicht gehegt hatte. Ich konnte mir selbst nicht erklären, warum ich mich nicht auf den direkten Weg nach Hause machte, sondern durch die Wohnung und durchs Treppenhaus zurück ging und auf die Straße trat.

Obwohl es inzwischen zu nieseln begonnen hatte – ganz und gar kein Weihnachtswetter, ich sollte wirklich nach Hause gehen! – konnte ich die Glitzerspur noch erkennen. Rot und grün schimmerte sie durch die Dunkelheit. Natürlich hatte sie sich in den vergangenen Minuten nicht verändert, und trotzdem folgte ich ihr erneut. Bis ich wieder vor dem Kaufhaus stand. Die Türen waren inzwischen verschlossen, das Licht war gedämmt, aber der Weihnachtsbaum im Eingangsbereich war noch immer erleuchtet. Ich stellte mich vor die Scheibe und sah auf den Baum. Er war noch genauso hässlich geschmückt wie zuvor, aber wie er so dastand, strömte er doch eine angenehme Ruhe und Behaglichkeit aus. Die Wunschzettel an den Zweigen bewegten sich sanft hin und her, wie war das möglich? Vermutlich eine Lüftung irgendwo. Hätte der Luftzug nicht auch diese grässlichen Kugeln von den Zweigen pusten können? Wie gern hätte ich dem Baum ein neues Outfit verpasst!

„Wer hat bloß Kugeln in solchen Farben erlaubt?“

Ich machte einen Satz. Neben mir stand ein junger Mann. Er hatte den Blick durch die Scheibe gerichtet und schüttelte den Kopf. Das konnte nicht sein! Ich war doch … Ich sah sein Spiegelbild im Fensterglas und erkannte ihn. Er war der Mann, der den Wunschzettel an den Baum gehangen hatte. Was wollte er hier? Jetzt, wo das Kaufhaus geschlossen war? Was wollte ich hier? Was sollte das alles? Wieso …

Reiß dich zusammen, Ellina Jula!

„Keine Ahnung. Aber viel Ahnung kann dieser Jemand nicht haben.“

Er wandte sich mir zu, ein Lächeln auf dem Gesicht. Freundliche Augen blitzten mir entgegen und irgendwie machten sie meine Beine weicher und mein Herz leichter. Nicht gut, gar nicht gut! Er hätte mich überhaupt nicht …

Konzentrier dich, tu so als ob nichts wäre!

Ehe ich meiner Ermahnung an mich selbst Folge leisten konnte, sprach der junge Mann weiter. „Zum Glück funktioniert der Baum trotz der scheußlichen Kugeln. Leute hängen Wunschzettel auf und andere nehmen sie mit.“

„Wolltest du auch einen Wunsch aufhängen?“ Warum produzierte mein Hirn nur Grütze? Ich wusste doch von seinem Wunschzettel. Ich spannte die Muskeln in meinen Beinen, in der Hoffnung, dass mich das auf den Boden der Tatsachen zurückbringen würde.

„Nein, ich …“ Er zögerte, sah wieder zum Baum. „Ich habe schon einen Wunsch aufgehangen, von jemand anderem. Aber es scheint ihn schon jemand mitgenommen zu haben.“ Er presste den ausgestreckten Finger gegen die Scheibe. „Da, an den Zweig habe ich den Wunschzettel gehängt.“

„Hm“, machte ich heiser, während ich mit der Hand nach dem Zettel in meiner Manteltasche tastete. Obwohl ich Handschuhe trug, konnte ich spüren, wie sich das Papier warm gegen meine Hand drückte.

„Wünschst du dir nichts?“

Er sah wieder zu mir. „Ja, doch. Aber ich glaube nicht, dass das hierher gehört.“ Er nickte Richtung Baum. Aber in dem Moment, bevor er den Blick abwandte, sah ich das Glitzern in seinen Augen. Sein Wunsch war überdeutlich darin zu lesen. Mein Herz wurde noch leichter und schien förmlich zu glühen.

„Wer weiß“, sagte ich hastig. „Wenn du möchtest, kannst du mir deinen Wunschzettel mitgeben. Ich habe Connections.“

Mit hochgezogenen Augenbrauen sah er mich an, während ich mich am liebsten in Glitzer aufgelöst oder in einem Schneeloch versunken wäre. War ich denn völlig irre? Wie konnte ich einem Fremden gegenüber so etwas sagen? Ich hatte jedoch mehr Glück als Verstand, denn der Typ sah mich nur weiter skeptisch an und winkte schließlich ab.

„Danke für das Angebot. Aber zu viel wünschen erscheint mir vermessen.“

„Wünschen darf man immer“, entgegnete ich, obwohl mich seine Antwort beeindruckte. Die meisten Briefe und Wunschzettel, die ich kannte, flossen geradezu über vor Wünschen.

„Wünschen …“, sagte er nachdenklich. „Und Hoffen“, fügte er dann mit Nachdruck hinzu.

Ich zuckte zusammen. Dieses eine Wort, so einfach und gleichzeitig bedeutungsvoll. Aus seinem Mund klang es, als ob Hoffnung eine realistische Möglichkeit wäre. Wärme durchströmte mich, und Zuversicht, von der ich nicht wusste, auf was sie sich bezog. Aber sie entlockte mir ein Lächeln. Noch nie hatte ich jemanden so von Hoffnung sprechen hören. Konnte es sein, dass er …? Ob er deshalb …?

Wenn es sich so verhielt, wie ich vermutete, sollte ich spätestens jetzt zusehen, dass ich Land gewann. Aber nicht nur das Lächeln auf seinen Lippen und das Strahlen in seinen Augen hielten mich an Ort und Stelle, sondern auch rote und grüne Glitzerkörnchen auf seiner Jacke. Er hatte den Wunschzettel für das kleine Mädchen aufgehängt, vermutlich hatte er einen ähnlichen Auftrag wie ich. Er konnte unmöglich gefährlich sein.

„Du hast da Glitzer.“ Autsch. Eloquent, Ellina, wirklich!

Er lachte. „Oh, das Zeug ist wirklich hartnäckig. Aber was soll’s. Es passt doch. Rot, die Farbe der Liebe, grün die Farbe der Hoffnung, beides brauchen wir in dieser Zeit.“

„Stimmt. Und es ist gar nicht kitschig. Steht dir.“

„Dir auch.“

Ich sah an mir herab. An meinem Mantel klebten ebenfalls Glitzerpunkte, aber das war bei mir auch weniger verwunderlich. Trotzdem schoss mir die Hitze ins Gesicht.

„Ich … ich muss gehen.“

„Ja, ich auch. Die Arbeit ruft. Einen schönen Abend.“

Er nickte mir zu und vergrub die Hände in seinen Jackentaschen. Gleichzeitig wandten wir uns um, doch ehe ich mich in Bewegung setzte, drehte ich noch einmal den Kopf zu ihm. Er ging zwei Schritte und war ganz plötzlich verschwunden. Mein Herz raste in meiner Kehle – ich hatte recht gehabt.

 

„Guck ma‘, Ezechiel!“

Svenja hatte den Hort kaum betreten, als sie schon ihren Ranzen öffnete und darin herumwühlte. Zwischen Büchern und zerknitterten Heften zog sie eine kleine Holzfigur hervor, die sie auf ihrer Hand balancierte. Es war ein kleiner Wichtel, mit gestreiften Hosen und einem grünen Kittel. In einer Hand hielt er einen winzigen Jutebeutel.

„Der ist ja schön.“

„Weißte was? Der stand plötzlich an meim‘ Fenster und das Bild war weg. Und jeden Tag is‘ was in dem Beutel. Und manchmal läuft er aufm Fensterbrett hin und her.“

Noch immer mit Jacke und Schuhen bekleidet lief Svenja ins Nebenzimmer und stellte die Holzfigur auf das Fensterbrett.

„Guck!“

Die Figur blieb reglos stehen. Svenja sah den Wichtel eine Weile erwartungsvoll an, dann verzog sie enttäuscht das Gesicht.

„Heute Morgen hat er sich noch bewegt. I schwör.“

Ich legte ihr den Arm um die Schulter und half ihr aus der Jacke. „Es ist dein Wichtel, er bewegt sich wahrscheinlich nur, wenn niemand außer dir zuguckt.“

Teresa rief die Kinder an den großen Esstisch zusammen und Netti, unsere Küchenfee, brachte einen großen Topf Risotto. Augenblicklich schien Svenja ihre Kummer über den unbeweglichen Wichtel vergessen zu haben und machte sich wie die anderen Kinder über das Essen her.

„Hört mal, Kinder, wir würden in diesem Jahr gern ein Krippenspiel mit euch aufführen. Alle, die möchten, dürfen mitmachen“, sagte Teresa nach dem Essen.

„Was is n Kippenspiel?“, fragte Tim.

„Wir spielen Kippen kaufen, ohne dass man uns erwischt“, sagte Jil.

Gerade noch rechtzeitig verkniff ich mir ein Seufzen. Jetzt war ich schon so viele Monate hier und trotzdem überraschte es mich immer wieder, wenn die Kinder etwas nicht kannten, was für mich so selbstverständlich war. Dabei konnte ich es ihnen nicht verübeln. Die wenigsten hatten jemals eine Kirche betreten, und aus ihrem Alltag kannten sie eine Krippe noch viel weniger. Ob Teresa ähnliche Gedanken durch den Kopf gingen? Sie ließ sich jedenfalls nichts anmerken, als sie den Kindern erklärte, was mit einem Krippenspiel gemeint war.

„Ist das Weihnachten?“, fragte Svenja.

„Ja, das ist für viele Menschen ein Teil von Weihnachten“, antwortete Teresa.

Svenja sprang von ihrem Stuhl auf. „Dann mach ich mit! Kann ich n Wichtel sein?“

„Eigentlich gibt es im Krippenspiel keine Wichtel“, entfuhr es mir.

Svenja und einige der anderen Kinder sahen mich mit großen Augen an.

„Kein Wichtel? Was’n das für’n Weihnachten?“, sagte Finn.

Ich erzählte ihnen die Weihnachtsgeschichte, von Maria und Josef, der Herbergssuche …

„Wie bei uns. Wenn Mama sagt, dass sie vier Kinder hat, wollen die Leute auch nicht mehr vermieten“, unterbrach mich Jil.

Ich erzählte von der Geburt im Stall, woraufhin Marian erzählte, dass bei der Geburt seiner Schwester auch Hund und Katze mit im Wohnzimmer gewesen wären, und ich berichtete von den Hirten auf dem Feld und den Engeln.

„Krass, wie Aliens“, sagte Finn.

Ich biss mir auf die Lippen. Konnte es wirklich sein, dass den Kindern Aliens näher waren als Engel? Mir schwante schon jetzt, dass dieses Krippenspiel eine besondere Herausforderung werden würde. Immerhin konnten sich die meisten Kinder dazu begeistern mitzumachen und sie wurden ganz aufgeregt, als Teresa berichtete, dass das Stück auf der Bühne auf dem Marktplatz aufgeführt werden sollte. Für jeden fand sich eine Rolle. Svenja wollte unbedingt den Verkündigungsengel spielen, wenn es schon keinen Wichtel gab. Schließlich hätten Engel wenigstens Glitzerflügel. Ich widersprach nicht.

In den folgenden Tagen stürzten sich die Kinder jeden Nachmittag nach den Hausaufgaben mit Feuereifer in die Vorbereitungen. Aus einem Einkaufskorb bastelten sie eine Krippe, ein Karton wurde zu einem Hochhaus. Diese moderne Form der Herbergssuche war den Kindern wohl näher als der Stall in Bethlehem. Auch Hirten und Schafe kannten die meisten Kinder nur aus dem Fernsehen. Marian schlug vor, dass sie stattdessen Obdachlose mit Hunden sein könnten. Svenja malte Flügel auf eine stabile Pappe, schnitt sie aus und verteilte großflächig Glitzer darauf.

„Fürchtet euch nicht“, rief sie bei der ersten Probe am Ende der Woche. Etwas Glitzer rieselte von den Flügeln. Marian kicherte und vergrub sein Gesicht in dem Plüschhund, den Teres aus der Spielkiste gezogen hatte.

„Du siehst aus wie ein Einhorn.“

Svenja ließ die Arme sinken, die sie bis eben gen Zimmerdecke gestreckt hatte und stampfte mit dem Fuß auf.

„Ich bin n Engel! Und du solls nich lachen.“

„Nicht fürchten“, soufflierte ich.

Es dauerte eine Weile, bis Marian sich wieder beruhigt hatte und wir die Probe fortsetzen konnten. Svenja sah zufrieden aus. Am Abend, als alle sich auf den Weg nach Hause machten, rückte sie jedoch wieder eng an mich und sah mich aus großen Augen an.

„Bringse mich?“

Teresa runzelte die Stirn. Ihr Blick war eindeutig. Ich durfte Svenja nicht anders behandeln als die anderen Kinder. Allerdings hatte mich noch nie eines der anderen Kinder darum gebeten, sie bis zur Haustür zu begleiten.

„Glaubst du nicht, dass du den Weg allein schaffst?“

Svenja schüttelte heftig den Kopf und drückte sich noch enger an meine Seite.

„Na gut, weil heut Freitag ist“, gab ich nach und zog mich an.

Der Abend war klar und eisig kalt. Svenjas Finger waren wie Eisklötze, als sie ihre Hand in meine schob. Gab es nicht irgendwo im Hort Handschuhe, die sie hätte bekommen können? So konnten wir sie doch nicht auf die Straße lassen.

„Findeste, dass ich n guter Kündigungsengel bin?“

„Es heißt Verkündigungsengel“, erwiderte ich lachend, „aber ja, du machst das richtig schön!“

Svenja strahlte und hüpfte neben mir her. Bis wir das Wohnviertel erreichten und ihre Schritte langsamer wurden. Fast schon hatte ich das Gefühl, sie würde rückwärts laufen, so lang dauerte es, bis wir an dem Haus ankamen, in dem Svenja wohnte. Ihre Hand schloss sich noch fester um meine.

„Kommse mit hoch?“

Ich ging neben ihr in die Hocke und sah ihr in die Augen. „Svenja …“ Mir fiel nicht ein, wie ich den angefangenen Satz zu Ende bringen sollte. Du bist doch schon groß, stimmte einfach nicht, das darf ich nicht, war zwar richtig, allerdings wusste ich nicht, wie ich ihr das nachvollziehbar erklären sollte.

„Bitte.“

Seufzend stand ich wieder auf. Konnte ich ihr diese Bitte ausschlagen? Wer war ich denn? Insgeheim wusste ich, dass ich jeden weiteren Abschied nur schlimmer machen würde, wenn ich jetzt mitging. Andererseits war ich froh, dass sie begonnen hatte, Vertrauen zu fassen. Wenn ich ablehnte, würde all das wieder in sich zusammenstürzen.

„Aber nur bis zur Wohnungstür.“

Svenja nickte und ich ging neben ihr durch den dunklen, muffigen Hausflur, die abgetretenen Stufen des Treppenhauses hinauf. Das Schlüsselband baumelte bei jedem Schritt über ihrer Jacke und die Schlüssel daran klimperten leise. Vor der Tür angekommen steckte sie den Schlüssel ins Schloss. Sie öffnete die Tür nur einen Spalt, streckte die Hand hinein, tastete ein wenig herum, bis im Flur das Licht anging. Erst dann öffnete sie die Tür so weit, dass sie eintreten konnte. Ich schluckte. Dies war ihr Zuhause. Wieso fürchtete sie sich? Am liebsten hätte ich sie wieder mitgenommen.

„Tschüss, Svenja. Bis Montag.“ Ich strich ihr über den Kopf. Das Lächeln, das ich ihr schenkte, war mir noch nie so schwer gefallen. Rasch wandte ich mich um und lief die Treppen hinunter. Auf der Schwelle stutzte ich. Dort, auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand jemand im schwachen Licht der Laterne und sah zum Haus herüber. Die Gestalt kam mir bekannt vor. Sie trug einen knielangen Mantel, an dessen Revers etwas Glitzer klebte. Das war doch …

„Ezechiel, was machst du nur für Sachen?“

Ich fuhr zusammen und wandte mich nach rechts. Neben mir auf der Schwelle stand mein Chef.