3. Advent

Gemeinsam sind wir Glitzer

Im Blick meines Chefs lag deutlicher Vorwurf, während seinen Mund eher Verzweiflungsfalten umspielten. Ich kannte diesen Gesichtsausdruck leider zu gut. Oft genug schon hatte ich ihn hervorgerufen. Dabei versuchte ich doch bloß, meinem Herzen zu folgen und alles richtig zu machen.

„Gabriel, ich …“

Mein Chef seufzte. „Ich weiß, ich weiß. Du meintest es nur gut, du hast dir nichts Böses dabei gedacht. Aber glaubst du, du wirst es eines Tages schaffen, deine Aufträge nach Plan auszuführen?“

Ich senkte den Kopf und bohrte meine Hände in den tiefsten Winkeln meiner Jackentaschen.

„Das möchte ich ja …“

„Aber?“ Gabriels Stimme bekam einen bedrohlichen Unterton. Es entsprach eigentlich nicht unserer Art Widerworte zu geben.

„Ich weiß nicht wie“, gab ich schließlich zu.

„Was ist an einem Fürchte dich nicht so schwierig?“

„Alles. Weißt du, es kommt mir vermessen vor, zu sagen fürchte dich nicht, und sie dann in der dunklen Wohnung allein zu lassen.“

„Das wird aber nicht besser, wenn du sie jedes Mal nach Hause bringst.“

„Das weiß ich ja …“

„Na also.“ Mein Chef verzog den Mund zu etwas, das einem Lächeln nahekam und sah mich eindringlich an. „Ezechiel, ich verlass mich auf dich. Vermassle es nicht schon wieder.“

Ich nickte stumm. Gabriel tippte mir an den Jackenärmel.

„Übrigens; du hast da Glitzer“, sagte er missbilligend.

Hastig wischte ich mit der Hand über den Ärmel, glaubte aber nicht ernsthaft an den Erfolg dieser Aktion. Gabriel klopfte mir zweimal auf die Schulter, was vielleicht als Ermunterung gemeint war, sich aber trotzdem nicht wie ein Fürchte dich nicht anfühlte. Er wandte sich ab und war nach drei Schritten in der Dunkelheit verschwunden. Weil Fluchen nicht meiner Art entsprach, kickte ich eine zerknickte Bierdose, die am Boden lag, über die Straße. Auf der anderen Seite prallte sie scheppernd an den Bordstein.

„Autsch!“

Mein Blick flog durch die Dunkelheit. Drüben stand jemand und rieb sich den Fuß.

„Oh, Entschuldigung, ich wollte dich nicht verletzen.“

Die Gestalt im langen Mantel hörte mit der Fußmassage auf und sah mich an. „Mit der Bierdose? Bestimmt nicht. Ich bin gegen diesen überstehenden Stein gestolpert.“

„Klingt fies. Tut es sehr weh?“

„Geht schon. Und bei dir?“

Irritiert sah ich die junge Frau im Mantel an. „Mir? Ich bin doch gar nicht gegen den Stein gelaufen?“

„Natürlich nicht“, erwiderte sie stöhnend. „Ich meinte auch eher dein Gespräch eben. Klang so, als wäre es nicht gerade erbaulich gewesen.“

Ihre Antwort irritierte mich noch mehr. Sie hätte meine Unterhaltung mit Gabriel gar nicht hören können sollen. Im Grunde genommen sollte sie mich nicht einmal sehen können.

„Wie …“, begann ich, und während ich noch nach Worten suchte, zupfte sie ihren Mantel zurecht, warf ihren geflochtenen Zopf in den Nacken und streckte mir ihre behandschuhte Hand entgegen.

„Darf ich mich als Mitbewohnerin dieser Dimension vorstellen? Ich bin Ellina Jula, Wichtel beim Weihnachtsmann.“

Es war mehr ein Automatismus als Höflichkeit, der mich ihre Geste erwidern ließ. Ein Wichtel. Vom Weihnachtsmann. Das war doch nicht möglich!

„Ach komm schon. Das Nicht-Fürchten-Zeug sollte doch eher dein Part sein, oder?“ Sie sah mich belustigt an.

„Woher weißt du, wer ich bin?“

„Wer du bist, weiß ich nicht. Nur, was du bist“, korrigierte Ellina.

„Ezechiel“, stellte ich mich vor und schüttelte ihre Hand erneut. „Ich bin …“

„ … ein Engel, ich weiß.“

„Woher?“

„Neulich vorm Kaufhaus hast du mich gesehen, obwohl ich eigentlich für dich unsichtbar hätte sein müssen. Und die Art, wie du von Hoffnung gesprochen hast, hat mir das Gefühl gegeben, als wüsstest du wirklich, wovon du sprichst.“

Mir entfuhr ein bitteres Lachen. „Da bist du wohl die Einzige, die dieses Gefühl hat. Mein Chef war gerade nicht so überzeugt davon und ich fürchte beinahe, er könnte recht haben.“

„Ein Engel, der sich fürchtet?“ Ellina lachte in ihre Handschuhe.

„Klingt bescheuert, ich weiß. Aber momentan sieht es wirklich aus, als würde ich meinen Auftrag vermasseln.“

„Was ist das für ein Auftrag?“

Ich räusperte mich vernehmlich. Wie konnte sie glauben, dass ich ihr etwas über meine Aufgabe hier auf Erden erzählen würde? Ausgerechnet ihr? Einem Wichtel des Weihnachtsmanns?

„Hey, du kannst mir vertrauen. Ich bin Spezialistin im Geheimniswahren“, sagte sie augenzwinkernd.

Angesichts ihrer Profession konnte ich schlecht dagegen argumentieren. Vielleicht waren wir uns gar nicht so unähnlich.

„Ich soll Svenja helfen, ihre Furcht zu verlieren“, fasste ich meinen Auftrag grob zusammen. Details musste Ellina nicht wissen. Zum Glück fragte sie nicht weiter nach, sondern nickte wissend.

„Hast du deshalb ihren Weihnachtswunsch an den Baum gehängt?“

„Keine Ahnung“, sagte ich schulternzuckend. „Ich glaube, das war einfach spontan. Aber mich hat ihr Wunsch so berührt und ich würde mich so freuen, wenn er sich für sie erfüllte … Moment mal, woher weißt du …?“

Mit einem Lächeln zog sie einen Zettel aus ihrer Manteltasche und hielt ihn mir in einigen Zentimetern Entfernung vors Gesicht.

„Vielleicht war es dieser Wunsch, der mich magisch angezogen hat. Deshalb hab ich ihn mitgenommen und bin der Glitzerspur gefolgt.“

Gebannt lauschte ich Ellinas Bericht und konnte nur immer wieder den Kopf schütteln. Seit zwei Wochen folgte sie uns schon, ohne dass Svenja, geschweige denn ich, etwas davon bemerkt hatten. Wenn es danach ging, verstand sie ihren Job deutlich besser als ich meinen.

„Ich könnte dir helfen“, sagte sie schließlich und zupfte ein grünes Glitzerkörnchen von meinem Ärmel, das sich meiner Wischbewegung nach dem Gespräch mit Gabriel entzogen hatte. „Du konzentrierst dich darauf, ihr die Furcht zu nehmen und ich helfe dir dabei, ihren Weihnachtswunsch zu erfüllen.“

„Und wie willst du das machen?“

„Lass das meine Sorge sein. Ich bin ein Wichtel, uns fällt immer etwas ein“, sagte sie unbekümmert. „Also, bist du dabei?“

Sie hielt mir ihre geöffnete Handfläche entgegen. Zögernd sah ich auf das Streifenmuster ihres Handschuhs. Ich konnte wirklich Hilfe gebrauchen. Aber ausgerechnet von einem Wichtel? Gabriel würde mich hochkant rausschmeißen, wenn er davon Wind bekam. Andererseits hatte Ellina nicht vorgeschlagen, mir meinen Auftrag abzunehmen. Sie bot mir nur Hilfe an bei der Aufgabe, die ich mir selbst auferlegt hatte. Ich lächelte sie an und schlug ein.

 

Ezechiel machte große Augen, als ich am Montag im Hort auftauchte und mich ihm und Teresa als Praktikantin vorstellte.

„Dich schickt der Himmel“, rief Teresa aus. „Wir können in diesen Tagen jede helfende Hand gebrauchen.“

Das Schmunzeln, das bei diesen Worten über Ezechiels Gesicht huschte, brachte mein Herz zum Schmelzen, sodass ich nur ein Nicken zustande brachte und mir gleich von Teresa einige Aufgaben übertragen ließ. Ich erledigte Einkäufe für das Mittagessen, half Netti beim Schnippeln und erwartete neugierig den Ansturm der Kinder.

Svenja stürzte gleich auf Ezechiel zu, noch ehe sie sich ganz die Jacke ausgezogen hatte, und zeigte ihr, was in dem Säckchen des Holzwichtels gewesen war. Ich lächelte in mich hinein, als sie den kleinen leuchtenden Stern in ihrer Hand hielt. Die Idee mit dem magischen Adventskalender war genau das richtige für sie gewesen. Das konnte ich positiv auf meinem Punktekonto vermerken. Daran, dass ich mit meinem unangemeldeten Praktikum hier im Hort mit meinen Punkten ganz böse ins Minus rutschen würde, wenn es auffiele, wollte ich lieber nicht denken. Schon jetzt graute mir vor den Nachtschichten, die ich würde einlegen müssen, um all meine üblichen Wichtelaufgaben zu erledigen.

„Svenja, schau mal, das ist Ellina. Sie ist neu hier und hilft uns in dieser Woche“, stellte Ezechiel mich vor. Svenja begrüßte mich nur kurz und wandte ihre Aufmerksamkeit direkt wieder Ezechiel zu. Ich musste anders an sie herankommen, wenn ich ihm wirklich bei der Wunscherfüllung helfen wollte, und ich hatte auch schon eine Idee, wie.

„Du hast ja richtig tolle Flügel“, sagte ich, als die Proben für das Krippenspiel begannen.

„Findes du?“ Svenja strahlte und strich über den Glitzer ihrer Pappflügel.

„Ja. Solche hätte ich auch gern. Aber weißt du, was noch fehlt für das perfekte Engelskostüm?“

„Was?“

„Eine glitzernde Engelskrone.“

Hinter Svenjas Rücken sah Ezechiel mich gerunzelter Stirn an. Svenjas Augen hingegen leuchteten, als ich aus einer Tüte goldglitzernden Sternendraht hervorzog und ihn ihr locker um den Kopf wickelte.

„Guck mal, Ezechiel. Jetz seh ich aus wie’n richtiger Engel.“

„Wenn du das sagst“, brummelte er.

Ich lächelte ihm versöhnlich zu und hoffte inständig, dass er es mir die Erfindung der Glitzerkrone nicht übelnahm. Svenja ging in ihrem neuen Kostüm in ihrer Rolle jedenfalls richtig auf.

„Du machst das prima“, lobte Ezechiel sie anschließend und half ihr vorsichtig die Flügel abzunehmen.

Svenja stützte den Kopf in die Hände und sah gedankenverloren aus dem Fenster, vor dem sich die Dunkelheit ausgebreitet hatte.

„Ich wünschte, ich wär auch n Engel, also so richtig“, murmelte sie gegen die Scheibe. „Engel ham vor nix Angst.“

„Wovor hast du Angst?“, fragte ich.

Svenja tippte mit dem Finger gegen das Glas. Meinte sie die Dunkelheit? Ehe ich fragen konnte, setzte Ezechiel sich auf die Fensterbank.

„Manchmal ist es ganz schön finster, stimmt’s?“

Svenja nickte und plötzlich konnte ich einen feuchten Glanz in ihren Augen erkennen.

„Aber es gibt immer irgendwo ein Licht“, sagte Ezechiel. „Du musst es nur finden.“

„Wie?“

„Mach die Augen zu“, ordnete er an und Svenja schloss tatsächlich die Lider. Unwillkürlich folgte ich ebenfalls Ezechiels Auftrag. „Was siehst du?“

„Nix. Is dunkel“, sagte Svenja.

„Dann denk jetzt an die Kerze, die wir gerade beim Mittagessen auf dem Tisch stehen hatten. Kannst du sie sehen?“

Ich nickte. Ganz deutlich sah ich die große rote Kerze vor meinem inneren Auge. Ihre flackernde Flamme, die sich im Takt der Tischgespräche hin und her bewegte, den gewölbten Rand, der sich der Flamme zuneigte und hinter dem es gelblich leuchtete. Beinahe spürte ich sogar die Wärme, die von der Kerze ausging.

„Aber die is ja gar nich echt.“

Svenjas Stimme durchbrach meine Vorstellung. Ich blinzelte etwas benommen und sah Svenja Ezechiel einen zweifelnden Blick zuwerfen.

„Das stimmt, die Kerze aus deiner Vorstellung kannst du nicht auf den Tisch stellen und mit einem Feuerzeug anzünden. Aber sie ist viel besser und wichtiger als die rote Kerze. Denn du kannst sie überall mit hinnehmen und brauchst nicht einmal ein Feuerzeug. Sie leuchtet in dir, solang du sie dir vorstellen kannst.“

Svenja schloss noch einmal die Augen und presste diesmal die Augenlieder fest zu. Ihre Stirn legte sich in angestrengte Falten. Ezechiel sah ihr lächelnd zu und ich konnte nicht umhin, es ihm gleichzutun. Allerdings lächelte ich nicht allein wegen Svenjas angestrengter Miene. Der gütige Blick des Engels ließ mir einfach keine andere Wahl.

„Geht die Kerze wirklich nie aus?“, fragte Svenja und öffnete die Augen wieder.

Ezechiel schüttelte den Kopf. „Das ist das erste Engelgeheimnis. Du hast ein Licht in dir, das für dich leuchtet“, wisperte er hinter vorgehaltener Hand, aber laut genug, dass ich es hören konnte.

„Ohne Lichtschalter?“

„Ohne Lichtschalter“, bestätigte Ezechiel lachend. Meine Knie wurden schon wieder weich, als dieses warme Lachen den Raum erfüllte. Bei mir zuhause in der Wichtelwerkstatt wurde auch viel gelacht, wir hatten oft gute Laune. Aber dieses Lachen brachte alles in mir in Bewegung und entzündete nicht nur die eine Kerze, sondern gleich ein ganzes Kaminfeuer. Hatte Ezechiel vor einigen Tagen noch daran gezweifelt, keine Hoffnung verbreiten zu können? Wenn er gewusst hätte, was ich gerade fühlte, hätte er seine Zweifel mit Sicherheit begraben können.

Von der nahen Kirchturmuhr schlug es sechs Uhr. Der Hort hatte sich schon sichtbar gelehrt, neben Svenja waren nur noch zwei andere Kinder anwesend, die sich nun auf Teresas Rufen ihre Jacken anzogen und verabschiedeten.

„So, Svenja, es wird Zeit.“

Teresa reichte dem Mädchen ihre Jacke und den Schulrucksack. Svenja nahm uns beide in den Arm.

„Tschüs!“

„Mach’s gut, Svenja, bis morgen.“

„Vergiss deine Kerze nicht“, fügte Ezechiel meinen Abschiedsworten hinzu.

Svenja nickte kurz mit geschlossenen Augen und machte sich dann allein auf den Weg.

Ezechiel und ich sahen uns an. Ein Anfang war getan.