4. Advent

Und wenn doch?

Obwohl ich hundemüde war, konnte ich nicht aufhören zu lächeln. Wir hatten einen wundervollen Nachmittag im Hort verbracht und mit den Kindern Unmengen Weihnachtsplätzchen gebacken. Beim Dekor hatte ich zwischendurch heimlich etwas nachgeholfen, als der goldgefärbte Zucker auszugehen drohte. Aber außer Ezechiel hegte wohl niemand den Verdacht, dass auch die Stabilität der Lebkuchenhäuser nicht ausschließlich mit dem angerührten Zuckerguss zu tun hatte. Es waren auch alle viel zu sehr mit sich beschäftigt gewesen – alle außer Ezechiel. Mit leuchtenden Augen hatte er genau verfolgt, wie ich Lebkuchenfassaden aneinandersteckte, Dachziegel aufmalte und Eiszapfen aus Eischnee an die süßen Dächer setzte.

„Das ist wunderschön“, hatte er mir zugeflüstert und mich dabei so liebevoll angesehen, dass echtes Eis wohl geschmolzen wäre.

Von dem, was ich hier in der Wichtelwerkstatt gerade vor mir hatte, konnte ich das allerdings nicht behaupten. Das Lebkuchenhaus, ein Nachbau des Weihnachtsmannhauses, fiel zum dritten Mal vor meinen Augen in sich zusammen.

„Zimtzuckersapperlott“, schimpfte ich und fegte ein paar Lebkuchenkrümel vom Tisch.

„Ellina, was treibst du da?“ Tari stand kopfschüttelnd neben mir und sah auf die Trümmer auf meinem Arbeitsplatz.

„Ich baue ein Lebkuchenhaus“, murmelte ich finster und stellte fest, dass meine Stimme trotz allem Frust entschlossen klang. Ganz so, als müsste ich mich selbst anspornen. Aber auch der nächste Versuch ging schief. Diesmal brach sogar eine der Dachplatten in zwei Teile. Ich warf die Bruchstücke in den Korb mit der Ausschussware. Noch nie, in meiner ganzen Zeit als Weihnachtswichtel, hatte ich von diesem Korb Gebrauch machen müssen. Jetzt landete schon das zweite Lebkuchenhaus an diesem Tag dort. Warum konnte ich plötzlich keine Lebkuchenhäuser mehr bauen? Heute Nachmittag hatte es doch noch geklappt? Das, und vor allem Ezechiels Lob, hatte ich mir doch wohl nicht eingebildet?

„Vielleicht solltest du Zuckerguss zum Verkleben benutzen und nicht Eischnee“, sagte Tari und schob mir ein Töpfchen mit dicker weißglänzender Zuckermasse hin. Oh nein, hatte ich ernsthaft einen solch peinlichen Fehler begangen? Stumm nahm ich unserem Werkstattvorstand den Zuckerguss ab und machte mich wieder ans Werk.

„Wer ist eigentlich Ezechiel?“

Beinahe hätte ich das neue Lebkuchenhaus und den Zuckertopf vom Tisch gefegt, so unvermittelt traf mich Taris Frage. Wieso wusste er von Ezechiel?

„Du sprichst die ganze Zeit diesen Namen vor dich hin.“

Offenbar nicht nur das. Mein Herz hämmerte in meiner Brust und meine Finger zitterten. Vorsichtshalber ließ ich die Lebkuchen los, obwohl ich mich gern daran festgehalten hätte. Tari sah mich forschend an.

„Niemand weiter“, sagte ich hastig. Die Lüge schmeckte mir bitter auf der Zunge, aber die Wahrheit konnte ich unmöglich preisgeben.

„Und über Niemand redest du so viel?“, bohrte Tari weiter.

„Keine Ahnung.“ Ich stand auf und trug das fertige Lebkuchenhaus auf den Gabentisch. Bevor ich mich wieder an die Arbeit machte, nahm ich einen großen Löffel Zuckerguss, in der Hoffnung, er möge mir die Lippen verkleben.

 

Für den Rest des Arbeitstages ging meine Taktik auf, doch hatte ich die Rechnung ohne unseren Oberwichtel gemacht. Als ich am nächsten Tag durch die Stadt auf den Hort zuging, tauchte er plötzlich neben mir auf.

„Wohin des Wegs?“

„Ich …“ Ich war selten um Worte verlegen, aber jetzt fiel mir keine passende Antwort ein. Leider wusste ich auch nicht, wie ich Tari innerhalb der nächsten zwei Minuten und dreihundert Meter loswerden sollte. Gleich würde die Generalprobe für das Krippenspiel beginnen, von dem Tari nichts wissen durfte, und wo ich streng genommen überhaupt nicht hätte sein sollen.

„Ellina? Ist alles in Ordnung?“

Nichts war in Ordnung. Ich hatte mich erfolgreich in Schwierigkeiten gebracht, ohne einen Plan in der Hinterhand zu haben, wie ich mich jemals wieder daraus herausmanövrieren sollte. Obendrein hatte ich auch zu lang überlegt und stand nun ziemlich ratlos gemeinsam mit Tari vor dem Hort.

„Was machst du hier?“

„Weihnachtswünsche erfüllen?“

Tari rückte seine Wichtelmütze auf der Stirn hin und her. „Ich kann mich nicht erinnern, diesen Ort auf deiner Liste gesehen zu haben.“

„Stimmt, ich … ich habe ihn selbst gefunden.“

Die Augenbrauen in Taris Gesicht bildeten eine geschwungene Linie, wie immer, wenn er wenig amüsiert war. Wie alle Wichtel war er gutmütig, aber wenn jemand die Ordnung durcheinanderbrachte, konnte er durchaus den Milchreis sauer werden lassen.

„Was ist das für ein Wunsch?“

„Weihnachtsgeheimnis!“

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber Taris Stirn legte sich noch weiter in Falten. Ehe ich mir jedoch eine Ausrede zurechtlegen konnte, öffnete sich die Tür und Ezechiel stand vor uns.

„Ellina, wo bleibst du denn? Wir müssen … Oh, guten Tag.“

Sein Blick, der im ersten Moment noch geleuchtet hatte, verdüsterte sich, als er Tari sah. Auch Taris Augen wurden dunkel. Doppelt vergammelter Rentiermist! Tari war undercover unterwegs, genauso wie ich normalerweise. Ein Mensch konnte ihn also nicht sehen. Aber Ezechiel sah ihn. Und Tari sah Ezechiel. Er nickte ihm zu und sah dann mich strafend an.

„Auf ein Wort, Ellina Jula.“

Oh oh. Dass er mich beim vollen Namen nannte, verhieß nichts Gutes. Ich lächelte Ezechiel entschuldigend an und folgte Tari in eine Nische.

„Ich nehme an, das ist Ezechiel. Was ist er?“

Unter seinem strengen Blick, der mich durchbohrte und gleichzeitig verhieß, dass ich nie wieder in meinem Leben Milchreis bekommen würde, blieb mir nichts anderes übrig, als die Wahrheit zu sagen.

„Ein Engel.“

Taris Gesicht wurde beinahe so rot wie seine Mütze. Er schnappte nach Luft. „Du bist wohl von allen guten Haus- und Hofgeistern verlassen. Wichtel haben mit Engeln nichts zu schaffen.“

„Und warum nicht?“ Obwohl es vermutlich nicht klug war, konnte ich mir die bockige Frage nicht verkneifen. Natürlich kannte ich die Regel, aber erschlossen hatte sie sich mir noch nie.

„Sie leugnen die Existenz des Weihnachtsmanns“, empörte Tari sich.

„Aber wir haben doch das gleiche Ziel! Wir wollen die Menschen glücklich machen.“

„Das … das …“ Tari fächelte sich mit seiner Mütze Luft zu und atmete tief durch. „In Ordnung. Erfüll diesen einen Wunsch, aber danach will ich dich hier nie wieder sehen. Morgen ist Weihnachten, da brauchen wir jede Hand!“

Mit einem leisen Plopp löste er sich in Luft aus und hinterließ eine Spur Glitzer auf dem Pflaster und ein blödes Gefühl in meiner Magengegend. Wenn ich auf Tari hörte, würde dieser Nachmittag der letzte sein, den ich mit Ezechiel verbrachte. Ezechiel, der mich mit einem Blick zum Lachen brachte und mein Herz erwärmte. Wenn ich Taris Anweisung in den Wind schlug … ich schob den Gedanken weg und betrat eilig den Hort.

 

Es brauchte keine himmlische Gabe, um zu erkennen, dass Ellinas Gespräch nicht besonders erfreulich gewesen war. Gerne hätte ich sie danach gefragt, aber die ersten Hortkinder sprangen schon aufgeregt in ihren Kostümen um uns herum. Also reichte ich ihr nur schnell eine Tasse heißen Tee und lächelte sie aufmunternd an. Das schien ihre Stimmung immerhin etwas zu heben. Und auch die Spiellaune der Kinder zauberte schließlich wieder jenes Lächeln auf ihr Gesicht, bei dem mir ganz warm ums Herz wurde.

„Denkt dran, wir treffen uns morgen um halb drei hier, packen die Kostüme ein und gehen rüber zur Bühne auf dem Markt“, erklärte Teresa zum zehnten Mal, als die Generalprobe vorbei war.

„Müssen wir uns schminken?“

„Was ist, wenn ich meinen Text vergesse?“

„Und wenn es regnet?“

Obwohl wir über alles schon gesprochen hatten, stellten die Kinder immer wieder ihre Fragen, die Teresa und ich geduldig beantworteten. Für die meisten Kinder würde es die erste Bühnenerfahrung sein. Kein Wunder, dass sie aufgeregt waren. Laut rufend machten sie sich am Abend auf den Weg nach Hause.

„Bis morgen“, rief Svenja und winkte fröhlich. In den letzten Tagen hatte ich sie immer wieder bestärkt und ihre Augen leuchteten nun öfter als noch vor ein paar Wochen. Hatte ich meinen Auftrag erfüllt?

Kaum hatten die Kinder den Hort verlassen, verschwand das Lächeln auf Ellinas Gesicht.

„Was bedrückt dich?“, fragte ich sie direkt.

„Ich kann morgen nicht dabei sein“, antwortete sie leise. „Ich werde in der Wichtelwerkstatt gebraucht.“

Obwohl ich geahnt hatte, dass mir ihre Antwort nicht gefallen würde, hatte ich doch nicht mit dem Schmerz gerechnet, der mir jetzt wie ein Schwert mitten durchs Herz fuhr. Meine Arbeit hier im Hort hatte mir immer schon Freude gemacht, aber durch Ellina war er besonders geworden. Ihre unbeschwerte Art ließ mich meinen Ernst vergessen und schenkte mir Momente der Leichtigkeit. Nicht zuletzt Ellina war es zu verdanken, dass ich neuen Mut gefasst hatte, meinen Auftrag an Svenja zu einem guten Ende zu bringen. Sollte nun alles enden?

„Aber was wird aus dem Krippenspiel?“ Eigentlich hatte ich etwas anderes fragen wollen, brachte es aber nicht über die Lippen.

„Die Kinder schaffen das schon.“ Etwas glänzte in ihrem Gesicht, und diesmal war es kein Glitzer. „Danke für die schöne Zeit, Ezechiel.“

„Gern geschehen, ich danke dir. Frohe Weihnachten!“

„Dir auch.“ Sie streckte ihre Hand aus und berührte kurz meinen Arm. Dann wandte sie sich mit einem Ruck ab und war im nächsten Augenblick verschwunden.

„Mach Feierabend, Ezechiel. Morgen wird wieder ein langer Tag.“

Erstaunt sah ich Teresa an, die bereits in Schal, Mütze und Mantel an der Tür stand. Wunderte sie sich denn gar nicht, wohin Ellina so plötzlich verschwunden war? Wortlos zog ich meine Jacke an und ging neben Teresa nach draußen, wo sie in ihr Auto stieg und davonfuhr. Ich ging ziellos durch die dunklen Straßen. Nie hatte ich mich weniger wie ein Hoffnungsbringer gefühlt. Ich hätte diese Gedanken nicht haben dürfen und schämte mich ihrer, aber in diesem Moment freute ich mich nicht, meinen Auftrag erfüllt zu haben und morgen zu den Chören der Engel zurückkehren zu dürfen. Wie gern hätte ich das Gloria, das morgen erklingen würde, auch für Ellina gesungen.

 

„Lieber Junge, was machst du denn für ein Gesicht? Heute ist Weihnachten!“

Teresa lachte mich an, als ich am nächsten Nachmittag noch immer niedergeschlagen in den Hort kam. Sie fragte mich nicht nach Ellina und auch die Kinder, die schon anwesend waren, schienen sie nicht zu vermissen. Hatte ich mir ihre Gegenwart nur eingebildet? Um mich abzulenken, half ich den Kindern ihre Kostüme anzuziehen und die selbstgebauten Kulissen zu verpacken.

„Wo bleibt denn Svenja?“

Wieder einmal riss Teresa mich aus meinen Gedanken. Ich sah auf die Uhr und stellte überrascht fest, dass Svenja spät dran war. Das war ungewöhnlich für sie. Normalerweise war sie eine der Ersten, die kam und die letzte, die ging. Und ausgerechnet jetzt kurz vor ihrem großen Auftritt, auf den sie sich so gefreut hatte, fehlte sie. Es war bereits zwanzig vor drei. Wir mussten dringend los, wenn wir rechtzeitig an der Bühne sein wollten. Unruhe breitete sich in mir aus. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht.

„Geh du mit den Kindern los, ich suche Svenja“, sagte ich und drückte Teresa die Tüte mit der Einkaufskorb-Krippe in die Hand.

„Das dauert doch viel zu lang. Wo willst du denn nach ihr suchen?“

Das wusste ich selbst noch nicht genau, aber es gelang mir Teresa zuversichtlich zuzulächeln.

„Wir schaffen das schon!“

„Dein Wort in Gottes Ohr“, hörte ich Teresa noch murmeln, dann war ich aus der Tür.

Wie gut, dass ich allein unterwegs und somit nicht darauf angewiesen war, die auf Erden herkömmliche Fortbewegungsart zu nutzen. Innerhalb eines Augenblicks stand ich vor dem Wohnkomplex, in dem Svenja zuhause war. Ich ging einmal um das Gebäude herum, aber die weißgefrorene Wiese mit den leeren Teppichstangen lag verlassen da. Nicht einmal ein Vogel rührte sich. Ich setzte meine Suche im Haus fort, ging einen Flur nach dem nächsten ab, bis ich vor der Wohnungstür stand, wo ich mich vor zwei Wochen abends von Svenja verabschiedet hatte. Kein Laut drang zu mir. Sollte ich klingeln? Nein, das dauerte zu lange. Ich verschaffte mir Zutritt zur Wohnung. Im Wohnzimmer saß eine Frau rauchend vor dem Fernseher. Ihr hoffnungsloser Ausdruck hätte mich normalerweise zum Bleiben bewegt, aber diese Frau war heute nicht mein Auftrag. Ich musste Svenja finden. In dem kleinen chaotischen Zimmer neben dem Wohnzimmer erkannte ich ihren Schulrucksack und zwei Bilder, die sie im Hort gemalt hatte. Von Svenja fehlte jedoch jede Spur.

Zurück auf der Straße sah ich mich nach allen Seiten um. Wo sollte ich jetzt nach dem Mädchen suchen? Sie hatte nie etwas von Orten erzählt, an die sie möglicherweise gern ging. Nur zum Hort war sie immer mit großer Begeisterung gekommen. Aber dort war sie ja bekanntlich nicht.

„Herr, schenk mir ein Zeichen“, bat ich mit Blick gen Himmel. Ich drehte mich einmal um die eigene Achse, sah aber nichts, was mir einen Anhaltspunkt hätte geben können. Lediglich ein Glitzern auf meinem Ärmel. Ich fuhr mit dem Finger darüber. Ein kleines grünes Glitzerkorn blieb an der Fingerkuppe kleben. Es musste von Ellinas Berührung gestern stammen. Ellina. Der Klumpen in meinem Bauch, der mich seit meinem Aufbruch vom Hort begleitete, wuchs. Ellina war fort, Svenja verschwunden und meine Hoffnung war in Auflösung begriffen. Frohe Weihnachten!

„Ezechiel!“

Na prima, jetzt hörte ich auch noch ihre Stimme! Ich war definitiv zu weit gegangen, in dem ich diese Gefühle zugelassen hatte … Etwas streifte meinen Arm.

„Ezechiel, was machst du hier?“

„Ellina? Was machst du hier?“

„Ich hatte so ein seltsames Gefühl, dass irgendetwas passiert ist.“

„Ja, Svenja ist verschwunden.“

Ellina sah mich betroffen an, aber in mir breitete sich rasende Freude aus. Ellina war hier, ich war nicht allein.

„Hast du einen Anhaltspunkt, wo sie sein könnte?“

Ich versuchte, klar zu denken, aber mein Kopf hatte nur noch Kapazitäten dafür zu kapieren, dass Ellina hier vor mir stand. Ahnungslos hob ich die Schultern. Sie hielt meine Hand fest und zog meinen Finger näher an ihr Gesicht.

„Glitzer.“

„Der ist von dir gestern.“

„Ja, ich weiß, aber …“ Ellina sah sich um, senkte den Kopf und richtete den Blick auf den Bügersteig. „Aha!“ Sie deutete auf die Bodenplatte vor uns. „Hier ist eine Glitzerspur.“

Außer frostig glänzendem Beton sah ich nichts, aber ich vertraute Ellina. Sie war schließlich die Expertin für Glitzer und ich hatte keine bessere Idee. Wie ein Suchhund lief Ellina den Weg ab und ich folgte ihr, bis wir uns vor dem Kaufhaus wiederfanden.

„Hier“, sagte Ellina.

„Hier?“ Die Türen waren geschlossen, das Licht gedämmt und ein Schild auf dem Eingang verkündete, dass sich an diesem Zustand in den nächsten drei Tagen auch nichts ändern würde.

„Die Glitzerspur führt genau hierhin und ich habe wieder das Gefühl wie neulich, als ich den Wunschzettel abgenommen habe. Ich bin mir sehr sicher.“

Ich horchte in mich hinein. Ja, irgendetwas sagte mir, dass sie recht hatte. Aber was sollte Svenja in einem geschlossenen Kaufhaus? Was hätte sie hier gewollt? Uns blieb nichts anderes übrig als nachzuschauen. Gemeinsam glitten wir durch die Tür.

„Svenja?“, rief ich. Die Kleiderständer und Dekoartikel verschluckten meine Stimme.

„Svenja“, rief Ellina etwas lauter.

Hinter den Rolltreppen regte sich etwas. Ich blieb stehen und lauschte. Ja, ich hatte mich nicht getäuscht. Dort hinten raschelte etwas.

„Svenja?“

„Ezechiel?“, kam es leise.

Ellina und ich stürzten gleichzeitig los in die Richtung, aus der Svenjas Stimme gekommen war. Wir fanden sie zwischen zwei Regalen mit paillettenbesetzten Pullovern kauernd. Ich kniete mich neben sie und sie warf sich in meine Arme.

„Ein Glück, dass du hier bist. Was machst du denn hier?“

Svenja schniefte. „Ich … ich …“

Ellina reichte ihr ein Taschentuch und streichelte ihr über den Kopf. „Psst, es ist bestimmt alles nicht so schlimm.“

„Doch“, heulte Svenja. „Ich hab meiner Mama gesagt, dass wir n Krippenspiel machn und … und … und dass ich der Kündigungsengel bin. Ich wollte, dass sie kommt.“

Nach dem, was ich bei Svenja zuhause gesehen hatte, konnte ich mir denken, wie die Geschichte weitergegangen war.

„Mama hat gesagt, Weihnachten is ne Scheißerfindung.“ Svenja wischte sich mit Ellinas Taschentuch übers Gesicht und mit dem Ärmel gleich hinterher. „Aber ich hab mir doch gewünscht … und du has gesagt, hier am Baum darf man wünschn …“

„Du wolltest noch einen Wunschzettel an den Baum hängen?“

„Ja, aber es war’n keine Zettel mehr da.“

Ich schwieg betreten. Ich hatte nur das eine Mal mit Svenja über die Wunschbaum-Aktion gesprochen. Woher hätte sie wissen sollen, dass die Wünsche bis vor zwei Tagen hätten erfüllt werden müssen? Schniefend erzählte sie uns, wie sie in der Schreibwarenabteilung nach Papier gesucht hatte, dann aber aufs Klo gemusst hatte. Während sie dort war, war plötzlich das Licht ausgegangen.

„Aber ich hab an die Kerze gedacht und dann war das ers nich schlimm“, sagte Svenja und lächelte zum ersten Mal ein bisschen. Ich hingegen sank in mich zusammen. So stolz ich auf sie war, dass sie ihre Angst vor der Dunkelheit scheinbar überwunden hatte, war es doch nicht meine Absicht gewesen, dass sie sich deswegen nicht bemerkbar gemacht hatte.

„Das tut mir leid, Svenja. Hattest du Angst?“

Sie nickte langsam. „Ich bin froh, dass ihr da seid.“

„Und wir sind froh, dich gefunden zu haben. Aber jetzt sollten wir uns beeilen. Gleich geht das Krippenspiel los.“

Svenja senkte den Kopf und schluchzte auf. „Aber ich hab mich gefürchtet. Ich bin n schlechter Engel.“

„Du bist ein ganz wunderbarer Engel und außerdem sehr sehr tapfer. Das ist das Wichtigste bei Engeln, dass sie weitermachen, selbst wenn sie einmal ein bisschen Angst haben.“

Ein Lächeln huschte über Svenjas Gesicht und langsam erhob sie sich von meinem Schoß. Ich reichte ihr die Tüte mit ihren Engelsflügeln und der Glitzerkrone, die ich die ganze Zeit schon mit mir herumtrug. Svenja zog beides hervor, legte die Flügel an und setzte sich die Krone auf den Kopf.

„Lasst uns gehen, die anderen warten bestimmt schon auf uns“, sagte ich und stand auf.

„Wartet.“ Svenja sah zwischen Ellina und mir hin und her.

„Was ist denn noch?“

„Ihr könnt euch ers noch küssn.“

Mein Herz machte einen Satz und schlug anschließend mit doppelter Geschwindigkeit weiter. Ich fing Ellinas Blick, die so überrascht aussah wie ich mich fühlte. Rasch sah ich zur Seite. Wir durften nicht … Es war gegen alle Regeln. Und woher wusste Svenja überhaupt, was ich führ Ellina empfand?

„Fürchtet euch nicht.“ Svenja hatte die Arme ausgebreitet, ihre Flügel glitzerten leicht in der schummrigen Beleuchtung. Mit ernster Miene sah sie uns an. Ich fragte mich, wer von uns beiden der bessere Engel war. Was hatte ich eben gesagt. Engel würden auch weitermachen, selbst wenn sie ein bisschen Angst hatten? Was galt bei etwas mehr Angst?

„Fürchtet euch nicht“, sagte Svenja noch einmal.

Langsam streckte ich meine Hände aus und fand Ellinas. Ihre Finger schoben sich in meine Hände und sie machte einen Schritt auf mich zu. Ich schloss die Augen, als unsere Lippen sich trafen und Himmel und Erde sich berührten.