1. Dezember

      Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht. Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht. Immer wieder ließ Jette ihren Kugelschreiber auf ihren Notizblock sinken und mit flüchtigen Bewegungen nicht ganz symmetrische Gesichter malen. Mittlerweile bildeten die Mondgesichter einen Zierrahmen am Rand des Blocks entlang. Als ihr das aufging, ließ Jette den Stift sinken und versuchte sich auf die Rede ihres Chefs zu konzentrieren. Aber sie hatte den Einstieg verpasst und keine Ahnung, worum es ging. So, wie Merten gerade herumschwadronierte, wusste er es vielleicht selbst nicht mehr so genau. Jette verkniff sich ein Lachen. Merten war ein ausgezeichneter Journalist. Er recherchierte sorgfältig und schrieb auf den Punkt. Warum ihm das beim Reden nicht gelang, war Jette ein Rätsel.

Sie griff nach der Gebäckschale in der Tischmitte und zog ein Spekulatius heraus. Oh Mann, wie lang lagen die Kekse hier schon offen herum? Das Gebäck löste sich zwischen ihren Lippen in Wohlgefallen auf. Kein noch so sanftes Knacken oder Knuspern. Einfach nur breiige Süße, die sich viel zu schnell in ihrem Mund ausbreitete. Zuhause im Wohnzimmer hätte Jette den Keks vermutlich ausgespuckt, aber hier vor ihren Kolleginnen und Kollegen konnte sie das nicht bringen und spülte daher rasch mit einem Schluck Kaffee nach. Den Rest des Spekulatius ließ sie auf ihrem Notizblock liegen. Den konnte sie später entsorgen. Gleich nagte das schlechte Gewissen an ihr. Essen wurde nicht weggeworfen! Das hatten nicht erst die Foodsaver ihr eingebläut, die sie vor Kurzem für einen Artikel interviewt hatte. Diese Prämisse hatte ihr Großvater ihr seit frühester Kindheit mitgegeben. Als Fünfjährige hatte sie es nicht verstanden, warum Opa Erich es nicht hatte leiden können, wenn sie ein Gericht verschmäht hatte. Und obwohl sie seine Gründe mittlerweile kannte, war Jette dennoch stets gehemmt, Essbares wegzuschmeißen. Besonders Spekulatius – sie waren Opa Erichs Lieblingskekse. Gewesen. Jette schluckte und noch einmal verteilte sich das Aroma von Zucker, Zimt und Nelken auf ihrer Zunge. Zwei Wochen war es nun schon her, dass Opa Erich gestorben war. Es hatte sich abgezeichnet, hatte ihre Mutter gesagt. Er war auch schon weit über 90 Jahre alt gewesen. Er hatte ein erfülltes Leben gehabt und war ganz friedlich eingeschlafen. All das wusste Jette. Aber es änderte nichts an der Tatsache, dass ihr Großvater ihr fehlte. Nicht einmal Spekulatius hatte er vor seinem Tod noch essen können. Vor Totensonntag kam ihm kein Weihnachtsgebäck auf den Tisch. Auch in dieser Hinsicht war er eisern gewesen. Vielleicht lag es daran, dass Opa Erich nicht mehr da war. In den letzten Jahren hatten sie immer gemeinsam am Vorabend des 1. Advent eine Tüte Spekulatius geöffnet und bei einer Tasse Kaffee gegessen. Ohne ihn schmeckten sie einfach nicht. Jette sah von dem angebissenen Keks zu den gekritzelten Gesichtern. Wie lange sollte die Redaktionssitzung denn noch dauern?

„ … ich weiß, das klingt alles sehr ambitioniert, aber wenn wir uns alle bemühen, dann schaffen wir das“, sagte Merten.

Formten seine Hände bei diesen Worten gerade eine Raute? Jette sah genauer hin, aber da griff ihr Chef schon zu einem Filzstift und kritzelte in seiner Sauklaue etwas an das Flipchart.

„Jette, würdest du die Kolumne übernehmen?“

Was für eine Kolumne? So ein Mist, hätte sie doch besser zugehört! Sie konnte jetzt schlecht fragen, was Merten von ihr wollte. Wahrscheinlich hatte es irgendetwas mit dem neuen Konzept zu tun, das Merten sich für die Weihnachtszeit überlegt hatte. Aber wie sollte das aussehen? Ehrlicherweise hätte Jette Nein sagen müssen. Andererseits kam es selten genug vor, dass man als Journalist eine Kolumne schreiben durfte. Danach leckten sich praktisch alle die Finger. Das konnte sie doch nicht ablehnen. So schwer würde es schon nicht werden.

„Ja, ist okay“, sagte Jette. Sie nahm ihren Kugelschreiber wieder auf und wischte die Kekskrümel vom Block.

Merten strahlte. „Super, ich wusste, dass ich auf dich zählen kann! Überleg dir etwas Schönes. Es darf unsere Leserinnen und Leser ruhig anrühren. Aber mach es nicht zu kitschig.“

Rührend, keinen Kitsch, notierte Jette flüchtig. Na bravo, das war ja konkret! Wie sollte sie daraus eine Kolumne machen?

„Okay“, sagte sie dennoch erneut. „Wann willst du’s haben?“

„Ende der Woche, sagen wir, Freitag früh?“

Jette nickte. In einer guten Woche würde sie wohl etwas zustande bringen.

Zum Glück läutete die Verteilung der Aufgaben das Ende der Redaktionssitzung ein. Jette warf einen Blick auf ihr Smartphone. Schon elf Uhr! Wenn sie rechtzeitig zu ihrem Interviewtermin in der Volkshochschule kommen wollte, musste sie sich jetzt sputen. Kaum hatte Merten hinter jede Aufgabe am Flipchart einen Namen geschrieben, schnappte Jette sich ihren Kugelschreiber und Block und verließ den Raum. Den Spekulatiusrest ließ sie im Vorbeigehen in den Papierkorb fallen. Tut mir leid, Opa Erich! Sie sah noch, dass Merten ihr hinterherwinkte, offenbar wollte er noch mit ihr sprechen. Aber das musste warten.

Nach dem Termin in der Volkshochschule stand noch der Besuch einer Initiative für Flüchtlinge auf ihrer Agenda. Einige Bürgerinnen und Bürger engagierten sich schon seit Jahren für die Menschen, die ihre Heimat wegen der andauernden Kriege verlassen hatten. Nun konnte die Initiative ein kleines Jubiläum begehen; 100 Flüchtlingen hatten sie erfolgreich dabei unterstützt, Deutsch zu lernen, eine Arbeit zu finden und so wirtschaftlich auf eigenen Füßen zu stehen.

„Bei all den Vorurteilen, die man so hört, muss man darüber sprechen“, sagte der Vorsteher der Initiative gleich zu Beginn des Gesprächs. Er war mittleren Alters und beantwortete souverän Jettes Fragen, ganz so, als sei er es gewohnt, mit Pressevertretern zu sprechen. Der junge Mann und die alte Frau an seiner Seite machten im Vergleich zu ihm einen eher schüchternen Eindruck.

„Wie lang sind Sie schon in Deutschland?“, fragte Jette den jungen Mann, der sich als Firas vorgestellt hatte.

„Seit drei Jahren“, antwortete er. „In Syrien habe ich Wirtschaftsingenieurswesen studiert. Aber hier wurde mein Studium nicht anerkannt.“

Sein arabischer Akzent war nicht zu überhören, aber seine Grammatik war einwandfrei. Ob er deshalb ausgewählt worden war, an dem Interview teilzunehmen?

„Was haben Sie nun vor?“

„Ich habe mir einen Job in einer Werkstatt gesucht. Im nächsten Jahr bewerbe ich mich hier um einen Studienplatz. Ich muss halt noch einmal anfangen, aber das macht mir nichts aus“, sagte Firas und lächelte.

Jette machte sich Notizen zu ihren optischen Eindrücken, während das Diktiergerät das Gespräch aufzeichnete. Ambitioniert, entschlossen – das waren die ersten Worte, die ihr zu Firas spontan einfielen. Er hätte Opa Erich gefallen. Er hätte ihn ermutigt, seine Pläne zu verfolgen. Jette umklammerte ihren Stift. Dass selbst ein syrischer Flüchtling sie auf Gedanken an ihren Großvater bringen musste! Opa Erich hätte damals auch gern studiert, so hatte er ihr einmal erzählt. Auch bei ihm war der Krieg dazwischengekommen. Jette zwang sich, sich wieder auf ihre Arbeit zu konzentrieren und wandte sich der alten Frau zu, die bislang außer einer freundlichen Begrüßung noch nichts gesagt hatte.

„Warum engagieren Sie sich hier in der Initiative?“

„Weil ich nachfühlen kann, wie es ist, seine Heimat verlassen zu müssen, und ganz von vorne anzufangen“, antwortete sie und Jette erkannte sofort den ostpreußischen Akzent. Es entlockte ihr ein Schmunzeln, irgendwie hatte sie diesen Dialekt immer gemocht. Doch noch nie hatte sie sich darüber Gedanken gemacht, wie sehr dieser Dialekt mit Fluchterfahrung zu tun hatte. Die alte Frau berichtete in knappen Worten von ihrer Flucht aus Ostpreußen als junges Mädchen, und welche Erfahrungen sie und ihre Familie damals gemacht hatte.

Jette hätte ihr und Firas stundenlang zuhören können, aber sie musste sich auf ihren journalistischen Auftrag konzentrieren. Hier ging es um den Erfolg der Initiative, und allein vom Zuhören schrieb sich noch kein Artikel. Zumal sie ja nicht nur diesen einen Artikel zu schreiben hatte. Jette bedankte sich bei ihren Interviewpartnern und machte sich auf den Weg zurück zur Redaktion.

Merten fing sie direkt an der Tür ab. „Jette, gut, dass du wieder da bist! Hast du dir schon Gedanken über die Kolumne gemacht? Weißt du, worüber du schreiben wirst?“

Jette sah ihren Chef entgeistert an. „Merten, ich war bis eben mit Interviews beschäftigt. Wann hätte ich denn über die Kolumne nachdenken sollen?“

„Ich dachte, weil du heute Morgen so spontan ja gesagt hast. Du sahst, ehrlich gesagt, nicht so aus, als wüsstest du, worauf du dich einlässt.“

Jette schüttelte den Kopf. „Ich weiß, was eine Kolumne ist, und ich weiß auch, wann du den Text haben möchtest. Du kannst auf mich zählen!“

Merten hob die Hände und wandte sich um. „Ich verlass mich drauf!“ 

Jette seufzte. Na prima!