10. Dezember

 

Agnes Demme. Der Name verfolgte Jette bei Tag und bei Nacht. Nachts träumte sie von ihr, der Frau auf dem Foto und tagsüber suchte sie in jeder freien Minute nach ihr. Sie durchforstete online Kirchenbücher, googelte und suchte sogar in Onlinearchiven für Todesanzeigen. Aber Agnes Demme blieb unauffindbar. Es war, als jage sie ein Phantom.

An diesem Nachmittag stand überraschend ihre Mutter bei ihr vor der Tür.

„Mama, was machst du denn hier?“

„Ich habe gerade die letzten Sachen aus Opas Wohnung geholt und dir noch etwas mitgebracht.“

Sie hielt eine prall gefüllte Tüte in die Höhe.

„Was ist das?“

„Fotoalben“, erklärte ihre Mutter. „Ich dachte, bei dir als Familienarchivarin sind sie am besten aufgehoben.“

Jette lachte freudlos. Familienarchivarin. Wussten Archivare nicht immer Bescheid? Oder zumindest, wo sie eine Lösung suchen und wahrscheinlich auch finden konnten? Bei ihrer Suche stocherte sie nur im Dunkeln.

„Und ich habe uns noch ein bisschen Kuchen mitgebracht“, sagte ihre Mutter und schob sich an Jette vorbei in den Flur. Jette nahm ihr Tasche und Jacke ab und setzte anschließend in der Küche Kaffee auf.

„Wie geht es dir?“, fragte sie, als sie schließlich mit Kaffee und Kuchen neben ihrer Mutter auf dem Sofa saß.

Ihre Mutter zerkrümelte ein paar Kuchenstreusel. „Momentan erstaunlich gut. Es war so viel zu tun in den letzten Tagen, da hatte ich noch gar nicht richtig Gelegenheit nachzudenken. Aber jetzt die leere Wohnung zu sehen, war schon komisch.“

Jette wollte es sich gar nicht vorstellen. Seit sie vor einigen Tagen mit ihrer Mutter in der Wohnung gewesen war und die Schränke ausgeräumt hatte, war sie nicht mehr dort gewesen. Nun würde sie nie mehr dorthin zurückkehren. Opa Erichs Wohnung würde nur noch in ihrer Erinnerung existieren. Eingeräumt und behaglich wie sie gewesen war.

„Vieles, was er hatte, war ja wirklich nicht mehr zu gebrauchen, aber trotzdem fiel es mir schwer, es wegzuwerfen. Erinnerst du dich an die Spazierstöcke mit diesen Abzeichen aus den verschiedenen Regionen? Ich fand die immer schon hässlich, aber ich habe sie bestimmt zehn Minuten in den Händen gehalten, ehe ich sie in die Kiste für den Sperrmüll gestellt habe. Ich glaube, ich habe sie mir heute zum ersten Mal richtig angesehen.“

Nun liefen ihrer Mutter Tränen übers Gesicht. Jette stellte ihren Kuchenteller auf den Couchtisch und nahm ihre Mutter in den Arm. Eine Weile saßen sie so aneinander gekuschelt und schwiegen. Plötzlich bückte Jettes Mutter sich zu Opa Erichs Erinnerungskiste, die neben dem Sofa stand und zog sie zu sich heran.

„Das ist eine schöne Schatzkiste, die er dir hiermit vermacht hat“, sagte sie. Sie blätterte durch ein paar der losen Fotos. Zum Schluss hielt sie das Foto von Agnes in der Hand.

„Wer das wohl ist?“, murmelte sie.

„Die Frage stelle ich mir seit einer Woche“, sagte Jette. „Du hast wirklich keine Ahnung? Opa hat nie von einer Agnes gesprochen? Oma auch nicht?“

„Nein, ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern. Aber du kannst ja Markus anrufen, vielleicht hat Opa mit ihm darüber gesprochen.“

Jette sank in sich zusammen. Warum war sie nicht schon längst selbst darauf gekommen, ihren Onkel anzurufen? Er war ein paar Jahre älter als ihre Mutter und nun einmal ein Mann. Vielleicht hatte Opa Erich mit ihm über Dinge gesprochen, die er seiner Mutter vorenthalten hatte, weil sie eine Frau war? Immerhin war er in anderen Zeiten groß geworden, wo man mit Frauen noch nicht über alles sprach. Andererseits hatte ihre Mutter früher, wenn Jette ihre Großeltern interviewt hatte, immer gesagt, dass ihre Eltern mit ihr und ihrem Bruder nie über ihre Kriegserlebnisse gesprochen hatten. Aber einen Versuch war es allemal wert.

„Danke. Das werde ich machen. Ich möchte auf jeden Fall herausfinden, wer sie ist – oder war. Vielleicht kann ich den Brief ja noch übergeben. Wenn nicht an sie, dann wenigstens an ihre Kinder oder Enkel.“

Gleich nachdem ihre Mutter wieder gegangen war, wählte Jette die Nummer ihres Onkels und schickte ihm das Foto per Messenger.

„Sagt dir der Name Agnes Demme etwas?“, fiel sie gleich mit der Tür ins Haus.

Am anderen Ende der Leitung blieb es still. Jette hielt die Luft an. War das ein Zeichen dafür, dass ihr Onkel etwas wusste? War die Auflösung des Rätsels in greifbarer Nähe?

„Wie kommst du darauf?“

Jette erzählte von der Kiste, die Opa Erich ihr vermacht hatte, und dass sie mit jenem Brief und Foto nichts anzufangen wusste.

„Ich weiß, welche Kiste du meinst“, sagte Markus. „Ich habe Papa früher hin und wieder damit an seinem Schreibtisch sitzen sehen. Einmal, da muss ich so acht oder neun Jahre alt gewesen sein, stand sie auf dem Schreibtisch herum und Papa war gerade nicht in der Nähe. Da habe ich sie mir angeschaut und ein paar Fotos und Briefe herausgenommen. Kurz darauf kam Papa zurück und hat mich deswegen mächtig zusammengestaucht.“

„Was meinst du?“

„Er hat mir eine schallende Ohrfeige gegeben und gesagt, dass er mich nie wieder an dieser Kiste sehen wolle. Das würde mich nichts angehen.“

Jette schwieg betroffen. Für sie war Opa Erich immer der liebevolle Großvater gewesen. Nie hatte sie sich Gedanken darüber gemacht, wie er seine Kinder erzogen hatte. Sie selbst war von ihrer Mutter nie geschlagen worden. Ob ihre Mutter von Opa Erich wohl auf geohrfeigt worden war?

„Hat Opa euch oft geschlagen?“

„Naja, früher sah man das ja noch etwas anders mit der Erziehung. Aber damit Papa uns mal eine verpasst hat, mussten wir schon ziemliche Dummheiten gemacht haben. Muttis Hand saß da eher locker“, erzählte ihr Onkel.

„Das heißt, dass du in seinen Unterlagen gekramt hast, war eine große Dummheit?“

„Offenbar.“

„Und du hast Opa Erich nie wieder danach gefragt? Hat es dich nicht interessiert?“

Keine geschlossenen Fragen stellen, schalt Jette sich selbst. Wie hatte sie eine der wichtigsten Regeln für Journalisten nur missachten können? Und das gleich viermal hintereinander!

Sie hörte Markus trocken auflachen. „Natürlich hat es mich brennend interessiert. Vielleicht nicht direkt damals mit acht Jahren. Aber später, so mit fünfzehn, habe ich mich natürlich gefragt, welche Rolle Papa im Krieg gespielt hat. Aber darüber wurde Zuhause kein Wort gesprochen. Das hat Susi dir ja sicherlich auch erzählt.“

Ja, das hatte Jette von ihrer Mutter gehört.

„Es galt das unausgesprochene Gesetz, dass wir danach nicht zu fragen hatten. Und wenn wir es doch einmal taten, kam als Antwort: Das ist vorbei. Es spielt keine Rolle mehr.“

Jette hörte die Verbitterung in der Stimme ihres Onkels. Ob er neidisch auf sie war, dass ihre Großeltern ihr gegenüber nach Jahren doch ihr Schweigen gebrochen hatten?

„Um deine Frage zu beantworten, Jette; ich weiß nicht, wer Agnes Demme ist. Tut mir leid. Aber vielleicht ist es nach all den Jahren auch nicht mehr wichtig. Manche Dinge sollten wohl besser ruhen.“

Nach ein paar ausgetauschten Belanglosigkeiten legte Jette auf. War Markus aufgefallen, dass er sich mit seiner letzten Aussage zu dem Thema im gleichen Argumentationsschema bewegte, wie Opa Erich früher ihm gegenüber?

Sie hatte es sehr wohl zur Kenntnis genommen. Für sie war es wichtig, dieses Rätsel zu lösen und sie ahnte, dass es Opa Erich ebenfalls wichtig gewesen war. Sonst hätte er diesen Brief und das Foto nicht so lange aufbewahrt.

Jette nahm den Brief und das Foto zum wohl tausendsten Mal in diesen Tagen in die Hand. Ihre Recherchen in Online-Archiven waren bislang erfolglos geblieben. Weitere Verwandte, die sie hätte befragen können, gab es nicht. Sollte sie …? Etwas in ihr sträubte sich gegen den Gedanken, der ihr gekommen war. So etwas hatte sie noch nie gemacht! Aber allein würde sie nicht mehr weiterkommen. Sie brauchte Hilfe.

Jette legte Brief und Foto auf das Sofapolster und machte mit ihrem Handy ein Foto. Anschließend öffnete sie ihre Social Media Profile und lud das Bild in ihren Feed.

 

 

 

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