11. Dezember

 

Am Fenster drehten sich Papiersterne langsam hin und her. Wenigstens etwas, das noch einigermaßen an früher erinnerte. Renate hatte viele Stunden getüftelt, bis sie aus hellem Papier zwei Sterne geschnitten und gefaltet bekommen hatte, die denen von ihrer Großtante nahekamen. Nach dem verheerenden Luftangriff im Oktober waren auch Agnes und ihre jüngere Schwester evakuiert worden. Sie waren bei einem Bauern nördlich von Goslar untergekommen, wo sie eine kleine Kammer bewohnten. Sie halfen bei allen Arbeiten, die anfielen, und auch wenn die privaten Raumverhältnisse sehr begrenzt waren, hatten sie immerhin ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen. Von ihrer Wohnung in Münster war nichts übrig geblieben außer einem Haufen Steine. Ihre Eltern waren verschüttet worden, Sie selbst, Hänschen und Renate hatten nur überlebt, weil sie unterwegs gewesen waren und am Bahnhof unter einer Treppe Schutz gefunden hatten.

Nun saß Agnes auf ihrer Pritsche in der Kammer und wiegte Hänschen auf dem Schoß. Noch wollte er keinen Schlaf finden. Seine Augen blickten ihr müde entgegen, aber immer, wenn sie zufielen und sein Kopf zur Seite kippte, schreckte er wieder auf.

Von unten aus der Stube drang Gesang zu ihr nach oben. Die Bauernfamilie sang Weihnachtslieder. Stille Nacht. Früher hatte Agnes dieses Lied geliebt. Jetzt versagte ihr die Stimme, als sie versuchte, mitzusingen.

Alles schläft, einsam wacht nur das traute hochheilige Paar.

Wenn es doch nur so gewesen wäre! Aber sie war allein. Sicher, Renate half ihr mit Hänschen so gut sie konnte und glücklicherweise hatte auch die Bäuerin an dem Kleinen einen Narren gefressen. Bis auf ein zusätzliches Pfund auf den Rippen fehlte Hänschen nichts. Doch so sehr ihn alle mit Liebe und Zuneigung überschütteten, sie selbst täuschte es nicht über die bittere Wahrheit hinweg, dass Otto nach wie vor vermisst war.

„Dein erstes Weihnachtsfest hätte anders aussehen müssen“, flüsterte sie ihrem Sohn zu. Es war das erste Weihnachten mit ihm. Und das zweite Weihnachten ohne seinen Vater. Ob Otto der Brief, in dem sie von Hänschens Geburt berichtet hatte, überhaupt erreicht hatte?

Agnes wischte sich eine Träne vom Gesicht. Immer öfter schlich sich der Gedanke ein, dass Otto vielleicht nicht mehr am Leben sein könnte. Natürlich war es auch an ihr nicht vorbeigegangen, dass sich die Geschicke der Deutschen im vergangenen Winter in Russland gewendet hatten. Aber sie konnte den Gedanken nicht zulassen. Dass sie von Otto schon so lange nichts mehr gehört hatte, lag bestimmt woanders begründet. Wenn er in Gefangenschaft geraten war, hatte er keine Möglichkeit zu schreiben. Wahrscheinlich fehlte es auch in Russland an dem Nötigsten. Da gab man Gefangenen kein Papier, um Briefe zu schreiben. Agnes graute es bei der Vorstellung, Otto könnte irgendwo im fernen Russland in einem Gefangenenlager ausharren müssen. Wie die Russen wohl mit ihren Gefangenen umgingen? Zimperlich waren sie sicher nicht. Aber gefangen war immer noch besser als tot, dachte Agnes. Ob Otto das auch so sehen würde? Hatte er noch Hoffnung? Woran klammerte er sich fest, wenn er irgendwo im Osten im Lager auf einem Feldbett lag?

Es klopfte leise an der Tür, die sich kurz darauf öffnete. Ihre Schwester schob sich in die Kammer.

„Schläft Hänschen?“, flüsterte sie.

Agnes schüttelte den Kopf. „Er schreckt immer wieder auf.“

Renate setzte sich neben sie auf die Bettkante und strich Hänschen über den Kopf. „Ich kann dich verstehen. Du willst dein erstes Weihnachtsfest nicht verpassen.“

Hänschen gab ein leises Geräusch von sich und blinzelte.

„Das Abendessen ist gleich bereit“, sagte Renate. „Kommst du dazu?“

Natürlich würde sie kommen. Zwar hatte sie nicht den leisesten Appetit, aber sie konnte dem Weihnachtsessen bei den Bauern nicht fernbleiben. Das wäre mehr als unhöflich gewesen, nach allem, was sie für sie, Hänschen und Renate getan hatten.

„Ich komme gleich.“

„Nimm Hänschen doch mit. Warum soll er allein hier oben liegen? Vielleicht schläft er unten ja viel schneller und ruhiger ein.“

Agnes seufzte. Sie hatte diese Vermutung längst selbst angestellt. Hänschen war daran gewöhnt, dass Menschen um ihn herum waren und wurde unruhig, wenn sie sich weiter als zehn Meter von ihm entfernte. Sie konnte es ihm nachfühlen. Wer war zu diesen Zeiten schon gern allein? Und doch brauchte sie es hin und wieder, hier in aller Stille ihren Sohn in den Schlaf zu wiegen. Es fiel ihr leichter, an Otto zu denken, in Zwiesprache mit ihm zu treten, wenn sie hier war. Unten in der Küche oder draußen auf dem Hof lenkte sie immer die Arbeit ab und manchmal fürchtete sie, sie könnte ihn darüber vergessen.

„Es ist schon das zweite Weihnachten ohne Otto.“

Warum sagte sie das? Renate konnte doch auch nichts daran ändern. Und sie litt doch nicht weniger als sie. Schließlich war es auch das erste Weihnachtsfest ohne ihre Eltern. Sie hatten nur noch einander. Und Hänschen.

„Ich weiß, dass du viel an ihn denkst, wenn du hier oben bist.“

Agnes sah sie überrascht an. „Woher weißt du das?“

„Ich bin deine Schwester. Ich kenne dich.“

„Glaubst du, er lebt noch?“

Renate senkte den Blick und schaute auf ihre Hände. Das war eigentlich Antwort genug. Agnes unterdrückte ein Seufzen. Sie konnte ihrer Schwester keinen Vorwurf machen. Sie wusste selbst, dass es absurd war, an Ottos Rückkehr zu glauben.

Renate legte eine Hand auf Agnes‘ Knie. „Ich wünsche es mir sehr. Für dich, für Hänschen. Und auch für Otto.“

Sie sprach es nicht aus, doch das aber schwang deutlich mit. Agnes hörte ihre Schwester leise schlucken. Renate schüttelte den Kopf.

„Wir feiern Weihnachten, weil Gott uns die Hoffnung geschenkt hat. Sie kommt an den unmöglichsten Orten zur Welt. In einem Stall – oder in einer Dachkammer. Wir dürfen hoffen. Du darfst hoffen.“

Agnes biss die Zähne zusammen und sah angestrengt auf den Papierstern am Fenster. Renate hatte recht, solang der Weihnachtsstern noch leuchtete, war nicht alles verloren. Der Glaube daran gab ihr neue Kraft. Hänschen seufzte leise in ihrem Arm. Er war endlich eingeschlafen. Agnes zeichnete ihm ein Kreuz auf die kleine Stirn und küsste ihn. Sie verlagerte vorsichtig das Gewicht und erhob sich vom Bett, ebenso wie Renate. Agnes hauchte ihrer Schwester einen Kuss auf die Wange.

„Danke! Ich bin froh, dass du bei mir bist!“

 

„Ich auch! Frohe Weihnachten, Agnes.“

 

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