12. Dezember

 

Die Mütze tief in die Stirn und den Schal bis über die Nasenspitze hochgezogen, eilte Jette in die Redaktion. Neben den Außenterminen und der Redaktionsarbeit, die sie heute noch zu erledigen hatte, durfte sie gar nicht daran denken, was ihr noch bevorstand.

„Ah, Jette, guten Morgen. Da bist du ja!“

Merten! So ein Mist! Sie hatte gehofft, dass er sie nicht bemerken würde, so eng wie sie hinter der Tür die Kurve genommen hatte und in das Büro gelaufen war. Aber ihr Chef hatte offenbar auf sie gelauert und er hatte keineswegs vergessen, wovor sie sich nun schon seit Tagen drückte.

„Wie sieht es aus mit deiner Kolumne? Ist sie fertig?“

Jette bohrte ihre Fingerspitzen in das dichte Gewebe ihres Schals. Jetzt bloß nicht die Fassade bröckeln lassen!

„Noch nicht ganz. Aber du bekommst sie bis heute Abend.“

Sie wusste noch nicht wie – am besten wäre es gewesen, wenn zwischen jetzt und heute Abend noch drei Tage gelegen hätten – aber irgendwie musste sie das schaffen. So eine kleine Kolumne, das waren doch bloß ein paar Zeilen. Ein Klacks! Eine Fingerübung!

Jette fing Mertens Blick. Skepsis, es war eindeutig Skepsis, die da in seinen Augen flackerte.

„Sicher?“

Jette lockerte ihre Schal. „Klar! Hab‘ ich dich jemals enttäuscht?“

„Das nicht. Aber du bist seit ein paar Wochen ganz verändert. Seit dein Opa …“ Merten stockte und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Er sah sie betroffen an. Vermutlich hatte er das nicht sagen wollen. Vielleicht war ihm erst nach diesen drei Worten aufgegangen, dass er dabei war einen Fehler zu begehen. Doch es war zu spät. Merten hatte es gesagt und Jettes Gedanken vervollständigten den Satz ohne Weiteres. Seit Opa Erich tot war. Seit dreieinhalb unendlich langen Wochen. Jette schluckte. Sie lockerte den Schal um ihren Hals noch etwas mehr. Obwohl er nur noch lose über ihren Schultern hing, schien er ihr die Luft abzuschnüren.

„Jette.“ Merte streckte etwas unbeholfen die Hand nach ihr aus, zog sie dann aber wieder zurück. „Es tut mir leid, ich wollte nicht …“

Jette schüttelte den Kopf. „Schon gut. Ich mach mich an die Arbeit.“ Sie spürte das Brennen in ihrer Kehle, die heißen Tränen, die ihr in die Augen schossen. Ruckartig drehte sie sich um, lief in ihr Büro und verschanzte sich hinter ihrem Bildschirm. Erst als sie sicher sein konnte, dass Merten zu einem Termin gegangen war, schlich sie in die Küche und goss sich eine Tasse Kaffee auf. Die Hände um die dampfende Tasse gelegt, ging sie auf direktem Weg zu ihrem Schreibtisch zurück und fing an, den Artikel über den Weihnachtsbasar im Rathauskeller zu tippen. Eigentlich eine leichte Arbeit. Sie hatte den Basar gestern besucht, sich Notizen gemacht, O-Töne aufgenommen. Eigentlich musste sie die nur in Reinform bringen. Routine. Doch Jettes Gedanken schweiften immer wieder ab. War es richtig gewesen, dass sie das Foto von Agnes Demme in ihrem Facebook-Profil geteilt hatte? Hatte ihr Onkel nicht vielleicht doch recht gehabt? Wäre es besser gewesen, die alten Dinge nicht mehr aufzuwühlen? Opa Erich war tot. Und Agnes Demme vermutlich auch. Die Kiste mit dem versiegelten Brief und dem Foto war eine schmerzhafte Erinnerung daran, dass Opa Erich manches Geheimnis mit ins Grab genommen hatte. Rätsel, die sie nie würde lösen können. Es war wohl wirklich besser, wenn sie das alles vergas und sich an das hielt, was sie in ihrer ersten Kolumne geschrieben hatte. Nicht in der Trauer versinken, sondern weiterleben.

„Also gut, weiterleben“, murmelte sie und trank einen großen Schluck aus der Kaffeetasse. Der Basar im Rathauskeller ist noch bis zum 23.12. täglich von 10-19 Uhr geöffnet. Jette überflog noch einmal den Artikel. Alle wichtigen Informationen waren drin, sie hatte einen annehmbaren Rahmen gefunden, die Länge stimmte. Keine Glanzleistung, aber das Beste, was sie im Moment liefern konnte. Sie speicherte den Artikel in die Cloud und warf einen Blick auf die Uhr am Bildschirmrand. Verdammt, hatte sie wirklich so lang für diese paar Zeilen gebraucht? In ein paar Minuten musste sie schon los zu ihrem ersten Außentermin. Sie schnappte sich Kamera, Notizblock und Handy, wickelte sich wieder ihren Schal um den Hals und trank den letzten Schluck Kaffee.

Im Bus fand sie einen freien Platz hinter zwei Seniorinnen, die dicke Einkaufstüten auf ihren Schößen hielten. Vielleicht Weihnachtsgeschenke? Oder doch nur der normale Einkauf? Jette schüttelte den Kopf. Dass sie auch immer versuchen musste, hinter allem und jedem eine Geschichte zu finden!

„Stell dir vor, morgen gehe ich mal wieder zur Schule“, sagte die Seniorin, die am Fenster saß.

„Tatsächlich? Was hast du denn da vor?“

„Die Klasse meiner Enkelin hat mich eingeladen. Sie sprechen im Geschichtsunterricht gerade über den Nationalsozialismus und ich darf als Zeitzeugin ihre Fragen beantworten“, erzählte die Frau am Fenster weiter.

„Mensch, das ist ja toll! Dass du dir das noch zutraust“, sagte die Nachbarin.

„Ach, das ist doch schön mit den jungen Leuten zu sprechen. Ich finde das wichtig. Wir sind die letzten, die das noch miterlebt haben, wir müssen darüber sprechen.“

Wieder spürte Jette das Brennen in ihrer Kehle. Die letzte Stunde über hatte sie es geschafft, nicht an Opa Erich und das, was er ihr hinterlassen hatte, zu denken. Nun stieß diese Seniorin unwissentlich in das gleiche Horn. Und hatte sie nicht auch recht? Wenn diese Generation nicht mehr da war, würde niemand mehr aus erster Hand erzählen können, wie es damals gewesen war. War sie nicht unter anderem auch deshalb Journalistin geworden? Um Erzählungen aus erster Hand zu hören? Zu berichten und für die Nachwelt zu bewahren?

„ … die jungen Leute stellen bestimmt auch unangenehme Fragen“, drang die Stimme der Frau am Gang an Jettes Ohr.

„Vermutlich stellen sie die Fragen, die wir uns damals auch hätten stellen sollen. Vielleicht tut es weh, aber wir müssen ihnen gegenüber ehrlich sein, wenn sie aus unseren Fehlern lernen sollen.“

Zu blöd, dass der Bus ausgerechnet jetzt ihre Haltestelle erreichte und Jette aussteigen musste. Sie hätte der Konversation der beiden Damen noch gerne länger zugehört, vielleicht sogar gefragt, ob sie die eine von ihnen morgen zur Schule hätte begleiten dürfen. Stattdessen trat sie auf die Straße und zog ihr Handy hervor. Ein kurzer Blick auf die Straßenkarte zeigte ihr, in welche Richtung sie musste. Während sie die Straße zum Baugebiet entlanglief, ließen die Gedanken an das Gespräch der Seniorinnen sie nicht los. Ob die Schülerinnen und Schüler das Zeitzeugengespräch morgen auch aufnehmen würden, so wie sie früher die Interviews mit Opa Erich? Welche Fragen würden sie stellen? Hatte die Seniorin nicht auch recht gehabt, dass es wichtig war, ihre Erlebnisse zu teilen? Aber was war mit Onkel Markus? Gab es nicht auch gute Gründe, manche Dinge zu verschweigen? Wem war geholfen, wenn sie krampfhaft versuchte, dem Rätsel der alten Feldpost auf den Grund zu gehen? Absender und Adressat lebten beide nicht mehr. War es reiner Egoismus, der sie antrieb? Ging es nur darum, ihre eigene Neugier zu stillen?

In zehn Metern Entfernung sah sie die Baustelle für das neue Stadtarchiv. Sie beschleunigte ihren Schritt. Doch die Stimme in ihrem Kopf konnte sie dadurch nicht übertönen. Du weißt nicht, ob die Adressatin wirklich tot ist. Was, wenn sie noch lebt? 

 

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