13. Dezember

 

Sie hockten eng beieinander. Obwohl kaum jemand von ihnen noch viel auf den Rippen hatte, war es so immer noch wärmer, als wenn sie allein gestanden hätten. Für die Läuse war es so ein Leichtes, vom einen zum anderen zu springen. Aber das taten sie ohnehin. Wenigstens für diese Viecher würde es dieses Weihnachten ein Festmahl geben, dachte Otto und versuchte, sich durch seinen Mantel unter der Achsel zu kratzen. Warum waren sie noch hier? Wo waren sie unter dem Befehl der Offiziere falsch abgebogen? Warum holte sie hier niemand raus? Sie hatten doch Weihnachten längst zuhause sein sollen. Siegreich für Volk und Vaterland. Stattdessen saßen sie hier in Eiseskälte und Dunkelheit. Er schleppte den Hunger wie ein großes Loch im Bauch mit sich herum. Jeden Tag wurde es größer, und Otto fragte sich, ob es so groß werden konnte, dass er irgendwann daran verschwand.

„Das ist also Weihnachten 1942“, murmelte der Soldat neben ihm. Seine Hände umklammerten in Handschuhen das Maschinengewehr auf seinem Schoß. Otto ließ den Blick wandern von den Handschuhen zu dem Mantel des Kameraden. Günthers Mantel. Günther brauchte ihn nicht mehr. Er war schon dort, wo es Licht und Wärme im Überfluss gab, wo keine Läuse die Haut zerbissen und kein Trommelfeuer durch die Luft peitschte. Es mochte eine Woche her sein, dass Günther morgens nicht mehr aufgestanden war. Wie eine Wachsfigur hatte er dagelegen, wie so viele andere vor und nach ihm auch. Otto war es im ersten Moment frevelhaft vorgekommen, als einer der Kameraden Günther den Mantel von den Schultern gezogen und sich selbst umgelegt hatte. Natürlich hatte er schon zuvor gesehen, wie Toten brauchbare Kleidungsstücke abgenommen worden waren. Er selbst trug mittlerweile nicht mehr seine eigenen Handschuhe, sondern die eines Kameraden, der auf dem Weg zur Feldküche erschossen worden war. Aber Günther … Er hatte ihn gemocht. Seine Geschichten von Zuhause, wenn er von seinen Kindern erzählte und die kleinen Zeichnungen zeigte, die sie ihm geschickt hatten.

„Wirst schon sehen, das nächste Weihnachten haben wir Frieden“, hatte er ihm am letzten Abend noch prophezeit. Ob er gewusst hatte, dass er die Nacht nicht überleben würde? Otto hoffte, dass Günther seinen Frieden gefunden hatte. Wie lange würde es noch dauern, bis sie alle ihren Frieden finden würden?

Die Männer um ihn johlten und klatschten. Otto schreckte aus seinen Gedanken auf. Vor ihnen stand Erich und präsentierte mit breitem Lachen eine windschiefe Holzkonstruktion aus Brettern, die am unteren Ende ausladend war und nach oben hin spitz zulief.

„Nur weil wir in Russland sind, müssen wir ja nicht auf einen Weihnachtsbaum verzichten“, sagte Erich in seinem Kölner Singsang.

„Eine echte Kölner Tanne. Die ist einmalig!“, rief jemand.

Zwei andere sprangen auf und machten sich an einem Radio zu schaffen. Kurz darauf hatten sie die Batterie ausgebaut und brachten damit ein paar Glühlampen zum Leuchten. Otto suchte ein paar Strohhalme zusammen und flocht einen Stern, den er an die Baumspitze band.

„Na bitte, das sieht doch fast gemütlich aus“, sagte Erich.

Wann hatten sie das letzte Mal miteinander gelacht? Er wusste es nicht. Aber dieser Weihnachtsbaum ließ sie noch ein Stück enger zusammenrücken. Otto sah das Lächeln auf den verfrorenen Gesichtern seiner Kameraden und ihre Augen glänzten wie Kinderaugen zur Bescherung.

Fritz zog eine Bibel aus der Manteltasche und las die Weihnachtsbotschaft. Otto schloss die Augen. In Gedanken war er weit weg. Zuhause bei seinen Eltern, bei Agnes. Gemeinsam standen sie in der Kirche und lauschten den Worten des Pfarrers. Kerzenlicht, der Duft von Weihrauch. Und die Krippe im Seitenschiff der Kirche, angestrahlt vom Stern von Bethlehem. „Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“

Ein Schauer lief Otto über den Rücken. Fürchtet euch nicht! Konnte die Welt schlecht sein, wenn sie hier zusammensaßen und Weihnachten feierten? So wie ihre Familien in der Heimat? Er dachte an die Orgel, die am Ende der Messe das Stille Nacht einleitete. Ganz genau hatte er im Ohr, wie der Kantor es gestaltete. Nur wenige Register, leise Töne, wie das Säuseln der Engel von fern. Leise, um das Kind in der Krippe nicht zu wecken. Er spürte Agnes‘ Hand in seiner, ihren Blick, und er stimmte in ihren Gesang ein, den er so deutlich hörte, als stünde sie hier neben ihm.

„Stille Nacht, heilige Nacht. Alles schläft, einsam wacht nur das traute hoch heilige Paar. Holder Knabe im lockigen Haar, schlaf in himmlischer Ruh! Schlaf in himmlischer Ruh!“

Seine Kameraden fielen in seinen Gesang ein und bald tönte die zweite und dritte Strophe des Lieds über ihr Nachtlager.

Eine Weile herrschte Schweigen, nachdem das Lied verklungen war. Sie sahen still auf die Lampen an ihrem Weihnachtsbaum.

„Gesegnete Weihnachten euch allen“, sagte Fritz leise. Sie fielen sich in die Arme, drückten einander die Hände. Aus der Feldküche wurden Frikadellen aus Pferdefleisch gebracht und die Offiziere verteilten an jeden ein Stück Schoka-Cola. Woher hatten sie die noch bekommen? In den Genuss von Schokolade waren sie schon so lange nicht mehr gekommen. Otto kaute so lange wie möglich auf der Frikadelle herum, um lange etwas davon zu haben. Als er schließlich die Schokolade auf seine Zunge legte, wartete er einfach nur ab, bis sie schmolz. Der bittere Geschmack breitete sich in seinem Mund aus. Er dachte an seine Eltern, seine Schwestern … Agnes. Was sie wohl heute als Weihnachtsessen haben würden?

In diesem Moment knallte es.

„Deckung!“, brüllte einer der Männer, während sie sich schon zu Boden warfen.

Der ersten Detonation folgte schnell eine zweite und dritte. Danach waren einzelne Einschüsse nicht mehr zu unterscheiden. Das Trommelfeuer dröhnte in seinen Ohren und hüllte ihn ein, bis es nicht anderes mehr gab außer Lärm. Otto umklammerte sein Maschinengewehr, doch er konnte sich nur daran festhalten. Der Lärm raubte ihm jede Kraft und durch die dicken Handschuhe fand er den Abzug nicht. Und was hätte es schon genutzt? Der Russe war erschreckend nah, aber doch zu weit weg, als dass er auch nur einen von ihn mit seinem Gewehr hätte niederstrecken können. Er konnte nur hier liegen und abwarten, dass es vorbeiging. Wenn sie nur nicht noch zusätzlich Flieger einsetzten! Schnee, Eis und gefrorene Erde spritzte vor ihnen auf und hagelte auf sie nieder, doch er spürte die Einschläge kaum noch. Fürchtet euch nicht! Warum fiel ihm jetzt dieser Satz aus dem Weihnachtsevangelium ein? Wann, wenn nicht jetzt, war der richtige Zeitpunkt, sich zu fürchten?

Irgendwann verebbte das Trommelfeuer so plötzlich wie es eingesetzt hatte. Gespenstische Stille legte sich über ihr Lager, durchbrochen von dem Husten einzelner Soldaten und von dem Pfeifen in ihren Ohren.

Da, plötzlich, eine Stimme, die durch Lautsprecher zu ihnen drang.

„Hört auf zu kämpfen!“, schallte es mit hartem russischen Akzent zu ihnen herüber. „Sonst werdet ihr eure Familien nicht wiedersehen! Kommt zu uns! Wir werden euch gut behandeln. Kommt zu uns, dann bekommt ihr eure Briefe.“

Niemand rührte sich. Wie erstarrt lagen sie da, umklammerten ihre Gewehre. Was würden die Offiziere befehlen? Sollten sie sich ergeben? Aber war das überhaupt noch möglich, nach allem, was passiert war? Das konnte doch nur eine Falle sein! Noch einmal rief der Russe, dass sie sich ergeben sollten. „Kommt!“ Doch sie waren unfähig sich zu bewegen.

Ein Räuspern erklang durch den Lautsprecher. „Lieber Walther, wir schicken dir auf diesem Wege herzliche Grüße und wünschen dir von Herzen gesegnete Weihnachten. Möge der Stern von Bethlehem auch für dich leuchten. Uns geht es gut, wir beten für dich. Alles Liebe, Mutti und Vati.“

Hinter sich hörte Otto einen Kameraden aufschluchzen.

 

 

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