14. Dezember

 

Der Kopf des Streichholzes leuchtete auf, als sie es an der Schachtel entlang zog. Für einen Moment schien die Flamme riesengroß zu werden, doch sie schrumpfte sogleich wieder zusammen und Agnes führte das Streichholz an den Kerzendocht. Dritter Advent. Noch eine Woche bis zum heiligen Abend, den die Kinder so sehnsüchtig erwarteten. Durch das Küchenfenster konnte sie in den Hof sehen, wo die Kinder aus den umliegenden Häusern im Schnee herumtollten. Hans zog Frieda auf dem Schlitten, während Hermann mit den Nachbarskindern eine ganze Schneemannfamilie baute. Drei standen bereits zwischen den Teppichstangen, für einen vierten Schneemann lagen schon Stöcke bereit. Hermann rollte eine immer größer werdende Schneekugel über den Hof. Beinahe war sie so groß wie er selbst.

Agnes huschte ein Lächeln übers Gesicht. Wie glücklich die Kinder waren! So unbeschwert. Sie gab ihr Bestes, um besonders den beiden Kleinen eine unbeschwerte Kindheit zu ermöglichen. Frieda und Hermann sollten es besser haben als Hans in dem Alter. Wie schnell aus ihrem Hänschen ein großer Hans geworden war. In ein paar Monaten würde er schon dreizehn Jahre alt werden. Je älter er wurde, desto ähnlicher wurde er seinem Vater.

Agnes hielt sich am Küchenschrank fest, als der Schmerz ihr unwillkürlich ins Herz fuhr. So viele Jahre waren vergangen, aber sie konnte Otto nicht vergessen. Wie oft war sie zu den Anschlagstafeln an öffentlichen Plätzen, beim Roten Kreuz oder an Kirchen gepilgert und hatte nach ihm gesucht? Wie viele Suchanzeigen hatte sie schon aufgegeben? Nie hatte sie Antwort bekommen. Weder von Otto, noch von sonst jemandem, der vielleicht etwas über ihn gewusst hätte. Nach ihrer Evakuierung hatte sie auch den Kontakt zu seinen Eltern verloren und ihn nach dem Krieg nicht wiedergefunden. Hätte es Hänschen nicht gegeben, hätte sie vielleicht irgendwann geglaubt, dass es Otto und seine Familie nie gegeben hatte. Aber Hans lebte. Er hatte die kargen Kriegsjahre und die Hungerwinter überstanden und war nun ein kräftiger Junge, der sie unterstützte, wo es ging, und ihr mit seinem schulischen Fleiß Freude machte. Und er liebte seine beiden Geschwister. Agnes beobachtete, wie Hans Frieda vom Schlitten hob und durch die Luft wirbelte. Friedas Zöpfe flogen und sie lachte laut. Hermann kam angelaufen und wurde von seinem großen Bruder mit der gleichen Behandlung begrüßt. Als Hans noch Hänschen gewesen war, hatte sie ihn auch immer so im Kreis gewirbelt. Wie schön, dass er es jetzt mit Frieda und Hermann genauso machte. Sie selbst hatte es nicht gekonnt. Agnes stellte seufzend den Wasserkessel auf den Herd. Sie liebte ihre beiden jüngeren Kinder. Niemals hätte sie die beiden eingetauscht. Und doch konnte sie weder mit Frieda noch mit Hermann so umgehen wie mit Hans. War sie ihnen eine schlechtere Mutter als Hans? Vor fünf Jahren, als Frieda geboren worden war, hatte sie sich gefreut, ein gesundes Mädchen bekommen zu haben. Sie hatte Frieda im Arm gehalten, gewusst, dass dieses Kind zu ihr gehörte. Aber die Dankbarkeit und Bewunderung für dieses neue Leben, das sie nach Hänschens Geburt empfunden hatte, war ausgeblieben, obwohl sie lang danach gesucht hatte. Bei Hermann ein Jahr später war es nicht anders gewesen. Während sie zu Hans immer diese direkte Verbindung spürte, musste sie sich bei Frieda und Hermann hin und wieder daran erinnern, dass es wirklich ihre Kinder waren. Immer wieder hatte sie das Gefühl, den beiden nicht gerecht zu werden. Frieda und Hermann konnten schließlich nichts dafür, dass sie nicht Ottos Kinder waren. Mit ihrem Vater Ludger war sie nun schon sechs Jahre verheiratet. Und gewiss, er war gut zu ihr. Er hatte Hans wie seinen eigenen Sohn angenommen und war ihm wie Frieda und Hermann ein guter Vater. Agnes hatte gelernt, ihn zu lieben. Ludger hatte es ihr leicht gemacht, ihn zu mögen. Er hatte sie nach ihrer Arbeit in der Schreibstube angesprochen, nachdem er seine Lohntüte abgeholt hatte. Ludger war charmant gewesen, war es immer noch. Er hatte ihr bei Reparaturarbeiten geholfen, sie und Hänschen ins Café eingeladen. Ihm bei den Hausaufgaben geholfen, ihr einige Fahrstunden gegeben. Sein Antrag hatte sie nicht überrascht. Dennoch hatte sie kurz gezögert, bis sie ihn angenommen hatte. Ein Ja zu Ludger hatte bedeutet, sich von Otto verabschieden zu müssen. Agnes hatte Ludger gegenüber nie ein Geheimnis aus ihrer Liebe zu Otto gemacht und er hatte das akzeptiert. Eine Zeit lang hatte er sie sogar begleitet, wenn sie sich wieder auf die Suche gemacht hatte. Bis die Suchanzeigen immer weniger geworden und schließlich fast verschwunden waren. Trotzdem schämte Agnes sich, dass sie immer an Otto dachte, wenn Ludger sie im Bett berührte. In ihren stillen Gebeten vertraute sie sich der Gottesmutter an. Dem Pfarrer konnte sie ihre Gedanken ja schlecht mitteilen. Beichtgeheimnis hin oder her.

Das Pfeifen des Kessels riss sie aus ihren Gedanken. Sie nahm den Kessel vom Herd und goss Tee für die Kinder auf. Während sich der Pfefferminzgeruch in der Küche ausbreitete, trug sie den Adventskranz ins Wohnzimmer und stellte das Sonntagsgeschirr auf den Tisch. Ludger lächelte ihr entgegen und erhob sich aus seinem Lesesessel.

Schritte erklangen vom Treppenhaus und kurz darauf wurde an die Tür geklopft.

„Mutti, Hans hat Frieda und mich durch die Luft gewirbelt“, rief Hermann und seine roten Kältebäckchen leuchteten mit seinen Augen um die Wette.

„Das habe ich gesehen, war es schön?“ Agnes nahm ihrem Sohn lächelnd die Mütze ab und half ihm aus der Jacke.

„Oh ja! Am liebsten möchte ich nochmal!“

„Später. Jetzt gibt es erstmal einen heißen Tee.“

Sie begleitete die Kinder ins Badezimmer und hängte die feuchten Jacken über der Badewanne zum Trocknen auf. Kaum hatten Frieda und Hermann ihre Hände gewaschen, stürmten sie mit lauten „Vati, Vati“-Rufen ins Wohnzimmer.

„Holst du den Tee aus der Küche, Hans? Ich muss im Wohnzimmer noch den Tisch decken.“

Hans nickte. Im Wohnzimmer musste Agnes jedoch feststellen, dass Ludger das Geschirr bereits verteilt hatte. Ihr blieb nur noch, den Teller mit dem selbstgebackenen Spekulatius dazuzustellen.

„Wie gut du wieder für uns sorgst“, sagte Ludger und half Hermann auf den Stuhl.

„Das ist doch nicht viel“, wehrte sie ab. Wenn er gewusst hätte, woran sie eben gedacht hatte!

„Es sind die kleinen Dinge.“

Ludger lächelte sie an und sah sich verschmitzt nach links und rechts zu den Kindern um. Hinter seinem Rücken zauberte er eine Tafel Schokolade hervor. Ihre Lieblingssorte! Wann hatte er die denn besorgt?

„Für dich! Einen schönen dritten Advent!“

Womit hatte sie so viel Güte nur verdient? Sie legte die Schokolade auf den Tisch und umarmte ihren Mann. Sie hielt ihn länger fest als sonst. Es waren die kleinen Dinge, hatte er gerade gesagt. So viele kleine Dinge hatte er ihr schon getan. Ludger wollte nur ihr Bestes, hatte sie nie zu etwas gezwungen und er hatte ihr zwei wunderbare Kinder geschenkt.

Aus seiner Westentasche holte er nun auch noch drei kleinere Tafeln Schokolade für Hans, Frieda und Hermann hervor. Der Jubel bei den Kindern war groß. 

„Danke, Vati, du bist der Beste!“, rief Frieda und fuhr sich schon mit der Zunge über die Lippen. Agnes konnte nicht anders, sie musste ihrer Tochter zustimmen. Ludger war der Beste, der ihr passieren konnte. War es nicht an der Zeit, dieses Geschenk endlich von Herzen anzunehmen und sich aufrichtig zu freuen?

 

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