15. Dezember

 

Durch die Dunkelheit hallte das Lachen der russischen Soldaten zu ihnen herüber. Nach jedem Brief, den sie aus der gestohlenen Feldpost verlasen, forderten sie Otto und seine Kameraden dazu auf, aufzugeben.

„Wir werden euch gut behandeln“, drang es wieder durch den Lautsprecher. Doch noch immer rührte sich keiner von ihnen. Sie hielten ihre Gewehre fest umklammert und bissen die Zähne zusammen.

„Lieber Günther, von ganzem Herzen wünschen wir dir gesegnete Weihnachten. Wir hoffen, es geht dir gut und du erfreust deine Kameraden an diesem Weihnachtsfest mit deinem Gesang. Deine kräftige Stimme beim Oh du fröhliche wird uns sehr fehlen. Wir beten für dich, in Liebe, Anna. Lieber Vati, hoffentlich kommt das Christkind auch zu dir! Damit du zur Weihnacht auch ein bisschen von unserer Krippe hast, haben wir den Weihnachtsengel für dich gemalt. Wir vermissen dich! Martin und Wolfgang.“

Otto öffnete den Mund und zwang sich, die kalte Luft einzuatmen. Viele seiner Kameraden um ihn herum weinten bereits. Er wollte keine Träne vergießen. Was würde das denn nützen?

„Günther, Vati! Komm zu uns, ergib dich“, rief ein russischer Soldat. „Dann kannst du Martin und Wolfgang und deine Anna bald wiedersehen!“

Mit aller Kraft versuchte Otto, sich gegen die wachsende Verzweiflung und die aufsteigenden Tränen zu wehren. Und wenn die Russen noch zehnmal nach Günther riefen. Er würde sich nicht ergeben. Günther würde Anna und seine Kinder nie wieder sehen. Zumindest nicht in dieser Welt. Ob er wohl überlebt hätte, wenn der Brief ihn erreicht hätte? Hätte Günther länger gegen die Kälte gekämpft? Hätten die Worte und Bilder aus der Heimat ihn wärmen können?

Hätte… wäre … Es war müßig, darüber nachzudenken. Günther war tot und keine Kapitulation der Welt würde ihn seiner Familie zurückbringen können. Sie könnten höchstens ihr eigenes Leben noch retten. Aber bestand wirklich Hoffnung für sie? Würde der Russe Wort halten und sie wirklich verschonen? Warum sollte er das plötzlich tun? Etwa weil Weihnachten war? Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Nein, in den letzten Wochen und Monaten war zu viel passiert. Zu viel Blut vergossen, zu viele Grausamkeiten. Der Russe konnte unmöglich nun einfach alles vergessen. Ob sie sich ergaben oder nicht. Nach Hause würden sie mit Sicherheit nicht geschickt werden.

„Geliebter Otto.“

Er erstarrte. Nein, bitte nicht!

„So lang habe ich schon nichts mehr von dir gehört. Doch ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass das ein gutes Zeichen ist. Du denkst sicherlich jeden Tag genauso an mich wie ich an dich. Ich weiß, dass du in Russland einen wichtigen Dienst für unser Land erbringst. Bitte bleib gesund, denn auch hier bei uns wirst du bald gebraucht werden.“

Er versuchte, sich Agnes‘ Stimme vorzustellen. Wie hätte es geklungen, wenn sie die Worte ausgesprochen hätte? Doch so sehr Otto sich auch bemühte, der harte russische Akzent und das Scheppern des Lautsprechers übertönte jede Erinnerung an Agnes‘ sanfte Stimme. Vielleicht war ja der Brief auch gar nicht von Agnes. Er war in der Kompanie nicht der einzige Otto gewesen. Was für ein kläglicher Versuch, den Inhalt des Briefes nicht zu nah an sich heranzulassen! Selbst wenn es nicht die Stimme seiner Verlobten war, ihre Wortwahl war doch unverkennbar. Es war seine Agnes, die da schrieb, und deren Worte der fremde Soldat in den Mund nahm.

„Noch vor Ostern wird unser erstes Kind zur Welt kommen. Wie gerne hätte ich es dir persönlich gesagt, nun ist dir diese Nachricht hoffentlich die schönste Weihnachtsfreude. Geliebter Otto, ich wünsche dir frohe Weihnachten und sende dir all meine Gedanken und Gebete. Möge der Herr dich auf deinen Wegen führen. Bis wir uns wiedersehen, bleibe ich immer deine Agnes.“

Otto krallte die Finger um den Gewehrlauf, doch das Zittern, das seinen Körper schüttelte, konnte er dadurch nicht aufhalten. Er schloss die Augen. Agnes! Sie erwartete ein Kind. Sein Kind! Es war kaum zu fassen. Wie gern hätte er sie nun in den Arm genommen, festgehalten, geküsst, ihre Wangen und ihren Bauch gestreichelt. Ob man schon viel sah? Er streckte seine Hände aus – nur um auf die kalte Realität aus steinhart gefrorenem Boden zu stoßen. Agnes war weit weg. Sein Herz zog sich zusammen und ihm blieb die Luft weg. Wie lang würde es noch dauern, bis er sie wiedersehen durfte? War es nicht vielleicht doch das Beste, wenn er sich ergab? Vielleicht bestand nur wenig Hoffnung, dass die Russen ihn wirklich gut behandelten oder gar nach Hause schickten. Zu Agnes und dem Kind. Aber wie viel Hoffnung bestand, wenn er hier liegen blieb?

Eine Hand legte sich auf seine Schulter.

„Deine Agnes schreibt ja wie in einem Roman. Glückwunsch, mein Freund. Das klingt so, als ob du alles richtig gemacht hättest“, hörte er Erich neben sich flüstern.

„Ich sollte bei ihr sein“, erwiderte er. Erst als er seine eigene dünne Stimme hörte, bemerkte er, dass er nun doch zu weinen begonnen hatte.

„Das wirst du. Schon bald. Ganz bestimmt. Und zu Ostern wirst du euer Kind in die Kirche zur Taufe tragen.“

Otto schloss die Augen und versuchte, sich vorzustellen, was Erich ihm erzählte. Ob Agnes wieder das Kleid tragen würde, das sie im Frühjahr getragen hatte? Es war so wunderschön und hätte gut zu der Taufe ihres Kindes gepasst.

Durch den Lautsprecher wurde ein weiterer Brief verlesen, doch Otto hörte nicht mehr zu. Was hätte er darum gegeben, den Brief von Agnes in Händen halten und wieder und wieder lesen zu können. Was hatte sie geschrieben? Geliebter Otto, und dann?

Warum hatte er nur versucht, die Worte auszublenden, zu hoffen, dass die Worte nicht für ihn bestimmt waren? Nun waren sie verstummt und er würde sie nie wieder hören. Der Russe dort drüben am anderen Ende der Dunkelheit würde den Brief nicht noch einmal vorlesen. Worum hatte Agnes ihn gebeten? Bitte bleib gesund. Ja, so hatte sie geschrieben. Das waren ihre Worte gewesen. Und irgendetwas vom Dienst hatte sie geschrieben. Den genauen Wortlaut erinnerte er nicht mehr. Doch diesen einen Satz würde er nicht vergessen. Er hatte sich tief in ihn eingebrannt. Noch vor Ostern wird unser erstes Kind zur Welt kommen. Unser Kind! Agnes‘ und sein Kind. 

Er musste ihr schreiben. Gleich morgen!