16. Dezember

 

Aus der Küche strömte schon der Geruch von frisch gebackenen Plätzchen. Frank sog den Duft nach Zimt und Nüssen durch die Nase und half seiner Großmutter aus dem Mantel.

„Oh, das riecht aber gut. Hier wird doch nicht etwa gebacken?“

Agnes stützte sich auf ihren Rollator und sah sich um. Sie schien etwas orientierungslos. Frank hängte den Mantel an den Haken und seine Jacke daneben und führte Agnes in die Küche. Florian stach am Küchentisch Zimtsterne aus und verteilte sie auf einem Backblech. Felicitas bestrich die gebackenen Kekse mit Zuckerguss.

„Hallo, Uroma Agnes!“, rief sie und winkte mit dem Pinsel.

„Hallo, Frieda!“

Frank fing den irritierten Blick seiner Tochter und bedeutete ihr mit einer Handbewegung, keine Fragen zu stellen. Agnes war wieder einmal in alten Zeiten abgetaucht. Die Erinnerung an seine Kinder hatte sie verloren.

„Ihr seid aber fleißig! Da wird der Papa sich freuen, wenn er nach Hause kommt“, sagte Agnes mit einem Blick auf die Zimtsterne.

„Er ist schon da! Er sitzt im Wohnzimmer“, sagte Florian.

Ein Lächeln huschte über Franks Gesicht. Sein Sohn spielte das Spiel wunderbar mit, auch wenn dadurch sämtliche Verwandtschaftsverhältnisse auf den Kopf gestellt wurden. Schließlich war es nicht Ludger, der Vater von seiner Tante Frieda und seinem Onkel Hermann, der im Wohnzimmer saß, sondern sein eigener Vater.

Agnes wackelte ins Wohnzimmer. „Hans, da bist du ja!“

Frank beobachtete, wie sein Vater sich vom Sofa erhob und Agnes umarmte. Je älter sie wurden, desto inniger schien die Beziehung der beiden zueinander zu werden. Wie oft hatte er schon bemerkt, wie besonders Agnes‘ Liebe zu ihrem erstgeborenen Sohn war? Selbst im Alter war sie immer um ihn besorgt, trug ihm auf, auf sich aufzupassen und sich auf jeden Fall bei ihr zu melden, wenn er nach einem Besuch bei ihr wieder zuhause war. Das hatte sie von Frieda und Hermann nie verlangt, wenn Frank sich richtig erinnerte. Dabei liebte sie auch ihre beiden jüngeren Kinder, wie sich auch nun wieder zeigte.

„Warum hast du Frieda und Hermann denn in der Küche allein gelassen? Sie könnten sich doch wehtun.“

„Mach dir keine Sorgen, Mutti. Die beiden sind schon groß! Und sie haben mich rausgeschickt, sie wollen eine Überraschung für uns vorbereiten.“

Hans nahm seine Mutter bei der Hand und führte sie zum Sofa, wo Franks Frau Ines ihr eins der Sofakissen zurechtrückte.

„Also gut, dann trinken wir nun Kaffee“, sagte Agnes lachend, sobald sie saß.  

Ines schenkte Kaffee ein und reichte den Teller mit Spritzgebäck herum.

„Herrlich“, sagte Hans. „Ich liebe Spritzgebäck! Besonders mit Schokolade und Mandeln.“

„Das hast du von deinem Vater“, sagte Agnes. „Lass ihm also etwas übrig. Er müsste ja bald kommen.“

Ines sah Frank an. Der Vorwurf stand unausgesprochen in ihren Augen. Ich habe es dir doch gesagt! Ja, hatte sie. Schon bei ihrem letzten Besuch war Agnes in die Vergangenheit abgetaucht und hatte nicht mehr gewusst, dass Otto nicht wiederkommen würde. Dummerweise hatte er damals versucht, seiner Großmutter diesen Umstand zu erklären. Agnes hatte ihn nicht verstanden, hatte geweint und immer wieder nach Otto gerufen. Frank machte sich noch immer Vorwürfe, dass er so unbedacht reagiert hatte. Diesen Fehler würde er nicht noch einmal begehen. Zum Glück war jetzt auch Hans hier. Wenn er in der Nähe war, war Agnes meist ruhiger.

„Er kommt bestimmt bald“, versicherte Hans. „Bestimmt möchte er noch einen Anzug fertig nähen. Du weißt ja, wie er ist!“

Agnes lachte und verschüttete etwas Kaffee. „Oh ja. Er ist so fleißig. Er kann Dinge nicht halbfertig liegen lassen. Aber das muss wohl so sein. Wenn er bald die Schneiderei übernehmen soll, muss er hart arbeiten.“

Der Keks zwischen Franks Fingern zerkrümelte in mikroskopisch kleine Teilchen und fiel auf den Wohnzimmerteppich. Mist! Oma Agnes hatte wirklich nicht mehr auf dem Schirm, was wann passiert war. Zwar erkannte sie Hans als ihren und Ottos Sohn. Aber soweit er wusste, hatte Otto doch schon vor Hans‘ Geburt davon gesprochen, dass er eines Tages das Geschäft seines Meisters übernehmen sollte. Wozu es ja nie gekommen war, weil Otto nie aus Russland zurückgekehrt war. Frank hatte nur Ludger, Agnes‘ späteren Mann, kennengelernt. Für ihn war Ludger sein Opa gewesen, bis zu seinem Tod vor über zehn Jahren. Von ihm sprach Oma Agnes kaum noch. Eigentlich gar nicht, wenn er genau darüber nachdachte. Konnte es sein, dass sie den Mann, mit dem sie immerhin 58 Jahre verheiratet gewesen war, vergessen hatte? Nicht, dass er eifersüchtig gewesen wäre. Aber in Momenten wie diesen fragte er sich schon, ob Ludger Agnes jemals so viel bedeutet hatte wie Otto. Er würde es nie erfahren. Und wer war er auch, dass er sich das Recht herausnahm, die Ehe seiner Großmutter in Frage zu stellen? Es waren damals ganz andere Zeiten gewesen. Frank hatte auch nie den Eindruck gehabt, dass Agnes und Ludger unglücklich miteinander gewesen wären. Aber das mit Otto musste trotzdem etwas Besonderes gewesen sein. Ihm fiel der Feueralarm neulich im Altenheim ein. Sah er seinem leiblichen Großvater so ähnlich? Es gab nur ein Foto von Otto. Agnes trug es seit über siebzig Jahren in ihrem Gesangbuch mit sich. Frank hatte es nur ein paarmal kurz gesehen und keine besondere Ähnlichkeit zwischen Otto und sich selbst feststellen können.

„Nun ist es aber wirklich schon spät. So lang kann Otto doch nicht arbeiten wollen. An einem Sonntag noch dazu!“

„Ja, das ist wirklich seltsam“, sagte Hans. „Aber dann kann ich wohl noch ein bisschen mehr Spritzgebäck essen.“

Franks Vater griff nach einem Keks, doch Agnes schlug ihm auf die Finger.

„Untersteh dich! Vati hat bestimmt nur die Zeit vergessen. Komm, zieh dich an.“

Frank tauschte verwunderte Blicke mit Ines und auch Hans sah seine Mutter irritiert an.

„Was hast du vor, Mutti?“

„Wir gehen zum Geschäft. Vati wird sich freuen, wenn wir ihn besuchen und ihm ein paar Weihnachtsplätzchen vorbeibringen. Hilfst du Frieda und Hermann beim Anziehen? Ich pack rasch das Spritzgebäck für Otto ein.“

Ehe Frank oder jemand anderes sie daran hindern konnte, hatte Agnes sich den Teller mit dem übrigen Spritzgebäck geschnappt und ließ die Kekse in ihrer Handtasche verschwinden. Die Weihnachtsserviette legte sie oben auf. Sie erhob sich mit ungeahnter Leichtigkeit von der Couch und schob mit ihrem Rollator durch das Wohnzimmer Richtung Flur.

Frank, Ines und Hans sahen ihr verblüfft hinterher.

„Kinder, wo bleibt ihr denn?“, rief Agnes aus dem Flur.

Frank sah seinen Vater hilflos an. Was sollten sie jetzt nur machen? Agnes konnte doch unmöglich zu Fuß zur Schneiderei laufen wollen. Abgesehen davon, dass das Geschäft bestimmt schon seit Jahren nicht mehr existierte, wäre es aberwitzig gewesen, bis nach Münster zu laufen. Hans zuckte mit den Schultern.

„Machen wir halt einen Spaziergang.“

„Das ist doch absurd. Was wollt ihr Agnes denn erzählen? Wo wollt ihr denn hin?“, fragte Ines.

Frank wiederholte die Geste seines Vaters. Er hatte doch auch keine Ahnung. Agnes hatte inzwischen Felicitas und Florian in der Küche aufgescheucht und dazu überredet, ihre Winterjacken anzuziehen.

„Papa, wir sind noch nicht fertig mit backen“, maulte Felicitas.

„Wo will Uroma Agnes denn hin?“, fragte Florian.

Die beiden machten große Augen, als Frank ihnen erklärte, was Agnes sich in den Kopf gesetzt hatte.

„Aber Otto lebt doch schon gar nicht mehr“, widersprach Felicitas leise.

„Ja.“ Frank seufzte. „Bis Münster sind es 80 Kilometer. Hoffentlich müssen wir nicht ganz so weit laufen, bis ihr das wieder einfällt.“

Seine Tochter sah ihn entsetzt an und Frank konnte nur sie zu gut verstehen. Wohin sollte das noch führen?

 

 

 

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