17. Dezember

 

Der Wind zog durch die Ritzen der Bretterwand und heulte zwischen den Stockbetten. Erich fröstelte und zog seinen Mantel noch enger um sich. Mittlerweile bestand er mehr aus Flicken als aus durchgehendem Stoff. Aber es war immer noch besser als nichts. Eine Lage mehr Stoff, an der er sich festklammern konnte. Ein Textil mehr, das Läuse beherbergen konnte, fügte er in Gedanken bitter hinzu. Es half nichts. Er würde seine Kleidung wieder waschen müssen. Ihm schauderte allein bei dem Gedanken, sich bei dieser Kälte bis auf die Haut ausziehen zu müssen. Er würde sich vermutlich den Tod holen.

Ob so oder so war auch schon egal. Es war immerhin den Versuch wert. Er hatte ja gesehen, was mit denen passiert war, die sich aus Angst vor der Kälte geweigert hatten, ihre Kleidung auszuziehen. Einer nach dem anderen waren sie am Fleckfieber elendig verreckt. Erich schüttelte sich. Nein, er hatte nicht Kälte, Trommelfeuer und Angst überlebt, um jetzt hier an Fleckfieber zu sterben. Dann doch lieber frieren und die Läuseeier von den Kleidern suchen.

Er warf einen flüchtigen Blick auf den Spalt zwischen Pfeiler und Wand, wo er den Brief versteckt hatte. Seit drei Jahren hatte er ihn nun schon erfolgreich verwahrt. Jeden Marsch, jede Kontrolle durch die Aufseher hatte der Brief überstanden, und Erich hatte die feste Absicht, ihn auch weiterhin vor jedem Schaden zu bewahren. Er hatte es versprochen.

Er wandte den Blick wieder ab. Nur nicht zu lang hinsehen, bevor noch jemand misstrauisch wurde! Erich konzentrierte sich auf die Zwiebeln in der Kiste vor sich. Seit Wochen war er schon hier im Lager im Einsatz. Sortierte Zwiebeln von einer Kiste in die nächste. Wie Aschenputtel, dachte er auch jetzt wieder. Nur, dass er alles selbst tun musste. Keine Hilfe von Tauben. Von magischen Bäumen, von denen es Wundergaben regnete, ganz zu schweigen.

Tagein, tagaus saß er hier mit den anderen Gefangenen und untersuchte die gelagerten Zwiebeln auf schadhafte Stellen. Verdorbene Zwiebeln wurden aussortiert. Die Grenze zwischen verdorben und ungenießbar zogen er und seine Mitgefangenen jedoch schon lang nicht mehr. Was nicht mehr mit den guten Zwiebeln gelagert werden konnte, war immer noch gut genug, um es selbst zu essen. Natürlich war das verboten, und man musste genau aufpassen, ob man es wagen konnte, eine der aussortierten Knollen heimlich einzustecken. Erich freute sich immer, wenn es ihm gelang, eine Zwiebel in die Baracke zu schmuggeln, in der er mit den anderen schlief. Auch wenn er sich regelmäßig den Magen daran verdarb, war auch eine verdorbene Zwiebel immerhin eine Ergänzung zu der kargen Kost, die sie bekamen. Genauso wie die verschrumpelten Kartoffeln, die sie roh aßen.

Ob es zuhause mehr zu essen gab? Oder hungerten sie in Deutschland genauso wie er und die anderen Gefangenen hier in Russland? Er konnte nur hoffen, dass es ihnen besser ging. Seinen Eltern, seinen Brüdern. Ob sie überhaupt noch lebten? Seit über drei Jahren hatte er nichts mehr von ihnen gehört. Gefangene bekamen keine Feldpost. Er selbst bekam auch keine Gelegenheit zu schreiben. Und was hätte er auch schreiben sollen? Die Wahrheit? Unmöglich! Seine Mutter hätte einen Herzanfall bekommen, wenn sie gewusst hätte, wie er hier lebte.

Erich presste eine verdorbene Zwiebel in seiner Faust zusammen. Sie zerfiel zwischen seinen Fingern beinahe zu Staub und rieselte auf den Boden. Er sollte besser aufhören, an zuhause zu denken. Es brachte doch ohnehin nichts. Drei endlose Jahre war er nun schon in Gefangenschaft. Die Hoffnung, jemals wieder nach Hause zurückzukehren, seine Familie wiederzusehen, schwand mit jedem Tag und mit jedem Gefangenen, der neben ihm starb. Vielleicht hatte er bislang einfach nur Glück gehabt. Aber der Tag würde kommen. Irgendwann würde er eine Laus übersehen, einer verdorbenen Zwiebel, der Kälte oder der Erschöpfung zum Opfer fallen. Der Tod hatte hier so viel bessere Chancen als das Leben.

„Fertig?“

Erich zuckte zusammen, als der Aufseher hinter ihm stand und ihn aus seinen Gedanken riss. Schnell legte er die letzte Zwiebel in die Kiste und nickte. Der Soldat, der heute auf sie aufpasste, war eigentlich in Ordnung. Er kontrollierte nicht immer jede Tasche jedes einzelnen Gefangenen. Aber Erich wollte ihm doch lieber keinen Anlass geben, zu demonstrieren, dass er mit seinem Gewehr umgehen konnte. Der Soldat nickte ihm zu und führte ihn mit den anderen nach draußen.

„Morgen letztes Mal“, sagte er. „Dann fertig.“

Keine Erleichterung, keine Freude. Es war nicht die schlimmste Arbeit, die sie hier hatten verrichten müssen. Monoton zwar, aber sie hielt beschäftigt. Und was würde übermorgen sein? Wenn sie nicht mehr im Zwiebellager arbeiten sollten. Wohin würde es dann gehen? Ob man sie wieder auf einen Marsch quer durchs Land schickte?

Erichs Herz schlug schneller. Er musste an den Brief denken! Auf keinen Fall durfte er ihn hier zurücklassen. Er musste morgen einen günstigen Moment abpassen und ihn aus dem Versteck holen.

Ihm sank jedoch der Mut, als am nächsten Tag ein anderer Soldat die Aufsicht führte. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger blieb er die ganze Zeit im Lager und lief mit Gewehr im Anschlag an den Gefangenen entlang. Erich spürte seine Blicke im Rücken, während er eine Zwiebel nach der nächsten untersuchte. Er hatte keinen Zweifel daran, dass der Aufseher sein Gewehr einsetzen würde, wenn er etwas tat, was nichts mit dem Sortieren von Zwiebeln zu tun hatte. Aber er musste den Brief aus dem Versteck holen, ehe der Arbeitseinsatz hier endete.

Immer wieder schielte er nach links und rechts. Irgendwann musste der Aufseher doch einmal austreten oder wenigstens den Blick abwenden. Erich drehte eine Zwiebel besonders lange zwischen den Fingern hin und her. Die spröde Oberfläche der gelben Schale rieb gegen die Haut seiner Handinnenfläche.

Ein Stoß an der Schulter und er stolperte nach vorne.

„Arbeiten“, knurrte der Aufseher.

Erich bis die Zähne zusammen. Nun hatte er seinen Bewacher erst recht auf sich aufmerksam gemacht. Er würde ihn noch intensiver im Blick behalten. Er zwang sich, nur auf die Zwiebelkiste vor sich zu sehen, doch seine Gedanken kreisten allein um den Brief. Er war nur einen halben Meter von ihm entfernt. Wenn er den Arm ausstreckte, hätte er das Papier mit zwei Fingern schon aus der Nische ziehen können. Aber er hatte den Arm nicht auszustrecken. Sein Radius war auf die dreißig Zentimeter vor sich begrenzt.

Wie spät war es eigentlich? Wie viel Zeit blieb ihm noch? Unwillkürlich wanderte sein Blick wieder zu der Nische und zurück zu den Zwiebeln. Warum kümmerte er sich bloß so sehr um einen mehr als drei Jahre alten Brief? Er hätte ihn doch einfach hier zurücklassen können. Das würde ihm vermutlich eine Menge Ärger ersparen.

Die Bilder tauchten so plötzlich vor seinem inneren Auge auf, dass er zusammenzuckte. Otto neben ihm, wie sie im schummrigen Licht einer Laterne ihre Briefe schrieben. Ihm selbst war nicht viel eingefallen. Nichts, was er auch wirklich hätte schreiben können. Seinem Kameraden waren die Worte dafür nur so aus den Fingern geflossen und seine Augen hatten beinahe heller geleuchtet als die Laterne. Der Schmerz darüber, dass die Russen ihre Feldpost abgefangen und laut vorgelesen hatten, war bei Otto rasch der Freude darüber gewichen, dass seine Verlobte ein Kind erwartete. In den folgenden Tagen hatte Erich trotz aller Aussichtslosigkeit neue Hoffnung in den Augen seines Kameraden gesehen. Und doch hatte er nicht verhindern können …

Erich schüttelte den Kopf. Er hatte es versprochen. Er würde diesen Platz nicht ohne Ottos Brief verlassen. Als er die nächste Zwiebel aus dem Kasten nahm, streifte er den Rand. Polternd fiel der Kasten vom Tisch und die Zwiebeln rollten über den Boden.

Mit einem Satz war der Aufseher bei ihm und zog ihm den Gewehrlauf über den Kopf. Die Haut an seiner Stirn platzte sofort auf und Blut lief ihm ins Auge.

„Idiot!“, brüllte er Erich an und befahl ihm, die Zwiebeln wieder aufzusammeln. Erich spürte das Blut in seiner Stirn pulsieren und es rauschte in seinen Ohren. Als er die Knollen wieder eingesammelt hatte und sich beim Aufrichten an der Wand abstützte, musste er nicht einmal so tun, als sei ihm schwindelig. Mit zitternden Fingern tastete er nach dem Spalt.

Das Blut verschleierte seinen Blick, als er wieder am Tisch stand und aufs Neue die Arbeit aufnahm. Aber für einen kurzen Moment stahl sich dennoch ein Lächeln auf sein Gesicht. In seinem Jackenärmel drückte sich Ottos Brief an seine Haut.

 

  

 

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