18. Dezember

 

Wie automatisch glitt Jettes Hand in die Tüte. Ihre Finger suchten nach einem Keks, wurden jedoch nicht fündig. Sie stutzte. Um Himmels willen! Sie hatte in der letzten Stunde tatsächlich eine ganze Tüte Spekulatius gefuttert. Wie hatte sie das nicht bemerken können?

„ … woran hast du gedacht, als du in Russland warst?“, hörte sie ihre eigene Stimme von der Kassette.

Jette konnte schon nicht mehr zählen, wie oft sie sich die Aufnahmen in den letzten Tagen angehört hatte. Sie konnte die Worte fast schon mitsprechen. Zwar schmerzte es, Opa Erichs Stimme zu hören, aber sie konnte die Kassetten nicht wieder wegschließen. In der vergangenen Woche hatte sie ihre Kolumne erst schreiben können, nachdem sie eines der Interviews mit ihrem Großvater angehört hatte.

Sie hoffte, dass es heute auch gelingen würde. Opa Erichs Räuspern erklang vom Band und ein Knacken. Jette erinnerte sich, dass es damals auch Advent gewesen war, als sie dieses Interview mit ihm geführt hatte. Sie hatten einen Teller mit Nüssen zwischen sich gehabt. Sie selbst hatte mit leichtem Druck Erdnussschalen geknackt. Opa Erich hatte den alten schweren Nussknacker in den Händen gehalten, mit dem er Haselnüsse geknackt hatte. Doch dieses Knacken, daran erinnerte Jette sich noch ganz genau, war von einer Walnuss gekommen. Die hatte Opa Erich mit bloßen Händen geknackt. Erst jetzt fiel ihr ein, dass das Nüsseknacken damals womöglich eine Art Ablenkung gewesen war. Etwas, womit Opa Erich sich hatte beschäftigen können, während sie ihn förmlich dazu gezwungen hatte, ihr von früher zu erzählen.

„Ehrlich gesagt, habe ich nicht viel gedacht. Immer nur von einem Moment zum nächsten.“

„Hattest du nicht Heimweh?“

Wie unschuldig ihre Stimme geklungen hatte!

„Doch natürlich. Aber wenn man so lange so weit weg ist von zuhause, ist es besser nicht so viel daran zu denken. Es macht dich wahnsinnig. Wir hatten ja kaum Aussicht, jemals wieder nach Hause zu kommen.“

„Ich bin froh, dass du es schließlich doch geschafft hast“, hörte Jette ihr jüngeres Ich sagen, woraufhin Opa Erichs Lachen erklang.

„Ich auch, das kannst du mal glauben.“

Klick. Das Band war zu Ende und Jette fand sich in der Realität ihres Wohnzimmers wieder. Die leere Spekulatiustüte, die Kiste mit den Kassetten und neben ihr auf dem Sofa das Tablet, das sich mittlerweile in den Energiesparmodus versetzt hatte.

Morgen früh erwartete Merten den dritten Teil ihrer Kolumne. Diesmal wollte sie ihn nicht hinhalten. In ihr regte sich ein Gefühl, das von Ideen zeugte. Doch sie konnte noch nicht richtig den Finger darauf legen. Jette stand auf und lief durchs Wohnzimmer. Sie zerknüllte die leere Tüte und trug sie in die Küche zum Mülleimer. Ihr Blick fiel auf den Adventskalender, den ihre beste Freundin ihr jedes Jahr schickte. Der heutige Text war mit dem Wort „Erwartung“ übertitelt. Sie hatte den Text noch gar nicht gelesen. Jetzt überflog sie die Zeilen und mit jedem Wort festigte sich ihr Gefühl in der Magengegend. Jette nickte, als ob sie außer sich selbst noch jemand anderem bestätigen musste, dass sie nun wusste, worüber sie schreiben sollte.

Zurück im Wohnzimmer schaltete sie das Tablet wieder an und öffnete die Textverarbeitung.

Zwischen Hoffnung und Erwartung. Sie war sich nicht sicher, ob es bei diesem Titel bleiben würde, aber es war das Thema, unter dem sie schreiben wollte. Plötzlich fiel ihr so viel mehr ein als in all den Tagen zuvor. Ehe sie sich es versah, hatte sie anderthalb Seiten geschrieben. Natürlich viel zu viel für eine Kolumne. Sie würde mehr als die Hälfte wieder streichen müssen. Weihnachten war eine Gradwanderung zwischen Hoffnung und Erwartung. Der Messias wurde erwartet. Aber niemand wusste genau, wann und wo er erscheinen sollte. Aber alle hofften, dass es bald sein würde. Maria erwartete ein Kind. Ob sie trotz der überfüllten Herbergen guter Hoffnung gewesen war, dass alles gut ausgehen würde? Als Kind hatten ihr Bruder und sie das Christkind erwartet und jedes Jahr aufs Neue gehofft, dass es diesmal klappen würde. Hatte es natürlich nie, und irgendwann waren sie darauf gekommen, dass es das Christkind in dem Sinne gar nicht gab. Das Berufsleben, der Alltag – alles war erfüllt von Erwartungen. Dass man pünktlich zur Arbeit kam, dass man seinen Job machte, dass man sich an Verkehrsregeln hielt und dass im Supermarkt noch ausreichend frisches Gemüse vorrätig war, wenn man es erst abends schaffte, einzukaufen. Alles Erwartungen, die ihr Leben prägten. Und doch kam keine dieser Erwartungen ohne die Hoffnung aus.

Hoffnung, einen guten Job zu machen, Hoffnung, heile ans Ziel zu kommen, Hoffnung, vielleicht nicht allzu lang an der Kasse warten zu müssen.

„Die Erwartung ist die Schale. Doch im Kern liegt die Hoffnung zugrunde.“

War das zu kitschig? Jettes Finger schwebte über der Backspace-Taste. Nein, das sollte Merten morgen entscheiden. Diesen letzten Satz würde sie stehen lassen. Lieber einen der Vergleiche weiter oben löschen.

Jette speicherte den Text ab, streckte die Beine und legte das Tablet zur Seite. Sie liebte es, wenn die Worte nur so flossen. Es waren die Momente, in denen es ihr leichtfiel zu glauben, dass sie mit ihrer Berufswahl richtig gelegen hatte. Interviews machten Spaß und Recherche war gut und schön. Aber letztendlich war es doch das Schreiben, das ihr am meisten lag.

Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, wie das Display des Tablets kurz aufleuchtete. Sie zog es zu sich heran und balancierte es auf ihrem Knie. Eine Nachricht bei Facebook. Wer konnte das sein? Mit den meisten ihrer Freunde und Bekannte nutzte sie inzwischen andere Messengerdienste. Ob das wohl …? Nein, das war absurd! Jettes Puls beschleunigte sich. Sie setzte sich kerzengerade auf und öffnete die App. Erwartung und Hoffnung. Das Foto von Agnes Demme, das sie gepostet hatte, war von über fünfzig ihrer Facebook-Freunde geteilt worden. Gab es Grund zur Hoffnung, dass ihre Suche nun von Erfolg gekrönt sein konnte?

Nachrichtenanfrage von Frank Böttcher. Jettes Hand zitterte, als sie die Anfrage bestätigte und die Nachricht sich öffnete.

„Hallo Jette, ich habe das Foto aus deinem Aufruf wiedererkannt. Es stand früher im Schlafzimmer meiner Eltern auf der Wäschekommode. Die Frau auf dem Bild ist meine Großmutter Agnes als junge Frau. Allerdings heißt sie nicht mehr Demme. Das war ihr Mädchenname. Woher hast du dieses Bild und warum bist du auf der Suche nach meiner Großmutter? Beste Grüße, Frank Böttcher.“

Jettes Herz raste in ihrer Brust und ihr war ein wenig übel. Hier war die Nachricht, auf die sie schon gar nicht mehr zu hoffen gewagt hatte. Agnes Demme war kein Phantom aus der Erinnerung ihres Großvaters. Sie hatte Familie. Wenn sie ihren Enkel, diesen Frank Böttcher, in seiner Nachricht richtig verstand, lebte sie sogar noch. Für den Bruchteil einer Sekunde durchzuckte Jette der Gedanke, dass es keinen Beweis dafür gab, dass Frank Böttcher die Wahrheit schrieb. Aber diesen Gedanken verwarf sie sofort. Sie spürte, dass er sie nicht auf den Arm nahm. Als sie sah, dass er noch immer online war, schrieb sie zurück.