19. Dezember

 

Sie sah ihn schon von weitem. Er kam die Straße aus der Stadt direkt auf den Park zugelaufen. Noch waren nicht alle Gebäude wieder aufgebaut, an den Straßenecken lagen noch Trümmerberge, auf denen Kinder herumkletterten. Er ließ sich davon nicht beeindrucken, er beschleunigte seine Schritte sogar noch. Sein Haar hätte schon vor längerem dringend einer Schere bedurft, es war fast schon unverschämt lang. Ein paar Locken kräuselten sich in seiner Stirn. Mit jedem Schritt, den er näherkam, wurde das Lachen auf seinem Gesicht breiter. Und dann endlich war er da. Die letzten Meter bis zum Parktor rannte er.

„Otto!“

Sie fiel ihm um den Hals, er packte sie an den Hüften und wirbelte sie einmal im Kreis. Er drückte seine Lippen auf ihre und küsste sie, wie er sie noch nie geküsst hatte. Agnes schloss die Augen, gab sich ihm hin und fühlte seine weichen Locken zwischen ihren Fingern. Niemals sollte dieser Moment enden. So lange hatte sie auf ihn verzichten müssen, nun würde sie ihn nie wieder loslassen. Immer und immer wieder drückte er sie an sich, fuhr mit seinen Händen über ihre Wangen, ihren Hals. Längst hatten sich Strähnen aus ihrem Zopf gelöst und der Anstand hätte es geboten, ihre Frisur schnellstens wieder in Ordnung zu bringen. Aber das war ihr egal. Es war eigentlich auch nicht anständig, hier mitten im Park zu stehen, und Otto in aller Öffentlichkeit auf diese Weise zu küssen. Aber er war endlich wieder da. Warum sollte die Welt nicht sehen, wie glücklich sie waren?

Irgendwann lockerte Otto seine Umarmung, hielt ihre Schultern fest umklammert und sah ihr tief in die Augen.

„Ich habe dich so vermisst.“

„Ich dich auch. Jeden Tag habe ich gezählt.“

Sie sah die Träne in seinem Auge glitzern und fuhr mit dem Finger darüber. Er küsste sie von ihrer Fingerspitze. Dann fiel sein Blick auf den kleinen Jungen, der neben ihr stand und die Szene stumm beobachtet hatte. Er ging in die Knie und sah den Jungen fast ein bisschen schüchtern an.

„Ist er das?“

Agnes nickte. „Ja, das ist unser Hänschen.“

„Du hast ihn Hans getauft?“

„Ja, nach deinem Vater.“

Otto hielt Hänschen die ausgestreckte Hand entgegen. „Hallo Hänschen, ich freue mich sehr, dich kennenzulernen.“

Hänschen musterte ihn einen Moment lang und sah Agnes fragend an. Sie nickte und Hänschen ergriff Ottos Hand.

 

Die Sonne strahlte zwischen dem grünen Laub der Bäume hindurch und warf ein warmes Licht auf die Wiesen. Ein paar Strahlen brachen sich glitzernd im Wasser des Sees. Es war, als würde der Himmel seinen Segen zu ihrem großen Tag dazugeben. Vor vier Jahren hatte er sie gefragt und sie hatte ja gesagt. Vier endlos lange Jahre hatte sie auf ihn gewartet, gehofft und gebetet, dass er zurückkommen würde. Das Wunder war geschehen. Er war wieder da. Sie konnte ihr Glück immer noch kaum fassen. Jeden Morgen, noch bevor sie die Augen aufschlug, dachte sie als erstes an ihn. Doch im Unterschied zu all den vergangenen Jahren, wusste sie nun, dass die Zeit des Wartens vorbei war. Gerade eben hatte sie ihr Ja wiederholt. Vor Gottes Angesicht, vor ihren Familien.

„Was Gott zusammengeführt hat, das soll der Mensch nicht trennen“, hatte der Pfarrer gesagt, als er die Stola um ihre Hände gelegt hatte.

Nein, nichts würde sie mehr auseinanderbringen. Sie würden heute, morgen und alle nächsten Tage gemeinsam leben.

Agnes sah an sich hinab. Otto hatte sich selbst übertroffen und ihr ein wunderschönes Kleid aus Fallschirmseide genäht.  Es schmiegte sich an ihre Hüften und floss bis zu ihren Knöcheln hinab. Sie vollführte eine sanfte Drehung und der Stoff flog in grazilen Schwüngen um sie herum. Ihr Herz war so leicht und wäre bestimmt davongeflogen, wenn es nicht fest in ihrer Brust gesessen hätte.

Hänschen sah in seinem neuen Anzug aus wie eine Miniaturausgabe seines Vaters. Otto hatte ihm seinen Hochzeitsanzug in Kindergröße nachgeschneidert. Ihr Sohn lief über die Wiese auf das Rosenbeet zu. Agnes folgte ihm mit ihren Blicken. Wie gut es war, dass Hänschen nun endlich seinen Vater hatte. Und sie ihren Mann. Otto stand auf der anderen Seite des Rosenbeets und lächelte ihr entgegen. Sie verlor sich in dem Strahlen seiner Augen. Er sah ebenso glücklich aus wie sie sich fühlte. Wie schön er war!

„Komm!“, rief er ihr zu. Er breitete die Arme aus, als wollte er nicht nur sie, sondern gleich die ganze Welt umarmen.

Sie raffte ihr Kleid ein wenig und lief den Weg um das Beet herum auf Otto zu.

„Komm schon! Ich warte auf dich!“

„Ich komme!“, rief sie.

Der Schotter knirschte unter ihren Füßen. Aus den Augenwinkeln sah sie Hänschen noch immer über die Wiese laufen. Plötzlich stolpert er und fiel der Länge nach ins Rosenbeet. Er heulte auf. Agnes zuckte zusammen und änderte die Richtung, lief zu ihrem Sohn. Eine Schramme zog sich über seine Stirn und seine Hände waren schmutzig von der Erde. Ein paar Dornen steckten in seinen Handflächen.

„Psst, ganz ruhig. Das sieht schlimmer aus als es ist“, sprach sie ihm ruhig zu, streichelte ihm über den Kopf und pustete auf die geschundenen Hände. Sie sah auf, über das Rosenbeet hinweg. – Otto war verschwunden!

„Otto?“ Wo war er nur? Er hatte doch noch eben dort gestanden?

„Otto!“

Doch so laut sie auch rief. Otto tauchte nicht wieder auf.

 

„Otto! Otto!“

Der Kopf der alten Frau flog auf dem Kissen hektisch hin und her und sie schlug mit den Armen um sich. Die Pflegerin durchschritt den Raum und beugte sich über ihr Bett. Beinahe hätte eine Armbewegung der Träumenden ihr eine Ohrfeige verpasst, doch sie konnte im letzten Moment noch ausweichen.

„Frau Böttcher, wachen Sie auf!“

Sie rüttelte die Frau sanft an der Schulter. „Frau Böttcher!“

In den Augen der Alten stand blankes Entsetzen. Was hatte sie nur geträumt?

„Wo ist Otto?“, fragte sie gehetzt. Ihr Blick irrte orientierungslos im Zimmer umher.

„Es ist alles in Ordnung, Frau Böttcher. Regen Sie sich nicht auf.“

Die Pflegerin legte ihr beruhigend die Hand auf die faltige Hand und half ihr, sich aufzurichten. Langsam beruhigte die Frau sich, atmete tiefer. Die Pflegerin reichte ihr ein Glas Wasser.

„Trinken Sie einen Schluck, das wird ihnen guttun!“

Die alte Frau trank gehorsam und tatsächlich klärte sich ihr Blick nach einer Weile.

„Ich habe von meinem Otto geträumt“, sagte sie und kam der Pflegerin auf einmal viel jünger vor. Das Haar war weiß und das Gesicht von Falten durchzogen. Doch ihr Blick war der eine Zwanzigjährigen.

„Sobald er wieder da ist, werden wir heiraten!“ Sie lächelte verschmitzt.

Die Pflegerin erwiderte das Lächeln. „Das freut mich zu hören, Frau Böttcher. Wollen Sie dann aufstehen und sich waschen?“

Sie nickte. „Ja, das werde ich wohl. Ich kann ja nicht im Bett liegen, wenn mein Otto kommt. Er hat versprochen, dass er bald kommt und mich abholt.“

 Die Pflegerin zuckte zusammen. Wusste diese alte Frau mehr als sie und die Ärzte mit ihrem medizinischen Fachwissen ahnen konnten?

 

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