2. Dezember

 

Agnes nahm die alte Zigarrenkiste aus der Schublade und stellte sie auf die Fensterbank neben die Krippe. Maria, Josef und die Hirten mit ihren Schafen standen alle schon auf ihren Plätzen. Jetzt fehlten nur noch die Sterne, die sie an der Gardinenstange über der Krippe aufhängen würde. Agnes schob den Deckel der Kiste zurück und nahm den ersten Stern heraus. Er war aus hellem, hauchdünnem Papier gefaltet. Agnes konnte sich noch gut daran erinnern, wie ihre Großtante früher diese Sterne gebastelt hatte. Sie hatte jedes Mal fasziniert daneben gestanden und gestaunt, wie man eine so filigrane Arbeit leisten konnte. Ihr selbst war es nie geglückt, obwohl ihre Großtante ihr es oft erklärt hatte. Umso mehr hüteten Agnes und ihre Mutter nun die Sterne, die ihre Großtante ihnen vererbt hatte.

Der erste Stern hing nun direkt über den Hirten und Agnes griff nach dem zweiten. Als sie ihn aufhob, fiel etwas auf den Boden. Agnes legte den Stern zurück in die Kiste und bückte sich. Auf den Dielen neben dem alten Sessel lag ein gepresstes Rosenblatt. Wie war das nur zwischen die Weihnachtssterne gekommen?

Agnes nahm das Blatt auf und strich mit den Fingern über die etwas raue Oberfläche. Im April war es noch samtig weich gewesen. Damals, als Otto ihr die Rose überreicht hatte. Ihre Gedanken wanderten zurück an jenen Tag. Es kam ihr vor, als sei es erst gestern gewesen.

 

Sie sog die Frühlingsluft tief in ihre Lungen ein. Nach einer Woche Dauerregen, zeigte der April sich heute endlich einmal von seiner schönen Seite und verwöhnte sie mit blauem Himmel und warmen Sonnenstrahlen. Trotzdem hütete Agnes sich davor, ihren Mantel zu weit zu öffnen oder gar ihr Tuch zu lockern. Ehe man sich’s versah, konnte man sich bei diesem Wetter etwas wegholen, und das war das Letzte, was sie gebrauchen konnte. Ihr Chef hatte ihr erst heute wieder gesagt, wie froh er war, dass sie ihn so tatkräftig unterstützte. Jetzt, da die eine Kollegin zum Arbeitsdienst abkommandiert und die andere Kollegin schwanger war. Eine Taube gurrte über ihr im Baum und Agnes schob die Gedanken an ihre Arbeit weit von sich. Für heute hatte sie Feierabend, und den würde sie mit Otto verbringen.

Wie immer waren sie am Parktor verabredet. Agnes bog um die letzte Straßenecke und sah Otto von der gegenüberliegenden Seite auf das Tor zulaufen. Sie lächelte. Bislang waren sie immer gleichzeitig am Treffpunkt angelangt.

Agnes flog Otto um den Hals und er wirbelte sie einmal im Kreis herum und drückte ihr gleichzeitig einen Kuss auf die Stirn.

„Wie schön dich zu sehen!“

Er nahm ihre Hand und gemeinsam schlenderten sie durch das Tor. Otto fragte sie nach ihren vergangenen Arbeitstagen und wie es ihren Eltern und ihrer Schwester ging.

„Und wie sieht es bei dir aus?“, erkundigte sie sich, nachdem sie erzählt hatte.

Otto strahlte. „Erstaunlich gut. Trotz des Krieges kommen die Leute immer noch und bestellen Anzüge und Mäntel. Es gibt genug zu tun …“

„Euer Haus hat ja auch einen ausgezeichneten Ruf!“

Schon bevor sie Otto kennengelernt hatte, war Agnes der Name des Herrenschneiders August ein Begriff gewesen. Praktisch jeder Mann, der in der Stadt etwas auf sich hielt und es sich leisten konnte, gab dort Anzüge in Auftrag. Otto hatte das große Glück gehabt, seine Ausbildung bei dem Schneidermeister machen zu dürfen und war nun als Geselle bei ihm angestellt.

„Ich gebe mein Bestes, um diesem Ruf gerecht zu werden“, sagte Otto. „Schließlich habe ich große Pläne.“

Agnes sah ihn neugierig an. „Was hast du vor?“

„Ich möchte bald meinen Meister machen. Der Chef möchte in den nächsten Jahren kürzertreten. Er hat mir damals während meiner Ausbildung schon gesagt, dass ich der letzte Lehrling sei, den er ausbilde. Wenn ich den Meistertitel habe, könnte ich langfristig das Geschäft übernehmen.“

Ottos Augen leuchteten, während er davon berichtete. Agnes konnte es ihm nachempfinden. Sie wusste, wie sehr er seinen Beruf liebte und wie ambitioniert er war. Für Otto gab es kein Mauscheln – jede Naht musste korrekt sein, jeder Schnitt perfekt sitzen.

„Das sind ja wunderbare Neuigkeiten! Ich freue mich so für dich.“ Agnes küsste ihn auf die Wange und Otto wurde sogleich ernst.

Vor dem Rosenbeet blieb er stehen und sah Agnes tief in die Augen.

„Das hat aber auch für uns Konsequenzen“, sagte er. „Die Meisterprüfung wird nicht leicht und ich werde mich sehr gut vorbereiten müssen. So lange werden wir mit der Hochzeit noch warten müssen.“

Agnes lachte. „Du hast mir noch nicht einmal einen Antrag gemacht.“

Otto schwieg für einen Augenblick. „Das stimmt“, gestand er. „Nun gut, eigentlich hatte ich das anders geplant. Aber ich könnte ja schon einmal üben.“

Er knipste eine Rose von einem der Rosensträucher, trat nah an Agnes heran und sah ihr tief in die Augen.

„Liebste Agnes, würdest du meine Frau werden wollen?“

 

Agnes hielt das Rosenblatt so fest an ihre Brust gedrückt, wie damals die Rose. Sie spürte Ottos Lippen noch auf ihren. Ohne zu zögern hatte sie im April Ja gesagt. Tagelang war sie wie auf Wolken geschwebt. Ihre Eltern hatten sich mit ihr gefreut, sie hatten Otto ohnehin schon lang als Schwiegersohn auserkoren. Die Zeit, die Otto für seinen Meister brauchen würde, war Agnes gern bereit gewesen zu warten.

Doch nur zwei Wochen später hatte Otto sie nicht wie sonst ausgelassen am Parktor erwartet. Mit ernster Miene hatte er ihr den Brief gezeigt. Agnes hatte ihn gar nicht erst lesen brauchen. Ottos Gesicht hatte genug gesagt.

„Ich muss an die Front.“

Wenige Tage später hatte er sich bereits zu melden gehabt. Agnes hätte ihn am liebsten festgehalten und war drauf und dran gewesen, mit Otto zu fliehen. Aber wohin hätten sie gehen können? Der Krieg hatte vor keiner Region, keinem Land, Halt gemacht. Und wenn man sie erwischt hätte, wären sie beide standrechtlich erschossen worden.

„Hätten wir es doch bloß versucht“, murmelte Agnes, das Rosenblatt noch immer an sich gepresst. Vielleicht wären sie ja doch irgendwo untergekommen. Und wenn nicht, wären sie wenigstens zusammen gestorben. Im Juni hatte sie einen Brief von Otto aus Russland erhalten und sie hatte direkt geantwortet. Doch seit jenem Brief war keine Nachricht mehr gekommen. Ob Otto ihren Brief überhaupt erhalten hatte? Wusste er, welche Folgen ihr letzter gemeinsamer Tag gehabt hatte?

„Zu Weihnachten bin ich wieder bei dir“, hatte er ihr beim Abschied gesagt. Auch in seinem Brief war der Satz gefallen. Als ob er wahr würde, wenn man ihn nur oft genug wiederholte!

Wenn es so wäre, hätte Otto schon längst wieder hier vor ihr stehen müssen. Aber Weihnachten stand kurz bevor und nichts deutete darauf hin, dass mit dem Christkind auch ihr Otto vor der Tür stehen würde. Natürlich kannte Agnes die Nachrichten des englischen Senders. Es lief in Russland längst nicht mehr so, wie der Führer es ihnen glauben machen wollte.

Agnes legte behutsam das Rosenblatt zurück in die Schachtel und nahm den Papierstern auf. Als schließlich alle Sterne über der Krippe hingen, sah es so aus wie jedes Jahr. Aber der Schein trog und konnte sie nicht darüber hinwegtäuschen, dass nichts so war, wie es sein sollte.

Agnes zündete eine Kerze an und stellte sie zwischen die Hirten. Vielleicht würde das Licht ja nicht nur ihnen den Weg zur Krippe zeigen.

 

 

 

 

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