20. Dezember

 

Frank konnte es noch immer nicht glauben. Die junge Journalistin aus Köln hatte tatsächlich zurückgeschrieben. Nun las er ihre Nachricht zum wiederholten Mal und konnte doch nur immer wieder mit dem Kopf schütteln. Klar, er hatte auch schon öfter gehört, dass über so und so viele Ecken bei Facebook jeder irgendwie mit jedem befreundet war und man so früher oder später theoretisch jeden Inhalt hätte sehen können. Vermutlich war es nicht völlig unwahrscheinlich gewesen, dass der geteilte Aufruf eines ehemaligen Klassenkameraden in seine Timeline gespült worden war. Aber war es Zufall gewesen, dass er ausgerechnet an diesem Tag das Netzwerk geöffnet und durch die Beiträge gescrollt hatte? So oft war er gar nicht online. Er nutzte Facebook nur, um mit alten Schulfreunden in Kontakt zu bleiben. Selbst postete er nie etwas. Zunächst hatte er dem Bild keine große Beachtung geschenkt. Frank hatte das Gefühl, als würden mittlerweile hauptsächlich Werbung oder kurze Clips von Fernsehsendungen gepostet. Dauernd gab es kurze Beiträge, die an die Zeit des zweiten Weltkriegs erinnerten, Zitate von Widerstandskämpfern oder Überlebenden – alles immer hinterlegt mit schwarz-weiß Fotografien. Wenn man nur schnell genug durch den Feed scrollte, sah eines aus wie das andere.

Doch dann hatten seine Augen den Namen Agnes gestreift und er hatte dem Foto doch einen zweiten Blick geschenkt. Es hatte ihn eiskalt erwischt. Er hatte das Bild schon lang nicht mehr gesehen und dennoch eindeutig wiedererkannt. Seine Großmutter 1941 vor dem Paulus-Dom in Münster.

„Frank, kommst du essen?“

Er schreckte auf und sah Ines verwirrt an. „Wie bitte?“

Seine Frau lachte. „Was ist denn los? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen. Ich wollte dir bloß Bescheid geben, dass das Abendessen fertig ist.“

„Ach so, ja danke. Ich komme gleich.“

Ines beugte sich über seine Schulter und sah auf den Computerbildschirm.

„Jette Winter? Wer ist denn das? Verheimlichst du mir etwas?“, fragte Ines. Frank hörte das Schmunzeln in ihrer Stimme. Sie glaubte nicht ernsthaft daran, dass er eine Affäre hatte, mit der er über Facebook Nachrichten austauschte.

„Das wirst du nicht glauben. Ich habe gestern das alte Foto von Oma Agnes hier bei Facebook gesehen. Jette Winter ist auf der Suche nach ihr.“

Er öffnete Jettes Aufruf in einem neuen Fenster.

Wer kennt Agnes Demme? Im Nachlass meines Großvaters habe ich dieses Foto gefunden und einen Brief, adressiert an Agnes Demme. Leider hat mein Großvater nie von ihr erzählt. Vielleicht kennt ihr jemanden, der wen kennt, die wen kennt – der weiß, wer Agnes ist?

Ines zog die Stirn kraus. „Das ist ja verrückt. Glaubst du, dieser Großvater war Otto?“

Frank richtete sich auf. Ein kalter Schauer jagte ihm über den Rücken. Daran hatte er noch gar nicht gedacht. Aber das konnte er sich nicht vorstellen. So wie Agnes immer von Otto gesprochen hatte, glaubte er nicht, dass Otto heimlich aus Russland zurückgekehrt und woanders mit einer anderen Frau eine Familie gegründet hatte. Nur um über siebzig Jahre später einen Brief an Agnes zu hinterlassen.

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Aber vielleicht ist der Brief von Otto.“

Frank klickte zurück in die Nachricht von Jette.

„Hallo Frank – ich hoffe, es ist okay, dass ich du sage? – Vielen Dank für deine Nachricht. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass sich wirklich jemand meldet, der Agnes Demme kennt. Wenn ich dich richtig verstanden habe, lebt sie noch. Wo lebt sie? Wohnst du in ihrer Nähe? Ich würde mich sehr freuen, mehr zu erfahren. Vielleicht ist es sogar möglich, den Brief an sie persönlich zu überbringen? Beste Grüße, Jette.“

Frank klickte in das Nachrichtenfeld und tippte seine Antwort. Als er sie abgeschickt hatte, legte Ines ihre Hand auf seine Schulter.

„Dann komm, lass uns essen. Diese Jette wird auch ein bisschen Zeit zum Antworten benötigen.“

Doch Ines irrte sich. Kaum war Frank aufgestanden und aus dem Arbeitszimmer auf den Flur getreten, erklang ein Geräusch aus den Lautsprechern des Computers und rief ihn zurück. Frank machte auf dem Absatz kehrt und starrte auf die neue Nachricht von Jette.

„Ich weiß nicht, von wem der Brief ist. Er ist verschlossen und ich habe ihn noch nicht geöffnet.“

Da sollte nochmal jemand sagen, dass Journalisten ihre Neugier nicht zügeln konnten! Wenn er diesen Brief gehabt hätte, hätte er ihn nicht so lange liegen lassen können. Konnte er Jette bitten, ihn zu öffnen? Nur, um sicher zu gehen, dass der Brief auch wirklich für seine Großmutter bestimmt war? Aber konnte es da noch einen Zweifel geben? Schließlich hatte Jette auch das passende Foto. Frank dachte an die Ereignisse der letzten Tage. Mit Agnes waren er, sein Vater und die Kinder eine halbe Stunde durch die Nachbarschaft gelaufen, ehe sie Agnes davon hatten überzeugen können, dass es doch besser wäre, zuhause auf Otto zu warten. Am Altenheim angekommen, hatte Agnes nicht mehr gewusst, wohin sie unterwegs gewesen war. Ob es klug war, die alte Frau in ihrem Zustand noch mit den alten Geschichten zu behelligen? Welche Wunden würde es aufreißen, wenn der Brief, den Jette gefunden hatte, tatsächlich von Otto stammte?

„Papaaaaa! Wir wollen essen“, hörte Frank seinen Sohn aus der Küche rufen.

„Ich komme“, rief er, beugte sich aber noch einmal über die Tastatur und tippte eine kurze Nachricht. „Können wir später vielleicht telefonieren?“

Er hatte sich gerade eine zweite Portion Lasagne auf seinen Teller gehäuft, als das Telefon klingelte. Ines verdrehte die Augen und Felicitas und Florian stöhnten unisono auf. Seine Familie hasste es wie die Pest, wenn sie beim Essen durchs Telefon gestört wurden. Frank ließ die Gabel sinken und sah seine Familie entschuldigend an. Vielleicht wäre es besser gewesen, Jette nach ihrer Telefonnummer zu fragen, anstatt ihr einfach seine zu geben.

Das Telefon läutete bereits zum dritten Mal. Frank stand auf und nahm im Wohnzimmer das Gespräch entgegen. Doch es war nicht Jette, die sich meldete, sondern sein Vater.

„Papa, was ist los? Wir essen gerade.“

„Entschuldige, ich wollte euch nicht stören. Ich hatte gerade einen Anruf vom Altenheim.“

Nein! Nicht das!

Franks Kehle wurde trocken, Schweiß bildete sich in seinen Handflächen und sein Herz begann zu rasen.

„Die Pflegerin erzählte mir, dass Mutti anders ist als noch vor ein paar Tagen.“

Sein Puls beruhigte sich etwas. Die schlimmste Befürchtung hatte sich noch nicht bestätigt.

„Sie ist manchmal so klar wie schon lange nicht mehr. Und sie macht merkwürdige Andeutungen. Gestern Morgen hat sie wohl davon erzählt, dass Otto bald kommen und sie holen wird.“

Die Stimme seines Vaters würde dünn. „Die Pflegerin sagte, sie wolle den Teufel nicht an die Wand malen, aber …“

Frank nickte. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein alter Mensch besser über seinen nahen Tod Bescheid wusste als Angehörige oder Pflegende. Aber sie durfte nicht sterben. Nicht jetzt, wo es doch vielleicht endlich eine Spur von Otto gab.

 Hoffentlich meldete Jette sich bald! 

 

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