21. Dezember

 

Erich stellte den Kohleneimer neben der Tür ab und streifte die Schuhe von den Füßen. Er schlüpfte in die Filzpantoffeln, die der Vermieter ihm überlassen hatte, und trug den Eimer zu dem kleinen Ofen in der gegenüberliegenden Ecke des Zimmers. Seit er vor ein paar Monaten hier eingezogen war, hatte es sich nur geringfügig verändert. Ein Tisch, zwei Stühle, ein schmales Bett und eine kleine Kommode für seine Kleidung. Mehr als er die letzten zwölf Jahre besessen hatte. Es kam Erich noch immer seltsam vor, so viel Platz und Eigentum nur für sich zu haben. Natürlich war er froh, nicht mehr in Russland zu sein. Trotzdem fühlte er sich noch immer wie ein Gefangener. Dieses Zimmer, obwohl gar nicht so weit entfernt von seiner früheren elterlichen Wohnung, war noch immer kein Zuhause. Er kannte seine Stadt nicht wieder. Die wiedererrichteten Häuser hatten das Straßenbild, das er kannte, verändert. Oder erinnerte er sich nur nicht mehr richtig? Die Menschen gingen ihren Geschäften und Beschäftigungen nach, schienen genau zu wissen, wohin sie wollten. Immer wieder passierte es Erich, dass er beim Wandern durch die Straßen stehenblieb und einfach nur zusah, wie die Leute an ihm vorbeihasteten. Oft wusste er später nicht mehr, wie viel Zeit er so zugebracht hatte. So viele Jahre hatte sein Alltag aus militärischem Drill, strenger Überwachung und monotoner Arbeit bestanden. Er wusste nicht mehr, wie Leben funktionierte. Im Straflager hatte er gewusst, was zu tun war, wenn er überleben wollte.

Ihm entfuhr ein bitteres Lachen, das von den Wänden seines Zimmers widerhallte. Hatte es sich gelohnt? Auf den alten Tapeten hoben sich dunkle rechteckige Flecken aus dem Muster ab. Frühere Bewohner hatten hier Fotografien hängen gehabt. Von Eltern? Kindern? Ihm war nichts geblieben als Erinnerungen aus längst vergangenen Tagen. Das Haus, in dem er früher gewohnt hatte, war dem Bombenhagel zum Opfer gefallen und hatte nicht nur seine Eltern, sondern auch alle Erinnerungsstücke unter sich begraben. Der Schutt war längst weggeräumt oder, was noch zu gebrauchen gewesen war, wieder verbaut.

„Wilhelm und Anna Hagemann?“, hatte er gefragt, als er sich bei der Auskunft des Roten Kreuzes nach seinen Eltern erkundigt hatte. Die Schwester hatte in der Kartei geblättert, schließlich eine Karte hervorgezogen und bedauernd mit dem Kopf geschüttelt.

„Und Emil Hagemann? Helmut?“

„Es tut mir leid.“

Niemand war übriggeblieben. Die Hoffnung, an die er sich zwölf Jahre geklammert hatte, brach wie ein Kartenhaus über ihm zusammen. Das einzige Erinnerungsstück, das er noch hatte, war das Foto von Agnes Demme. Und das war nicht einmal seine eigene Erinnerung.

Aber sie half ihm, nicht in den Rhein zu springen. Noch hatte er es nicht gewagt, sich auf die Suche nach Agnes zu machen, um ihr Ottos Brief zu überreichen. Was, wenn auch sie nicht mehr lebte? Wenn das Ausharren, der Kampf ums Überleben in den letzten Jahren vergeblich gewesen wäre?

Erich öffnete die oberste Schublade der Kommode, wo er den Brief und das Foto in einer alten Zigarrenschachtel verwahrte. Er klappte die Schachtel auf und sah auf den Inhalt. Brief und Foto hatten im Laufe der Jahre einige Knicke und Eselsohren davongetragen. Aber sie waren noch da. Er schloss die Schachtel wieder, legte sie zurück und schob die Schublade zu. So wie die Schachtel mit den Erinnerungsstücken würde er vorerst auch seine Hoffnung unter Verschluss halten.

Von fern drang das Läuten von Kirchenglocken durch das Fenster. Heiligabend. Die meisten Familien saßen nun wohl beieinander, aßen, machten sich Geschenke und würden in ein paar Stunden zur Christmette aufbrechen. Manchmal hatte er sich in den letzten Jahren danach gesehnt, zur Kirche gehen zu dürfen. Nicht, weil er besonders gläubig gewesen wäre. Einfach nur, um wieder etwas Vertrautes zu erleben.

Ihm fiel der Weihnachtsbaum ein, den er vor Jahren für seine Kameraden gezimmert hatte. Es war bis heute der letzte Weihnachtsbaum geblieben. In diesem Jahr hatte er sich nicht um einen Baum bemüht, mit dem er sein Zimmer hätte schmücken können. Damals in Russland hatte er seinen Kameraden eine Freude machen wollen. Aber warum hätte er allein unter einem echten Weihnachtsbaum sitzen sollen?

Mit einem Mal erschien ihm das Zimmer enger als die schmale Koje, die er sich im Straflager anfangs mit einem anderen Gefangenen hatte teilen müssen. Die Leere erdrückte ihn. Er musste hier raus!

Zwei Minuten später stand er auf der Straße. Feuchtkalter Wind wehte vom Rhein her und drang durch die Fasern seines Mantels. Wohin? Erich sah sich nach links und rechts um. Die Straßenlaterne rechts flackerte und verlosch schließlich. Also linksrum. Er lief die Straße entlang, hielt hier und da an einem erleuchteten Fenster inne, sah aber nicht hinein.

Plötzlich fand er sich vor der Kirche wieder. Vor einigen Fenstern hingen noch Bretter. Doch auch durch die unbeschädigten Gläser drang kein Licht. Trotzdem ging Erich auf die Kirchentür zu. Sie war nicht abgeschlossen. Er betrat die schummrige Kirche. Im Seitenschiff flackerten ein paar Kerzen vor dem Marienaltar. Er ging darauf zu und betrachtete die Marienstatue mit dem Jesuskind auf dem Arm.

„Guten Abend! Kann ich Ihnen helfen?“

Erich zuckte zusammen, als er von der Seite angesprochen wurde. Es war der Pfarrer, wie an der Kleidung unschwer zu erkennen war.

„Danke, ich wollte …“

Er wusste nicht weiter. Was wollte er eigentlich? Er zuckte mit den Schultern und tastete mit der Hand nach einem Groschen in der Manteltasche. War es nicht glaubwürdig, dass er gekommen war, um eine Kerze anzuzünden und ein Gebet zu sprechen?

Der Pfarrer lächelte. „Sind Sie allein heute Abend?“

Erich nickte. Das hatte ihn so in den letzten Monaten noch niemand gefragt. Und er selbst hätte es nicht auszusprechen gewagt.

„Kommen Sie mit. Wir haben ein Abendessen für Alleinstehende im Pfarrhaus vorbereitet. Sie sind herzlich eingeladen, mitzuessen.“

Erich sah auf seine Füße, die im Dunkel des Kirchenraums kaum zu erkennen waren. Er kramte weiter in seinen Taschen.

„Aber …“

„Sie brauchen nichts zu zahlen. Kommen Sie. Zu Weihnachten sollte niemand allein sein.“

Erich bemühte sich, das freundliche Lächeln des Pfarrers zu erwidern, spürte aber, dass es ihm nicht recht gelang. Das Herz hämmerte in seiner Brust, als er ihm dennoch über den Kirchplatz ins angrenzende Pfarrhaus folgte. Er kannte doch niemanden hier in der Gemeinde. Würde man ihn anstarren? So oft hatte er in den letzten Monaten erlebt, wie die Leute nicht recht mit ihm umzugehen wussten. So wie er nicht mehr wusste, was er mit ihnen reden sollte.

Im Saal saßen gut zwei Dutzend Männer und Frauen an einem langen gedeckten Tisch. Jüngere und Ältere. Sie nickten ihm zu. Oder begrüßten sie bloß den Pfarrer? Erich nickte trotzdem.

Eine Frau mit Kittelschürze kam aus der Küche und nahm dem Pfarrer die Jacke ab.

„Ich habe noch jemanden mitgebracht“, sagte er.

Die Frau lächelte Erich an. „Wie schön. Kommen Sie, für Sie finden wir auch noch einen Platz!“

Sie schritt durch den Raum und führte ihn zu einem Platz neben einem Mann, an dessen Stuhl zwei Krücken lehnten.

„Guten Abend, Kamerad“, grüßte Erich ihn.

Der andere hob die Augenbrauen, nickte ihm zu und erwiderte den Gruß. Viel Zeit für mehr Worte blieb ihnen nicht, denn die Frau, die ihm den Platz zugewiesen hatte, kam mit zwei anderen Frauen aus der Küche und begann, Suppe aufzutragen.

Der Pfarrer sprach ein Gebet. Anschließend herrschte einen Moment Schweigen, ehe sie alle zu den Löffeln griffen und zu essen begannen. Die Suppe war heiß und Erich verbrannte sich schon beim ersten Löffel die Zungenspitze. Doch der kräftige Geschmack nach Fleisch, Pfeffer und Kartoffeln entschädigte ihn. So gut hatte er schon lang nicht mehr gegessen.

Die Frauen kamen aus der Küche und setzten sich zu ihnen an den Tisch. Ihre Schürzen hatten sie abgelegt.

„Guten Appetit“, wünschte die Frau, die er zuerst gesehen hatte.

„Danke. Ihnen auch. Sie haben sehr gut gekocht!“, sagte der Mann neben Erich.

„Das beste Weihnachtsessen seit langem“, fügte Erich hinzu.

„Das freut mich.“ Sie lächelte ihnen zu.

Zwei Stunden später, als sie ihre Mäntel wieder anzogen, um zur Christmette zu gehen, hatte Erich so viel geredet wie schon lang nicht mehr. Mit Heinz, dem Veteran neben ihm, aber auch mit Lisbeth, der Köchin. Ob er sich lächerlich machte, wenn er anbot, nach der Messe beim Spülen zu helfen? War das nicht das Mindeste, was er tun konnte, um seine Dankbarkeit für diesen Weihnachtsabend zu zeigen?

„Das müssen Sie nicht. Aber wenn Sie unbedingt wollen …“ Lisbeth schloss den letzten Knopf ihres Mantels.

„Ich helfe gern. Frohe Weihnachten … Lisbeth.“

Ihren Namen hatte er nur leise hinzugefügt, doch sie hatte ihn gehört und lächelte sanft.

„Frohe Weihnachten … Erich.“

 

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