22. Dezember

 

Erich faltete die Briefbögen wieder zusammen und steckte das Papier zurück in den Umschlag. Für einen Moment hielt er den Brief zwischen den Fingern und rekapitulierte, was er gelesen hatte. Er freute sich sehr für Heinz, dass er nun auch die Liebe seines Lebens gefunden hatte. Die Hochzeit würde nicht lange auf sich warten lassen, so hatte Heinz geschrieben. Ich habe lang genug gewartet. Und zum Glück kann auch Gerda es kaum erwarten mit mir vor den Altar zu treten. Erich legte den Brief auf die Kiste und stand lächelnd vom Schreibtisch auf. Auch wenn das Glück nun schon seit einigen Jahren in seinem Leben wieder Einzug gehalten hatte, tat es doch immer wieder gut, gute Nachrichten zu erhalten. Manchmal hatte Erich das Gefühl Nachholbedarf zu haben.

Er ging in die Küche, wo Lisbeth an der Kaffeemühle stand. Das Knirschen der Kaffeebohnen zwischen den Zahnrädern erfüllte den ganzen Raum.

„Magst du den Tisch im Wohnzimmer für uns decken?“, rief Lisbeth über den Lärm hinweg. Erich nickte und öffnete die Tür des Küchenschranks. Lisbeth hielt im Mahlen inne.

„Nimm doch das Geschirr aus dem Wohnzimmerschrank. Und bringst du mir die passende Kuchenplatte?“

Erich nickte erneut und während Lisbeth wieder an der Kaffeemühle zu drehen begann, kehrte er ins Wohnzimmer zurück. Als er um die Ecke kam, sah er Markus am Schreibtisch stehen. Sein Sohn blätterte zwischen den Briefen und Fotos in der Kiste.

„Finger weg!“

Die Worte waren aus dem Mund, ehe Erich darüber nachdenken konnte. Markus wich hastig zurück, wobei er die Kiste vom Tisch stieß, deren Inhalt sich sogleich auf dem Teppich verteilte.

Erichs Hand landete auf Markus‘ Wange.

„Pass doch auf!“

„Das wollte ich nicht … ich …“

„Ich habe dir schon hundertmal gesagt, dass du an meinem Schreibtisch nichts verloren hast! Und an dieser Kiste schon einmal gar nicht.“

„Tut mir leid … ich …“

Seine Augen füllten sich mit Tränen. Einen Augenblick stand er regungslos da, dann löste sich seine Starre und er lief aus dem Wohnzimmer.

Erich bückte sich und sammelte die verstreuten Briefe wieder ein. Was hatte der Junge sich nur gedacht? Er konnte mit dem ganzen Papierkram, den er hier in der Kiste sammelte, doch sowieso nichts anfangen. Markus war doch erst neun Jahre alt. Wie sollte er verstehen, was die Briefe und Fotos ihm bedeuteten? Er hatte es ihm nie erklärt.

„Humbug, wozu?“, murmelte Erich verärgert, während er den letzten Brief zurück an seinen Platz legte und die Schachtel sicher wieder im Schreibtisch verschloss. Markus sollte unbeschwert aufwachsen und sich mit all dem nicht befassen müssen. Es reichte, dass er selbst es mit sich herumschleppte. Der Junge konnte froh sein, dass ihm erspart blieb, was er und seine Geschwister und Kameraden in ihrer Jugend erlebt hatten.

Lisbeth betrat mit Kaffeekanne und Kuchenplatte das Wohnzimmer. Susi folgte ihr auf dem Fuße. Die Kleine war verrückt nach Kuchen und hatte während der letzten Minuten sicher schon den einen oder anderen Krümel in der Küche stibitzt.

„Wo ist denn Markus?“

Lisbeth sah sich suchend im Wohnzimmer um und Erich senkte den Blick. Er war nicht stolz darauf, seinen Sohn so angefahren zu haben. Die Ohrfeige hatte ihm schon leidgetan noch ehe seine Finger Markus‘ Wange berührt hatten.

„Wir hatten eine kleine Auseinandersetzung.“

Lisbeth runzelte die Stirn. „Was war denn los?“

„Er hat in meinen Briefen gewühlt.“

Erich las in Lisbeths Blick wie in einem Buch. Sie fand es nicht in Ordnung, dass Markus sich über das Gebot hinweggesetzt hatte, aber sie war auch nicht willens, deswegen eine schiefen Haussegen zu dulden. Sie legte ein Stück Kuchen auf einen Teller und drückte ihn Erich in die Hand. Ihre Augen wanderten nach rechts Richtung Wohnzimmertür. Erich nahm den Teller und ging zum Kinderzimmer. Er klopfte und öffnete die Tür einen Spalt. Markus saß auf seinem Bett und hielt die Beine mit den Armen umklammert.

„Darf ich?“, fragte Erich. Sein Sohn hob den Kopf und nickte mit tränenüberströmten Augen.

Langsam ging Erich auf das Bett zu, stellte den Teller mit dem Kuchen auf das Bücherbord und setzte sich neben Markus. Wie verzweifelt er aussah! Am liebsten hätte er ihn in den Arm genommen. Aber das hatte er sich gerade wohl verspielt! Er sah auf Susis Bett an der gegenüberliegenden Wand und wrang die Hände.

„Markus, es tut mir sehr leid. Ich wollte dich nicht anbrüllen. Und ich hätte dich nicht schlagen dürfen“, brachte er endlich hervor. Die Wahrheit war, dass er sich selbst hätte ohrfeigen müssen. Dafür, dass er die Kiste offen stehengelassen und sie Markus somit auf dem Präsentierteller angeboten hatte. Dass er nicht schon längst alles weggeworfen hatte. Dass der Brief an Agnes noch immer in der Kiste lag. Dass sein Sohn den Mut gehabt hatte, zu forschen, während er selbst seit Jahren feige vor seiner Angst davonlief. Es hatte keinen Zweck, es schönzureden. Seit jenem Tag, an dem er erfahren hatte, dass seine gesamte Familie im Krieg ausgelöscht worden war, scheute er sich davor, nach Agnes zu suchen. Er glaubte, keine weitere Todesnachricht mehr ertragen zu können. Die Möglichkeit, dass Agnes noch am Leben sein könnte, machte ihm jedoch genauso viel Angst. Was, wenn er sie fand und ihr erklären müsste, wann und unter welchen Umständen Otto gestorben war?

Nein, es war besser, wenn sie nichts davon erfuhr.  

„Warum hast du einen ungeöffneten Brief in der Kiste?“

Erich biss die Zähne zusammen. Warum musste Markus ihn ausgerechnet nach diesem Brief fragen? Dabei war die Frage durchaus berechtigt. Ob Otto sie ihm auch gestellt hätte, wenn er hier gewesen wäre? Nein – wenn Otto hier wäre, läge der Brief längst dort, wo er hingehörte.

„Ich weiß, du magst so etwas nicht hören, aber das geht dich wirklich nichts an. Das ist etwas, womit nur wir Erwachsenen etwas zu tun haben.“

Markus schniefte und kurz glaubte Erich einen Einwand von ihm zu hören, aber dann wischte Markus sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht und nickte.

„Bitte frag mich nicht mehr danach und vergiss die Kiste.“

Erich sah seinen Sohn eindringlich an.

„Versprochen“, murmelte Markus.

Erich tätschelte ihm die Schulter, griff nach dem Kuchenteller und hielt ihn seinem Sohn lächelnd unter die Nase. Markus brach ein Stück von dem Kuchen ab und schob es sich in den Mund, wobei ein paar Krümel aufs Bett fielen.

„Das erzählen wir Mutti besser nicht.“

Markus lachte und schüttelte den Kopf. Er leckte seinen Zeigefinger an und las die Krümel sorgfältig vom Bett auf.

„Man sieht schon gar nichts mehr!“

„Sehr gut. Magst du mit ins Wohnzimmer kommen, damit wir gemeinsam Kuchen essen können?“

Markus nahm den Teller und durchquerte das Kinderzimmer.

 Erich folgte ihm. Erleichtert, dass Markus ihm fürs erste verziehen zu haben schien. Doch er konnte sich nicht gegen das ungute Gefühl in der Magengegend wehren, dass Markus ihn nicht zum letzten Mal nach der Vergangenheit gefragt hatte. Ob er eines Tages den Mut finden würde, den sein Sohn heute Nachmittag aufgebracht hatte?

 

Vorheriges Kapitel                                                                                                                         Nächstes Kapitel