23. Dezember

 

Kaum stand Jette auf dem Bahnsteig, wusste sie, wer sie erwartete. Die beiden Männer dort an der Treppe mussten Hans und Frank sein. Sohn und Enkel von Agnes Demme. Zwei Tage war es her, dass sie mit Frank telefoniert und von ihrer Recherche erzählt hatte. Und jetzt stand sie hier und hoffte, dass sie den Brief noch rechtzeitig zustellen konnte. Frank hatte ihr erzählt, in welchem Zustand Agnes war. Ein Grund, warum sie nicht noch bis nach Weihnachten warten wollte, obwohl auch in der Redaktion gerade die Hölle los war.

Frank lächelte und kam mit ausgestreckter Hand auf sie zu. „Du musst Jette sein. Schön, dass du gekommen bist!“

Sie schüttelte seine Hand und begrüßte anschließend Franks Vater.

„Hallo. Es freut mich, Sie kennenzulernen!“

„Ich freue mich auch! Schön, dass es so spontan geklappt hat.“

Jette folgte den Männern die Treppe hinunter in die Bahnhofshalle bis zum Parkplatz. Die Tasche mit ihrer Kamera schlug beim Gehen gegen ihre Beine. Warum hatte sie die nicht in ihren Rucksack gepackt? Sie war schließlich in erster Linie als Privatperson unterwegs, nicht als Journalistin.

„Fahren wir direkt zu Ihrer Mutter?“

Sie sah Hans, der auf der Rückbank Platz genommen hatte, im Rückspiegel nicken. „Ja, sie hat über 70 Jahre gewartet. Warum sollten wir es noch länger aufschieben?“

Jette war froh, dass er die vergangenen Jahrzehnte als Grund anführte und nicht die Zeit, die Agnes vielleicht noch hatte. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Hans seine Hände knetete und abwechselnd links und rechts aus dem Fenster sah. Frank hatte die Hände ums Lenkrad gekrallt und starrte auf die Straße. Sie selbst fuhr immer wieder mit dem Zeigefinger über die Naht der Kameratasche. Am Rand hatte sich der Faden gelöst und in einer grünen Schlaufe auf den schwarzen Stoff gelegt. Es sah ein bisschen aus wie ein Herz.

Ob Agnes sich freute? Ob sie etwas mit dem Brief anzufangen wüsste? Würde sie ihn selbst lesen können? Jette schwitzte in ihrer Daunenjacke, dabei war es im Auto nicht einmal besonders warm. Wie sollte sie sich Agnes gleich vorstellen? Spielte es überhaupt eine Rolle, wer sie war?

„Frank sagte, Sie haben den Brief für meine Mutter von Ihrem Opa?“

„Ja, ich habe ihn in seinem Nachlass gefunden, mit einer Notiz an mich.“ Jette öffnete ihren Rucksack, zog ihre Kladde heraus und reichte sie Hans mit aufgeschlagener Seite.

„Für meine kleine Berichterstatterin“, las er die Post-it-Notiz vor, die seit Wochen zwischen den Seiten klebte. „Hat er Ihnen noch mehr erzählt?“

Jette schüttelte den Kopf. „Über den Brief und das Foto nicht. Ich habe früher viele Interviews mit ihm geführt, aber von Agnes hat er nie erzählt.“

„Wie merkwürdig …“

Hans ließ offen, was genau er merkwürdig fand und verfiel wieder in Schweigen. Jette sah Häuser, kahle Bäume und Straßenzüge an sich vorbeiziehen. Ob Agnes gern hier lebte? Frank hatte ihr erzählt, dass sie aus Münster stammte, aber nach dem Krieg über Umwege hier gelandet war. Das bedeutete wohl, dass sie nie mit diesem Otto hier gewesen war, den Frank und Hans als Absender des Briefes vermuteten.

Jette kaute auf ihrer Unterlippe. Auch von einem Otto hatte sie Opa Erich nie erzählen hören. Hoffentlich hatten Agnes‘ Verwandten recht.

Frank hielt das Auto vor einem weißen Gebäude mit blauen Fensterrahmen, vor dessen Eingang ein paar Rosensträucher gepflanzt waren. Die Bänke davor luden im Sommer sicherlich zum Verweilen ein. Frank zog den Zündschlüssel und atmete geräuschvoll aus. Jettes Herz klopfte so stark, dass sie glaubte, es müsste als Echo von den Mauern des Altenheims widerhallen. Im Foyer zog sie den Brief aus dem Rucksack. Er kam ihr schwerer vor als sonst. Das war natürlich Unsinn. Aber sie spürte, dass ihre Hände anfingen zu zittern.

„Hier sind wir“, sagte Hans, als sie schließlich gemeinsam im ersten Stock vor einer braunen Zimmertür standen. Seine Stimme klang heiser und Jette bemerkte, dass auch seine Hand auf der Türklinke zitterte. Doch dann festigte er seinen Griff und drückte die Klinke hinunter.

Sie war es! Jette erkannte es auf den ersten Blick. Die Haare waren grau und das Gesicht faltig, aber die Augenpartie und das verschmitzte Lächeln sahen noch so aus wie bei der jungen Agnes.

„Hallo Mutti.“

„Hänschen?“

„Ja, ich bin da. Und ich habe noch Besuch mitgebracht.“

Frank begrüßte seine Großmutter, doch sie schien ihn nicht zu erkennen. Sie lächelte, nannte ihn aber nicht beim Namen.

„Mutti, das ist Jette“, sagte Hans und winkte sie ein Stück näher heran. Jette trat auf die alte Frau zu und streckte ihr die Hand entgegen.

„Guten Tag, Frau Böttcher. Es freut mich sehr, Sie zu sehen.“

„Renate?“

Die Augen der alten Frau weiteten sich. „Das ist eine Überraschung.“

Jette sah Hans fragend an. Wer war Renate? In welche Rolle wurde sie von Agnes gesteckt? Die alte Frau streichelte ihr über die Hand. Jette lächelte und ließ es geschehen. Offenbar war Renate jemand, den Agnes mochte. – Oder gemocht hatte?

„Ich habe dir etwas mitgebracht“, sagte sie schließlich. Vermutlich war Renate eine nahestehende Person gewesen, die Agnes ihrerseits geduzt hätte.  Jette spürte das alte Papier zwischen den Fingern ihrer linken Hand. Rauh rieb es an ihrer Haut. Wie oft hatte sie den Brief in den letzten Wochen in Händen gehalten? Jetzt kam es ihr vor, als fühlte sie ihn zum ersten Mal. Und auch wenn er an Agnes adressiert war – er war doch auch ein Teil von ihr geworden. Eine Erinnerung an Opa Erich. Etwas, das sie am liebsten behalten hätte. Aber sie musste den Brief jetzt übergeben. Opa Erich hatte ihr den Auftrag vermacht, ihn zu überbringen. Nicht den Brief selbst.

„Du hast Post bekommen.“ Jette reichte Agnes den Brief.

Die Augen der alten Frau weiteten sich und der Schleier, der auf ihrem Blick gelegen hatte, hob sich.

„Von Otto?“

„Vielleicht. Schau nach!“

Agnes drehte den Brief zwischen den Fingern hin und her, schien nach einem Absender zu suchen. Ihre Hände zitterten und der Brief wippte auf und ab, als sie ihn Jette zurückgab. Jette sah sie verwundert an.

„Ich bin so aufgeregt. Mach du ihn für mich auf!“

Jette lächelte, und obwohl auch ihr eigenes Herz wieder zu rasen begann, öffnete sie vorsichtig den dünnen Umschlag. Die Schrift auf dem beigen Papier war mit Bleistift geschrieben und schon ziemlich blass. Noch dazu war der Brief in Sütterlin verfasst. Jette musste sich konzentrieren, um auf dem eng beschriebenen Blatt die einzelnen Wörter auszumachen. Doch am rechten Rand war der Brief tatsächlich mit Dein Otto unterschrieben.

Ihr Herz zog sich zusammen und Tränen brannten in ihrer Kehle. Es war wirklich der Brief, auf den Agnes so viele Jahre gewartet hatte. Ihre Suche war erfolgreich gewesen. Sie war am Ziel. „Er ist von Otto“, sagte Jette.

Über Agnes‘ Gesicht trat ein seliges Lächeln. „Liest du ihn mir vor, Renate?“

Agnes griff wieder nach ihrer Hand und sah sie bittend an. Jette ging neben der alten Frau in die Hocke, bis Frank ihr einen Stuhl reichte und sie sich setzte. Sie strich den Brief auf ihrem Oberschenkel glatt und entzifferte Wort für Wort Ottos Brief.

Als sie geendet hatte, liefen Tränen über Agnes‘ Wangen und auch die Augen der beiden Männer waren nicht mehr trocken. Sie selbst hatte beim Vorlesen immer wieder schlucken müssen. Aber alle Tränen konnten das Lächeln doch nicht vom Gesicht der alten Frau spülen.

„Ich wusste es“, flüsterte sie. „Er hat mich nicht vergessen.“

 

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