24. Dezember

 

Jette klickte auf dem Kameradisplay durch die Bilder. Sie hatte sich schließlich doch dazu entschlossen, ein paar Fotos von Agnes, Hans und Frank zu machen. Es waren schöne Familienbilder, die sie Frank zuschicken würde. Aber nur ein einziges fing die Stimmung auf, die gestern in Agnes‘ Apartment geherrscht hatte, nachdem Jette den Brief vorgelesen hatte. Agnes hielt Ottos Brief mit übereinandergeschlagenen Händen eng an ihre Brust gepresst. Ihre Augen waren geschlossen, gleichzeitig standen Liebe, Dankbarkeit und Erleichterung deutlich in ihr Gesicht geschrieben. Keine Spur von der Verwirrung, die zu Beginn ihres Besuch in Agnes‘ Augen gestanden hatte. Eine schöne alte Frau, schoss es Jette durch den Kopf. Und wie friedlich sie aussah. Als ob sie all die Sorge und Ungewissheit der vergangenen Jahrzehnte hinter sich gelassen hätte.

Das Klingeln des Handys riss sie aus ihren Gedanken und lenkte den Blick von dem Kameradisplay ab.

„Hallo Jette, hier ist Frank.“

„Hallo“, antwortete sie wie im Reflex. Was konnte er wollen? Zwar hatten sie vereinbart, bald wieder zu telefonieren. Sie hatten alle das Gefühl gehabt, dass es noch so viel zu erzählen gab. Aber sie hätte frühestens in ein paar Tagen mit einer Nachricht von ihm gerechnet.

„Ich hoffe, ich störe nicht.“

„Nein, nein“, versicherte Jette. Sie hatte sich bislang ganz gut um den Wohnungsputz gedrückt, da taten fünf Minuten mehr auch nicht weh.

Frank räusperte sich. „Ich muss dir leider eine traurige Nachricht überbringen. Agnes ist heute Nacht eingeschlafen.“

Jette klammerte ihre Finger unwillkürlich fester um die Kamera. Was hatte sie gerade beim Anblick von Agnes‘ Foto gedacht? Dass sie friedlich ausgesehen hatte? Es kam ihr plötzlich vor, als hätte sie ihren Tod damit heraufbeschworen. Unsinn, Agnes war heute Nacht gestorben.

„Das tut mir sehr leid.“ Schon wieder so ein Reflex. Zwar meinte sie es ernst, aber sie hätte sich gewünscht, bessere Worte zu finden. Sie selbst hatte diese Worte vor ein paar Wochen so oft gehört. Richtig getröstet hatte sie sich dadurch nicht gefühlt. Den Schmerz über den Verlust konnte niemand nehmen.

„Ich … gestern wirkte sie noch so glücklich. Ich habe mir gerade die Bilder angesehen.“

„Das war sie! Ich habe sie schon lange nicht mehr so gesehen“, sagte Frank.

„Wie schade, dass sie nicht länger von diesem Glück zehren konnte.“

„Vielleicht brauchte sie das gar nicht.“

Frank klang nachdenklich. Jette hielt die Stille aus, die entstand.

„Weißt du, sie hat so lange auf diesen Brief von Otto gewartet. Ich glaube, tief in ihrem Herzen wusste sie schon lange, dass mein Großvater damals in Russland gefallen ist. Aber sie brauchte noch seine Nachricht, um damit abzuschließen. Diesen Abschluss hat sie dank dir gehabt.“

Jette schluckte. An Franks Überlegungen war etwas dran. Trotzdem war sie froh, dass sie nicht noch bis nach Weihnachten mit der Übergabe des Briefs gewartet hatte. Ob Agnes und Otto nun schon wieder vereint waren? Und würde auch Opa Erich sich zu ihnen gesellen? Sie würde nie herausfinden, welche Verbindung genau zwischen ihrem Großvater und Otto bestanden hatte. Irgendetwas musste Otto Erich bedeutet haben, wenn er den Brief für Agnes durch über zwölf Jahre Gefangenschaft gerettet hatte. Hoffentlich ging es ihnen allen gut, wo immer sie jetzt waren.

„Vielleicht hast du recht. Ich bin sehr dankbar, dass ich den Brief überbringen durfte. Die Freude in ihren Augen war wunderschön.“

Sie schaltete das Display der Kamera wieder ein und klickte auf eines der Bilder. Agnes strahlte zwischen Frank und Hans, den Brief auf ihrem Schoß.

„Ja, das war schön. Ich bin sehr froh, dass ihr letzter Tag von Freude geprägt war. Das macht es mir ein bisschen leichter. Es hat sich ja schon lang abgezeichnet, dass es zu Ende ging. Aber es wäre sehr schade gewesen, wenn sie hätte gehen müssen, ohne diese Freude erlebt zu haben.“

Wieder musste Jette schlucken. Lange würde sie die Tränen nicht mehr aufhalten können.

„Ich glaube, Opa Erich hätte es auch gefreut, dass der Brief sie nun endlich erreicht hat.“

Eine Weile blieb es still am anderen Ende der Leitung. Sie hörte Frank nicht einmal atmen. Hatte er die Luft angehalten? Unwillkürlich atmete sie tief ein.

„Vielen Dank noch einmal, Jette. Es hat nicht nur Agnes, sondern auch meinem Vater und mir viel bedeutet, dass du da warst. Ich wünsche dir und deiner Familie gesegnete Weihnachten.“

„Danke. Das wünsche ich euch auch – trotz allem! Wenn es euch recht ist, melde ich mich nach den Feiertagen noch einmal bei euch.“

„Natürlich. Sehr gern.“

Sie legte auf und ließ sich mit geschlossenen Augen auf das Sofakissen zurückfallen. Das Bild von Agnes hatte sich auf ihre Netzhaut gebrannt. So würde sie die alte Frau in Erinnerung behalten. Erfüllt von Dankbarkeit. Ein bisschen davon spürte sie auch in ihrem Herzen wachsen. Sie hatte aufwühlende Wochen hinter sich, aber sie war wunderbaren Menschen begegnet und hatte das vollbringen dürfen, was ihrem Großvater nicht mehr gelungen war. Der Brief hatte sie über den Tod hinweg noch enger zusammengeschweißt. Nun hatte sich der Kreis geschlossen. Die Erinnerung an Opa Erich, wie er ihr am Tisch gegenübersaß und ihre Fragen beantwortete, tauchte vor ihr auf.

„Nun haben wir aber vorerst genug in den alten Geschichten gewühlt“, hatte er gesagt und zwinkernd unsichtbare Krümel von der Tischdecke gewischt.

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Ja, fürs Erste war es genug.

 

Liebste Agnes,

hab vielen Dank für deinen Brief und die frohe Botschaft, die du mir damit übermittelt hast. Das ist die schönste Weihnachtsfreude, die du mir jemals hättest machen können. Ich kann kaum beschreiben, wie sehr es mein Herz bewegt, dass du und ich bald Familie sein werden. Ich hoffe sehr, dass es dir gut geht und dir die Schwangerschaft nicht zu schaffen macht. Es tut mir leid, wenn ich dir durch ausbleibende Briefe unnötigen Kummer bereitet habe. Bitte verzeih mir. Ich denke jeden Tag an dich und trage dich immer in meinem Herzen. Nun werde ich dort auch für das Kleine Raum schaffen. Wenn der Herr will, werden wir uns bald wiedersehen. Ich kann es kaum erwarten, dich – euch – in meine Arme zu schließen. Bis es soweit ist, bitte ich Gott um seinen Segen für dich und das Kind. Sei dir seiner und meiner Liebe gewiss! Von Herzen frohe Weihnachten! In Liebe, dein Otto.