3. Dezember

 

Die Kirche leerte sich rasch nach dem Schlusslied. Besonders die Kinder hatten es eilig, nach draußen auf den Kirchplatz zu kommen. Heute Nacht war der erste Schnee gefallen und hatte alles in eine weiße Wunderlandschaft verwandelt. Zumindest, wenn man bereit war, an den Ruinen vorbeizusehen, die noch immer manchen Straßenzug säumten. Auch die Kirche war noch nicht vollständig wiederhergestellt. Zwei der großen Fenster, in denen früher Heiligenfiguren abgebildet gewesen waren, waren mit Holz notdürftig verkleidet, und auf das Orgelspiel würde man hier auch noch eine ganze Zeit verzichten müssen. Aber immerhin hatten sie noch ein Dach über dem Kopf!

Agnes griff nach Hänschens Hand und zog ihn zum Marienaltar.

„Kann ich nicht schon raus in den Schnee?“

Er strebte in die entgegengesetzte Richtung, allerdings nur für einen kurzen Augenblick. Hänschen kannte das Prozedere nach jeder Messe. Dennoch schüttelte Agnes den Kopf.

„Diesen Moment kannst du noch warten. Die anderen werden dir schon noch genügend Schnee übriglassen“, flüsterte sie Hänschen zu.

Zwei alte Frauen erhoben sich schwerfällig von der Kniebank vor dem Marienaltar, bekreuzigten sich und humpelten Richtung Ausgang. Agnes trat an den Altar heran und gab Hänschen fünf Pfennige, die der Junge sogleich in den Opferstock warf. Agnes entzündete eine Kerze und stellte sie zu den anderen brennenden Lichtern.

Sie bekreuzigte sich, während sie auf die Kniebank sank, und schlug die Augen nieder. Sie spürte, wie Hänschen neben ihr niederkniete.

„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder. Jetzt und in der Stunde unseres Todes.“

Agnes hielt einen Moment inne, ihre Ellbogen drückten auf das Holz der Gebetsbank. Wie jedes Mal hatte sie nur den einen Gedanken. Halte deine gnädige Hand über ihn und lass den Tag kommen, an dem wir einander wieder in den Arm nehmen können.

„Amen.“

Hänschens Flüstern riss Agnes aus ihren Gedanken. Bislang hatte der Junge immer nur still neben ihr gekniet und den Anschein erweckt, als würde er warten, dass sie ihr Gebet beendete.

„Hast du auch gebetet, mein Schatz?“

Hänschen nickte. „Ich habe gebetet, dass der liebe Gott und Maria dein Gebet erhören. Und dass noch Schnee da ist, wenn ich gleich rauskomme.“

Agnes konnte sich das Lächeln nicht verkneifen. Vermutlich hätte sie ihn dafür tadeln müssen. Der Pfarrer hätte sicherlich gesagt, dass der Herrgott für so etwas nicht zuständig sei. Aber lag der Schnee nicht genauso in Gottes Händen wie die Menschen? Ein Teil seiner Schöpfung? Und wenn Gott nicht für das eine zuständig war, dann vielleicht auch nicht für das andere? War es denn Gottes Aufgabe, Otto und all die anderen Soldaten, die seit dem Krieg vermisst wurden, zurück nach Hause zu bringen? Schließlich hatte Gott nicht den Krieg begonnen.

„Mutti?“

Hänschen griff nach ihrer Hand. In seinen Augen spiegelte sich Sorge. Agnes beugte sich zu ihm hinab und streichelte ihm über den Kopf.

„Das ist sehr lieb von dir, dass du auch für mein Gebetsanliegen mitgebetet hast.“

„Hast du wieder für Vati gebetet?“

Agnes nickte. Seit sieben Jahren war kaum ein Sonntag vergangen, an dem sie nicht nach der Messe eine Kerze für Otto entzündet und ein Gebet gesprochen hätte. Wenn sie keine Möglichkeit gehabt hatte, eine Kirche zu besuchen, so war Otto doch stets in ihre Gebete eingeschlossen gewesen.

„Der Lehrer sagt, dass er nicht glaubt, dass noch jemand aus Russland zurückkommt.“

Hänschen hatte den Flüsterton beibehalten, den sie in der Kirche immer anschlugen, und doch drang seine Stimme Agnes durch Mark und Bein. Nie, in all den sieben Jahren, hatte Agnes den Gedanken zugelassen, dass Otto nicht zurückkehren könnte. Weder als auch der letzte Nationalsozialist nicht mehr an den Endsieg hatte glauben können, noch als der Krieg endlich vorbei gewesen war. Es waren ja auch immer wieder Leute heimgekehrt. Bis heute gab es keine offizielle Todesnachricht von Otto. So lange Agnes es nicht schwarz auf weiß hatte, wollte sie die Hoffnung auf seine Heimkehr nicht aufgeben. Die Erfahrungen der letzten Jahre hatten sie gelehrt, dass diese Hoffnung aller Wahrscheinlichkeit nach unbegründet war. Aber es auszusprechen, hätte bedeutet, Ottos Schicksal zu besiegeln. Agnes war bemüht, nicht in Tränen auszubrechen oder aufzuschreien.

„Woher will dein Lehrer das wissen?“

Hänschen zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht. Er hat gesagt, der Iwan lässt keinen gehen.“

Agnes biss die Zähne aufeinander. Was hatte sich der Lehrer nur dabei gedacht, den Kindern so etwas zu erzählen? Ob Hänschen überhaupt wusste, wer mit Iwan gemeint war? Agnes war sich sicher, dass sie ihm das nicht auseinandergesetzt hatte.

Hänschen war nicht das einzige Kind in seiner Klasse, das ohne Vater aufwuchs. Bestimmt ein Drittel der Väter von Hänschens Klassenkameraden war im Krieg gefallen. Manche Kinder hatten sogar beide Elternteile verloren. Entweder bei Bombenangriffen oder auf der Flucht. Was half es diesen Kindern, wenn der Lehrer ihnen Schauergeschichten über die Russen erzählte? Davon kam kein einziger der Vermissten oder Toten zurück.

„Du musst nicht alles glauben, was dein Lehrer sagt.“

Agnes rückte Hänschen Jacke und Schal zurecht und führte ihn zur Kirchentür. Er sollte nun endlich mit den anderen Kindern im Schnee spielen dürfen. Doch für Hänschen war das vorherige Thema noch nicht abgearbeitet. Vor dem schweren Vorhang, der das Kirchenschiff von der Kirchentür trennte, blieb er stehen.

„Glaubst du denn, Vati kommt Weihnachten nach Hause?“

Agnes seufzte. „Ich weiß es nicht, mein Schatz. Aber die Hoffnung werde ich nicht aufgeben.“

Hänschen nickte, doch Agnes sah ihm an, dass ihm noch mehr auf der Seele lag.

„Glaubst du, er wird mich liebhaben, wenn er kommt? Er kennt mich doch gar nicht.“

Das beschäftigte ihn also. In schwachen Momenten hatte sie sich selbst schon Sorgen darüber gemacht. Vielleicht hätte Otto auch geglaubt, sie hätte sich während seiner Abwesenheit jemand anderem zugewandt. Doch sobald sie Hänschen ansah, war jeder Zweifel stets augenblicklich weggewischt. Hänschen war seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Nur ein Narr hätte Ottos Vaterschaft bestreiten können. Agnes nahm ihren Sohn in die Arme und drückte ihn fest an sich.

„Davon bin ich überzeugt! Er wird dich mindestens genauso lieb haben wie ich.“

Sie gab ihm einen Kuss auf die Stirn und ein erleichtertes Lächeln breitete sich auf Hänschens Gesicht aus.

„Nun geh schon zu den anderen!“

Agnes sah Hänschen nach, wie er über den Kirchplatz lief und sich zu den anderen Kindern gesellte, die begonnen hatten, einen Schneemann zu bauen. Sie sprangen herum, tanzten im Schnee und bewarfen sich zwischendurch lachend mit Schneebällen. Eines der Kinder zielte sogar kurz auf die Soutane des Pfarrers, wurde aber von einem älteren Jungen zurückgehalten, ehe es den Ball werfen konnte. Agnes hätte gern darüber gelächelt, doch es wollte ihr nicht so recht gelingen. Das, was Hänschen von seinem Lehrer erzählt hatte, hatte sich in ihrem Kopf festgesetzt und verdunkelte ihre Miene.

Sie wollte nicht glauben, was er den Kindern erzählt hatte. Allerdings hatte sie seit jenem Brief im Sommer vor sieben Jahren nichts mehr von Otto gehört.

Zu Weihnachten bin ich wieder bei dir. Agnes rief sich Ottos Versprechen in Erinnerung. So viele Weihnachtsfeste waren vergangen, seit er in den Krieg gezogen war. Würde sich dieses Jahr sein Versprechen endlich erfüllen?

 

 

 

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