4. Dezember

 

Jettes Mutter steckte den Schlüssel in das Schloss der Wohnungstür, hielt dann jedoch für einen Moment inne. Zögerte. Ihr geht es wie mir, dachte Jette. Oder empfand ihre Mutter vielleicht noch stärker? Sie selbst hatte ihren Großvater verloren, ihre Mutter ihren Vater. Wahrscheinlich litt sie noch stärker unter diesem Verlust.

Ein Ruck ging durch den Körper ihrer Mutter und im nächsten Augenblick schloss sie die Tür auf und betrat die Wohnung. Jette folgte ihr zögerlich. Als sie das letzte Mal hier in der Wohnung von Opa Erich gewesen war, hatte er noch gelebt. In dem kleinen Flur sah Jette sich um. Die schwarze Winterjacke hing an der Garderobe, die Schuhe und Pantoffeln standen ordentlich nebeneinander darunter. Opa Erichs Hut hing an einem eigenen Haken. Der Stock lehnte an der Wand. Wie merkwürdig. Opa Erich verließ sonst nie ohne Hut die Wohnung. Auch der Stock war in den letzten Jahren sein ständiger Begleiter gewesen.

In einem ersten Impuls wollte Jette ihre Mutter darauf aufmerksam machen, dass Opa Erich scheinbar ohne Jacke, Hut und Stock unterwegs war. Doch im nächsten Augenblick fiel ihr ein, dass ihr Großvater auf der Reise, zu der er aufgebrochen war, weder das eine noch das andere benötigte. Dass er nicht zurückkommen würde. Und Jette fiel wieder ein, warum sie hier war.

Sie hatte ihrer Mutter versprochen, dabei zu helfen, Opa Erichs Wohnung auszuräumen. Es musste in einem Anflug von Wahnsinn geschehen sein. Ihr Verstand sagte ihr, dass es nötig war. Man konnte nicht alles, was Opa Erich besessen hatte, verwahren, und er selbst würde es nicht mehr brauchen. Aber ihr Herz weigerte sich noch, dies anzuerkennen. Warum konnte nicht alles so bleiben, wie es war?

„Jette, kannst du mir mal die Tüte aufhalten?“

Ihre Mutter war offenbar schon längst im Schlafzimmer angelangt, während sie sich hier im Flur ihren Gedanken hingegeben hatte. Jette ging ins Schlafzimmer, wo ihre Mutter neben Opa Erichs verlassenem Bett auf dem Boden kniete und Hemden stapelte.

„Kommt das alles weg?“

Ihre Mutter schüttelte den Kopf. „Diese Hemden sind noch gut erhalten, die können wir sicherlich gut in einem Second-Hand-Laden oder vielleicht auch in einem Altenheim abgeben.“

Jette hielt die ebenfalls am Boden liegende Tüte auf und ihre Mutter schob einen Stapel Hemden hinein. Besonders viel Kleidung hatte Opa Erich nicht besessen und so war der Kleiderschrank schnell ausgeräumt und in Tüten verpackt. Als letztes zog Jettes Mutter zwei karierte Flanellhemden aus dem Schrank. Sie wollte sie in die Tüte mit den Kleidungsstücken werfen, die nicht mehr zu gebrauchen waren, doch Jette hielt sie auf.

„Die nehme ich mit!“

Ihre Mutter sah sie überrascht an. „Was willst du denn mit den alten Dingern?“

Jette zuckte nur die Schultern. Die Hemden waren alt, solange Jette denken konnte, hatte Opa Erich sie gehabt. Er hatte sie getragen, wenn er im Frühjahr oder Herbst im Garten gearbeitet hatte. Wie oft hatte sie ihm dabei geholfen und dann hinterher in der Laube auf seinem Schoß gesessen? Einmal war sie über einen losen Randstein des Gartenwegs gestolpert und hatte sich das Knie aufgeschlagen. Sie hatte ihr Gesicht in den Stoff des rotkarierten Hemds gedrückt und ein paar Tränen vergossen und Opa Erich hatte aus der Brusttasche ein Honigbonbon gezogen und sie getröstet. Jette strich mit den Fingern über den Stoff. Sie hatte keine Ahnung, ob und was sie mit den alten Hemden wollte. Aber sie würde sie nicht einfach wegwerfen können. Vielleicht würden sie ihr noch Trost spenden können, solange, bis Opa Erichs Geruch aus dem Stoff verflogen war. Jette schluckte bei dem Gedanken und steckte die Hemden in ihren Rucksack.

Während ihre Mutter Bettwäsche, Decken und Kissen in Tüten verpackte, setzte Jette sich an Opa Erichs alten Schreibtisch. Es war ein altes Modell aus den 60er Jahren mit schwarzen Metallbeinen und glänzend lackiertem Holz. Früher, so hatte Jettes Mutter ihr erzählt, hatte Opa Erich dort das Haushaltsbuch geführt und mit wichtigem Gesicht Kontoauszüge und Dokumente abgeheftet. Dabei hatte ihn niemand stören dürfen. Jette hatte während der Grundschulzeit hin und wieder dort gesessen und Hausaufgaben machen dürfen.

„Aber dass du mir nicht an die Schubladen gehst und die Papiere durcheinander bringst“, hatte Opa Erich dann immer liebevoll gemahnt.

Es klang Jette noch immer in den Ohren. Sie hatte sich stets an die Ermahnung gehalten und nie eine der Schubladen geöffnet. Konnte sie das alte Gebot jetzt so einfach übergehen? Jette fuhr mit der Hand über die Schreibtischplatte. Notizblock, Stiftetui und Radiergummi lagen auf der einen Seite, Adressbuch und Briefbeschwerer auf der anderen. Jette konnte sich nicht daran erinnern, Opa Erichs Schreibtisch jemals unaufgeräumt gesehen zu haben.

„Los, Jette, es hilft ja nichts“, sagte sie zu sich selbst und zog die oberste der drei Schubladen auf. Zwei dicke Mappen mit Kontoauszügen, ein Sparbuch und eine Dokumentenmappe. Alles fein säuberlich abgeheftet. In der Dokumentenmappe fand Jette eine Vollmacht, auf die Namen ihrer Mutter und ihres Onkels ausgestellt, über Opa Erichs Bankkonten zu verfügen. So plötzlich wie Jette der Tod ihres Großvaters vorgekommen war, so schien Opa Erich selbst sein Ende gespürt zu haben. Er hatte vorgesorgt. Jette legte alles zurück in die Schublade. Die Sachen würde sie später ihrer Mutter geben.

In der zweiten Schublade fand sie neben Schreibpapier, Briefmarken und Umschlägen eine Kiste. Jette runzelte die Stirn, als sie die Haftnotiz sah, die auf dem Deckel klebte. Für meine kleine Berichterstatterin. Damit konnte nur sie gemeint sein! Schon früh hatte sie sich fürs Recherchieren und Schreiben interessiert, war Mitglied der Schülerzeitung gewesen und hatte auch Opa Erich viele Male interviewt. Er hatte sich immer gefreut, ihr Rede und Antwort zu stehen. Meine kleine Berichterstatterin war sein Spitzname für sie gewesen. Aber von dieser Kiste hatte er ihr nie erzählt. Jette hob sie aus der Schublade und schob das Scharnier des Schlosses nach oben. Der Inhalt, der sich Jette offenbarte, war das komplette Gegenteil dessen, was sich sonst im Schreibtisch befand. In einem wilden Durcheinander lagen dort lose Zettel, alte Dokumente, Fotos und ein Brief. Jette sah sich die Fotos an. Alte Schwarzweißbilder. Auf einigen erkannte sie Opa Erich in jungen Jahren. Das mussten noch Bilder aus seiner Ausbildungszeit als Kaufmann gewesen sein. Zwei andere Bilder zeigten ihn in Uniform. Auf der Rückseite stand mit Bleistift notiert 1942. Das Bild war vermutlich aufgenommen worden, kurz bevor Opa Erich in den Krieg gezogen war.

Das letzte Bild zeigte eine junge Frau in der typischen Mode der späten 1930er Jahre. Helle Locken umrahmten ein strahlendes Lächeln. Wer war das? Ihre Großmutter war es ganz sicher nicht. Jette hatte Bilder von ihr in jüngeren Jahren gesehen – helle Locken hatte sie nie gehabt. Jette drehte das Foto um. Eine Jahreszahl fehlte, doch ein Name stand am linken Rand. Agnes.

Agnes? Jette hatte Opa Erich nie von einer Agnes reden hören. Auch in ihrer Verwandtschaft gab es niemanden mit diesem Namen. Wer konnte das nur sein? Hatte Opa Erich etwa vor ihrer Großmutter eine andere Frau geliebt? Was war aus ihr geworden?

Jettes Blick fiel auf den Brief. Der Umschlag wirkte abgegriffen und schmutzig und zeigte deutliche Spuren jahrelanger Aufbewahrung. Doch der Name auf dem Papier war noch deutlich zu lesen. Agnes Demme. Schon wieder Agnes. Nun immerhin mit Nachnamen. Aber wer das war, wusste Jette immer noch nicht. Warum hatte Opa Erich diesen Brief aufbewahrt? Er war ja ganz offensichtlich nicht an ihn, sondern eben an jene Agnes adressiert. Jette drehte den Brief in den Händen. Überrascht stellte sie fest, dass er verschlossen war. Die Lasche war nicht nur lose eingesteckt, sondern fest verklebt. Es sah nicht so aus, als ob der Umschlag jemals geöffnet worden wäre. Wie merkwürdig. Was hatte Opa Erich nur mit dem Brief und diesem Foto gewollt? Für Jette stand fest, dass jene Agnes vom Foto und Agnes Demme, an die der Brief adressiert war, die gleiche Frau war.

Was sollte sie mit all dem anfangen? Warum hatte Opa Erich eigens eine Notiz für sie auf diese Kiste geklebt. Hätte er nicht wenigstens dazuschreiben können, wozu er ihr diese Kiste vermachte?

„Jette? Wo steckst du denn? Ich dachte, du wolltest mir helfen!“

Jette schreckte zusammen, als ihre Mutter plötzlich hinter ihr stand.

„Kennst du eine Agnes Demme?“

 

 

 

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