5. Dezember

 

Die Landschaft sah aus wie auf einem Postkartenmotiv. Saftige grüne Wiesen, Baumschonungen und blauer Himmel. Wenn die Panzer nicht gewesen wären, hätte Otto auch an Urlaubsidylle glauben können. Wenigstens für einen Moment. Dabei wäre ihm zu Friedenszeiten nicht im Traum eingefallen, nach Russland zu reisen. Er war ja in den Ferien noch nicht einmal an der deutschen Ostsee gewesen. Geschweige denn im Ausland. Nun war er in den vergangenen Tagen weiter gereist als jemals zuvor in seinem Leben.

Otto konnte es noch immer nicht richtig fassen. Es war erst wenige Wochen her, dass er sich auf Empfehlung des Herrenschneiders August zu einer Meisterausbildung entschlossen hatte. Wenige Wochen, seitdem er Agnes einen Heiratsantrag gemacht hatte. Und genauso wenige Wochen, dass sein Einberufungsbefehl gekommen war. Jetzt stand er hier in Russland. Bekleidet mit feldgrauer Uniform und einem Gewehr in der Hand. Es fühlte sich noch immer wie ein Fremdkörper in seinen Händen an, obwohl er und seine Kameraden in den letzten Wochen kaum etwas anderes getan hatten, als das Gewehr auseinanderzubauen und wieder zusammenzustecken und schießen zu üben. Otto bezweifelte dennoch, dass er in der Lage sein würde, so damit umzugehen, wie man es von ihm erwartete. Sein Handwerkzeug blieben Schere, Nadel und Faden.

„Kaum zu glauben, dass sich hier der Feind verstecken soll, was?“

Otto wirbelte herum. Er war so sehr in Gedanken vertieft gewesen, dass er gar nicht mitbekommen hatte, wie ein anderer Soldat neben ihn getreten war. Dabei war das doch eins der obersten Gebote, die ihnen die Offiziere schon in Deutschland eingebläut hatten. Immer wachsam sein!

Der andere Soldat lachte ihm zu, zog ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche seiner Uniform und bot Otto eine an. Eigentlich rauchte Otto nicht. Rauch setzte sich in den Stoffen fest. Aber er wollte nicht ein weiteres Mal unangenehm auffallen und griff zu. Der Kamerad gab ihm Feuer.

„Ich bin Erich, aus Köln“, stellte er sich vor.

„Otto, aus Münster.“

„Ein Westfale“, rief Erich in breitestem Kölsch, lachte aber sogleich wieder, sodass Otto ihm den Kommentar nicht übelnahm.

„Du bist gerade erst angekommen, richtig?“

Otto fühlte sich ertappt. War ihm das so deutlich anzusehen? Was musste Erich nun von ihm denken?

„Ist das so offensichtlich?“

Erich schnippte etwas Asche auf den Boden. „Ein bisschen. Aber mach dir deswegen keinen Kopf. Ich bin auch noch nicht länger hier.“

Otto nahm einen Zug von der Zigarette und unterdrückte den Hustenreiz. Erich schien in Ordnung zu sein. Er erinnerte sich an die erste Frage des Kameraden.

„Es sieht so friedlich aus“, knüpfte er daran an. „Wenn ich mir das hier so ansehe mit der Landschaft, fällt es mir ernsthaft schwer, zu glauben, dass wir hier im Krieg sind.“

Erich nickte, lachte spöttisch und tippte auf Ottos Gewehr. „Glaub mir, wir tragen die Dinger nicht zum Spaß mit uns herum, die werden ihren Einsatz schon haben.“ Er zeigte auf die Panzer, die in einiger Entfernung standen. „Und wenn die da loslegen, dann ist es vorbei mit der Idylle.“

Otto wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Ob Erich stolz darauf war, hier als Soldat kämpfen zu dürfen? Ob er so kriegsbegeistert war, wie ein guter Deutscher es zu sein hatte? Er selbst zweifelte nicht daran, dass es seine Pflicht war, für sein Land zu kämpfen. Aber gern war er nicht in den Krieg gezogen. Wenn die Offiziere recht behielten und ihre Strategie aufging, würden sie die Russen bald überrollt haben. In Polen hatte es so geklappt. Warum sollte es hier anders sein? Die Offiziere wussten schon, was sie taten. Otto fiel sein Vater ein, der als Offizier im letzten Krieg gekämpft hatte. Er war stets stolz darauf gewesen, dass er für Deutschland hatte kämpfen dürfen.

„Bist du der Einzige aus deiner Familie, der Soldat ist?“

Erich schüttelte den Kopf. „Ein Bruder ist in Frankreich, der andere bei der Marine. Und du?“

„Ich habe nur noch Schwestern. Mein Bruder starb schon als Kind.“

Erich murmelte etwas und drückte mit mürrischem Gesicht seine Zigarette aus.

„Hast du ein Mädchen zuhause?“, fragte er dann und trug wieder sein Lächeln zur Schau.

Ganz schön direkt! Im ersten Moment wusste Otto nicht, ob er sich von der indiskreten Frage des anderen Soldaten angegriffen fühlen sollte. Aber Erich war ihm mit seiner unbeschwerten Art sympathisch. Was tat es schon groß zur Sache, wenn er mit ihm darüber sprach? Hier in Russland würde Erich ihm Agnes ganz sicher nicht streitig machen.

„Meine Verlobte.“

Erich pfiff durch die Zähne. „Schau mal einer an. Hast lieber noch Nägel mit Köpfen gemacht, bevor du losgezogen bist?“

Otto kniff die Lippen zusammen. Dieser Kommentar war jetzt doch etwas unverschämt. Agnes würde ihn niemals gegen einen anderen eintauschen!

„Nein, meine Einberufung kam kurz nachdem ich mich mit Agnes verlobt habe.“

Erich schlug ihm drei Mal auf die Schulter. „Lass den Kopf nicht hängen. Wir sind ja bald wieder zu Hause. Und dann kannst du dein Mädchen heiraten.“

 Wie gut es tat, diese Siegessicherheit nicht nur aus den Mündern der Offiziere zu hören, sondern auch von einem Kameraden. Otto umklammerte den Abzug seines Gewehres. Er würde seinen Teil zum Vormarsch beitragen. Der Russe würde nichts mehr zu melden haben. 

 

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