6. Dezember

 

„Wie läuft’s mit der Kolumne? Ich freue mich schon auf deinen Text!“

Jette gefror das Blut in den Adern, als Merten ihr kurz vor Feierabend auf dem Flur der Redaktion entgegenkam.

Die Kolumne – wie hatte sie die bloß vergessen können? Vermutlich lag es an den vielen Terminen in den letzten beiden Tagen und den Hemden von Opa Erich, die noch immer in ihrem Rucksack lagen und mit ihrem Geruch Jette in eine Erinnerung nach der nächsten stürzten. Und nicht zuletzt an der Kiste mit den alten Fotos und dem Brief. Jette fragte sich mit jedem Tag mehr, wer diese Agnes Demme war. Ihre Mutter hatte ihr nicht weiterhelfen können, auch sie hatte weder den Namen jemals gehört noch die Frau auf dem Foto identifizieren können.

„Jette?“

„Hm?“

„Du denkst doch an die Abgabe morgen?“, erinnerte Merten sie.

„Natürlich.“

Der Chefredakteur kniff die Augenbrauen zusammen. „Du machtest gerade den Eindruck, als hättest du das vergessen …“

Jette schüttelte etwas zu hastig den Kopf. „Nein, nein. Ich formuliere bloß schon gedanklich“, log sie.

„Worum geht’s denn?“, fragte Merten und sah neugierig über den Rand seiner Kaffeetasse.

Jette gewann endlich ihre Fassung zurück. „Überraschung“, flötete sie und zwang sich zu einem Lächeln. Hoffentlich sah es so überzeugend geheimnisvoll aus, wie sie sich das dachte.

„Na gut, ich bin gespannt“, sagte Merten und verschwand in seinem Büro.

Und ich erst, dachte Jette. Sie würde sich heute Abend wohl oder übel mit Brainstormen und Schreiben beschäftigen müssen. Wenn ihr nicht schnell etwas einfiel, konnte es ein sehr langer Abend werden.

In ihrer kleinen Wohnung fiel ihr erster Blick, nachdem sie sich mit einer Tasse Tee auf das Sofa gesetzt hatte, auf die Kiste von Opa Erich. Der Deckel war geöffnet, der Brief und das Foto lagen zuoberst. Agnes Demme lächelte Jette aus dem Bild entgegen. Wer war diese Frau?

Jette stellte die Tasse auf den Tisch und nahm Brief und Foto in die Hand. Ob sie vielleicht eine Freundin von ihrer Oma gewesen war? Aber warum hätte, zehn Jahre nach Oma Lisbeths Tod, ein Brief an eine ihrer Freundinnen in Opa Erichs Erinnerungskiste liegen sollen? Das ergab doch keinen Sinn! Außerdem stand Feldpost schwarzgedruckt auf dem Umschlag. Hatte Opa Erich doch eine Freundin gehabt, als er Soldat gewesen war? Vielleicht hätte sie Antworten gefunden, wenn sie den Brief geöffnet hätte. Doch das kam ihr noch falsch vor. Es hatte bestimmt einen guten Grund, dass der Umschlag in all den Jahren nicht geöffnet worden war. Jette bohrte ihre Zehen in das Sofapolster. Wenn sie doch Oma oder Opa nur hätte fragen können! Früher hatte Opa Erich immer gesagt: „Na, dann schieß mal los mit deinen Fragen!“

Jette fiel es wie Schuppen von den Augen. Natürlich, das war die Lösung! Sie würde ihre Großeltern nicht mehr befragen können, aber sie würde sich ihre alten Antworten noch einmal anhören können. Wenn sie Opa Erich früher interviewt hatte, hatte sie immer ihren alten Kassettenrekorder mit dabeigehabt. Sie hatte ein Mikrofon angeschlossen und es ihrem Großvater vors Gesicht gehalten und sich dabei wie eine richtige Reporterin gefühlt. Wenn Oma Lisbeth in der Nähe gewesen war, hatte sie auch hin und wieder eine Frage beantwortet. Jette sprang vom Sofa. Die Kassetten hatte sie noch, da war sie sich sicher. Aber wo hatte sie den Karton nach ihrem Umzug hingestellt? Im Wohnzimmer brauchte sie gar nicht suchen, hier hatte sie nur Bücher und einen Stapel CDs, von dem sie sich nicht trennen konnte.

Ihr Handy vibrierte und zeigte eine neue Terminnachricht an.

„7.12. Abgabe Kolumne 10:00 Uhr“ Eingetragen von Merten in den Onlineredaktionskalender.

„Jetzt nicht“, schimpfte Jette. Natürlich hätte sie sich dringend mit der Kolumne beschäftigen müssen. Aber sie würde keine ruhige Minute dafür finden, ehe sie auf den Kassetten mit den Interviews eine Antwort auf ihre Frage gefunden hätte. Sie fand die Kiste mit den Interviews hinter ihren Sportsachen im Kleiderschrank. Die Kassetten waren mit Daten und Themen beschriftet und entsprechend sortiert. Jette schmunzelte über ihr jüngeres Ich. Diesen Fimmel hatte sie damals schon gehabt.

13.05.2004 – Opa erzählt von seinen Eltern. 26.08.20003 – Opa erzählt von seinen Geschwistern. 18.07.2007 – Opa erzählt vom Krieg.

Ob sie auf einem dieser Kassetten eine Antwort darauf finden würde, wer Agnes Demme war? Sie musste es versuchen – und wenn sie alle 12 Kassetten aus diesem Karton würde hören müssen.

Jette nahm den Karton mit ins Wohnzimmer und legte die Kassette mit Opa Erichs Kriegserzählungen in ihren alten Kassettenrekorder ein. Wie gut, dass sie ihn noch nicht entsorgt hatte!

„Opa, wie alt warst du, als der Krieg anfing?“, hörte sie ihre 13 Jahre jüngere Stimme. Im Hintergrund war das Plätschern des Wasserspiels zu hören, das in Opa Erichs Garten gestanden hatte. Jette hatte die Szene direkt wieder vor Augen, wie sie damals in den Sommerferien mit Opa Erich am Gartentisch gesessen und eiskalte Apfelschorle getrunken hatte.

„Ich war gerade siebzehn geworden und stand kurz vorm Ende meiner Lehre als Kaufmann.“

Es tat so gut, Opa Erichs Stimme wieder zu hören. Wie damals während des Interviews musste Jette auch diesmal wieder schlucken. Sie war ebenfalls siebzehn gewesen, als sie ihrem Großvater die Frage stellte hatte. Es war für sie unvorstellbar gewesen, wie es sich angefühlt haben musste, als der Krieg begann.

„Mein älterer Bruder Helmut war schon nach der Schule zur Marine gegangen. Ihn hatten die Erzählungen unseres Onkels, der im Ersten Weltkrieg Matrose gewesen war, schon immer begeistert.“

Heute wie damals lies Jette sich ganz auf die Erzählung ihres Großvaters ein. Helmut hatte bei der Marine früh eine Offizierslaufbahn eingeschlagen. Opa Erichs Stimme auf dem Band schilderte, wie sehr seine Eltern um den ältesten Sohn gebangt hatten. Jedes Mal, wenn ein Brief von Helmut gekommen war, hatte die Mutter sich bekreuzigt und Gott gedankt, dass der Junge noch am Leben war. Helmuts Zeilen über den U-Boot-Krieg im Atlantik hatte sie hingegen stets überlesen.

„Natürlich schrieb Helmut keine Details. Aber für unsere Mutter reichte es schon, um sich die schlimmsten Szenarien auszumalen“, tönte Opa Erichs Stimme aus den Lautsprechern.

Jette hörte weiter zu, wie auch der zweite Bruder ihres Großvaters für den Kriegsdienst herangezogen worden war. An die meisten Geschichten, auch wie Opa Erich selbst zwei Jahre später Soldat hatte werden müssen, konnte Jette sich noch gut erinnern. So eindringlich hatte Opa Erich damals erzählt und sie hatte sich in den Jahren danach die Kassette immer wieder angehört. Doch von der mysteriösen Agnes Demme fiel in dem ganzen Interview kein Wort. Weder Opa Erich, noch Oma Lisbeth, die zwischenzeitlich von den Luftangriffen auf Köln berichtete, erwähnten sie mit einer Silbe.

Ungeachtet der späten Stunde legte Jette die nächste Kassette ein. Vielleicht war Agnes Demme ja die Freundin eines von Opas Brüdern gewesen. Aber auf der nächsten Kassette, die das kürzeste Interview in der Reihe enthielt, sagte Opa Erich auch nichts von der Unbekannten.

Mittlerweile war es halb elf. Und für ihre Kolumne hatte sie noch keine Zeile geschrieben. Jette seufzte, während die Kassette ohne Ton im Laufwerk zu ende ratterte. Etwas Schönes, das die Leute anrührte, wünschte Merten sich. Aber nicht zu kitschig. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte Jette sich ratlos. Normalerweise flossen ihr die Zeilen schnell aus den Fingern. Jetzt hatte sie nicht einmal den Ansatz einer Idee. Alles, was ihr einfiel, war, dass Opa Erich nicht mehr da war, und wohl das eine oder andere Geheimnis mit ins Grab genommen hatte. Und dass sie Weihnachten zum ersten Mal ohne ihn würde feiern müssen.

So wie er damals, als er in Russland weit weg von seiner Familie gewesen war, dachte Jette. Vielleicht konnte sie daraus etwas machen? Weihnachten ohne geliebte Menschen – das war zwar kein schönes Thema, aber es würde sicherlich den einen oder anderen berühren. Ihr fiel der junge Flüchtling ein, den sie vor einigen Tagen interviewt hatte. Auch wenn er nicht Weihnachten feierte, so vermisste er seine Familie in der Heimat sicherlich auch. Jette schnappte sich ihren Laptop und tippte drauf los.

 

 

 

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