7. Dezember

 

Merten hielt sich die Hand vor den Mund und überflog Jettes Text. Jette hatte derweil Mühe, sich auf dem Stuhl zu halten. Nachdem sie sich über das Thema ihrer Kolumne klar gewesen war, hatte sie der Ehrgeiz gepackt und sie hatte getippt, überarbeitet, gestrichen, neue Zeilen geschrieben und wieder welche gelöscht. Zwischendurch hatte sie immer wieder die Kassettenbänder mit den Interviews gehört, vor und zurück gespult, bis sie endlich um halb fünf ins Bett gefallen war. Nun war es viertel nach zehn und Jette hatte die vierte Tasse Kaffee vor sich. Wie sollte sie bloß den Tag überstehen?

„Jette …“

Jette blinzelte. War sie etwa eingeschlafen? Sie schüttelte sich und unterdrückte ein Gähnen. Merten sah sie über seinen Schreibtisch hinweg an. Hatte er gerötete Augen? Nein, das bildete sie sich bestimmt ein. Sie musste dringend Schlaf nachholen. Sie halluzinierte schon.

„Jette, das ist … Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll“, sagte Merten. Seine Stimme war dünn und schien ein wenig zu zittern.

„So schlimm? Soll ich lieber noch mal was anderes schreiben?“

„Auf gar keinen Fall. Jette, das ist großartig! Weihnachten zwischen den Fronten, auf so eine Idee wäre ich ja nie gekommen!“

Jette trank noch einen Schluck Kaffee. Richtig wach war sie immer noch nicht, aber wenn sie ihren Chef richtig verstand, dann gefiel ihm ihre Kolumne. Er war begeistert und gerührt. Das passierte selten. Wenn Jette es recht bedachte, hatte sie Merten noch nie in dieser Verfassung gesehen. Offenbar hatte sie seine Vorgabe erfüllt; einen Text zu schreiben, der anrührend war, ohne kitschig zu sein. Dabei hatte sie doch nur ihren Gefühlen freien Lauf gelassen und sich alles von der Seele geschrieben.

„Du vermisst deinen Großvater wirklich sehr, nicht wahr?“

Jette nickte.

„Ich wusste nicht, dass ihr euch so nah standet.“

„Ich auch nicht“, murmelte Jette. Bis zu diesem Moment, da Merten es aussprach, war es ihr nicht bewusst gewesen. Natürlich hatte sie Opa Erich geliebt, schließlich war er ihr Opa gewesen. Aber wie nahe er ihr gewesen war, ging ihr erst jetzt auf, da er weit weg war. Noch weiter entfernt, als er damals in Russland von seiner Familie entfernt gewesen war.

Um mich herum blinkt und leuchtet es. Alles taumelt vor Fröhlichkeit. Ich liege wie im Schützengraben und fechte einen, so scheint es mir, aussichtslosen Kampf. Denn was ich verloren habe, kann ich nicht zurückgewinnen. Und ich beginne zu ahnen, wie mein Opa sich gefühlt haben muss. Damals in Russland. Im Winter 1942. Er damals und ich heute; wir waren und sind zwischen den Fronten. Wenn wir nicht gegen die Kälte kämpfen, können wir unser Leben verlieren.

So hatte sie geschrieben und gedacht, dass es vielleicht zu fatalistisch klingen könnte. Aber genau so fühlte es sich an. Natürlich war sie in keiner akut lebensgefährlichen Situation. Niemand stand mit Gewehr oder Panzer vor ihr und trachtete ihr nach dem Leben. Aber wenn sie sich von der Trauer gefangen nehmen lassen würde und in dieser Stimmung versinken würde, wäre sie ebenso verloren, wie die vielen Kameraden ihres Großvaters, die damals nicht aus Russland zurückgekehrt waren.

„Du musst immer an etwas glauben, das dich hält“, hatte Opa Erich ihr damals im Interview gesagt und gestern war es ihr wie ein Mantra vorgekommen, als sie die Worte auf Kassette gehört hatte. „Ich habe in Russland an die guten Lebkuchen gedacht, die wir früher zu Weihnachten immer hatten. Und an Mutters Stimme, wenn sie Oh du fröhliche sang. Das hat mich am Leben gehalten.“

Woran sollte sie sich jetzt halten? An ihren Job bei der Zeitung? An ihre Familie? Was sollte ihr in dieser Adventszeit Kraft geben?

Jette fiel der Brief ein. Ja, das würde ihre Aufgabe sein. Sie würde das Geheimnis um diese Agnes Demme lösen. Der Brief musste Opa Erich etwas bedeutet haben, sonst hätte er ihn nicht jahrelang aufbewahrt. Wenn sie nach Agnes suchte, würde sie auch ihrem Großvater nahe sein. Ob er die Kiste nur aus diesem Grund an sie adressiert hatte?

„Wie wird es in der Kolumne weitergehen?“

Jette schreckte aus ihren Gedanken hoch. Wie sollte es mit der Kolumne weitergehen? Darüber hatte sie sich keine Gedanken gemacht. Sie war froh gewesen, als sie die erste Folge heute Morgen geschrieben hatte. Immerhin zeigte der vierte Kaffee langsam Wirkung. Sie musste sich nun nicht mehr am Stuhl festhalten, um aufrecht sitzen zu bleiben.

„Diese Idee mit Weihnachten an der Front damals und heute gefällt mir gut“, sagte Merten und sah dabei an die Decke seines Büros. „Vielleicht findest du ja noch weitere Beispiele dafür. Hast du nicht neulich einen Syrer interviewt?“

Jette verzog das Gesicht. Der Vergleich zwischen ihr und ihrem Großvater war ihr gestern richtig vorgekommen, auch wenn der Vergleich natürlich nur metaphorisch funktionierte. Diesen Vergleich auch noch für andere zu bemühen, passte für Jette nicht ins Bild.

„Der war aber nicht an der Front“, widersprach sie ihrem Chef. „Ich denke mir etwas Schönes aus, mach dir keine Gedanken!“

Merten seufzte. „In Ordnung, aber vergiss nicht, du hast die Latte nun ziemlich hoch gesteckt.“

Jette quälte sich durch den Rest des Tages. Die Stunden bis zum Feierabend wollten einfach nicht vergehen und trotz Kaffee und Schokolade meldete ihr Körper zum Mittag deutlich seinen Wunsch nach Schlaf an. So wurden ihre Artikel über das Weihnachtssingen der Kita am Markt kein Glanzstück des Journalismus. Jette vergrub den Kopf in den Händen, als sie zum dritten Mal den Namen der Kita-Leiterin in ihrem Notizblock nachschlagen musste. Ihre Stirn fühlte sich heiß an. Bekam sie etwa Fieber? Das nicht auch noch! Einer ihrer Kollegen, der gerade von einem Termin an seinen Schreibtisch zurückkehrte, erkundigte sich besorgt, ob es ihr nicht gut ginge.

„Ich will in mein Bett“, jammerte sie.

Als sie endlich Feierabend hatte und wieder in ihrer Wohnung war, war sie jedoch mit einem Schlag wieder hellwach. Ihr Laptop stand von der nächtlichen Schreibsession noch immer auf ihrem Sofa. Drumherum lagen verstreut die verschiedenen Kassetten und auf dem Tisch stand Opa Erichs Erinnerungskiste. Jette griff nach dem Brief. Sollte sie ihn öffnen? Vielleicht fand sie Hinweise, die ihr weiterhalfen? Aber konnte sie das wirklich machen? Es gab bestimmt gute Gründe, warum der Brief nach all den Jahren noch immer verschlossen war. Opa Erich hatte ihr zugetraut, dass sie das Rätsel lösen würde, auch ohne zu wissen, was in dem Brief stand. Sie würde es versuchen müssen.

Jette öffnete den Browser und tippte den Namen der Unbekannten in die Suchmaschine ein. Der erste Eintrag führte zu einer Frau, die Mitte des vorletzten Jahrhunderts im Kreis Liebau im heutigen Polen gelebt hatte. Sie war auf einer amerikanischen Ahnenforschungsseite vermerkt. Doch über den Link kam Jette nicht weiter. Außerdem konnte das unmöglich die richtige Agnes sein. Der Brief war zwar alt, aber noch keine hundertachtzig Jahre. Unter den nächsten Suchergebnissen fand Jette das eine oder andere Facebookprofil. Auch die dort angezeigten Frauen waren vermutlich nicht die von ihr gesuchte Agnes Demme. Eine Frau, die vor mehr als siebzig Jahren Feldpost hatte bekommen sollen, hatte doch mit Sicherheit kein Profil im sozialen Netzwerk. Wenn sie überhaupt noch lebte!

Jette biss sich auf die Lippe. Daran hatte sie noch gar nicht gedacht. Was, wenn Agnes Demme schon längst tot war?  

 

 

 

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