8. Dezember

 

Im Eingangsbereich des Altenheims stand bereits ein Weihnachtsbaum mit Lichterkette und roten Kugeln behangen. Als er daran vorbeiging, erkannte Frank, dass es sich um eine Plastiktanne handelte. Das war vermutlich besser so, dachte er. Ein echter Baum hätte in dem warmen und halbdunklen Raum wahrscheinlich nicht bis Weihnachten überlebt. Darüber hinaus war so ein Plastikbaum auch einfach eine kostengünstigere, wenn auch nicht unbedingt schönere, Variante.

Frank stieg die Treppen in den ersten Stock hinauf und steuerte auf das zweite Zimmer zu. Er klopfte dreimal. Die Frau, die ihm öffnete, schien für einen Moment durch ihn hindurch zu schauen. Dann aber klärte sich ihr Blick auf.

„Hallo, schön, dass du da bist“, sagte sie und ließ ihn in das Apartment eintreten.

Frank fiel auf, dass sie ihn nicht beim Namen nannte, so ganz schien sie ihn noch nicht einsortieren zu können. Aber sie wusste, dass er jemand war, den sie kannte und gern hatte, das musste für den Moment genügen. Sie hatte auch schon ganz andere Tage gehabt, an denen sie ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen und gesagt hatte, dass sie keine Käufe an der Tür tätige.

Er reichte ihr die runde Blechdose mit Rentier-Muster, die er mitgebracht hatte.

„Schau mal, Oma, die Kinder haben schon gebacken!“

Sie nahm die Dose entgegen und hielt sie etwas ratlos in den Händen. Frank nahm behutsam den Deckel ab. Die Augen der alten Frau strahlten.

„Oh wie schön! Sind das Weihnachtskekse?“

„Ja.“ Er zeigte auf die verschiedenen Sorten. „Felicitas hat Vanillekipferl und Nussmakronen gebacken. Und von Florian gibt es Schokoladenkekse.“

„Ach“, antwortete sie. „Sind das die neuen Bäcker in der Stadt?“

Frank verkniff sich ein Seufzen. „Nein, Oma. Felicitas und Florian sind doch meine Kinder. Deine Urenkel!“

Seine Oma sah ihn verblüfft an. „Tatsächlich? Wie lange hast du die denn schon?“

„Schon länger. Felicitas ist vor drei Wochen dreizehn geworden. Da warst du doch dabei!“

Sie nickte und griff nach einem Schokoladenkeks.

„Soll ich ein paar Kekse auf einen Teller legen?“

„Ja, auf den Teller mit den Sternen, den haben wir immer für Weihnachtskekse benutzt“, sagte sie und war für einen Moment wieder ganz die alte Agnes. Frank warf ihr einen liebevollen Blick zu und holte den Teller aus dem Küchenschrank.

„Wie geht es dir denn, Oma Agnes?“, fragte er, als sie wieder gemeinsam am Tisch saßen.

„Es geht ganz gut, in den letzten Tagen hatte ich viel zu tun.“

Frank zog die Augenbrauen hoch. „Was gab es denn alles zu erledigen?“

„Gebacken“, sagte sie und deutete auf die Weihnachtskekse auf dem Teller. „Demnächst ist ja schon wieder Weihnachten, da muss man vorbereitet sein“, erklärte sie, als ob er vergessen hätte, dass in knapp zwei Wochen Weihnachten war. Frank sah auf die Küchenzeile direkt hinter der Tür zum Apartment. Es gab hier keinen Ofen, nur zwei Herdplatten, die seines Wissens nach aber abgestellt waren. Ihre Mahlzeiten, zu denen die Pflegerinnen sie abholten, nahm Agnes immer unten im Speisesaal ein. Wie sie nur plötzlich auf die Idee kam, dass sie selbst gebacken hatte? Oder war das ein Wunsch?

„Wir wollen auch bald wieder backen“, erzählte Frank. „Hast du Lust uns zu helfen? Felicitas und Florian würden sich sehr freuen!“

„Ich kenne diese Leute zwar nicht, aber wenn du meine Hilfe brauchst, komme ich gern.“

Nun konnte Frank sich das Seufzen doch nicht mehr verkneifen. Es war das eine, zu wissen, dass Oma Agnes schon hochbetagt war und niemandem wehtun wollte, doch es war eine ganz andere Geschichte, mit dem Schmerz zurechtzukommen, dass sie ihn und die Kinder nicht mehr erkannte. Er schluckte.

„Die beiden sind sehr nett, du wirst sie mögen!“, versicherte er ihr und nahm ein Vanillekipferl vom Teller.

In diesem Moment heulte eine Sirene auf. Frank ließ den Weihnachtskeks auf die Tischdecke fallen und lief zur Tür. Draußen auf dem Flur herrschte ohrenbetäubender Lärm und Frank erkannte, dass die Sirene sich genau über Oma Agnes‘ Tür befand.

Feueralarm! War das eine Übung? Oder war in einem der Apartments tatsächlich ein Feuer ausgebrochen? Es spielte keine Rolle. Sie mussten hier raus! Ein junger Mann kam die Treppe hinaufgeeilt.

„Schell, begeben Sie sich auf den Platz vor dem Gebäude“, rief er Frank zu und rannte den Flur entlang.

Frank nickte und drehte sich nach seiner Großmutter um. Sie zitterte.

„Schon das dritte Mal in dieser Woche“, sagte sie. „Was wollen die denn noch kaputt machen?“

Es dauerte einen Augenblick, bis Frank begriff, in welchem Film Oma Agnes sich gerade befand. Sie schien zu glauben, es herrsche Fliegeralarm und sah sich hektisch in ihrem Zimmer um.

„Hänschen? Hänschen, wo bist du?“ Tränen liefen ihr über das faltige Gesicht.

Frank wollte sie am Arm nehmen und aus dem Zimmer führen, doch sie rief nur noch lauter und verzweifelter nach ihrem Sohn, seinem Vater. In diesem Zustand würde er sie keinen Millimeter von der Stelle bewegt bekommen. Er umklammerte ihre Schultern und sah ihr fest in die Augen.

„Hänschen ist doch bei Tante Maria in Bayern. Ihm geht es gut!“ Wie gut, dass Papa gerade wirklich Urlaub in Bayern macht, sonst wäre mir das nie eingefallen, schoss es Frank durch den Kopf.

„Ein Glück“, sagte sie, zitterte aber noch immer.

„Wo ist denn nur der Koffer? Der steht doch immer neben der Tür!“

Frank riss ihren Mantel von der Garderobe und warf ihn ihr über.

„Dafür ist nun keine Zeit mehr! Komm, wir müssen hier raus!“

Für ihre achtundneunzig Jahre war Agnes noch erstaunlich gut zu Fuß, wie Frank nun feststellte, als er seine Großmutter aus dem Apartment Richtung Treppenhaus führte. Zwei Pfleger führten vier weitere Bewohner des Altenheims den Flur herunter und sprachen dabei beruhigend auf sie ein.

Das Heulen des Feueralarms begleitete sie den ganzen Weg über durchs Treppenhaus und durch die Eingangshalle. Selbst draußen war es noch zu hören. Agnes klammerte sich an Frank.

„Ich bin so froh, dass du bei mir bist, Otto“, keuchte sie.

Otto? Frank stutzte. Oma Agnes war offenbar völlig in der Vergangenheit abgetaucht. Sie dachte nicht einmal mehr an ihren späteren Ehemann, dessen Name war Ludger gewesen. Otto war sein Großvater gewesen, den er nie kennengelernt hatte. Wenn Frank sich recht erinnerte, hatte Agnes keinen einzigen Bombenangriff mit Otto durchlebt. Wie merkwürdig, dass sie ihn nun ausgerechnet mit ihm verwechselte. Sollte er das Missverständnis aufklären? Ein Blick in die Augen seiner Großmutter sagte ihm, dass das zwecklos sein würde. Für die Realität war Agnes in diesem Moment nicht zu erreichen.

„Ja, ich bin hier, ich lass dich nicht allein“, sagte er und half ihr, die Arme in die Mantelärmel zu stecken.

„Stellen Sie sich hier an den Rand“, rief einer der Pfleger den Senioren und den anwesenden Besuchern zu. Mit ausgebreiteten Armen trieb er sie langsam auf die gewiesene Stelle zu.

„Warum denn an den Rand?“, wunderte Agnes sich. „Blockwart Müller ist wohl wahnsinnig. Wir müssen doch in den Keller!“

Frank schloss seine Arme um sie. „Er wird schon wissen, was er tut.“ Das Wort Blockwart wollte ihm einfach nicht über die Lippen kommen.

Agnes drückte sich an ihn und vergrub ihr Gesicht in seinem Pullover. „Bitte bleib bei mir, Otto. Geh nicht wieder fort!“

„Ich bleibe hier“, versprach Frank erneut.

Der Wind wehte über den Vorplatz des Altenheims und ließ ihn frösteln. Seine Jacke lag noch oben in Oma Agnes‘ Apartment. Um warm zu werden, rieb er seiner Großmutter über den Rücken. Das war das einzig Richtige, was er nun tun konnte.

 

 

 

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