9. Dezember

 

Seit einer Ewigkeit schon blies Erich neben ihm immer wieder in seine zur Höhle geformten Hände. Otto lauschte dem kehligen „Hhhhhhoooohhhhh“, das erklang, wenn Erich die Luft aus seiner Lunge entweichen ließ. Er glaubte nicht, dass diese Übung seinem Kameraden half, sich warm zu halten. Otto selbst konnte sich kaum noch daran erinnern, wie es war, nicht zu frieren. Was nutzte es also, dass Erich in seine Hände pustete? Es konnte nur eine Antwort geben; das Pusten hielt ihn beschäftigt. So wie er sich damit beschäftigte, behelfsmäßig Hosen und Mäntel der Kameraden zu flicken, obwohl er vor Kälte kaum die Nadel halten konnte. Nadel! Otto entfuhr trotz Zähneklapperns ein spöttisches Schnauben. Er hatte eine leere Patronenhülse so lang bearbeitet, bis er sie als Nadel hatte zweckentfremden können. Besser als nichts, aber doch weit von dem entfernt, was er in der heimatlichen Schneiderei sein täglich Werkzeug genannt hatte. Im schummrigen Licht der Kerze, die neben ihm in einer Laterne flackerte, schob er die Nadel durch den zerschlissenen Saum von Günthers Mantel. Sein Kamerad trug den Mantel eng um den Körper geschlungen. Es wäre ein Wahnsinn gewesen, bei dieser Kälte die Kleider zum Flicken auszuziehen.

„Au! Verdammt!“, rief Günther plötzlich aus. „Du hast mich gestochen.“

„Tut mir leid.“ Otto bemühte sich noch mehr als zuvor, seine Hand ruhigzuhalten, obwohl er ahnte, wie aussichtslos es war.

„Sei doch froh, Günther. Wenn du noch Schmerzen spürst, heißt das, dass du noch lebst“, sagte Erich und unterbrach für einen Augenblick sein Pusten.

Günther brummelte irgendetwas. Erich begann wieder, in seine Hände zu blasen und Otto setzte seine Arbeit fort. Er kniff die Augen zusammen, fokussierte den Saum. Nadel einstechen, Faden durchziehen, von hinten wieder einstechen, Faden nach oben ziehen. Nadel einstechen, Faden durchziehen … Was Agnes jetzt wohl machte? Ging es ihr gut? Hoffentlich musste sie nicht frieren! … Nein! Nicht an die Kälte denken. Lieber an den warmen Frühlingstag, als sie sich im Park getroffen hatten! … Nadel von hinten wieder einstechen … Otto sah ihr Gesicht vor seinem inneren Auge. Ihre blonden Haare, zur Dauerwelle frisiert. Ihre grünen Augen, die immer schon lachten, noch bevor ihre Mundwinkel sich verzogen und sich kleine Grübchen in ihren Wangen bildeten. Ihr helles Lachen. Niemals hätte er Agnes vergessen können. Selbst wenn er nicht ihr Foto in seinem Mantel ständig bei sich getragen hätte. Er brauchte es nicht, um sich ihrer zu erinnern. Doch es tat gut, zu wissen, dass es da war. Ganz eng an seinem Körper. So wie Agnes damals an dem Tag vor seiner Abreise … Nadel einstechen, Faden durchziehen … In seinem letzten Brief hatte er geschrieben, dass es ihm gut ging. Dass sie gut vorwärts kämen, genug zu essen hätten … Nadel von hinten wieder einstechen … Nicht ans Essen denken! Seit Tagen, vielleicht schon Wochen hatten seine Kameraden und er nichts Ordentliches mehr zu beißen gehabt. Eine Scheibe Brot und eine dünne Brühe aus Pferdefleisch ohne Salz oder Pfeffer war das, was sie täglich bekamen. … Faden nach vorne durchziehen, Nadel einstechen … Agnes wartete sicher auf einen neuen Brief von ihm. Aber was sollte er schreiben? Dass es ihm gut ging? Vielleicht hätte Agnes es ihm abgekauft, wenn sie nicht sah, wie er beim Lügen rot wurde. Doch es ging ihm gegen den Strich, sie zu belügen. Es ging ihm beschissen. Ihm und Erich und Günther und all den anderen, die noch am Leben waren. Aber die Wahrheit zu schreiben, würde den sicheren Tod bedeuten. Wenn einer der Offiziere das zu lesen bekäme … Faden durchziehen, Nadel von hinten wieder einstechen … Und ob sie vorwärts kamen? Otto hatte längst die Orientierung verloren. Sie hatten Stalingrad noch nicht erreicht, das konnte er mit Sicherheit sagen. Aber das war auch schon alles. Die Offiziere gaben Befehle und er und seine Kameraden folgten. Wohin spielte schon längst keine Rolle mehr. Vor ihnen lag der Russe und grüßte Tag und Nacht mit Beschuss. Und sie lagen hier seit Wochen unter freiem Himmel. Der Boden war zu hart gefroren, um Erdlöcher zu graben, in denen sie sich vor dem eisigen Wind oder den Gewehrsalven hätten schützen können. Ein Großteil ihrer Truppe war schon zurückgeblieben. Erschossen in den Kämpfen oder erfroren. Die Ärmsten, die hatten es wenigstens hinter sich. … Nicht dran denken! Nadel einstechen, Faden durchziehen … Solange er in Bewegung blieb, und wenn es nur die Finger waren, würde er nicht erfrieren! Der Faden, den er aus dem zerfetzten Mantel eines gefallenen Kameraden gewonnen hatte, ging zu Ende. Otto führte die Nadel einige Male durch die Naht.

„Fertig“, flüsterte er und steckte die Nadel in seine Manteltasche. Günther nickte und streckte sich etwas ungelenk. Ein Wunder, dass er nicht festgefroren war!

„Danke dir. So fein herausgeputzt kann ich dann ja Weihnachten zur Kirche gehen.“

 Es war, als hätte er Otto die improvisierte Nadel direkt ins Herz gestoßen. Weihnachten. Da hatten sie doch alle längst wieder zuhause sein sollen. Er hätte längst wieder zuhause sein wollen! Wie oft hatte er auf dem Marsch darüber nachgedacht, wie er mit Agnes unterm Weihnachtsbaum gesessen hätte. Eine schicke Jacke hatte er ihr schenken wollen. Otto hatte sie schon genau vor sich sehen können. Doch aus dem Blitzkrieg, von dem die Heeresleitung gesprochen hatte, war nichts geworden. Der Russe war zäher, als sie sich hatten eingestehen wollen. Ihre Truppe war in den letzten Wochen erschreckend geschrumpft. Von den Leuten, mit denen er aus Münster aufgebrochen war, war kaum noch jemand übrig. Otto atmete bibbernd aus. War das der Wind oder der Lufthauch seines Atems, der in seinen Ohren rauschte? Weihnachten! Ob er das Fest noch erleben würde? War es erstrebenswert, noch länger in dieser eiskalten Hölle auszuharren? 

 

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