Die Handschuhe des Schneiders

Es war einmal ein armer Schneider, der lebte mit seiner Frau in einer kleinen Dachkammer. Obwohl er fleißig arbeitete, war das Geld knapp und eines Tages blieb ihm nichts mehr als ein Reststück Wollstoff und ein Faden. Damit konnte der Schneider nichts Großes mehr nähen, das ihm und seiner Frau ein Auskommen gesichert hätte. So entschloss er sich, aus diesen letzten Resten zu Weihnachten ein Paar Handschuhe für seine Frau zu schneidern.

Doch noch vor Weihnachten starb die Frau des Schneiders. Die Trauer des Schneiders war so groß, dass er die Handschuhe nicht behalten wollte. Also legte er sie auf das Kreuz auf dem Grab seiner Frau.

Kurz darauf kam eine alte Witwe, die auf dem Weg zum Grab ihres Mannes war, an dem Kreuz vorbei und erblickte die Handschuhe.

„Welch schöne Handschuhe“, dachte sie. „Die muss jemand verloren haben. Ich werde sie mir für einen Augenblick ausleihen, damit meine Finger nicht frieren, während ich am Grab ein Gebet spreche.“

Die Witwe nahm die Handschuhe vom Kreuz und streifte sie sich über. Sie passten wie angegossen. Und als sie vor dem Grab ihres Mannes die Hände in den Handschuhen faltete und ihr Gebet sprach, da war es ihr, als spüre sie die warme Hand ihres Mannes, den sie schon so lange vermisste. Ihr wurde so warm ums Herz, dass sie nicht mehr daran dachte, die Handschuhe zurück zu bringen. So trug die Witwe die Handschuhe auch noch am Neujahrstag. Auf ihrem Spaziergang kam sie an einem Kutscher vorbei, der auf dem Kutschbock saß und warme Atemluft auf seine nackten Hände blies.

„Ein frohes neues Jahr!“, wünschte die Witwe.

„Das wünsche ich auch. Wenn ich so schöne und warme Handschuhe hätte wie Sie, könnte ich auch auf ein frohes neues Jahr hoffen“, sagte der Kutscher.

„Haben Sie denn keine?“

„Nein, stellen Sie sich vor, meine schönen dicken Handschuhe wurden mir gestern Nacht gestohlen.“

Der Kutscher tat der alten Witwe leid und sie sah auf die Handschuhe. Sie hatte sie doch längst zu dem Kreuz zurückbringen wollen. Aber vielleicht brauchte der Kutscher sie viel nötiger als derjenige, der sie verloren hatte? Plötzlich wuchsen die Handschuhe an ihren Händen, bis sie ihr schließlich von den Fingern rutschten.

„Wie merkwürdig“, wunderte sie sich. Die Handschuhe schienen nun genau die richtige Größe für die Hände des Kutschers zu haben und waren zudem fellgefüttert. Die Witwe reichte sie dem Kutscher, der sie verblüfft annahm und über seine kalten Finger zog. Und obwohl die Hände der Witwe nun unbedeckt waren, wurden sie ihr den ganzen restlichen Winter nicht mehr kalt.

Dem Kutscher aber wärmten sie nicht nur die Hände. Die Freigiebigkeit der alten Witwe wärmten ihm noch so manche Stunde das Herz und die Seele. Als das Frühjahr heranbrach, hielt der Kutscher eines Tages vor dem Haus einer jungen Frau, die er zu ihrer Hochzeit zur Kirche fahren sollte. Sobald der Kutscher auf der Türschwelle stand, hörte er von drinnen schon aufgeregte Stimmen.

„Meine Handschuhe sind verschwunden! So kann ich doch nicht vor den Altar treten!“

Da spürte der Kutscher, dass es Zeit war, die Handschuhe der alten Witwe weiterzugeben. Er zog sie von den Fingern und noch währenddessen verwandelten sie sich vor seinen Augen in schmale Damenhandschuhe aus weißer Seide mit Spitze besetzt. Die junge Braut war außer sich vor Freude.

„Sie sehen noch schöner aus als meine“, rief sie und streifte sie gleich über. Und mit einem Mal war auch ihre Nervosität vor der Hochzeit verflogen. Sie fühlte die Liebe ihres Vaters, der sie zum Altar führte, die Liebe ihres Mannes, der sie mit freudestrahlendem Blick erwartete und ihre eigene Liebe zu ihrem Mann, als sie ihm die Treue versprach.

Die junge Frau fühlte sich so wohl mit den Handschuhen, dass sie sie auch nach der Hochzeit noch immer wieder gern trug, wenn sie mit ihrem Mann im Park spazieren ging. Auch als der Herbst kam, trug sie die Handschuhe, die sie noch immer wärmten, obwohl der Stoff für dieses Wetter viel zu dünn war.

Da sah sie eines Tages ein kleines Kind auf der Parkbank sitzen, das weinte. Besorgt trat sie hinzu und setzte sich neben es.

„Was ist passiert, warum weinst du?“

„Ich habe meine Handschuhe verloren und kann sie nicht wiederfinden! Meine Mutter wird wütend sein, dass ich nicht besser aufgepasst habe. Sie hat doch kein Geld, um neue zu kaufen.“

Die junge Frau legte tröstend einen Arm um das Kind und wollte ihm Mut zusprechen. Da spürte sie plötzlich, wie der eine Handschuh zwickte und kratzte. Sie bekam ihn kaum von der Hand, so klein war er geworden und hatte sich außerdem in Wolle verwandelt, ebenso wie sein Zwilling.

„Nimm meine Handschuhe“, sagte die Frau und reichte die Handschuhe dem Kind. „Deine Mutter soll sich deswegen keine Sorgen machen.“

Dankend nahm das Kind die Handschuhe an und lief schnell nach Hause. Von diesem Tag an achtete es sehr genau auf seine Handschuhe und es trug sie viele Jahre. Denn obwohl das Kind wuchs und wuchs, wurden ihm die Handschuhe nie zu klein. Es trug sie, wenn es jedes Jahr mit seinem Vater in den Wald ging, um einen Tannenbaum zu schlagen, wenn es mit Freunden Schlitten fuhr und wenn es seine Großmutter auf den Friedhof begleitete.

Doch als das Kind schon fast erwachsen war, starb die Großmutter an einem Winterabend. Nach der Beerdigung lief das Kind noch eine Weile über den Friedhof, wo es mit seiner Großmutter so oft gewesen war. Da sah es vor einem der Gräber einen alten Mann stehen. Er schien ganz in Gedanken versunken, wie er da auf das Grab mit dem verwitterten Holzkreuz blickte. Ein letztes graues Blatt fiel von einem Baum und landete auf dem Kreuz. Das Kind sah, wie der alte Mann sich bückte und das Blatt aufheben wollte. Aber als er versuchte, sich wieder aufzurichten, verlor er das Gleichgewicht und fiel auf den Weg.

Das Kind eilte hinzu und half ihm auf die Beine. Da sah es, dass der Mann sich beim Fallen die Hände aufgeschürft hatte. Es nahm ein Taschentuch und säuberte vorsichtig die Wunden. Dann zog es seine Handschuhe aus und stülpte sie dem Alten vorsichtig über die Finger.

„Danke“, sagte er. „Ich werde sie dir gewaschen wiederbringen.“

In diesem Moment sahen beide, dass die Handschuhe sich ganz verändert hatten. Sie waren aus dickem Wollstoff und ein bisschen größer als noch zuvor.

„Das ist nicht nötig“, sagte das Kind. „Ich hatte sie nun schon so viele Jahre, und ich glaube nicht, dass sie mir noch passen werden.“

Der alte Mann lächelte. „Es ist seltsam. Vor vielen Jahren habe ich für meine Frau ein paar Handschuhe genäht und sie hier zurückgelassen. Nun bekomme ich ein Paar zurückgeschenkt.“

Noch während er darüber sprach, verstand er, dass es diese Handschuhe waren, die er nun selbst an den Händen trug. Sie wärmten seine kalten Hände, die seit dem Tod seiner Frau nie mehr richtig hatten warm werden wollen. Er spürte all die Freude und auch das Leid derjenigen, die die Handschuhe in all den Jahren getragen hatten. Alles hatten die Handschuhe mit ihren Trägern geteilt, hatten sie gewärmt, geschützt und ihnen Halt gegeben. Nun würden sie auch ihm Halt geben, solange er ihn brauchte.