Judith
Am Fenster des Reisebusses zieht regengraue Landschaft vorbei. Nicht gerade stimmungshebend. Ich lehne meinen Kopf gegen die Scheibe und sehe den Regentropfen nach, die im Fahrtwind in wilden Mustern das Glas entlangrinnen. Julia sitzt neben mir, hat sich aber abgewendet und quatscht leise mit Sabrina, die auf der anderen Seite des Gangs sitzt. Sabrina kichert leise und ich spitze die Ohren. Sprechen sie über mich? Ich sehe mich zu den beiden um, und bin halbwegs erleichtert, dass meine Klassenkameradinnen auf Herrn Willms deuten, der vorne hinterm Busfahrer sitzt und eingenickt ist. Keine Ahnung, was daran so witzig ist, aber ich bin froh, dass ausnahmsweise einmal nicht ich das Ziel von Spott bin. Die Erleichterung hält nur für ein paar Sekunden an.
Ich muss auf der Hut sein.
Zwar sind Julia und Sabrina nicht so schlimm wie Kilian oder Melanie, aber die Erlebnisse der letzten Wochen haben mich vorsichtig werden lassen. Es ist besser, keine Angriffsfläche zu bieten. Als auch weiter hinten im Bus getuschelt wird, setze ich meine Kopfhörer auf. Leider lenkt mich meine Playlist diesmal nicht so ab wie sonst.
Als eines der Lieder von Escape erklingt, wandern meine Gedanken automatisch zu meinem Treffen mit Freddy zurück. Wie er vor mir zurückgewichen ist und unseren Spaziergang abrupt abgebrochen hat. War ich zu forsch? Tausendmal habe ich seit Samstag eine Nachricht an Freddy begonnen, und immer wieder jedes Wort gelöscht. Er hat sich auch nicht gemeldet. Wahrscheinlich will er mich nicht wiedersehen. Er hat beim Abschied ja nicht mal richtig auf meine Frage reagiert. Ich war naiv zu hoffen, dass er, der strahlende Musiker, sich für mich interessieren könnte. Dabei hatte ich wirklich das Gefühl, unser Chat würde ihm ähnlich viel bedeuten wie mir.
Als wir endlich auf der Fähre nach England sind, gehe ich nicht mit den anderen ins Innere, sondern stelle mich an die Reling und schaue auf den Ärmelkanal.
Die Tränen, die mir kurz darauf übers Gesicht laufen, könnten auch vom Herbstwind kommen.
Gleich am nächsten Morgen steht der Ausflug zur Gloucester Cathedral auf dem Programm. Melanie, Oksana, Kilian und Lili gehen am Ende unserer Gruppe. Ich hasse es, sie im Rücken zu haben und sehe mich skeptisch nach ihnen um. Kilian hat seinen Arm um Oksanas Hüfte gelegt und zeigt den anderen etwas auf seinem Handy, woraufhin sie auflachen. Sofort schlägt mein Herz wieder bis zum Hals. Es gelingt mir nicht, mir einzureden, dass es vermutlich irgendein Mist ist, den Kilian bei Instagram oder so gefunden hat.
Hat er nicht gerade zu mir rüber genickt?
Ich hefte meinen Blick auf die beeindruckende Fassade der Kathedrale, während unser Lehrer zum Ticket-Schalter geht. Gleich werde ich mit Kilian und den anderen Ergebnisse unserer Projektarbeit präsentieren müssen. Wie abgesprochen, habe ich etwas zur Geschichte vorbereitet. Ob die anderen ihre Beiträge auch parat haben, weiß ich nicht. Meine letzten Nachfragen haben sie ignoriert.
Herr Willms kommt mit einem freundlich blickenden älteren Herrn zu uns zurück. Er stellt ihn uns als Mr Lukies, unseren Guide vor, und erwähnt sogleich, dass wir in unserer Klasse fünf Experten für die Gloucester Cathedral haben.
„Splendid“, sagt Mr Lukies und seine Augen funkeln hinter der Brille. Wir könnten ihn bei der Führung gern unterstützen und kontrollieren, ob er auch keine Fehler mache, fügt er belustigt hinzu. Wie die anderen würde ich gern über diesen Witz lachen. Stattdessen fangen meine Hände unkontrolliert an zu zittern und sind plötzlich schweißnass. Mit unsicheren Schritten folge ich meiner Klasse. Und während meine Mitschüler gleich Harry Potter Vibes bekommen und ins Schwärmen geraten, bin ich damit beschäftigt, nicht in Ohnmacht zu fallen.
Schwankt der Boden tatsächlich? Ich bekomme kaum mit, wie Mr Lukies etwas zur Architektur erzählt und dabei immer wieder Oksana ansieht, die ein paar Dinge ergänzt. Um wieder etwas klarer zu werden, massiere ich meine Ohrläppchen. Es hilft etwas gegen den Schwindel. Ich ziehe meine Wasserflasche aus dem Rucksack, doch meine Hände zittern noch immer, sodass mir ein ordentlicher Schluck über die Jacke läuft. Auch das noch. Melanie grinst.
Im Kreuzgang bleibt Mr Lukies mit uns an einer Ecke stehen und erläutert die Fenster, das Fächergewölbe. Ich lehne mich an die Mauer und genieße den kühlen Stein im Rücken. Gerade ist eine britische Schulklasse mit klackenden Schritten an uns vorbei gegangen, als sich eine weitere Besuchergruppe nähert.
„Guck mal, Judith, ich glaube, das ist deine Reisegruppe“,
sagt Kilian und deutet auf ein gutes Dutzend Nonnen in graublauem Habit.
Der Kloß, der augenblicklich in meinem Hals hängt, ist so groß, dass ich weder etwas erwidern, geschweige denn atmen kann. Ironischerweise hat Kilian sogar recht. Ich würde viel lieber mit den Nonnen die Kathedrale besuchen als mit meinem Englischkurs.
Egal mit wem, Hauptsache weg! Aber ich bin hier an der Mauer wie festgeklebt, ich kann lediglich meinen Kopf drehen. Eine der Nonnen lächelt mir im Vorbeigehen zu. Es braucht meine volle Konzentration, um nicht loszuheulen. Nicht hier, nicht vor den anderen.
Ausgerechnet jetzt wendet sich Mr Lukies an mich und fragt, ob ich etwas zu den Anfängen des Klosters erzählen könnte. Ich starre an. Alles, was ich in den letzten Wochen recherchiert und gelernt habe, was ich vor einer halben Stunde noch im Kopf hatte, ist weg.
Melanie und Oksana kichern, Kilian grinst breit. Es dröhnt in meinen Ohren.
„I’m sorry“, bringe ich hervor und erschrecke darüber, dass ich selbst bei diesen zwei Wörtern ins Stottern gerate. Nun kann ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie schießen mir in die Augen, verschleiern meinen Blick und verschließen mir Hals und Nase.
Ich muss hier raus. Sofort.
Frau Kemper, die als zweite Lehrerin unsere Fahrt begleitet, nimmt mich sanft an der Schulter und führt mich nach draußen. Dort bugsiert sie mich zu einem Mauervorsprung, auf den ich mich fallen lasse.
„Jetzt atme ein paar Mal tief durch“, sagt sie, nachdem ich eine gefühlte Ewigkeit vor mich hin geschluchzt habe. Ich schließe die Augen, konzentriere mich darauf, Luft durch die Nase zu ziehen und durch den Mund wieder auszuatmen. Langsam versiegen meine Tränen.
Frau Kemper reicht mir ein Taschentuch und anschließend einen Müsliriegel. Ich nehme beides dankbar an, wobei ich meine Hand ähnlich fest um den Riegel schließe wie um das Taschentuch. Vermutlich ist gleich nur noch Matsch in der Verpackung.
„Geht’s wieder besser?“
Ich nicke.
„Was war denn los?“
Ich werde ihr nichts von Kilian erzählen. Was soll sie auch tun? Selbst wenn sie ihn zu einer Entschuldigung zwingen würde, es würde langfristig doch nichts ändern.
„Mir geht’s heute nicht so gut. Hab schlecht geschlafen, vermutlich bekomme ich meine Tage“, sage ich daher. Letzteres ist nicht einmal gelogen und Frau Kemper fragt nicht weiter.
Meine Zimmergenossinnen tische ich später die gleiche Erklärung auf.
„Magst du gleich trotzdem mit in den Pub kommen? Dort ist Live-Musik und wir gehen alle hin“, sagt Imke.
„Ich glaube, ich würde gern früh schlafen.“ Mir fehlt die Kraft, mich noch einmal meinem Kurs zu stellen.
„Das kann ich verstehen. Mach dir einen Tee“, schlägt Sabrina vor, und Amira schenkt mir eine Tafel Schokolade, die garantiert bei Periodenschmerz hilft.
Als die vier gegangen sind, trinke ich tatsächlich eine Tasse Tee und esse etwas von der Schokolade. Aber obwohl ich müde bin und ich mich fest in die Bettdecke kuschle, kann ich nicht einschlafen.
Sie werden im Pub über mich reden, und bestimmt nichts Nettes.
Drei Tage haben wir den Vormittag in London zur freien Verfügung und mit den Mädels aus meinem Zimmer fahre ich zum berühmten Camden Market. Die bunten, trubeligen Gassen gefallen mir, und ich kaufe in einem der Shops sogar ein hübsches Top. Schließlich ziehen wir weiter in ein Café. Mein Herz, das für eine Weile beinahe leicht war, sinkt mir in die Knie, als ich sehe, wer sich ebenfalls an einem der Tische niedergelassen hat.
„Oh, schaut, da sind Melli, Lili und Oksana.“ Julia winkt den dreien und steuert zielstrebig auf ihren Tisch zu. Mir bleibt kaum etwas anderes übrig, als ihr und den anderen zu folgen und mich mit meiner heißen Schokolade und dem Cupcake zu ihnen zu setzen.
„Voll cool hier, oder? Habt ihr auch was gekauft?“,
fragt Melanie und präsentiert sogleich eine Auswahl an Klamotten. Julia zeigt ihren neuen Pullover, Imke ein paar Schuhe und Amira ein Seidentuch, das sie als neues Kopftuch tragen will.
„Wow, das ist mega“, ruft Oksana und streicht mit den Fingern über den glänzenden Stoff.
Ich ziehe an dem Top in meiner Tüte, würde es auch gern zeigen. Aber mir versagt die Stimme. So besonders ist das Top ja auch nicht. Ich löffle die Sahne von dem Kakao und nehme einen Bissen vom Cupcake. Er ist wahnsinnig süß, aber schmeckt fantastisch.
„Oh, wir müssen gleich los, um 15 Uhr ist Treffpunkt an Westminster Abbey“, sagt Sabrina irgendwann.
Amira geht noch zur Toilette und ich folge ihr. Als ich kurz darauf meinen Tampon gewechselt, die Hände gewaschen habe und ins Café zurückkomme, fehlt von meinen Klassenkameradinnen jede Spur. Hastig sehe ich mich um, laufe nach draußen. Aber in der wuseligen Gasse kann ich keine von ihnen entdecken. Wo sind sie, verdammt noch mal?
Ich schaue auf mein Handy. Keine Nachricht. In einer dreiviertel Stunde müssen wir an Westminster Abbey sein. Vielleicht sind die anderen schon zur Underground vorgelaufen. Ich schlängle mich zwischen den Besucherströmen hindurch, doch auf dem Bahnsteig sind weder Julia, noch Melanie, noch sonst jemand aus der Gruppe.
Sie müssen ohne mich gefahren sein.
Ich schaue nochmal aufs Handy, checke die Verbindung zu Westminster. Immerhin werde ich es pünktlich dorthin schaffen. Gerade will ich das Smartphone wieder in die Jackentasche stecken, als eine Nachricht eingeht. Doch etwa Julia? Oder wenigstens Amira?
Hi Judith, sorry, dass ich mich jetzt erst melde. Hab mich Samstag total blöd verhalten. Wollte dich nicht einfach so abwimmeln. Ich fand unseren Spaziergang sehr schön. Hoffe, es geht dir gut. LG, Freddy
Schon wieder schießen mir Tränen in die Augen. Diesmal allerdings vor Erleichterung. Etwas flattert in meiner Brust, dass ich beinahe glaube, gleich gen Decke des Underground-Tunnels zu schweben. Es stimmt nicht, dass er mich nicht sehen will. Ob er seit Samstag auch tausend Nachrichten an mich angefangen und wieder gelöscht hat?
Mit fliegenden Fingern schreibe ich meine Antwort.
Hi Freddy, du glaubst gar nicht, wie froh ich gerade bin, von dir zu hören. Bin gerade allein auf dem Weg von Camden nach Westminster – meine Leute sind einfach ohne mich gefahren. Ich fand es Samstag auch sehr schön mit dir. Hoffe, dir geht es besser. Liebe Grüße
Irgendwo im Tunnel verliert mein Handy die Verbindung. Aber als ich endlich bei der berühmten Abtei ankomme, werfe ich einen Blick aufs Display und lächle erleichtert.
Oh no, das ist echt mies. Komm gut an. Run until you fly 😉
Mein Englischkurs ist bereits vollzählig vor Westminster Abbey versammelt, dabei ist es noch nicht ganz drei Uhr. Niemand von meinen Klassenkameraden nimmt von mir Notiz. Erst als Herr Willms mit strenger Miene die Arme über dem Kopf zusammenschlägt, werden sie aufmerksam.
„Judith, wo kommst du allein her? Du weißt, dass ihr mindestens zu dritt unterwegs sein sollt.“
Ich fange Amiras Blick, sie macht ein zerknirschtes Gesicht. Ob sie die anderen erst zurückgehalten hat? Dann wäre sie vermutlich die einzige, die meisten anderen aus meinem Kurs grinsen nur schadenfroh.
„Tut mir Leid. Ich habe getrödelt und es nicht mehr rechtzeitig in die Tube geschafft“, flunkere ich. Es hätte genauso wenig Sinn, meinem Lehrer die Wahrheit zu sagen, wie vor ein paar Tagen Frau Kemper.
Ich halte mich an die Nachricht von Freddy. Run until you fly. Irgendwann muss es vorbei sein.

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