Freddy
Sven tippt sich lässig mit zwei Fingern gegen die Stirn, als ich meine Gitarre schultere. „Viel Spaß bei der Probe, bis morgen.“
Ich verabschiede mich mit der gleichen Geste von meinem Ausbilder und Chef und laufe grinsend die paar Meter zur U-Bahn-Haltestelle. Ich habe so ein verdammtes Glück, in Svens Laden meine Ausbildung machen zu können. Er ist cool, weiß unheimlich viel, und, was das Beste ist: Die Donnerstage organisiert er mit mir so, dass nachmittags alles erledigt ist und ich rechtzeitig zur Bandprobe aufbrechen kann. Dafür bin ich freitags immer eher da. Das ist unser Deal, der bislang super klappt.
Im Proberaum werkelt Joshie bereits am Schlagzeug herum.
Johnny hockt auf einem Getränkekasten und zupft an den Saiten seines Basses, während Ben in ein Notizbuch auf seinen Knien kritzelt.
„Moin“, grüße ich, „Moin“, schallt es mir von den anderen entgegen.
Allein Ben lässt sich zu mehr Worten hinreißen. „Ah, perfekt. Fehlt ja nur noch Kris, dann können wir gleich loslegen.“
„Do not be hasty, Master Ben”, sagt Joshie in perfektem britischen Englisch.
„Hasty? We got things to do!"
„Jetzt geht das schon wieder los“, murmelt Johnny.
Ich sehe ihn an und rolle vielsagend mit den Augen. Wenn Ben und Joshie sich einmal in ihren englischen Dialogen verlieren, finden sie so schnell kein Ende. Dabei kann Ben es eigentlich nicht ausstehen, er lässt sich nur immer von Joshie provozieren, der das Ganze diebische Freude bereitet.
Heute endet ihr Gespräch jedoch schnell, sobald Kristina in den Proberaum huscht.
„Sorry, Chorprobe hat länger gedauert“, sagt sie statt einer Begrüßung und setzt sich direkt ans Klavier.
„Schon gut, los geht’s.“ Joshie hebt ihre Sticks über den Toms und gibt einen Takt vor. Meistens beginnen wir unsere Probe mit einer fünfminütigen Jamsession. Doch diesmal steigt Ben nicht mit ein.
„Wartet mal einen Moment.“ Er zieht eine Postkarte aus seinem Gitarrenkoffer und hält ihn hoch. Die Schrift ist zu klein, ich kann nur das Bild einer Konzertbühne ausmachen und ein paar gelb-grüne Farbwirbel.
„Habt ihr Bock, auf einem Festival zu spielen?“
Ist das sein Ernst? Seit wir als Band zusammenspielen, ist ein Gig auf einem Festival ein mehr oder weniger heimlicher Traum von uns.
„Ist das ne Scherzfrage? Klar, Mann“, sagt Johnny.
„Welches Festival?“, fragt Kris, teilt ihren langen Pferdeschwanz in drei Strähnen und beginnt diese miteinander zu verflechten.
„Watt 'n' Rock an der Nordsee nächsten Sommer.“ Ben reicht die Postkarte herum und erzählt, dass junge Newcomer-Bands sich für einen Gig auf einer der Festivalbühnen bewerben können. Im Vorfeld gilt es, die Jury und Festivalleitung mit Musikaufnahmen und Live-Auftritten zu überzeugen.
Joshie zieht beim Lesen die Augenbrauen in die Höhe. "Nicht schlecht."
Ben sieht uns etwas unsicher an. „Ist euch das zu stressig? Glaubt ihr, wir können das nicht packen?“
„Na ja. Kris und ich schreiben im Sommer Abi“, wendet Joshie ein, aber dann fliegt ein Grinsen über ihr Gesicht. „Aber das Festival ist ja danach. Von daher, count me in.“
Kurz denke ich an meine Prüfungen im nächsten Jahr.
Ein Spaziergang werden die sicher nicht. Bei dem Blick auf das Foto der Bühne macht sich meine Fantasie allerdings selbständig und ich sehe mich schon neben den anderen vor zehntausend Festivalbesuchern rocken. Wie geil wäre das bitte?
„Ich bin dabei“, sage ich und reiche Ben die Postkarte zurück. Die Prüfungen schaff ich schon irgendwie.
Die Probe wird fast so gut wie ein Konzert und ich habe heiße Ohren, als ich nach anderthalb Stunden mit den anderen den Proberaum verlasse.
„Trinkst du noch was mit uns?“, fragt Johnny und schultert seinen Bass.
Ich zögere. Normalerweise fahre ich nach der Probe direkt nach Hause. Aber in den nächsten fünf Wochen werde ich die anderen nicht sehen. Eine kleine Runde zum Abschied sollte drin sein. „Okay, ne halbe Stunde bleib ich noch.“
Johnny strahlt und klopft mir auf die Schulter. „Cool.“
Hinter Ben und Joshie gehe ich die Kellertreppe hoch und will den beiden schon zum Getränkeautomaten folgen, als jemand aus dem großen Saal kommt, aber abrupt stehenbleibt, als wir vorbeikommen.
„Oh, hi!“
Ich erkenne sie sofort wieder.
Mein Fixpunkt vom letzten Konzert. Sie sieht uns überrascht an und lächelt. Ha, ich hatte recht – sie hat dabei tatsächlich Grübchen! Ich kann mir kaum das Grinsen verkneifen, dabei kann ich mir selbst nicht erklären, warum mich diese Feststellung so freut.
„Hi, was machst du denn hier?“ Fuck, das war ja mal so gar kein geglückter Einstieg. Als ob ich darüber bestimmen würde, wer ins Fleet21 kommen darf, und wer nicht.
„Sorry, ich meinte nur, ich hab dich vorher noch nie hier gesehen. Nur neulich zum Konzert.“
Sie lacht. „Das hast du dir gemerkt? Da waren doch zig Leute.“
Soll ich ihr sagen, dass ich nur sie angesehen habe? Dann hält sie mich garantiert für einen Freak oder so. Deshalb zucke ich nur mit den Schultern, als ob das irgendetwas erklären würde.
„Freddy, was willst du?“, ruft Johnny mir vom Automaten aus zu. Keine Sekunde zu spät, um mir eine Schonfrist einzuräumen, um darüber nachzudenken, was ich zu ihr sagen könnte.
„Eine Mate“ rufe ich zurück. „Magst du auch was trinken?“, frage ich sie spontan.
Ihre Augen weiten sich, als ob sie nicht glauben könnte, dass ich sie das gefragt habe. Aber dann nickt sie. „Eine Apfelschorle.“
Ich leite ihre Bestellung an Johnny weiter und wende mich wieder ihr zu. „Wie heißt du eigentlich?“
„Judith.“
„Freddy.“
„Ich weiß“, erwidert sie lächelnd. „Euer Konzert war übrigens richtig cool.“
„Danke. Freut mich, dass es dir gefallen hat.“
Ich kann es mir gerade noch verkneifen, mir die Hand vors Gesicht zu schlagen.
Was rede ich denn heute für einen Mist? Kann ich sie nicht irgendetwas Sinnvolles fragen?
„Machst du auch Musik?“ Na bitte, geht doch.
„Nein, dazu bleibt neben Abi, Sport und Ehrenamt leider keine Zeit mehr.“ Judith sieht mich bedauernd an, dabei muss ihr das doch überhaupt nicht leidtun.
„Du machst Abi? Cool!“, beeile ich mich zu sagen. Mich hat mein Realschulabschluss schon genug gestresst.
„Ja, du nicht?“
Ich schüttle den Kopf. „Nee, ich mach ne Ausbildung.“
Johnny kommt zu uns rüber und drückt mir meine Mate und Judith eine Flasche Apfelschorle in die Hand. „Cheers.“
Wir gehen zu der Sitzecke am Rand des Saals, wo Joshie es sich gleich mit ihrer Cola im Sessel gemütlich macht. Kris setzt sich neben sie auf die Kante. Judith und ich folgen langsam.
„Wo machst du deine Ausbildung?“
„Bei ProTone, einem Musikfachhandel in der Innenstadt.“
„Bei dir dreht sich also alles um Musik?“ Judith lächelt wieder dieses Grübchenlächeln. Sie klingt, als ob es ihr gefallen würde, dass ich …
Mein Handy vibriert in der Hosentasche.
Mein Puls schießt in die Höhe, sobald ich Finns Namen auf dem Display lese.
„Freddy, du musst kommen“, ruft er. Seine Stimme überschlägt sich fast und ich höre die Panik, die in jeder Silbe mitschwingt. „Mama …“
Er braucht nichts weiter zu sagen, ich verstehe auch so.
„Ich bin in zehn Minuten da.“
Hastig stelle ich die Mate-Flasche zurück, aus der ich gerade einmal einen Schluck getrunken habe, und werfe Judith und meinen Freunden einen bedauernden Blick zu.
„Sorry, muss weg.“
So schnell wie noch nie bin ich an der U-Bahn-Station, und zum Glück fährt gerade in diesem Moment meine Bahn ein. Acht Minuten später stürme ich die Treppen zu unserer Wohnung hoch.
Mein Bruder empfängt mich im Flur. Er krallt seine Hände in sein Haar und seine geröteten Augen verraten mir, dass er geweint hat. Ich ziehe ihn kurz an mich, spüre sein Herz schnell in seiner Brust schlagen, dann folge ich ihm ins Wohnzimmer.
Mama liegt leise wimmernd auf dem Sofa, ihre Augen sind geschlossen, aber nicht friedlich, sondern schmerzhaft zusammengekniffen.
„Jetzt ist sie leise, gerade hat sie geschrien vor Schmerzen“, sagt Finn hinter mir, während ich mich neben dem Sofa auf den Boden knie und die Hand meiner Mutter nehme. Sie zuckt zusammen und stöhnt auf. Obwohl es in keinem Vergleich steht, durchfährt auch mich ein scharfer Stich. Mamas Schmerzen sind so groß, dass sie keine Berührung erträgt.
So schlimm war es schon lang nicht mehr.
„Hast du ihr die Tropfen gegeben?“
Finn nickt. „Ja, aber die helfen nicht.“ Sein Augen schimmern schon wieder verdächtig und seine Unterlippe zittert.
Scheiße. Warum habe ich nicht letzte Woche schon reagiert? Wie habe ich glauben können, dass es schon wieder gut wird?
„Mama?“, flüstere ich, „ich ruf den Rettungsdienst, okay?“
Für den Bruchteil einer Sekunde öffnet sie die Augen, antwortet aber nicht. Zu sehr ist sie im Schmerz gefangen. Ich weiß, dass sie am liebsten hierbleiben würde, nicht ins Krankenhaus will. Aber jetzt haben wir keine andere Wahl mehr.
Finn kauert sich in eine Sofaecke, während ich in Mamas Schlafzimmer eile und hastig ein paar Klamotten für sie zusammensuche und in eine Tasche packe. Kaum habe ich alles beisammen, klingelt es.
Mama kann auf die Fragen des Rettungsdienstes nicht antworten, also fasse ich ihr Krankheitsbild zusammen, obwohl mir Mamas hilfloses Wimmern fast den letzten Nerv raubt. Einer der Sanitäter verabreicht Mama ein Schmerzmittel, woraufhin sie sich nach wenigen Sekunden entspannt.
„Wir bringen sie in die Klinik“, sagt er dann zu Finn und mir.
„Können wir mitkommen?“
Es ist das erste Mal, dass Finn sich zu Wort meldet. Seine Stimme zittert.
Der Sanitäter schüttelt bedauernd den Kopf. „Das geht leider nicht. Habt ihr eine andere Möglichkeit zur Klinik zu kommen?“
Ich nicke. „Wir kommen mit dem Auto nach.“
Finn sieht mit schreckgeweiteten Augen zu, wie das Rettungsteam Mama in den Rettungswagen bringt. Mir schlägt das Herz bis zum Hals – das letzte Mal, als unsere Mutter vom Rettungsdienst abgeholt wurde, endete in einer Katastrophe. Es ist ewig her, doch die Erinnerung ist noch so klar als wäre es gestern gewesen. Mit aller Kraft verbanne ich die Gedanken in meinen Hinterkopf und lege Finn den Arm um die Schulter.
„Komm.“
Wir schweigen während der Fahrt. Über unsere Angst müssen wir nicht sprechen, wir wissen auch so, dass wir sie teilen. Und etwas Ermutigendes kann ich Finn nicht sagen. Er ist inzwischen zu alt um mir ein Alles wird gut abzukaufen. Scheiße.
Ich kralle meine Hände ins Lenkrad und starre auf die roten Rücklichter des Rettungswagens vor uns.
Das Warten ist wie immer die Hölle. Finn setzt sich auf einen der Stühle im Wartebereich, zieht die Beine an und starrt vor sich hin. Ich tigere ein paar Mal auf und ab, ehe ich mich neben ihn setze. Ich wippe mit einem Bein auf und ab, knete die Hände, stecke sie in die Hosentaschen, ziehe mein Handy heraus. Drei Nachrichten von Johnny und Kris.
Freddy? Was ist los?
Alles okay?
Warum bist du so plötzlich weg?
Ohne zu antworten, schließe ich die App und stecke das Handy zurück in die Tasche. In der Band haben wir eine unausgesprochene Regel. Wir reden nicht über unsere Hintergründe. Nicht umsonst haben wir uns Escape genannt, weil wir alle unsere Auszeit brauchen. Johnny weiß, dass ich zuhause viel helfen muss. Mehr nicht.
Ich zucke zusammen, als mir Judith einfällt. Fuck. Sie habe ich genauso stehenlassen wie die anderen. Das hätte heute Abend ein richtig gutes Gespräch werden können. Und ich hab sie einfach mit den anderen alleingelassen. Was denkt sie jetzt wohl von mir?
Ich presse die Fäuste gegen das harte Plastik des Stuhls. Ist doch egal, ist gerade alles so scheißegal.

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