Kapitel 6 - Erst handeln, dann Zimtschnecken

Judith

Ich beobachte das Aufleuchten von Scheinwerfern, das von der gegenüberliegenden Fassade in mein Zimmer reflektiert wird. Fast eine gespenstische Stimmung. Aber die macht mir keine Angst. Etwas anderes hält mich wach, obwohl ich mich schon vor einer gefühlten Ewigkeit umgezogen und ins Bett gelegt habe.

Warum ist Freddy so plötzlich verschwunden? In dem einen Moment hat er noch mit strahlenden Augen über Musik geredet und im nächsten Augenblick drehte er sich um und ging.

Ich sollte das nicht denken, aber mich lässt der Gedanke nicht los, dass er wegen mir gegangen ist. War der Anruf vielleicht nur Fake? Habe ich zu viel geredet? War ich zu aufdringlich? Nach meinen Erfahrungen aus den letzten beiden Wochen würde es mich nicht wundern, wenn auch Freddy nichts mit mir zu tun haben will.

Die Enttäuschung schneidet scharf in meine Kehle

 

und ich kralle meine Hände in die Bettdecke. Das ist völliger Quatsch, versuche ich mir einzureden. Schließlich haben auch Freddys Freunde mir versichert, dass sein plötzlicher Abgang nichts mit mir zu tun hat.

Johnny, Kris, Joshie und Ben waren überhaupt richtig nett. Sie haben mich wie selbstverständlich in ihre Mitte aufgenommen und in ihre Gespräche einbezogen. Kris hat mich sogar nach meiner ehrlichen Meinung zu einem Songtext gefragt, den sie geschrieben hat. Das hätte sie doch nicht gemacht, wenn sie sich genauso über mich lustig machen wollen würde wie Kilian und die anderen.

Aber was ist mit Freddy? Er sah besorgt aus, als er telefonierte. Nein, nicht besorgt. Eher geschockt. Es war nur ein winziger Augenblick, ehe er sich umdrehte, aber ich bin mir fast sicher, dass da Panik in seinen Augen aufgeblitzt ist.

Die anderen wussten allerdings auch nicht, wohin er so plötzlich wollte.

„Das kommt immer mal wieder vor“, hat Joshie gesagt. „Er bleibt auch nach den Gigs nie länger.“

Ob die Band wirklich nicht weiß, was mit Freddy los ist? Oder wollten sie es mir nur nicht sagen? Schließlich kennen wir uns gar nicht, warum sollten sie mir etwas offenbar so Gravierendes anvertrauen?

Draußen quietscht ein Gartentor. Unsere Nachbarin ist also von der Spätschicht zurück. Verdammt, es wird allerhöchste Zeit, dass ich schlafe. Ich drehe mich zur Wand und kneife die Augen zu. Fünf Sekunden später öffne ich sie wieder.

Wie soll ich denn schlafen, wenn mir, sobald ich die Augen schließe, Freddy vor Augen erscheint? Immerhin ist es das Bild von ihm, wie er vor mir steht und mich überrascht anlächelt. Das, was ich so gern wiedersehen würde.

 

„Hallo? Jemand zu Hause?“

 

Helena winkt mit der flachen Hand vor meinem Gesicht auf und ab. Irritiert schiebe ich ihre Hand weg.

„Was soll das?“

Meine Freundin lacht. „Dein Ernst? Ich habe ich jetzt dreimal gefragt, ob du vorm Training noch bei mir vorbeikommen willst.“

„O.“

„Ja, o. Heißt das ja oder nein?“

„Ähm …“ Mist, Helena hat mich eiskalt erwischt. Unser Handballtraining heute Abend ist echt das Letzte, woran ich in den letzten Stunden gedacht hätte. Wobei, den Konjunktiv kann ich streichen. Ich habe definitiv nicht ans Training gedacht. Ich kann mich noch nicht einmal damit herausreden, dass mich die Unterrichtsthemen heute besonders gecatched haben. Auch davon habe ich wenig bis gar nichts mitbekommen.

Helena winkt mir zu und lächelt betont freundlich. „Hallo, ich bin Helena und wir sind seit der Grundschule befreundet. Möchtest du mir nicht sagen, was los ist?“

„Ha ha“, sage ich. Allerdings muss ich Helena zugestehen, dass sie recht hat. In der Schule ist sie die einzige, die sich noch für mich interessiert, und mit ihr konnte ich immer alles teilen. Aber jetzt … Wenn ich ihr erzähle, worüber ich seit heute Nacht nachgedacht habe, wird sie mich für völlig verrückt halten.

Ein Grinsen breitet sich auf ihrem Gesicht auf.

 

„Nee, Judith, ich glaub’s nicht. Du bist verknallt!“

 

„Was?“ Augenblicklich hat sie meine volle Aufmerksamkeit. „Wie kommst du denn darauf?“

„Du bist abwesend, gibst ausweichende und nichtssagende Antworten und ich glaube, das an deinen Ohren ist ein zarter Hauch von Rosa“, zählt Helena auf.

„Du spinnst“, sage ich und widerstehe dem Drang zu den Toiletten abzubiegen und einen Blick in den Spiegel zu werfen. Ich bin doch nicht verliebt. Oder? Nur, weil ich gerade vier Stunden lang überlegt habe, wie der Laden heißt, in dem Freddy seine Ausbildung macht, und ob es merkwürdig wäre, wenn ich ihn dort besuchen würde. Allerdings will mir der Name des Ladens einfach nicht einfallen.  Von daher erübrigt sich mein Gedankenspiel, was ich machen würde, wenn er da wäre, und was, wenn nicht …

„Wenn du einen Pro-Tipp haben willst: Denk nicht so viel nach“, unterbricht Helena meine Gedanken.

Das ist es! Bestimmt war es nicht Helenas Absicht, mein Problem bezüglich des Namens zu lösen, aber Dank ihres Wortspiels fällt er mir wieder ein. Jubelnd falle ich ihr um den Hals.

 

„Danke! Du hast mir sehr geholfen.“

 

Nun ist es Helena, die mich irritiert ansieht. „Ich versteh zwar nur Bahnhof, aber gern geschehen. Was ist also mit heute Nachmittag?“

Ich habe schon mein Handy in der Hand, um den Musikladen zu recherchieren, halte aber inne. Das bin ich meiner besten Freundin nun wirklich schuldig.

„Ich muss noch kurz in die Stadt, aber so gegen vier kann ich bei dir sein. Und ich bringe Zimtschnecken mit“, verspreche ich.

Helena zieht die Augenbrauen fast bis zur Mitte ihrer Stirn und sieht mich mitleidig an. „Okay, du bist definitiv verknallt.“

 

Als ich zwei Stunden später vor dem Schaufenster von ProTone stehe, überkommt mich der Gedanke, ob Helena womöglich recht hat. Mein Herz schlägt wie verrückt gegen meine Brust und es kribbelt in meinen Fingerspitzen. Habe ich mich richtig erinnert und ist das hier der Laden, in dem Freddy seine Ausbildung macht? Und ist es für ihn wohl okay, dass ich einfach so unangekündigt hier auftauche? Sollte ich vielleicht doch lieber jetzt sofort die Zimtschnecken kaufen und früher zu Helena fahren?

Ich starre auf den Schriftzug über der Ladentür.

 

Denk nicht zu viel nach, hat Helena gesagt.

 

Wenn ich noch länger hier herumstehe, werde ich nicht klüger. Ich atme einmal tief durch, strecke die Hand nach dem Türgriff aus und betrete den Laden.

Gitarren, Bässe, Keyboards und Verstärker überall um mich herum. Bin ich überhaupt richtig? Ist das hier ein Laden oder ein Lager? Etwas überfordert sehe ich mich um und entdecke den Tresen, der gar nicht mal so klein ist, der aber einfach nicht so ein Blickfang ist wie all die Instrumente an den Wänden. Hinter dem Tresen steht ein Mann in schwarzem St. Pauli-Hoodie und tippt auf einer Computertastatur herum. Doch kaum, dass ich mich auf den Tresen zubewege, schaut er auf und sieht mich freundlich an.

„Moin, wie kann ich dir helfen?“

„Ich …“ Verunsichert sehe ich mich um. Ich wusste schon nicht, was ich Freddy sagen sollte, wenn er mir jetzt gegenüber gestanden hätte. Aber nun jemand anderen nach ihm zu fragen, überfordert meine rudimentären Pläne und Vorstellungen, die ich mir im Vorfeld gemacht habe. Kann Freddy nicht jetzt einfach hier auftauchen und Hallo sagen, so wie gestern im Fleet21? Oder ein Kunde reinkommen, der weiß, was er will, solange ich mir einen neuen Plan zurechtlege?

 

Das Schicksal ist leider nicht so gnädig.

 

Dafür sieht der Mann hinterm Tresen mich noch immer freundlich an. Wenn mich nicht alles täuscht, wird das Lächeln hinter seinem Bart sogar noch etwas breiter. Okay, der wird mich schon nicht fressen.

„Entschuldigung, arbeitet hier ein Freddy?“

Kleine Lachfältchen bilden sich um die Augen des Mannes, als er nickt und um den Tresen herumkommt.

„Ja, der ist gerade hinten und stimmt ein paar Instrumente. Ich sag ihm Bescheid.“

Mit einem Gesichtsausdruck, der dem von Helena heute Mittag erschreckend ähnlich ist, durchquert er den Laden und lässt mich zwischen Tresen und E-Gitarren zurück. Ich lasse meinen Blick über die verschiedenfarbigen Korpus wandern und zähle bei dem vordersten Modell die Saiten und Stimmmechaniken. Verrückterweise sind es jeweils sechs. Bei der Gitarre daneben verhält es sich nicht anders. – Was mache ich hier eigentlich? Es war eine Schnapsidee, herzukommen. Noch kann ich gehen und einfach die Zimtschnecken kaufen.

„Judith?“

Okay, zu spät. „Hi, Freddy.“

Er sieht unheimlich müde aus, als ob er die halbe Nacht nicht geschlafen hätte. Dunkle Ringe liegen unter seinen Augen und das lockige Haar, das er gestern noch in einem Knoten im Nacken zusammengebunden hatte, liegt wirr um seine Stirn. Aber er lächelt mich an, scheint sich ernsthaft zu freuen.

 

„Sorry, ich wollte dich nicht bei der Arbeit stören …“

 

„Schon okay“, unterbricht er mich mit einem Seitenblick auf den Mann im Hoodie. Ist das ein Kollege oder sein Chef? Er nickt uns jedenfalls wohlwollend zu und Freddy bedeutet mir mit einer Kopfbewegung, ihm zu folgen.

Er führt mich in den hinteren Teil des Ladens, wo noch mehr Gitarren und einige Instrumentenkoffer und -hüllen stehen. Er lehnt sich mit der Schulter gegen ein Regalbrett und sieht mich müde an. Das Lächeln ist beinahe von seinen Lippen verschwunden. Er sieht so verletzlich aus, dass ich für den Moment meine eigene Unsicherheit vergesse und einen Schritt auf ihn zu mache.

„Geht’s dir nicht gut? Magst du dich lieber hinsetzen?“ Ich sehe mich hastig um, kann aber nichts in greifbarer Nähe entdecken, auf das er sich setzen könnte.

Freddy winkt ab. „Passt schon. Hab nicht viel geschlafen heute Nacht.“

„Ist etwas passiert? Du warst so plötzlich weg.“

Seine Augenlider flackern und er öffnet den Mund, schüttelt aber kurz darauf den Kopf. „Nicht so wichtig. Tut mir leid, dass ich dich einfach so stehen gelassen habe.“

 

„Du hattest bestimmt deine Gründe“, sage ich leise.

 

Was nützt es, wenn ich ihm sage, dass ich mir seinetwegen die halbe Nacht und den heutigen Schultag um die Ohren geschlagen habe? Sein gequälter Gesichtsausdruck reicht schon, dass ich mir ernsthaft Sorgen um ihn mache. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich nicht glauben, dass dies der gleiche Freddy ist, der vor zwei Wochen mit strahlendem Gesicht auf der Bühne gestanden und das Publikum begeistert hat.

„Warum bist du eigentlich gekommen?“ Kaum hat er es ausgesprochen, vergräbt er das Gesicht in den Händen und schüttelt den Kopf. „Sorry, ich … das klang total unhöflich. Ich meine, ich freue mich, dich zu sehen … wirklich.“

Ehe ich es verhindern kann, sprudelt ein Lachen meine Kehle hoch. Ich bin viel zu erleichtert, um an mich zu halten. Freddy sieht mich verdutzt an. Okay, jetzt bin ich wohl mit einer Entschuldigung und einer Erklärung dran.

„Ehrlich gesagt, weiß ich das selbst nicht ganz genau.“ Meine Wangen werden heiß und ich sehe an Freddy vorbei auf den weißen Reißverschluss einer Gitarrenhülle. „Ich fand es nur schade, dass das gestern … Ach, keine Ahnung. Da steh‘ ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.“

Freddys Mundwinkel heben sich ein Stück, während ich wünschte, ich könnte mit einem Kopfsprung in dieser Gitarrenhülle verschwinden.

 

Habe ich gerade ernsthaft Goethe zitiert?

 

Ich hätte wirklich vor dieser Ladentür umdrehen und Zimtschnecken kaufen gehen sollen.

„Ich hätt auch gern noch mit d … euch gequatscht.“

Kurz lasse ich meinen Blick zu seinem Gesicht huschen, nur um festzustellen, dass nun er auf eine Stelle hinter mir sieht. Mist, irgendwie war das gestern einfacher.

„Vielleicht können wir ja demnächst das Gespräch fortsetzen.“ Meine Stimme wird mit jedem Wort leiser und wandert nach oben, sodass es mehr wie eine Frage klingt.

Freddy nickt langsam. „Das wär cool.“

Ein Kribbeln rast durch meinen Körper und ich kann nicht aufhören zu lächeln. „Bist du nächste Woche wieder im Fleet21?“

„Leider nicht. Ich muss morgen für fünf Wochen nach Mittenwald zur Berufsschule.“

Das Kribbeln verschwindet mit einem Schlag, der sich wie ein Brett vor den Kopf anfühlt. „Oh“, sage ich. „Wo ist das?“

Freddy lacht auf, es klingt bitter. „Im tiefsten Bayern. Scheiße weit weg von hier.“

„Oh“, sage ich noch einmal und beiße mir auf die Zunge, ehe ich so etwas dämliches wie Aber das wird bestimmt cool sagen kann. Freddy sieht nicht so aus, als würde er sich auf die Zeit in Bayern freuen.

 

„Ja, richtig beschissener Zeitpunkt.“

 

Freddy presst die Knöchel seiner Faust gegen das Regalbrett, an das er sich noch immer lehnt, und kneift die Lippen zusammen. So wie er an mir vorbeisieht, bin ich mir ziemlich sicher, dass ihm die Berufsschule nicht nur deshalb nicht in den Kram passt, weil wir uns nicht treffen können. Er sieht so besorgt, beinahe verzweifelt aus. Aber ich bin nicht die, die ihn fragen kann, was los ist. Schon gar nicht hier.

„Na ja …“, fange ich an und weiß nicht weiter, dabei würde ich gern etwas Aufmunterndes sagen. „Wenn du magst, kannst du ja Bescheid geben, wenn du wieder da bist.“

„Klar.“ Er lächelt und streckt seine Hand aus, in die ich geistesgegenwärtig mein Handy lege. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, als er seine Nummer eintippt und mir das Handy wieder zurückgibt. Nur mit höchster Konzentration gelingt es mir, meinen zitternden Finger dazu zu bewegen, ein Gitarren-Emoji an ihn zu verschicken.

Freddy grinst und sieht für den Bruchteil einer Sekunde nicht mehr so müde aus. „Cool.“

„Cool. Gute Fahrt und bis dann.“

Er lächelt, versenkt sein Handy in seiner Hosentasche und löst sich von der Wand. „Bis dann.“

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