Noah

Etwas stößt gegen meine Fingerspitze, als ich die Hand in die Hosentasche stecke. Leider ist es nicht das Taschentuch, nach dem ich gesucht habe, sondern etwas Hartes. Ich ziehe ein längliches viereckiges Stück Metall hervor, in das Sonne, Mond und Sterne eingraviert sind.
Unwillkürlich schießt Hitze in jeden Winkel meines Körpers. Ich hätte diesen Anhänger wegwerfen sollen. Hätte gar nicht erst zulassen dürfen, dass ich ihn bei mir trage. Ganz zu schweigen davon, mich auf die Geberin des Anhängers einzulassen.
Brianna.
Ihr Name ist in mich eingebrannt wie Mond und Sterne in das Metall.
Zusammen mit der Scham. Sie ist der Grund, wieso ich den Anhänger nicht weggeworfen haben. Sollte ich aus irgendeinem Grund diese Scham vergessen, wird der Anhänger mich daran erinnern. Welcher Teufel hat mich geritten, Brianna nach dem Konzert in meine Suite zu bestellen? Ja, der Sex war gut. Sie hat es verstanden, mich zu befriedigen, und vielleicht war ich auch nicht so schlecht. Aber es war eben nur Sex. Keine Emotionen, keine Nähe, keine Verbindung. Nicht wie mit …
Ich ziehe scharf die Luft ein und beiße die Zähne zusammen, aber es ist zu spät. Der Gedanke an Kristina ist da und gräbt sich mindestens so tief in mein Fleisch wie zuvor die Scham. Ich habe sie verraten.
Hast du nicht. Sie hat schließlich den Kontakt abgebrochen. Du schuldest ihr gar nichts, flüstert eine gehässige Stimme in meinem Hinterkopf, während der Metallanhänger zwischen meinen Fingern heiß wird.
Vielleicht hat die Stimme recht. Es fühlt sich trotzdem scheiße an. Wenn ich mich wenigstens bemüht hätte, sie zu erreichen, nachdem sie mir diese kryptische Nachricht geschickt hat. Stattdessen drücke ich mich seit Wochen davor, es wenigstens zu versuchen. Dass ich keinen Plan habe, ist nur eine faule Ausrede. Aber nach der Nacht mit Brianna habe ich meine Chance wohl endgültig vertan. Was genau ich mit Like a Mirror falsch gemacht habe, weiß ich noch immer nicht. Mit einem Groupie Sex zu haben, war allerdings auch nicht der richtige Weg, um der Lösung näher zu kommen.
So schnell sollte ich besser keinen engeren Kontakt zu Fans mehr haben.
Schnaubend schiebe ich den Anhänger zurück in die Hosentasche, als der Van am Lieferanteneingang eines Elektronikgeschäfts hält. In den nächsten drei Stunden werde ich da drinnen mit Andy, Suma und Liam unser neues Album signieren und Fotos mit den Fans machen.
„Komm schon, Noah, oder sollen wir dich mit dem Gabelstapler rausholen“, ruft Andy mir vom Parkplatz aus zu. Suma feixt, Scott wirft mir einen mahnenden Blick zu, dem ich mich sofort beuge, wenn auch widerwillig.
Im Laden ist ein großer Bereich innerhalb der Medienabteilung für uns und die Signierstunde abgesperrt. Unser Albumcover prangt in Übergröße auf einem Aufsteller, im Hintergrund dudeln unsere Songs durch die Soundanlage. Jenseits des abgesperrten Bereichs türmen sich Kühlschränke, Waschmaschinen und Staubsauger auf Regalen, dazwischen wuseln Mitarbeiter in blauen T-Shirts nervös um unsere Security herum.
Ob sie wissen, was sie gleich erwartet? Gehen sie davon aus, dass sie ganz normal irgendwelche Ladekabel oder Trockner verkaufen können, nur weil Security sie von uns und unseren Fans abschirmen wird? Wenn ich Kunde wäre und gleich irgendein Elektroteil bräuchte, würde ich es überall kaufen, aber definitiv nicht hier.
Wenn ich eine Wahl hätte, wäre ich nicht hier.
Ich versuche Blickkontakt zu Jayden aufzunehmen, der dicht an der Absperrung steht und über Headset mit irgendwem spricht. Noch ist außer uns, der Security und den Mitarbeitern niemand hier, trotzdem hätte ich meinen Bodyguard gern näher bei mir. Endlich sieht Jayden auf, seine straffen Gesichtszüge zeigen seine Konzentration. Aber seine Augen spiegeln Besorgnis, als er meinen Blick erwidert. Mit wenigen Schritten kommt er auf mich zu und nimmt mich am Arm.
„Was ist los?“
„Keine Ahnung, bin irgendwie nervös“, murmle ich, froh darüber, dass Liam und Suma gerade in eine andere Richtung schauen. Nicht, dass sie glauben, ich würde irgendeine Sonderbehandlung wollen.
„Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, Noah. Wir haben hier drin alles gecheckt, alle hier wissen Bescheid. Es kann dir nichts passieren, okay?“
„Okay.“ Ich straffe die Schultern, atme tief durch und nicke Jayden zu. Er klopft mir kumpelhaft auf den Arm und lächelt kurz. Es hilft. Jayden fragt nicht und verurteilt nicht. Er ist einfach da. Auch während der Veranstaltung ist er dicht bei mir. Er räumt genug Platz ein, dass er nicht auf jedem Foto mit drauf ist, gleichzeitig ist er nah genug dran, um einzuschreiten, wenn mir jemand zu dicht auf die Pelle rückt. Das ist zum Glück nur drei Mal der Fall.
Ich lächle neben Andy in Handykameras, kritzle wer weiß wie oft meinen Namen in Bücher, auf CDs, Poster und Arme bis meine Hand völlig verkrampft ist. Dazwischen reagiere ich auf Fragen und kann mich schon im nächsten Moment nicht mehr an meine eigene Antwort erinnern. Alles rauscht einfach nur an mir vorbei.
Alles, bis auf eins. Die Tätowierung, die Andys linken Unterarm ziert, bewegt sich die ganze Zeit am Rande meines Sichtfelds.
Two wrongs don’t make a right, but three lefts do.
Als die Signierstunde endlich vorbei ist und wir alle unsere verkrampften Hände massieren, spreche ich Andy darauf an.
„Seit wann hast du eigentlich dieses Tattoo?“
Andy zieht belustigt eine Augenbraue in die Höhe. „Alter, fällt dir die jetzt erst auf?“
„Nein, natürlich nicht.“ Ich habe sie schon tausend Mal gesehen, schließlich hat Andy die Tätowierung schon mindestens so lang wie ich ihn kenne. „Aber ich hab dich nie danach gefragt.“
„Stimmt.“ Andy zieht seine Zigaretten aus der Hosentasche und zündet sich eine an, kaum dass wir draußen am Lieferanteneingang stehen. „Ich hab’s mir stechen lassen, als ich durchs erste Casting von NextStar gekommen bin. Da hat sich zum ersten Mal seit Langem etwas wieder richtig angefühlt.“
„Was war vorher falsch?“
Keine Ahnung, ob ich mit dieser Frage zu weit gehe, aber nach unserem nächtlichen Ausflug in Sheffield, habe ich das Gefühl, dass wir anders miteinander reden können, als ich es mit Liam oder Suma könnte.
Andy zuckt mit den Schultern. „Na ja, du weißt schon. Die Sachen, die ich mit meiner Clique damals veranstaltet habe, waren für den Moment irgendwie witzig, aber eigentlich nicht gut.“
Ein paar Schlagzeilen, die damals während der Shows von NextStar durch die Medien gingen, fallen mir wieder ein. Andy Feuerteufel - Schulgarten brannte völlig ab. / „Haben im Hinterhof gekokst“ – Das sagt seine alte Clique über Andy.
Andy hat sich nie dazu geäußert, schließlich kursierten über jeden von uns mehr oder weniger ähnliche Artikel. Das Badboy-Image hat ihm letztlich nicht geschadet. Aber vielleicht haben sie ihn doch nachhaltiger beschäftigt als er es uns oder sich selbst eingestehen will?
„Dann diese Null-Bock-Phase, Schule schmeißen, dauernd Zoff mit meiner Mutter, der Job an der Tankstelle …“ Andy bläst eine blaugraue Rauchwolke in die Luft. „Hätte alles irgendwie besser laufen können. Aber immerhin hat es mich am Ende doch hierher geführt, und das ist gar nicht so schlecht.“
Er tritt die Zigarette aus und zieht gleichzeitig eine Tüte Weingummi hervor. Unglaublich, dass er die die ganze Zeit mit sich herumgeschleppt hat. Er hält mir die offene Tüte hin, aber ich schüttle den Kopf. Ein Gedanke ist in meinem Hirn aufgeploppt, der mich irgendwie beflügelt, doch die Realität um mich herum hindert mich daran abzuheben. Wie ein Vogel, der entdeckt, dass er Flügel hat, sie aber nicht ausbreiten kann, weil der Käfig zu eng ist.
Andy zuckt erneut mit den Schultern, stopft sich drei Weingummi gleichzeitig in den Mund und läuft zum Van.
Ich tippe eine Nachricht an Marble.
Kann ich dich später anrufen? Brauch deinen Rat.
Natürlich ist es später als gedacht, als ich endlich im Hotelzimmer bin. Marble hat schon zweimal versucht mich anzurufen und mir Nachrichten geschickt. Die letzte vor einer halben Stunde.
Bissu da?
„Sorry, ich wollte dich nicht warten lassen“, sage ich, sobald sie das Videogespräch annimmt. Sie liegt im Bett, den alten Stoffhasen halb unter ihrem Kopf. Der Anblick amüsiert mich und erfüllt mich gleichzeitig mit Nostalgie. Harry, der Hase, begleitet sie schon seit unserer Geburt. Ich habe den gleichen Hasen, meiner heißt Barry. Ihrer trägt ein rotes Halstuch, meiner ein grünes. Ich habe Barry vor einigen Jahren aus meinem Bett verbannt, aber insgeheim beneide ich Marble darum, dass sie niemand verurteilt, weil sie ihr Lieblingsstofftier noch neben sich schlafen lässt. Ich schlucke.
„Hast du schon geschlafen?“
„Nö“, sagt sie, kann aber das Gähnen nicht unterdrücken. „Was hast du gemacht?“
„Ach, das Übliche.“ Ich lasse mich auf das Kingsize-Bett fallen.
„Interviews gegebn?“ Neugier blitzt in Marbles müden Augen auf.
„Ja, auch. Waren aber keine neuen Fragen dabei. Erzähl lieber von deinem Tag.“
Für den Bruchteil einer Sekunde zieht Marble eine beleidigte Schnute, aber dann erfüllt ein Leuchten ihre Augen, das heller strahlt als diese komische indirekte Beleuchtung an meiner Bettkante, und die Worte sprudeln nur so aus ihr hervor.
„Ich hab das Praktikum bei der Theatergruppe angefang‘ un das is voll cool. Die andern sin nett un ich hab schon mit Stevie Shakespeare gespielt. Cathy hat gesagt, ich soll ma zur Probe in die andere Gruppe komm. Bin aufgeregt, das is schon übermorgn.“ Sie zieht Harrys langes Schlappohr unter ihrem Kopf hervor und kaut auf der Naht herum.
Ich weiß nicht, wer Stevie und Cathy sind, aber ich habe Marble schon lang nicht mehr so glücklich gesehen, und das ist das einzige, was in diesem Moment für mich zählt.
„Nice. Das freut mich. Wer ist Stevie?“ Ist das typisch kleiner Bruder, dass ich das frage?
Marble lacht. „Er is der Hauptdarsteller im Stück. Stevie is voll lieb.“
„Aha“, sage ich provozierend.
„Nich sooo lieb.“ Marble verdreht die Augen. „Der hat außerdem ne Freundin. Aber er hat mir schon Tipps gegebn. Un er hat Cathy gesagt, dass ich schauspielern kann.“
„Und Cathy ist …“
„Die Regiesseurin un Leiterin vom Theater.“
Es macht Spaß, Marble zuzuhören. Ihre echte Freude zu sehen, darüber, dass sie endlich tun kann, was sie liebt. Selbst wenn sie erstmal nur ein Praktikum in der Maske des Theaters macht, ist sie ihrem Traum schon einen erheblichen Schritt näher gekommen.
„In zwei Monatn is schon Premiere. Komms du dann auch?“
Schlagartig bekommt meine Freude einen Dämpfer. Nichts würde ich lieber tun, als meine Schwester an diesem Tag zu begleiten, ihren Erfolg mit ihr zu feiern. Aber auch ohne in meinen Kalender zu schauen, weiß ich, dass er bis Weihnachten keine freien Tage enthält. Der Käfig meines Vogels schrumpft noch ein Stückchen.
„Du kanns nich“, stellt Marble enttäuscht fest, und dass das Leuchten in ihren Augen verlischt, zerreißt mir das Herz.
Ich presse die Lippen zusammen und seufze. Es geht nicht. Wenn ich die Termine nicht wahrnehme … Der Vogel in mir hebt kraftlos die unnützen Flügel.
„Marble, ich möchte kommen. Wirklich. Und …“ Ach fuck, zur Hölle mit diesen Scheißverpflichtungen! „Ich schaffe das irgendwie. Ich werde da sein, versprochen!“
Marble lässt Harry los und richtet sich auf. „Wirklich?“
Ich kann selbst kaum glauben, was ich ihr da eben versprochen habe, aber ich nicke.
„Das wird toll. Ich besorg dir n Ticket für ganz vorne.“
„Lieber weiter hinten“, widerspreche ich. „Mir geht die erste Reihe inzwischen ziemlich auf den Keks.“
Ihr Stirnrunzeln verrät, dass Marble das nicht nachvollziehen kann, aber sie nickt trotzdem und gleich darauf wird ihr Blick weich. „Brauchs du deshalb mein‘ Rat?“
„Ja.“ Meine Stimme ist plötzlich nur noch ein Krächzen. Wie soll ich Marble die Frage stellen, die mich seit heute Nachmittag umtreibt, wenn mir die Stimme schon bei einem Wort versagt? Der Vogel öffnet kläglich seinen Schnabel und sieht mich aus dunklen glänzenden Augen an. Ich räuspere mich. „Glaubst du, es ist richtig, dass ich Musik mache?“
Marble schweigt, ihr Blick ruht auf mir, als würde sie abwarten, ob ich noch etwas sage. Aber ich habe keine Worte mehr, die meine Gefühlsverwirrung besser erklären könnten.
„Ich find, du sings gut“, sagt sie schließlich. „Un ich mag dein‘ Song.“ Sie ist aufrichtig, wie immer. Doch das aber schwingt deutlich in ihrer Stimme mit. Es kommt nur zwei Sekunden später. „Aber du bis traurig. Das is schade. Ich will, dass du glücklich bis.“
Fuck, ich wünschte, ich wäre zu Hause, neben Marble. Dann könnte ich mir erlauben, zu heulen. Aber hier kann sie mich nicht in den Arm nehmen, und was passiert, wenn ich mit meinen Gefühlen allein im Hotelzimmer bin, haben wir ja schon gesehen.
„Wie werde ich glücklich, Marble?“, flüstere ich.
„Man muss immer tun, was ein‘ glücklich macht.“
„Und was macht mich glücklich?“
Wieder schweigt sie, dann legt sich ein Grinsen auf ihr Gesicht. „Fin’s raus“, sagt sie und wirft mir einen Luftkuss zu.
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