Noah
„Noch ein Stück näher zusammen. Den Arm noch ein bisschen höher. Ja, so ist super.“
Ich lege meinen linken Arm lässig um Andys Schulter, den rechten hinter Liams Hüfte. Augenblicklich spannen sich seine Muskeln, aber nach vorn verzieht er keine Miene, sondern lächelt den Fotografen an, als gäbe es auf der Welt nichts anderes als Sonnenschein. Ich puste mir auf Geheiß des Fotografen eine Haarsträhne aus der Stirn und lächle verwegen.
„Nice. Jetzt noch mal in die andere Richtung gucken.“
Ich drehe den Kopf etwas langsamer als die anderen und fange Liams Blick. Für den Bruchteil einer Sekunde bröckelt sein Profilächeln und Wut blitzt auf. Doch er hat sich schnell wieder im Griff. Ich kneife meine Arschbacken zusammen und lächle nach vorn. Beim Anblick der Fotos wird niemand etwas merken. Keine Ahnung, wofür dieses Shooting schon wieder ist. Ist mir auch herzlich egal.
Ich spiele meine Rolle.
Noah Hammond beherrscht meinen Körper 20 Stunden am Tag, sobald mein Arbeitstag vorbei ist, werfe ich etwas ein, das mich traumlos schlafen lässt.
„Okay, mit den Gruppenfotos sind wir dann fertig. Jetzt noch die Einzelaufnahmen.“
Liam lässt mich ruckartig los und bringt einen Meter Abstand zwischen uns. Das ist okay. Meinetwegen müssten wir uns nicht so dicht auf der Pelle hocken. Selbst Suma, den so schnell nichts aus der Ruhe bringt, scheint erleichtert, dass er als Erster vor die Kamera gebeten wird. Ich hocke mich am Rand des Studios auf einen der Designersessel und schließe die Augen, lausche dem hektischen Klicken des Auslösers.
Ich kann verstehen, dass die anderen genervt sind. Mittlerweile kann ich mir selbst nicht mehr erklären, wieso ich vor drei Tagen meine Faust gegen den Spiegel gedonnert habe. Während die Brandwunde am Handgelenk verheilt, spannt nun die Haut an den Fingern, wo ein Arzt die Schnittverletzungen genäht hat. Vielleicht wird eine verbundene rechte Hand einfach mein neues Markenzeichen.
Das Blöde ist, dass nicht nur ich mit dem physischen Schmerz leben muss, das lässt sich mit Schmerzmitteln und Salbe gut aushalten. Aber die Kommentare in den Sozialen Medien, die Interviewfragen müssen sich auch die anderen gefallen lassen. Das ist ihnen gegenüber nicht fair. Aber ich kann es auch nicht mehr rückgängig machen.
Jemand stupst mich an der Schulter.
„Auch eine?“ Andy steht vor mir und hält mir eine Flasche irgendeiner fancy Limo hin.
Dankend nehme ich ihm das Getränk ab. Andy ist der einzige aus der Band, der mich seit meiner bescheuerten Aktion nicht anders behandelt. Keine Ahnung, wieso, aber ich bin ihm extrem dankbar dafür. Er hat nicht gefragt, als ich mit blutgetränktem Handtuch im Cornwall-Raum stand, sondern hat Scott ein Zeichen gegeben, der noch einmal nach dem Arzt gerufen hat, der schon zuvor meine Brandwunde versorgt hatte. Von Andy stammt auch die Geschichte, die wir in den Medien verkaufen. Ich bin gestolpert und unglücklich gegen eine Glaswand gekracht.
„Richtig geil, dieses Zeug. Schmeckt genauso wie Weingummi“, sagt er nach einem Schluck und setzt die Flasche gleich noch einmal an, ehe er einen genaueren Blick auf das Etikett wirft.
Ich probiere ebenfalls und muss Andy recht geben. Die Limo schmeckt tatsächlich wie geschmolzenes Weingummi. Leider begeistert mich dieser Umstand nicht halb so sehr wie Andy. Es ist viel zu süß.
„Vielleicht kannst du dir das Zeug auch intravenös verabreichen lassen“, murmle ich und habe plötzlich Bock auf eine Zigarette. Nikotin würde diesen ekelhaft süßen Geschmack auf meiner Zunge nach nur zwei Zügen vertreiben. Aber wahrscheinlich käme es gar nicht an, wenn ich hier zwischen den Scheinwerfern, Lampen und weißen Schirmen rauchen würde. Abgesehen davon habe ich sowieso keine eigenen Kippen und Andy mag ich nicht danach fragen.
Andy lässt sich von meinem Kommentar nicht beeindrucken, sondern leert mit wachsender Begeisterung die Flasche. „Ah, richtig gut. Da soll noch mal einer sagen, Rockstars würden nur hartes Zeug trinken.“ Er besieht sich die Flasche wieder von allen Seiten. „Wenn ich zukünftig nur noch das hier trinken dürfte, wäre ich total fine damit.“
Das bringt mich zum ersten Mal in den letzten Tagen wieder ehrlich zum Lächeln. „Und damit ist dein Ruf als Bad Boy endgültig im Eimer.“
„Den übernimmst du ja zukünftig“, erwidert Andy leichtfertig. „Wir tauschen einfach die Rollen.“
Ich lache auf. Vielleicht ist die Idee gar nicht so blöd. Mit meinen letzten Aktionen werde ich dieser Rolle definitiv besser gerecht als der Rolle des angepassten Mädchenschwarms. Doch als ich ein paar Minuten später vor die Kamera gerufen werde und eine Stylistin mir mit ein paar raschen Handbewegungen übers Gesicht und durch die Haare fährt, lächle und zwinkere ich natürlich trotzdem so, wie es sich für Noah Hammond gehört.
Nach dem Shooting geht es ins Fernsehstudio.
Das Make-Up vom Fotoshooting ist gerade runter, da kommt direkt die nächste Farbe aufs Gesicht. Inzwischen trage ich das vierte Outfit an diesem Tag, dabei ist es gerade einmal 13 Uhr. Mehr denn je sehne ich mich nach meiner alten Jogginghose und dem verwaschenen T-Shirt von den Yankees. Einfach mal einen Tag lang in urbequemen Klamotten auf dem Sofa abhängen …
Nein, solche Wünsche hat Noah Hammond nicht. Noah Hammond hat kein Problem damit, sich für jede Show und für jedes Interview eine andere Jeans und ein anderes T-Shirt anzuziehen. Noah Hammond besitzt nicht einmal alte Klamotten. Ein Mädchenschwarm ist immer gut angezogen und sieht zum Anbeißen aus.
Ich zupfe an dem Stoff des Shirts, das ich unter dem beigen Hemd trage. Der Verband setzt sich gleißend gegen das Dunkelrot ab. Beim Singen werde ich die Hand gleich hinter dem Rücken verstecken, damit es nicht so auffällt. Dass ich wegen der Verletzung das Mikro in der linken Hand halten muss, stört mich eigentlich am meisten. Es fühlt sich falsch an. Aber das habe ich mir selbst zuzuschreiben.
Suma und Liam würdigen mich keines Blickes, während wir im Backstage verkabelt werden. Sobald wir jedoch die Bühne des Fernsehstudios betreten und unsere Plätze einnehmen, stehen sie eng an meiner Seite, wie von der Choreographie vorgesehen.
There’s no business like show business, denke ich noch, ehe die Musik einsetzt und wir mit unserer Playback-Nummer von Deep beginnen.
„Was für ein Song“, eröffnet Evelyne, die Gastgeberin der Sendung, das anschließende Interview. „Mein absoluter Lieblingssong. So tief und berührend. Da kann ich mich richtig fallenlassen. Dank dieses Songs habe ich mich endlich getraut, meinen Crush anzusprechen.“ Evelyne scrollt über das Display eines Tablets, während sie vorliest und sieht dann zu uns auf. „Alles Kommentare auf euren Social Media Accounts. Was machen solche Sätze mit euch?“
„Das ist eine große Ehre für uns und es berührt uns“, sagt Liam. „Wenn wir Menschen mit unserer Musik und unseren Texten auf diese Art erreichen können, ist das das Größte.“
„Ihr habt in eurer ja noch recht kurzen Bandgeschichte schon unheimlich viel erreicht. Man könnte meinen, euch gelingt alles.“
„Es ist schon beeindruckend, das stimmt. Manchmal können wir es selbst kaum glauben. Aber wir geben auch echt alles dafür – und fairerweise muss man sagen, dass wir ohne die Fans nichts wären.“ Ich lächle demonstrativ in die Kamera, als ob dort wirklich all unsere Fans stehen würden.
Evelyne nickt begeistert zu meiner Antwort, schaut dann aber besorgt. „Aber gerade du, Noah, scheinst in letzter Zeit vom Pech verfolgt. Seit Tagen ist deine Hand immer wieder aufs Neue bandagiert. Was ist da los?“
Ich schaue zur Seite. Mir ist die Frage tatsächlich peinlich, aber die Fans werden diese Geste als unheimlich schüchtern und niedlich werten. „Ja, ich bin wohl ein bisschen tollpatschig in letzter Zeit. Zum Glück habe ich mir immer nur die Hand verletzt, die brauche ich ja zum Singen nicht unbedingt.“
Evelyne lacht etwas gekünstelt über meinen lahmen Witz, während Suma neben mir mit den Fingern knackt. Ein unsichtbares Zeichen dafür, wie genervt er ist.
„Na, da hoffen wir alle, dass diese Verletzung“, sie deutet auf meine bandagierte Hand, „vorerst die letzte sein wird.“ Sie klingt fast wie unsere ehemalige Schulkrankenschwester, wenn sie uns Pflaster auf aufgeschürfte Knie klebte und anschließend einen Lolly zum Trost schenkte.
„Ich gebe mir Mühe“, verspreche ich und lächle bis ich beinahe einen Krampf in den Wangen bekomme.
„Boah, noch einmal solche Fragen und ich raste aus“,
stöhnt Suma, als wir nach dem Interview in unseren Tourbus steigen und uns auf den Weg zum nächsten Gig machen. So wie er mich dabei von der Seite ansieht, weiß ich genau, dass es nicht um die typischen Fragen nach möglichen Beziehungen geht.
„Sorry, glaubst du, mir macht das Spaß?“, rufe ich.
Suma schnaubt nur und lässt sich mit Kopfhörern auf den Ohren in einen Sitz fallen.
„Mittlerweile frage ich mich das wirklich“, sagt Liam. „Wieso musstest du die letzte Aktion auch noch unbedingt über Instagram in die Welt tröten?“
Die Frage trifft mich wie ein elektrischer Schlag und lässt mich abrupt in der Bewegung innehalten. Gute Frage, wieso habe ich das gemacht? Ich zucke mit den Schultern. „Keine Ahnung. Gewohnheit vermutlich.“ Schließlich poste ich sonst auch alles. Ich soll nahbar sein für die Fans.
Jetzt schnaubt auch Liam. „Toll. Und wir dürfen es ausbaden. Nur weil du deine Wehwehchen nicht für dich behalten kannst.“
„Niemand hindert dich daran, auch deine Wehwehchen mit der Welt zu teilen“, erwidere ich.
Liams Lippen werden schmal. „Doch. Der Anstand. Verdammt, Noah, es geht hier nicht um deine oder meine Selbstvermarktung. Wir sind eine Band, hier soll sich niemand in den Vordergrund drängen.“
Der nun wieder. Der perfekte Liam. Alles, was er anpackt, macht er richtig. Songs schreiben, Mädchen um den Verstand bringen. Singen. Tanzen. Und jetzt auch noch den Obermoralprediger geben. Es kotzt mich so an.
„Lass mich doch in Ruhe“, blaffe ich ihn an und verziehe mich ans andere Ende des Tourbusses. Ich ziehe mein Smartphone aus der Hosentasche, in der Hoffnung, dass wenigstens Marble ein paar aufbauende Worte für mich hat. Aber noch bevor ich das Display entsperrt habe, steht Andy neben mir.
„Was?“, murmle ich genervt, ohne vom Handy aufzusehen.
„War das eben echt notwendig?“
„Willst du mir jetzt auch noch einen Vortrag halten, oder was?“
„Dafür bin ich nicht der Typ, das weißt du.“
Na, Gott sei Dank.
„Aber ganz unrecht hat Liam nicht. Du lässt dich total hängen. Tu was dagegen. Nicht wegen uns oder der Band. Mach’s für dich.“ Sagt es und macht auf dem Absatz kehrt.
Sein Glück. In mir brodelt es schon wieder. Noch so ein Seelenscheißgelaber und ich hätte Andy auch noch angemotzt. Warum können sie mich nicht einfach in Ruhe lassen?
Glaubt nur einer von ihnen ernsthaft daran, dass Five2Seven erfolgreich wäre, wenn wir nur Gruppenfotos posten und auf Kuschelkurs sind? Selbst die Fans haben ihre Lieblinge unter uns.
Das Handydisplay ist wieder dunkel und ich wische erneut darüber. Mein Groll legt sich etwas, als ich eine neue Nachricht von Marble entdecke.
Sie hat mir ein Video geschickt, in dem sie ihr Gesicht dicht vor die Kamera hält, tief einatmet und dann mit gespitzten Lippen die Luft entweichen lässt.
Muss du üba deine Hand haltn. Dann gehs bessa.
Obwohl es albern ist, spiele ich den Clip noch einmal ab und halte das Smartphone dabei über meine Hand. Irgendwie fühlt es sich tatsächlich ein bisschen besser an.
Die Location für das heutige Konzert ist etwas kleiner als die letzten.
Keine riesige Halle, sondern nur Platz für ein paar tausend Leute. Schon von der Zufahrtsstraße zur Location kann ich die wartenden Fans sehen. Wie lang sie wohl schon hier stehen? Seit dem Morgen? Oder haben ein paar von ihnen womöglich hier campiert?
Als unser Bus aufs Gelände fährt, kommt Bewegung in die Menge. Fast alle zücken ihre Handys, einige Fans laufen dem Bus hinterher, werden aber von Sicherheitspersonal an einer Schranke abgehalten.
Ich rufe mir in Erinnerung, was ich heute Mittag im Fernsehen gesagt habe. Ohne sie wären wir nichts. Das war nicht gelogen. Ich werde den anderen zeigen, dass ich es ernst meine. Und nicht nur der Band, sondern vor allem auch den Fans. Sie haben es verdient. Ich winke ihnen zu, als ich hinter Andy aus dem Bus steige und zum Eingang des Hotels gehe, das direkt neben der Location liegt.
„Wir sehen uns später“, rufe ich ihnen zu, was einige von ihnen in ausgelassenes Geschrei ausbrechen lässt.
Zehn der Fans treffen uns eine Stunde vor Konzertbeginn im Backstage zu einem exklusiven Meet & Greet. Schüchtern kichernd treten sie in den Raum, der extra hierfür hergerichtet wurde. Es stehen ein paar Snacks und Getränke bereit. Andy, Suma, Liam und ich haben es uns auf der Couch und den Sesseln bequem gemacht, stehen aber auf, als die Mädels und ein Junge hereinkommen.
„Hi, schön euch zu sehen“, sagt Liam.
„Kommt rein, wir beißen nicht“, fügt Andy hinzu.
Es folgt die übliche Vorstellungsrunde, Selfies, Fragen, die Fans überreichen uns Briefe und Geschenke. Der Junge hat ein Paar selbstgestaltete Hosenträger für Liam dabei, die dieser begeistert annimmt und direkt gegen die austauscht, die er eigentlich für den Abend vorgesehen hatte.
Eines der Mädels, Brianna, überreicht mir einen Anhänger aus Edelstahl, in den Sonne, Mond und Sterne eingraviert sind. „Damit du Tag und Nacht beschützt bist und deinen Weg immer findest.“
„Danke. Das ist lieb von dir“, sage ich. „Das kann ich sicher gut gebrauchen.“
Brianna legt ihre Hand vorsichtig auf meinen Verband. „Ich hoffe, dass es dir bald wieder besser geht.“
Ihre Berührung löst ein leichtes Prickeln auf meiner Haut aus, das sich unter ihrem tiefen Blick fortsetzt. Sie meint nicht nur meine Hand, sie meint mich. Brianna streicht kurz mit dem Daumen über meine Hand, ehe sie ihren Arm wieder zurückzieht.
Irgendwie passt mir das nicht. Ich will, dass sie weitermacht. Will, dass es nicht nur unter dem Verband prickelt, sondern überall. Auf meinem ganzen, verdammten Körper.
Ihre grünen Augen, die unter dem hellblonden Haar mit Pixiecut wie Smaragde glühen, leuchten mir entgegen und ihre Zungenspitze schiebt sich ein Stück zwischen ihren Lippen hervor, als sie mich anlächelt.
Verdammt, ich brauch mehr davon. Das ist der Stoff, mit dem ich mich vergessen kann. Und Andy hat recht. Ich muss etwas tun. Ich nehme sie in den Arm, als wollte ich mich überschwänglich für ihr Geschenk bedanken.
„Nach dem Konzert, Seiteneingang vom Hotel“, flüstere ich ihr zu.
Als ich die Umarmung löse, ist ihr Lachen noch breiter. Tiefe Grübchen graben sich in ihre Wangen.
„Klar“, haucht sie.

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