Alena
Tanne, Kartoffeln, Fisch, Schokolade und Kerzenwachs. Ich schließe die Augen, sauge diesen einzigartigen Duft, der das Haus erfüllt, tief in meine Lunge und lächle auf dem Treppenabsatz stillvergnügt vor mich hin. Es ist nicht einfach nur Weihnachten. Es ist Weihnachten zu Hause. Auch wenn es in Anbetracht der Massen an Keksen, die ich seit meiner Ankunft gestern Nachmittag schon gegessen habe, weit hergeholt ist, habe ich das Gefühl, als wäre ich vier Kilo leichter. Auch mein Herz schlägt ruhiger, außer jetzt, wo ich den Fuß auf die Treppenstufe setze.
Ich fühle mich wie früher,
als Matĕj und ich noch klein waren, und vor der Wohnzimmertür auf und ab hüpften, weil wir es kaum erwarten konnten, den Weihnachtsbaum und unsere Geschenke zu sehen. In diesem Jahr habe ich den Weihnachtsbaum längst gesehen und etwaige Geschenke sind mir ziemlich egal. Ich bin einfach so unfassbar dankbar, die Feiertage mit meiner Familie verbringen zu können, dass wir alle noch da sind. Nach dem Tag im Sommer ist es für niemanden von uns mehr selbstverständlich.
In der Küche klappert Mama mit dem Suppentopf. Ich bleibe kurz vor der Tür stehen, wische mir über die Augen und die trüben Gedanken zur Seite und betrete die Küche.
„Mmh, das riecht so gut. Soll ich noch etwas helfen?“
„Brauchst du nicht, es ist alles fertig. Setz dich, dann können wir essen.“ Mama füllt die Suppe aus dem Topf in die große Terrine mit dem traditionellen Muster. Schon bei meinen Großeltern stand diese Terrine zu Feiertagen auf dem Tisch.
Ich gehe ins Wohnzimmer, wo mein Vater, mein Bruder und Jo schon am Esstisch versammelt sind, und setze mich neben Matĕj. Matĕj hat mich darum gebeten, Abstand zwischen ihn und Jo zu bringen, kaum dass ich gestern angekommen bin. Ich bin mir immer noch uneins, ob mich Matĕjs Begründung mehr freut oder überrascht.
Jo sitzt mir gegenüber und hält den Blick entweder gesenkt oder auf den Weihnachtsbaum in der Ecke gerichtet. Sein dunkelbraunes Haar ist länger geworden, seit ich das letzte Mal zu Hause war, es bedeckt seine Ohren fast vollständig. Heute ist es gekämmt, und auch sein Fünf-Tage-Bart ist getrimmt. Vielleicht hält er sich damit schon für festlich genug gekleidet, denn im Gegensatz zu meinen Eltern, Matĕj und mir, die wir unsere besten Hemden und Blusen tragen, sitzt Jo im T-Shirt am Tisch. Unter dem kurzen schwarzen Ärmel zieht sich eine lange Narbe seinen rechten Oberarm entlang. Woher sie wohl stammt? Er dreht die Gabel seines Gedecks zwischen seinen Händen, wobei die Sehnen auf seinen schmalen Unterarmen auf und ab wippen. All das kann Matĕj nicht sehen, ob er auf die geheimnisvolle Aura anspringt, die Jo umgibt? Oder ist es einfach nur die Sehnsucht nach …
„So, dann lasst uns beginnen.“
Mama stellt die Suppenterrine auf den Tisch, strahlt uns an, während sie beginnt, uns nacheinander Fischsuppe auf unsere Teller zu geben. Schnell wende ich meinen Blick von Jo ab. Wie lange habe ich ihn gemustert? Wenn er es bemerkt hat, lässt er es sich zumindest nicht anmerken. Dankend nimmt er seinen Suppenteller von Mama entgegen.
„Frohe Weihnachten und guten Appetit“, wünschen wir uns schließlich und so beginnt das übliche Festtagsgespräch. Wir loben die Suppe, Mama winkt bescheiden ab, Papa besteht darauf, dass es wirklich genauso schmeckt wie früher bei Oma und Opa, und Matĕj und ich schneiden Grimassen, wie früher unsere Cousine Anéta, woraufhin Papa lacht und Mama ihren üblichen, im Unterton aber doch amüsierten Tadel loslässt.
„Kinder, seid ihr nicht langsam zu alt dafür?“
„Niemals“, beteuert Matĕj und schiebt Unterkiefer und Unterlippe weit vor. „Das steigert die Vorfreude auf den Karpfen.“
Ich kippe fast vom Stuhl. Nicht nur, weil Matĕjs Mimik sehr authentisch fischig aussieht, sondern vor allem, weil mein Bruder in diesem Moment genauso ist wie immer. Unbeschwert, saukomisch und total bescheuert.
„Mach dir nichts daraus, Jo. Die kriegen sich gleich wieder ein.“
Mama legt ihre Serviette zur Seite und sieht Jo entschuldigend an. Der zuckt die Schultern und schlägt die Augen nieder, sein rechter Mundwinkel wandert einen halben Zentimeter nach oben. Gerade habe ich mein Gleichgewicht nach dem Lachanfall wiedergefunden, jetzt schwanke ich wieder. Irgendwie erinnert mich diese Mimik an etwas. Doch das Gefühl verschwindet so schnell wie es gekommen ist, und während des Hauptgangs vergesse ich es wieder. Wir tauschen Erinnerungen aus, Jo fragt, wenn er ein Wort nicht versteht.
„Ist Weihnachten für dich hier sehr anders als in Deutschland?“, frage ich ihn schließlich.
Wieder senkt er den Blick, beißt sich auf die Lippen. „Wir haben es nicht so festlich.“ Er spricht leise, seine Stimme rau, als ob er sie lang nicht benutzt hätte. Oder … Hat er Heimweh? Mama hat am Telefon angedeutet, dass Jo in Deutschland nicht Weihnachten feiert. Vielleicht war meine Frage unsensibel. Wer weiß, was dahintersteckt.
„Sorry. Ich wollte nicht …“
Jo schüttelt den Kopf. „Schon okay.“ Er steht auf, sammelt unser Geschirr ein und trägt es in die Küche. Der Kartoffelsalat nimmt mit einem Mal einen sauren Nachgeschmack an. In welches Fettnäpfchen bin ich da nur getreten? Papa macht Anstalten, die leere Salatschüssel und die Fischplatte abzuräumen, aber ich komme ihm zuvor.
„Lass mal, ich mach das schon.“
Jo ist bereits dabei, die Teller in die Spülmaschine zu sortieren, als ich in die Küche komme und meine beiden Teile auf der Arbeitsfläche abstelle.
„Jo, es tut mir leid“, sage ich, diesmal auf Deutsch.
„Ich wollte dir nicht zu nahetreten. Ich hätte dich nicht fragen sollen.“
Das Besteck klappert in den Korb.
„Mach dir keinen Kopf. Alles gut.“ Sein Tonfall überzeugt mich nicht völlig, aber ich werde einen Teufel tun, noch weiter nachzubohren. Also schnappe ich mir die Teller, die Mama für den Nachtisch bereitgestellt hat und kehre ins Wohnzimmer zurück. Jo folgt zwei Minuten später mit unserer Auflaufschüssel.
„Okay, was ist das?“, fragt Matĕj. „Sieht es gut aus?“
„Ich würde sagen, ja. Es sind Schokoladensplitter und Schlagsahne involviert.“ Mehr kann ich vorerst nicht erkennen.
„Hm.“ Mein Bruder ist noch skeptisch.
„Das ist Schwarzwälder-Kirsch-Brownie-Auflauf“, erklärt Jo.
„Ein typischer Nachtisch in Deutschland?“, fragt Papa.
Jo lacht auf. „Nein. Den haben wir uns selbst ausgedacht.“
Er lässt offen, wer mit wir gemeint ist und verteilt den Nachtisch auf unsere Teller. Drei Lagen Brownies wechseln sich mit Kirschen und Schlagsahne ab. Matĕj fährt ungeniert mit dem Finger an dem Turm entlang, den Jo ihm auf den Teller gehäuft hat.
„Fett.“
„Ziemlich geil“, sage ich auf Deutsch, sobald ich mir den ersten Bissen auf der Zunge habe zergehen lassen. Jo grinst.
Meine Eltern drücken sich etwas gepflegter aus, stimmen Matĕj und mir in der Sache aber zu. Jos Nachtisch ist die Krönung unseres Festessens. Er selbst gibt sich bescheiden.
„Schön, dass es euch schmeckt.“
Ich lausche dem Nachklang seiner Worte. Sie holpern noch etwas, waren grammatisch auch nicht völlig korrekt, aber dafür, dass er erst seit vier Monaten Tschechisch lernt, ist es nicht schlecht. Laurenz kann keinen einzigen Satz Tschechisch. Muss er ja eigentlich auch nicht.
Nach einer zweiten Portion Nachtisch, fühlen wir uns alle kugelrund und kurz vorm Platzen, weshalb Papa einen kurzen Spaziergang zum Sofa vorschlägt. Mit einem Stöhnen plumpse ich in die Sofaecke und strecke alle Viere von mir.
„Ich bewege mich heute keinen Millimeter mehr.“
„Ach nein? Dann muss ich wohl deine Geschenke auspacken“, sagt Matĕj.
„Von mir aus.“
Mein Bruder streckt den Rücken durch und zieht die Stirn kraus. „Dein Ernst?“
„Nur, wenn du es ordentlich machst. Band aufknoten, nicht durchschneiden.“
Matĕj seufzt theatralisch. „Ich wusste, es gibt einen Haken.“
Ich werfe das nächstbeste Sofakissen nach ihm, nicht fest, aber er schwankt dennoch auf seinem Platz. Verdammt, für einen Moment habe ich vergessen, dass er sich auf meinen Angriff nicht vorbereiten konnte. Matĕj hebt das Kissen, holt aus, lässt es dann aber wieder sinken, synchron zu seinen Schultern. Ein Schatten wandert über sein Gesicht. Na super. Frohe Weihnachten. Das habe ich ihm jetzt mal gründlich vermiest. Bevor die Stimmung kippen kann, mimt Papa den Weihnachtsmann und geht zum Baum, unter dem wir unsere Päckchen drapiert haben.
„Nun gut, was haben wir hier? Eine kleine Gabe für Matĕj.“ Er reicht ihm eine grün verpackte Schachtel, und während mein Bruder am Geschenkband zuppelt, erhalte ich ebenfalls ein Päckchen.
Ich fliege Mama um den Hals, sobald ich das neueste Buch meiner tschechischen Lieblingsautorin ausgewickelt habe.
„Ich kann doch nicht zulassen, dass du nur deutsche Fachbücher liest“, sagt sie lachend.
„Manche sind auch auf Englisch“, erwidere ich.
Bevor Mama und ich uns in einer Diskussion über meinen Lesestoff verlieren können, reicht Papa Jo ein kleines Päckchen.
„Für mich?“ Er sieht mit großen Augen zwischen dem grünen Einschlagpapier und meinen Eltern hin und her.
„Es steht Jo darauf“, sagt Papa und deutet auf den kleinen Anhänger.
Jos Wangen glühen, als er das Geschenkband löst und am Kleber zieht.
Das Päckchen hat keine definierte Form und das Papier gibt nach unter Jos Bewegungen. Ich ahne, was sich darin befindet. In den letzten zwanzig Jahren haben Matĕj und ich regelmäßig solche Päckchen von unserer Mutter bekommen.
Mit einem Schmunzeln beobachte ich, wie Jo eine Strickmütze aus dem Papier zieht. Er dreht sie zwischen den Händen, senkt den Kopf, aber mir entgeht das Lächeln nicht, das über sein Gesicht huscht.
„Die ist schön. Vielen Dank.“ Er setzt sich die Mütze auf. Die dunkelblaue Wolle schmiegt sich um seinen Kopf. Das Bündchen hat Mama mit einem weinroten Faden gesäumt, und an der linken Seite ist ein Schaf eingestickt.
„Es wird noch kalt werden in den nächsten Wochen. Dann ist es gut, wenn man einen warmen Kopf hat.“
„Du hast sie selbst gemacht?“, fragt Jo.
„Natürlich. Mit Wolle von unseren Schafen“, erklärt Matĕj. „Wir haben alle eine ganze Auswahl von Mützen und Handschuhen, für jeden Wochentag eine.“
Jo kaut an seinem Daumennagel und weicht unseren Blicken aus. „Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich kein Geschenk mitgebracht habe.“
„Du hast den besten Nachtisch des Jahrhunderts gemacht“, widerspreche ich und nehme einen Weihnachtskeks vom Teller.
„Und du hilfst uns seit Monaten auf dem Hof“, sagt Matĕj.
„Außerdem wollen wir an Weihnachten schenken und nicht tauschen“, fügt Mama hinzu.
„Hm. Okay. Danke.“ Jo sieht zur Seite, greift nach dem Saum der Mütze und schiebt sie von links nach rechts.
Das letzte Stück des Kekses bleibt mir im Halse stecken. Ich huste, aber es wird nur schlimmer. Wie Schmirgelpapier raspelt der Krümel mir an der Kehle entlang und treibt mir Tränen in die Augen. Mama klopft mir auf den Rücken, Jo springt auf und stellt mir ein Glas Wasser auf den Tisch. Jo.
Durch den Tränenschleier mustere ich ihn. Es kann nicht sein. Das ist zu abgefahren. Vielleicht war es nur Zufall und ich werde schon verrückt, weil ich mit Cora in den letzten Wochen zu viele Videos gesehen habe. Ich greife nach dem Glas, trinke einen Schluck. Jo setzt sich wieder auf seinen Platz, den Kopf gesenkt, und schiebt die Mütze auf seiner Stirn hin und her. Das Wasser brennt an der wunden Stelle im Hals.
Kein Zufall. Er ist es.
Ich schnappe nach Luft.
Johnny Freitag sitzt hier mit meiner Familie unterm Weihnachtsbaum. Das ist …
„Ich bin mal eben im Bad“, krächze ich.
Mama greift nach meinem Arm, als ich beim Aufstehen schwanke. „Geht’s?“
„Ja“, behaupte ich, bin mir aber keinesfalls sicher. Meine Beine fühlen sich an wie Gummi.
Im Bad sinke ich auf den Klodeckel, stütze die Ellenbogen auf die Knie und massiere meine Stirn. Doch auch nach fünf Minuten schlägt mein Herz noch wie nach einem Marathon. Seit Monaten fragt sich die Escape-Fangemeinde, und nicht zuletzt Cora, wo Johnny ist. Und jetzt sitzt er einfach hier bei uns im Wohnzimmer? Das ist doch wohl ein schlechter Scherz. Was zur Hölle macht er hier? Schafe hüten, Stall ausmisten. Klar. Aber wieso? So sehr ich auch grüble, ich kann mir keinen Reim darauf machen.
„Alena? Geht es dir gut?“ Papa klopft an die Tür.
Gute Frage. Der Hustenanfall ist vorbei, ich bekomme wieder Luft. Dafür fährt mein Hirn Achterbahn und wenn mein Puls sich nicht langsam beruhigt, bekomme ich noch vor der Mitternachtsmesse einen Herzinfarkt.
„Ja, ich komme gleich.“ Ich schleppe mich zum Waschbecken und lasse kaltes Wasser über die Unterarme laufen. Was hat Cora noch erzählt? Johnny nimmt sich aus privaten Gründen eine Auszeit? Kann ja sein. Aber … Mich schaudert. Wenn ich mich richtig erinnere, war er Anfang August zuletzt bei einem Konzert mit dabei. Aber hat Mama nicht schon Anfang August von dem neuen Helfer auf unserem Hof erzählt?
Ich stelle das Wasser ab. Eins ist klar. Wir sind definitiv nicht der Grund, dass Johnny, oder Jo, hier ist.

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