Johnny
Der Frühstückstisch ist bereits gedeckt, als ich in die Küche komme, Jiři sitzt auf seinem Platz und trinkt seinen ersten Kaffee, ebenso wie Matĕj, Markéta steht an der Arbeitsfläche und schält eine Orange.
„Guten Morgen“, zwitschert sie.
„Morgen.“ Ich habe mich in den letzten Wochen an das frühe Aufstehen gewöhnt, aber so viel Schwung und gute Laune wie Markéta sie an den Tag legt, schaffe ich trotz Pillen zu dieser Uhrzeit nicht.
Ich will mich setzen, doch mein Stuhl ist belegt.
Auf dem Polster liegt ein dunkelrotes Säckchen in Form eines Stiefels, der sich stark nach außen beult.
„Oh, was ist das?“ Natürlich ist diese Frage komplett überflüssig, mir ist schlagartig klar, welches Datum heute ist und was das Säckchen zu bedeuten hat. Ich habe nur im Leben nicht damit gerechnet, dass ich etwas bekommen würde.
„Offenbar war der Nikolaus da“, sagt Markéta lachend und stellt einen Teller mit Orangenschnitzen zwischen Brotkorb und Butterteller.
„Das ist ja toll.“ Ich hebe das Säckchen hoch, setze mich auf meinen Platz und ziehe Stück für Stück den Inhalt aus dem Schaft des Stoffstiefels. Mit jedem Teil, das ich entdecke, spüre ich mein Grinsen wachsen, bis es in den Wangen kneift. Da sind Walnüsse, Mandarinen, Schokolade und ein Glas Apfelmarmelade, die Markéta selbst eingekocht hat. Am Rand steckt ein Kärtchen mit einem etwas kitschigen Engelmotiv auf der Vorderseite. Ich ziehe die Karte heraus und drehe sie um.
Vielen Dank für deine Hilfe, steht da auf Tschechisch.
In meinem Bauch kribbelt es, als ob ich zu schnell zu viel Kohlensäure getrunken hätte und ich wippe auf meinem Stuhl auf und ab. Die Energie muss irgendwo hin. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich das letzte Mal so sehr über ein Nikolausgeschenk gefreut habe. Vielleicht habe ich mich auch noch nie so gefreut. Beim ersten habe ich vermutlich nicht verstanden, worum es geht. In den Jahren danach war es cool. Aber dieses Flattern und Kribbeln und Herzklopfen, das in diesem Moment durch meinen Körper jagt, habe ich noch nie gefühlt.
„Das ist total lieb von euch“,
bringe ich schließlich hervor, als ich alles wieder eingepackt habe, wobei ich es natürlich nicht wieder so hinbekomme, wie es zuvor war, weshalb ich eine Mandarine direkt esse. Erst jetzt sehe ich, dass auch neben Matĕj ein gefülltes Säckchen auf dem Tisch liegt. Allerdings beachtet er es nicht weiter. Oder vielleicht habe ich seine Freude verpasst, weil ich noch in meinem Zimmer war.
Markéta lächelt mich über den Rand ihrer Kaffeetasse an. „Nur eine Kleinigkeit. Du hilfst uns so viel, seit du hier bist.“
Das Mandarinenstück ist sauer und ich kneife die Augen zusammen. Krass, die letzten Stückchen waren süßer. „Ist doch klar. Es ist cool, dass ich hier arbeiten und wohnen darf.“
„Aber wir nehmen es nicht als selbstverständlich.“
Keine Ahnung, was ich darauf erwidern soll, also gieße ich mir endlich Kaffee und einen großen Schluck Milch ein und nicke nur.
„Du warst so überrascht eben. Habt ihr die Nikolaustradition in Deutschland nicht?“, fragt Markéta eine halbe Stunde später. Gerade haben wir die Schafe an die Melkmaschine angeschlossen, jetzt stehen sie in einer Reihe und futtern frisches Heu, während die Milch durch Schläuche in den Tank läuft. Das Schmatzen der Tiere mischt sich mit dem Summen der Maschine.
Ich kraule dem äußersten Schaf die Ohren, wovon es sich allerdings unbeeindruckt zeigt, und richte mich auf. „Doch, aber meistens bekommen nur die Kinder Geschenke. Ich glaube, ich habe zuletzt mit fünfzehn oder sechzehn etwas bekommen.“
Kaum habe ich es ausgesprochen, beiße ich mir auf die Lippen.
Vorsicht, mahne ich mich.
Nicht zu viel Privates erzählen.
„Ja, hier eigentlich auch. Aber es ist doch auch schön, später noch ein kleines Geschenk zu bekommen. Ich hoffe, das Päckchen für Alena ist rechtzeitig angekommen.“
„Sie freut sich bestimmt auch morgen oder übermorgen. Danke nochmal.“
Markéta macht eine wegwerfende Handbewegung und widmet sich der Melkmaschine. Der Tank ist gefüllt und mit einem Pusten löst sich der Unterdruck der Melkaufsätze. Ich muss sie nur noch von den Zitzen ziehen.
„Hast du eigentlich schon Pläne für Weihnachten?“
Ich lasse den Melkaufsatz so schnell los, dass er gegen den Hinterlauf des Schafs schlägt. Erschrocken tritt das Tier nach hinten aus und trifft mein Knie. Autsch.
„Äh, nein. Wieso?“ Um weitere Kollisionen zu vermeiden, führe ich den nächsten Melkaufsatz besonders vorsichtig an seinen Platz und kraule dem Schaf gleichzeitig die dichte Wolle.
„Du bist schon vier Monate hier und hast noch nie nach Urlaub gefragt.“
Ich verkneife mir ein Lachen. Markéta weiß so gut wie ich, dass wir keinen Vertrag nach irgendeinem geltenden Arbeitsrecht geschlossen haben. Ich bin hier, ich helfe, wo ich kann, und bekomme dafür zu essen und ein Bett. Aber vielleicht ist es ihr deshalb ein Bedürfnis, mir Urlaub anzubieten.
„Ihr habt auch keinen Urlaub“, sage ich.
Markéta lacht. „Das stimmt, aber wir sind daran gewöhnt und trotzdem als Familie zusammen.“
Ein Gedanke durchzuckt mich. Kalt. Unbarmherzig. Ich straffe meine Schultern. Sie will mich loswerden. Weihnachten ist das Fest der Familie. Da gehöre ich nicht dazu. Aber wo soll ich hin? Ich kann nicht einfach zurück, nur weil Weihnachten ist. Unwillkürlich umklammere ich den letzten Melkaufsatz.
„Also, du bist natürlich herzlich eingeladen, mit uns zu feiern, aber ich will nicht, dass du dich verpflichtet fühlst.“
Klong! Die Metallrohre knallen gegen die Führungsschiene, während mein Herz einen Hüpfer macht. Habe ich richtig gehört? Markéta lächelt über die Melkanlage hinweg.
„Ist das wirklich okay für euch?“, frage ich vorsichtshalber.
„Aber ja. Wir freuen uns. Aber wenn du zu Hause mit Familie oder Freunden feiern möchtest, verstehe ich das.“
Ich schlucke. Zu Hause. Familie, Freunde. Das war mal. Ich schüttle den Kopf. „Nee, wir feiern kein Weihnachten.“
Markétas Lippen formen ein stummes O und ihre Augenlider zittern.
Verdammt, jetzt hat sie auch noch Mitleid mit mir, dabei habe ich ihr eine weitere Lüge aufgetischt. An Heiligabend und am ersten Weihnachtstag war ich immer mit Alex zusammen. Einen der beiden Tage haben wir für uns gefeiert, den anderen haben wir im Fleet21 verbracht, mit Kids, die an den Feiertagen nicht zu Hause sein konnten oder wollten. Es war immer schön. Ob Alex dieses Jahr beide Tage im Jugendzentrum verbringt?
Wieder schüttle ich den Kopf, um die Erinnerungen zu verdrängen. Es ist vorbei. Vergangenheit.
„Ich brauche keinen Urlaub“, sage ich fest. Dann befreie ich die Schafe aus ihrer Melkposition und scheuche sie zurück auf die Weide.
„Ich habe gehört, du feierst Weihnachten mit uns?“
Matĕj steht mit mir vor dem Berg Heuballen, die ein LKW gerade hier auf dem Hof abgeladen hat. Hunderte blassgrüne Quader, aufgestapelt zu einer Mauer. Ärgerlich nur, dass diese Mauer an der falschen Stelle steht. Das Heu muss in den Stall – und der Gabelstapler ist kaputt. Uns bleibt nichts anderes übrig, als die Quader in Schubkarren zu verladen und mit eigener Muskelkraft an ihren Bestimmungsort zu bringen.
„Jo, bist du noch da?“ Matĕjs Kopf dreht sich von links nach rechts, eine Spur Unsicherheit schwingt in seiner Stimme.
Ich löse meinen Blick von der Heumauer und rufe mir Matĕjs erste Frage ins Gedächtnis.
„Ja, deine Mutter hat mich eingeladen.“
„Cool.“
Cool? Nach unserem Kuss und seinem anschließenden Geständnis hätte ich mit einer anderen Reaktion gerechnet. „Findest du?“
Matĕj tastet nach einem der vorderen Heuquader. „Ja, natürlich. Es ist schön, wenn du da bist.“
In meiner Brust wird es eng und ein warmer Schauer rieselt über meine Haut.
Hat Matĕj seine Meinung doch geändert? Ich mustere sein Profil. Das kurze braune Haar, an dessen weiche Struktur meine Finger sich noch erinnern, die markanten Wangenknochen und die etwas eckige Nase, die Lippen, die meine gestreichelt haben. Und schließlich seine Hände, kräftig, das Zupacken gewohnt, die aber in jenem Moment so sanft waren wie eine Sommerbrise. Ich mache einen Schritt auf ihn zu, da greift Matĕj in die Schnüre des ersten Quaders und hebt ihn an. Anstatt meine Hand nach ihm auszustrecken, ihn zu berühren, rücke ich die Schubkarre zurecht.
„Links von dir“, sage ich und Matĕj platziert das Heu in der Schubkarre. Fünf weitere Heuballen folgen. Bei jedem tastet Matĕj nach, ob es stabil ist, ich stehe stumm daneben und schaue zu. Die arbeitenden Kiefermuskeln, der Trizeps der mit jedem Auf und Ab der Arme unter seinem Pullover hervorsticht.
„Schaffst du das?“ Matĕj klopft auf den zuoberst liegenden Heuballen. Ungefähr einen halben Meter türmt sich das Heu in der Schubkarre. Ich hebe die Griffe, es ist nicht schwer.
„Zwei gehen noch.“
Beladen mit acht Heuballen schiebe ich die Schubkarre zwei Minuten später in den Stall.
„Hast du das Heu im Lager gestapelt?“, fragt Matĕj, als ich wieder zurück bin.
„Oh, nein, ich habe es direkt im Stall verteilt.“
„Was? Bist du bescheuert, das ist Futter.“ Er rauft sich die Haare.
„Das war ein Scherz.“
Matĕj stößt Luft aus, dann lacht er auf und schlägt mir gegen die Schulter, oder zumindest ist das wohl seine Absicht, er trifft eher meine Brust. „Depp.“
Ich lasse mich ins Heu fallen. „Autsch. Dass du mir so wenig zutraust …“
Er senkt den Kopf, sucht mit der Hand nach mir. Ich ergreife sie und ziehe ihn zu mir. Mit einem überraschten Aufschrei fällt er halb auf halb neben mich ins Heu. Er lacht, und dieses Geräusch geht mir runter wie Butter. Es ist so voller Kraft und Unbeschwertheit, ich wünschte, ich könnte so lachen. Aber das, was aus meiner Kehle kommt, ist mehr ein rhythmisches Giggeln. Schließlich liegt Matĕj neben mir, seine Hand auf meiner Brust, sein Atem streift heiß meinen Hals herauf.
„Jo“, haucht er.
„Psst, sag nichts.“ Ich lasse meinen Zeigefinger über seine Wange gleiten. Matĕj stöhnt leise auf, seine Hand greift fest in meinen Pullover.
„Willst du das?“
„Ja. So sehr. Ich will das … dich.“
Seine Antwort presst mir die Luft aus der Lunge und ich öffne die Lippen, bereit ihn zu küssen. Er nähert sich mir, ich kann seine Wärme schon spüren, da verdüstert sich sein Gesicht.
„Ich kann nicht. Ich hab’s versprochen.“
Er dreht sich von mir weg und rappelt sich auf. Ich bleibe benommen im Heu liegen. Matĕjs Wärme, eben noch überall um mich herum, ist mit einem Schlag verflogen. Kalte Dezemberluft kriecht durch meine Hose und meinen Pullover. Matĕj streckt seine Hand aus. Es knistert, als ich sie ergreife und er mich hochzieht. Ich hätte es lassen sollen. Ganz offensichtlich ist er stärker als ich. Nicht nur physisch.
„Jo, es tut mir leid“, flüstert er, sobald ich neben ihm an der Schubkarre stehe. „Ich will dich. Wie du mich berührst … es ist so schön. Aber es fühlt sich an wie Verrat.“
Ich spanne die Muskeln, beiße die Zähne aufeinander. Als ob ich das alles nicht schon wüsste. Matĕj zieht die Stirn in Falten, scheint auf eine Antwort zu warten, aber das packe ich jetzt nicht. Ich beuge mich zu den Griffen der Schubkarre, in der erst zwei Heuquader liegen, und eile damit auf den Stall zu. Verdammt, wie soll ich die nächsten Stunden, Tage, Wochen – Weihnachten! – überstehen, wenn Matĕj mir so nahe ist? Vielleicht war es doch keine so gute Idee, Markétas Einladung anzunehmen. Aber jetzt kann ich nicht mehr zurück. Es gibt nur einen Weg. Und der ist klein, rund und hellgrün.

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