Alena
Neben dem Betonkasten, in dem die Mülltonnen lagern, steht ein großer Busch. Rhododendron vielleicht. Jedenfalls nichts, was bei uns auf dem Hof wächst. Aber es sieht nett aus. Ein bisschen Grün im Novembergrau. Hinter den Fenstern brennt vereinzelt Licht. Im Erdgeschoss links ist es dunkel. Ob das die Wohnung ist?
Ich greife nach Laurenz‘ Hand, lehne mich an ihn und bin sicher, dass er meinen Herzschlag spüren kann.
„Sollen wir klingeln?“
Laurenz schüttelt den Kopf. „Der Vermieter hat gesagt, er kommt von einem anderen Termin.“
Mein Mund ist trocken und meine Antwort bleibt in meiner Kehle hängen. Laurenz‘ Erklärung ist logisch, trotzdem breitet sich beklemmende Hilflosigkeit in mir aus. Laurenz hat die Mail an den Vermieter geschickt und die Einladung zur Besichtigung erhalten. Nicht ich.
Im zweiten Stock wird ein Fenster geöffnet, kurz darauf weht der Duft nach frischgebackenem Kuchen an uns vorbei.
„Mmmh“, brummt Laurenz. „Wenn das mal kein gutes Omen ist.“
Ich atme tief ein. Es könnte Schokoladenkuchen sein. In ein paar Wochen werde ich selbst einen backen, für Laurenz zum Geburtstag. Nach Mamas Rezept. Kerzen auf dem Tisch, Servietten – und Sahne. Es kribbelt im Bauch. Ich nicke an Laurenz‘ Schulter. Es wird schon gut gehen.
Ein dunkelblauer Kombi kommt die Straße herunter, parkt am Straßenrand und ein Mann steigt aus. Das Klicken der Zentralverriegelung dringt zu uns rüber, während der Mann im schwarzen Kurzmantel sich eine Mappe unter den Arm klemmt und auf das Haus zuläuft. Laurenz streckt den Rücken durch und ich lasse seine Hand los.
„Servus, Sie sind bestimmt Herr Hübner.“ Der Mann streckt seine freie Hand noch aus, ehe er uns ganz erreicht hat. „Freut mich, Kohlmeier.“
„Servus. Schön, dass es geklappt hat mit dem Termin“, sagt Laurenz und schüttelt die Hand von Herrn Kohlmeier. Dann deutet er auf mich.
„Das ist meine Freundin.“
„Alena Svobodová, servus“, sage ich und strecke ihm ebenfalls meine Hand entgegen. Obwohl ich die süddeutsche Begrüßungsformel bislang so gut wie nie verwendet habe, setze ich sie jetzt bewusst ein. Zu spät geht mir auf, dass das r in der Wortmitte meinen Namen durch meinen Akzent noch verstärkt.
Herr Kohlmeier zieht auch gleich die Augenbrauen zusammen und hält meine Hand etwas länger als notwendig. „Aus Russland?“
Was haben die denn alle mit Russland? Als ob es östlich von Deutschland kein anderes Land gäbe, in denen die weiblichen Nachnamen auf -ová enden.
Ich unterdrücke ein Stöhnen und setze stattdessen ein scheinbar unbeschwertes Lächeln auf. „Aus Tschechien.“
„Ah.“ Herr Kohlmeier nickt, sieht wieder zu Laurenz und macht eine einladende Geste Richtung Haustür. „Dann wollen wir mal, oder?“
Er geht voran und steckt einen Schlüssel ins Schloss. Meine Beine fühlen sich an wie Pudding, als ich ihm und Laurenz folge. Schon strecke ich die Hand nach Laurenz aus, ziehe sie dann aber wieder zurück. Ich darf keine Schwäche zeigen, muss einen guten Eindruck machen. Der Kuchenduft hängt auch im Treppenhaus. Ist es freundlich, wenn ich sage, dass es gut riecht? Oder wird Herr Kohlmeier das als aufdringlich empfinden? Ehe ich zu einer Entscheidung kommen kann, öffnet der Vermieter die linke Wohnungstür.
„So, bitte schön.“
In dem leeren Flur riecht es nicht nach Kuchen, mehr nach kaltem Putz und abgestandener Luft.
„Entschuldigen Sie, ich habe es die letzten Tage nicht hergeschafft zum Lüften“, sagt Herr Kohlmeier und sieht Laurenz bedauernd an. Er eilt in den Raum, der rechts vom Flur abgeht und reißt ein Fenster auf. Ein kühler Windstoß dringt herein. Auf Zehenspitzen, als ob ich irgendjemanden stören könnte, folge ich Herrn Kohlmeier in das Zimmer.
Rotbrauner Teppich, der sich über den gesamten Boden erstreckt, dämpft meine Schritte. Ansonsten ist das Zimmer leer. An einer Wand heben sich zwei helle Rechtecke von der übrigen Tapete ab. Gegenüber der Zimmertür ist ein großes Fenster und eine Tür, die zum Balkon führt. Der Ausblick auf einen Baum, der mitten auf der Wiese im Hof steht, lässt mein Herz schneller schlagen. Es hängen nur noch ein paar schlaffe Blätter in den Zweigen, und es ist kein Apfelbaum, aber es ist eine Aussicht auf Grün und potentiellen Schatten im Sommer. Und mit frischer Farbe an den Wänden und einem gemütlichen Sofa kann das hier ein heimeliges Wohnzimmer werden.
„Die Wände werden natürlich noch gestrichen, und der Teppichboden kommt auch raus. Den hatte der Vormieter verlegt.“
Ich löse meinen Blick von Balkon und Hinterhof und sehe zu Herrn Kohlmeier. Doch dieser ist wieder ganz auf Laurenz fixiert und zeigt abwechselnd auf Wand und Boden.
„Und darunter ist Parkett?“, fragt Laurenz.
„Linoleum. Aber ich fürchte, das wird nicht mehr zu gebrauchen sein, wenn der Teppich verklebt ist. Wir würden dann Vinyl in Holzoptik verlegen. Das ist günstiger und geht schneller.“
Herr Kohlmeier sieht Laurenz mit wissendem Blick an, als ob sie ein Expertengespräch unter Raumausstattern führen würden.
Ich sehe von dem feinen Kurzmantel, über die Dokumentenmappe zu den Händen des Vermieters. Sie sind schmal, an zwei Fingern trägt er breite Ringe. Zwar hat er meine Hand zur Begrüßung lang geschüttelt, aber fest gedrückt hat er nicht. Herr Kohlmeier ist kein Heimwerker. Wieso sagt er dann wir? Wie er wohl reagieren würde, wenn ich ihm erzähle, dass ich mit Papa und Matĕj schon Parkett verlegt habe? Doch ich sage nichts. Stattdessen folge ich dem Vermieter und Laurenz in das Nachbarzimmer.
„Hier wäre das Schlafzimmer. Die Rollladen funktionieren automatisch.“ Wie zum Beweis drückt er auf einen Schalter rechts vom Fenster und ein grauer Rollladen rattert draußen über die Fensterscheibe.
„Die im Wohnzimmer auch?“, frage ich.
„Selbstverständlich. Da haben wir vor einigen Jahren modernisiert.“ Schon wieder dieses wir. „Keine Anstrengung notwendig.“ Er sieht auf meine Arme und lächelt gönnerisch.
Ich schlucke den bitteren Geschmack herunter, der sich auf meiner Zunge ausbreitet. Was denkt dieser Typ sich eigentlich? Auf dem Hof zu Hause habe ich schon ganz andere Dinge bewegt als einen lumpigen Rollladen. Lächeln, mahne ich mich selbst. Doch da hat sich Herr Kohlmeier schon wieder zu Laurenz umgedreht.
„Ja, und dann hätten wir noch die Küche und das Bad“, sagt er und deutet auf die andere Seite des Flurs.
Diesmal gehe ich voran. Zuerst in die Küche, die tatsächlich so geschnitten ist wie unsere in Tschechien. Die Schränke sind allerdings neuer als die meiner Eltern.
„Die Küche gehört zur Mietsache?“, erkundigt sich Laurenz.
„Standartmäßig nicht, aber die die Geräte und Schränke sind noch gut in Schuss. Die Familie des Vormieters würde Ihnen die Küche überlassen, wenn Sie möchten.“
„Okay, super. Was würden sie dafür haben wollen?“
Herr Kohlmeier zuckt mit den Schultern. „Dazu haben sie sich noch nicht geäußert, aber das bringe ich gern für Sie in Erfahrung.“
Im Bad gibt es neben Waschbecken und Toilette eine Badewanne mit Duschwand. „Hier neben der Toilette befindet sich der Waschmaschinenanschluss.“
Nachdem er die vergangenen fünf Minuten nur mit Laurenz gesprochen hat, sieht Herr Kohlmeier nun mich wieder an. Denkt er im Ernst, dass ich als Einzige für die Wäsche zuständig bin? In welchem Jahrhundert lebt er? Papa und Matĕj waschen ihre Arbeitskleidung genauso selbstverständlich wie Mama und ich, und ich bin mir sehr sicher, dass Laurenz seine Schmutzwäsche auch nicht aufbewahrt, bis er seine Eltern besucht. Es kostet mich sämtliche Überwindung mein Lächeln aufrechtzuerhalten.
„Ja, also wie gesagt, es würde noch gestrichen und der Boden im Wohnzimmer neu gemacht, aber dann wäre alles bereit“, sagt Herr Kohlmeier, sobald wir wieder im Flur stehen.
„Wie lang würde das dauern?“, frage ich.
Wieder sieht der Vermieter nicht mich, sondern Laurenz an. „Sie wissen ja, wie es aktuell mit Handwerkern ist. Aber bis Februar sollte alles fertig sein.“
„Prima.“
Ich starre Laurenz an. Prima? Für den Boden in unserem Wohnzimmer habe ich mit meinem Vater und Bruder zwei Tage gebraucht, und das ist locker doppelt so groß wie dieses hier.
„Gut, dann geben Sie mir bis übermorgen Bescheid, wie Sie sich entschieden haben.“ Er schüttelt Laurenz die Hand. Dann wendet er sich mir zu, mit einem Lächeln, das dem ähnelt, mit dem man kleine Kinder ansieht.
„Da swidánija.“
Während ich noch damit beschäftigt bin, meine Wut herunterzuschlucken, winkt Herr Kohlmeier uns, oder vermutlich eher Laurenz, zu und steigt in sein Auto.
„Und? Was sagst du?“ Laurenz strahlt, seine Mundwinkel befinden sich fast auf gleicher Höhe mit seiner Nasenspitze.
„Unmöglich.“
Laurenz‘ Grinsen fällt in sich zusammen. „Was? Aber du warst doch so begeistert von den Fotos.“
„Die Wohnung ist schön. Aber dieser Typ ist unmöglich.“
„Na ja, ein bisschen kauzig vielleicht …“
Ich habe keine Ahnung, was kauzig bedeutet, aber so wie Laurenz guckt, passt es zu einer Person, die etwas seltsam und nicht ganz ernst zu nehmen ist.
„Der versteckt nicht, dass er etwas gegen Ausländer hat, und obendrein ist er sexistisch.“ Ich deute die Straße hinunter, wo Herr Kohlmeier verschwunden ist.
„Ach komm, nur weil er dir gesagt hat, wo der Waschmaschinenanschluss ist?“ Laurenz sieht mich mitleidig an.
„Und weil er die ganze Zeit mit dir geredet hat, als ob ich sowieso keine Ahnung hätte von irgendetwas.“
„Und? Hast du?“
Ich verenge meine Augen zu Schlitzen. „Ich brauche jedenfalls keine drei Monate, um zwanzig Quadratmeter Parkett zu verlegen.“
Laurenz‘ Mundwinkel wandern wieder nach oben. „Du kannst ihm ja anbieten, den Job zu machen.“
„Als billige Arbeitskraft aus dem Osten, oder was?“
Laurenz rollt mit den Augen. „Hey, was bist du denn jetzt so zickig? Wir können doch sowieso nicht sofort umziehen. Lass den Typ komisch sein, er ist nur der Vermieter und wohnt nicht einmal hier im Haus.“
Ich vergrabe meine Hände tief in den Jackentaschen und schüttle den Kopf. Auch wenn ich diesem Kohlmeier nicht jeden Tag über den Weg laufen müsste, stößt mich der Gedanke ab, ihm als Mieterin ausgesetzt zu sein.
„Bitte Laurenz, lass uns absagen und weitersuchen. Ich habe hierbei kein gutes Gefühl.“
Mir wäre es lieber, wenn meine Stimme noch genauso energisch klingen würde wie eben, aber nun verlässt mich die Kraft und beim letzten Wort kommt nur noch ein Kieksen aus meinem Mund. Es verfehlt seine Wirkung allerdings nicht. Auf Laurenz‘ Stirn zeichnet sich eine Sorgenfalte ab und er zieht mich in eine Umarmung.
„Hey, es ist alles okay. Mach dir keine Sorgen, wir kriegen das hin.“
Ich schlucke die Tränen hinunter. Diese Blöße will ich mir nicht geben, auch vor Laurenz nicht. Trotzdem werde ich das Brennen in meiner Kehle erst los, als wir schon ein ganzes Stück die Straße zurückgelaufen sind.

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