Kapitel 21 - Schatten

Johnny

„Wir fahren morgen am besten um halb sieben los, Matĕj. In Ordnung?“

Matĕj hebt den Kopf in Markétas Richtung. Es gelingt ihm immer besser, sich akustisch zu orientieren. Im Augenblick scheint ihn das allerdings nicht besonders zu interessieren. Seine Gesichtszüge spiegeln Irritation. „Wieso? Wohin?“

„Dein Arzttermin.“

Innerhalb einer Millisekunde ändert sich Matĕjs Körperhaltung. Er senkt den Kopf, seine Schultern straffen sich und seine Hände fassen das Stück Brot und das Messer so fest, dass die Sehnen hoch hervorstechen. Ich bin mir außerdem sicher, seinen Kiefer knacken zu hören. 

Markéta seufzt.

 

Von dem, was sie sagt, bekomme ich mal wieder nur Bruchstücke mit, was aber vielleicht hauptsächlich daran liegt, dass sie so leise spricht und rechts von mir sitzt. Inzwischen verstehe ich sonst schon das Meiste von dem, was meine Gastfamilie sagt, und so entgeht mir auch Matĕjs Antwort nicht.

 

„Wenn’s sein muss.“ Er legt das Brot ab, das Messer klappert auf der Tellerkante, als er sich mit einem Ruck erhebt und die Küche verlässt.

 

Markéta seufzt erneut und sieht auf den Eingang zur Küche. Jiři drückt ihre Hand. Wie so oft sagt er nichts, aber die beiden verstehen sich wohl auch ohne große Worte. Ich will sie nicht stören und stehe von meinem Platz auf. Ich weiß nicht, was bei dem Unfall im Sommer genau passiert ist, aber erstens geht es mich nichts an, und zweitens ist es letztlich auch egal. Es ändert nichts am Ergebnis. Matĕj ist blind und das ist beschissen. Für ihn. Für seine Eltern. Aber es lässt sich nicht rückgängig machen.

 

Ich räume meinen Teller und das Besteck in die Spülmaschine und schließe leise die Klappe. Diesmal verstehe ich es besser, als Markéta etwas sagt. Gleichzeitig fängt der Kalender an der Wand vor mir meinen Blick. Zweiter November.

 

„Ich will doch nur, dass es ihm gut geht.“

 

Das Datum. Markétas Satz.

 

Es presst mir die Luft aus der Lunge und für einen Augenblick sehe ich Sterne. Ich schließe meine Finger um die Kante der Arbeitsfläche. Augen zu. Luft holen. Die Sterne verschwinden, die Welt dreht sich nicht mehr. Aber tief atmen klappt nicht. Nur flach und hektisch. Einauseinauseinaus. Tunnelblick.

 

„Ich brauche morgen früh deine Hilfe, Jo.“

Es dauert einen Moment, bis ich die Stimme Jiři zuordnen kann.

 

„Klar“, bringe ich heiser hervor. „Wann?“

 

„Sieben Uhr?“

 

„Okay.“

 

Ich lasse endlich die Arbeitsfläche los und eile aus der Küche. Schon auf halber Strecke grabe ich in der Hosentasche nach meinen Zigaretten. Es sind nur ein paar Meter durch den Flur bis nach draußen, doch heute kommt der Weg mir vor wie ein Marathon, und mit jedem Meter wird mein Atem flacher.

 

Markétas Satz hallt in meinem Kopf nach. Ob Alex das auch denkt? Vielleicht sogar sagt? Immer noch? Er hat es mir gegenüber nur einmal ausgesprochen. Nachdem … Ich wische den Gedanken mit dem ersten Zug weg. Stelle mir vor, wie er sich in Rauch auflöst. Funktioniert so semi. Die konkrete Erinnerung lässt sich verdrängen. Alex bleibt. Stumm steht er mir vor Augen, mit dem ruhigen, durchdringenden Blick, der alles sagt.

 

Ausrichten, Johnny. Du machst das gut.

 

Meine Kehle schnürt sich zu, trotzdem inhaliere ich tief. Und muss husten.

Scheiße, scheiße, scheiße.

 

Alex war immer da.

 

Gerade in diesen Tagen. Letztes Jahr hat er sich extra freigenommen und ist nach Köln gekommen, wo wir einen Gig hatten. Um dazusein. Um zu wissen, dass ich okay bin.

 

Ich schnipse die Asche von der Zigarette. Kleine graue Flöckchen gleiten im matten Schein der Hoflaterne zu Boden. So verdammt friedlich. Als ob nichts wäre. Ich sauge an dem Filter, so tief, bis ich glaube, meine Lunge müsste jeden Augenblick platzen.

 

Vielleicht war das genau der Fehler. Vielleicht hätte er mich schon viel früher mir selbst überlassen müssen. Jetzt würde Alex garantiert nicht mehr sagen, dass ich es gut mache. Einen Scheiß mache ich. Was nützt es auch, den Kompass auszurichten, wenn sich alles auf den Kopf stellt und die Nadel nur noch dazu taugt, meine Pläne zu durchkreuzen und mein Herz zu durchbohren?

 

Ich lasse die Zigarette zu Boden fallen, reibe mit der Schuhspitze über den glühenden Rest, ziehe eine zweite hervor.  Vielleicht würde Alex eine mitrauchen, obwohl er das Rauchen selbst vor Jahren offiziell aufgegeben hat. Aber er würde vielleicht eine Ausnahme machen. Um dazusein. Die Zigarette zerknickt in meiner Hand.

 

Fuck. Er fehlt mir. Vielleicht sollte ich ihn doch mal anrufen. Oder eine kurze Nachricht schreiben.

Aber jetzt, nach zwölf Wochen? Reichlich spät. Nein, die Chance ist vertan. Und es ist besser so. Alex wird sich neu ausrichten, er hat das vorher auch gekonnt. Mein gestörtes Magnetfeld darf ihn nicht aus der Bahn werfen.

Mit zusammengekniffenen Lippen zertrete ich auch die zweite Zigarette und gehe nach oben in meine Dachkammer.

 

Ey, du hast was vergessen.

 

Stimme in der Dunkelheit.

 

Bring das weg.

 

Nicht die Augen öffnen. Ich schlafe.

 

Verarsch mich nicht. Loser. Du schläfst nicht.

 

Doch. Wenn ich nur ganz fest daran glaube.

 

Haha, verraten. Steh auf. Dreck gehört nicht ins Bett.

 

Lass mich in Ruhe.

 

Dann bring das weg.

 

Ich reiße die Augen auf. Schnappe nach Luft. Erwarte den beißenden Geruch. Doch da ist nichts, außer mein Angstschweiß. Nach einer Weile schälen sich gerade Umrisse aus der Dunkelheit. Schrank, Nachttisch, Tür, Fenster. Ich bin allein.

 

Ich atme aus, während ich bis zehn zähle, komme allerdings nur bis sieben, ehe meine Lunge protestiert und eigenständig wieder einatmet. Zweiter Versuch. Neun.

 

Es ging so lange gut. Wann wird es wieder aufhören?

Am besten nicht dran denken.

 

Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn. Luft holen.

 

Markéta kommt mit dem Autoschlüssel zurück in die Küche.

 

„Bis nachher. Brauchst du etwas aus der Stadt, Jo?“

 

Hastig stelle ich die Kaffeetasse ab, ehe ich mich verschlucken kann. „Danke.“ Es gibt etwas, das ich brauche. Aber das wird Markéta mir nicht mitbringen. Vielleicht würde sie mich mit Rechen und Spaten vom Hof jagen, wenn sie davon wüsste. Ich sollte es nicht darauf ankommen lassen. Besser, wenn niemand etwas weiß. Nichts von der hellgrünen Pille, die ich vorhin als Energiebooster für den Tag eingeworfen habe. Nichts von dem, was ich morgen bei Natálie einkaufen werde.   

 

„Okay. Bis dann.“ Markéta winkt, der Autoschlüssel klimpert im Takt.

 

Ich deute ein Winken an, aber da ist sie schon aus der Tür. Drei Minuten später habe ich meinen Kaffee getrunken und mache mich auf den Weg in die Scheune, wo Jiři mich erwartet.

 

Als er mir drei Stunden später auf die Schulter klopft und sich für meine Hilfe bedankt, nicke ich nur. Der Erntewagen ist geputzt und geölt, und Jiři hat mir gleich noch eine Einführung in die Elektronik gegeben. Keine Ahnung, ob ich mir das bis zur nächsten Ernte merken kann, aber hey, wieder mal was Neues gelernt. Dieses Leben ist gar nicht so schlecht.

 

„Willst du noch weg?“

 

Ich stolpere fast über die Fußmatte, als Matĕj plötzlich hinter mir steht. Verdammt, wie konnte ich ihn nicht hören? Ich dachte, er wäre schon ins Bett gegangen.

 

„Ja.“

 

„So spät?“

 

Ich verkneife mir ein Grinsen, auch wenn er es nicht sehen kann. Es ist kurz vor zehn. Zu Hause würde ich frühestens in einer Stunde zu einem Club aufbrechen.

„Die besten Partys sind nachts“, sage ich. „Willst du mitkommen?“

 

Matĕj runzelt die Stirn, als ob ich wer weiß was vorgeschlagen hätte. Dann schnaubt er. „Ja klar. Ich“, sagt er verächtlich, ehe er sich umdreht und die Treppe hinaufgeht.

 

Sobald ich draußen bin, kralle ich meine Fäuste ins Haar und stoße ein Knurren aus, während mein Puls in meinem Kopf dröhnt. Hab ich denn den Arsch offen? Wieso habe ich Matĕj angeboten, mitzukommen? Keine Ahnung, ob er schonmal etwas Härteres als Zigaretten oder Wodka genommen hat. Kann ich mir irgendwie nicht vorstellen.

 

Shit, was wenn er ja gesagt hätte? Und morgen gequatscht hätte? Was, wenn er morgen quatscht? Dann bin ich geliefert.

 

Andererseits habe ich Markéta und Jiři bislang keinen Anlass gegeben, unzufrieden mit mir zu sein. Was ich in meiner Freizeit mache, ist mir überlassen. Ich knete meine Wangen, atme noch einmal tief durch, dann schiebe ich das Fahrrad aus dem Carport und schwinge mich auf den Sattel. Ich brauche jetzt Beat, etwas zum Fliegen und Ablenkung.

 

Natálies Begrüßung fällt allerdings nicht so aus, wie ich es mir erhofft habe.

 

Sie lehnt an der Fassade des Clubs, einen Fuß gegen die Wand gestemmt, und raucht einen Joint. Als ich näherkomme, reckt sie nur das Kinn ein Stück vor und sagt „Hi.“

 

„Hi.“ Ich lehne mich neben sie, versuche nicht zu sehr auf ihre Jackentasche zu starren, und gleichzeitig die aufkeimende Enttäuschung herunterzuschlucken. Natálie macht nicht den Eindruck, als wäre heute eine schnelle, oder meinetwegen auch längere Nummer drin. Nicht, dass sie mir irgendetwas schuldig wäre. Aber ich habe mich daran gewöhnt. Sie hat’s einfach drauf.

 

Nach ein paar Minuten des Schweigens reicht sie mir den Joint. Ich ziehe zweimal, reiche ihn zurück.  

 

„Nicht gut drauf?“ Smalltalk kann nicht schaden.

 

„Nee. Ausbildung stresst, Eltern stressen. Kein Wunder, dass ich Bauchkrämpfe habe.“

 

„Immer noch?“ Das hat sie vor zwei Wochen doch schon erzählt.

 

„Hm. Egal, geht auch wieder weg, wenn die Prüfungen durch sind.“

 

Ich atme den Rauch ein, den sie ausbläst. Hätte nicht gedacht, dass Natálie der Typ für Prüfungsangst ist, so abgebrüht wie sie hier immer auftritt.

„Wie wär’s mit einem geilen Abend heute? Einfach mal alles vergessen?“

 

Natálie lässt den winzigen Rest des Joints auf die Erde fallen. „Okay, komm mit.“

 

Zehn Minuten später schiebt sie mir einen Plastikbeutel in die Tasche und meine Hand unter ihren Minirock. Es wird ein geiler Abend.

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