Kapitel 20 - Zu dir, zu mir, zu uns

Alena

Ich bleibe abrupt auf der vorletzten Treppenstufe stehen, sodass ein Kommilitone in mich hineinläuft und mich ins Wanken bringt.

„Oh, sorry, tut mir leid“, sagt er, während er gleichzeitig meine Schultern festhält und verhindert, dass ich nach vorn stolpere.

„Kein Ding. War meine Schuld“, stottere ich. Er nickt, ich lächle ihm entschuldigend zu, und er eilt zu den Fahrradständern. 

Ich stehe noch immer auf der Stufe und starre auf die Einfahrt zum Unigebäude,

 

wo Laurenz lässig an einer Straßenlaterne lehnt und auf sein Handy schaut. Auf Zehenspitzen gehe ich auf ihn zu, wohl wissend, dass es Quatsch ist, weil drumherum Gespräche, Fahrradklingeln und nicht zuletzt die Hauptstraße jeden meiner Schritte mit Leichtigkeit übertönen. Laurenz lässt sich von nichts aus der Ruhe bringen und scheint tatsächlich überrascht, als ich neben ihm stehe und einen sanften Kuss auf seine Wange hauche.

 

„Hi, was machst du denn hier?“

 

Verschmitzt lächelnd steckt er das Handy in die Hosentasche und zieht mich in eine Umarmung. „Dich abholen.“

 

Schon liegen seine Lippen auf meinen. Mit jedem Vorstoß seiner Zunge flattert eine neue Armee Schmetterlinge in meinem Bauch auf. Laurenz ist hier. Nicht zufällig, sondern nur für mich. Das hat er bislang noch nie gemacht. Seine Finger streifen kühl über meinen Hals, aber die Wärme seiner Lippen übertünchen das schnell.

 

„Wie schön, dass du hier bist“, flüstere ich beim Luftholen.

 

„Ich dachte, wir könnten den Tag zusammen verbringen. Oder hast du noch Uni heute?“

 

Ich schüttle den Kopf. „Nein, ich bin fertig für heute.“ Mein Herz setzt einen Schlag aus und ich halte die Luft an. Wieso fühlt es sich plötzlich so an, als ob ich etwas vergessen hätte? Geburtstag? Nein, Laurenz hat erst im Dezember. Kinoverabredung oder so? Daran kann ich mich auch nicht erinnern. Ich kämpfe das dringende Bedürfnis nieder, meinen Kalender aus der Tasche zu holen und nachzuschlagen. Das wäre schon extrem peinlich. Trotz schlechten Gewissens über meine wahrscheinliche Gedächtnislücke hake ich mich bei Laurenz unter und grinse ihn an.

 

„Und, was machen wir?“

 

Ein weiterer Kuss auf meiner Wange, etwas verwackelt. Küssen und gleichzeitig laufen klappt nicht so gut. Die Schmetterlinge flattern noch einmal auf, ich kichere. Wieso fühlt es sich wieder so aufregend an wie am Anfang? Als es so viele erste Male gab? Erstes Mal Händchenhalten. Erster Kuss. Erstes Mal Zu-dir-oder-zu-mir-Fragen. Erstes Mal Haut an Haut. Ich beiße mir auf die Zunge, als ein Keuchen meine Kehle heraufwandert. Zu spät. Laurenz hat es gemerkt. Er grinst.

 

„Zu dir ist es näher.“ Er drückt seine Nase in mein Haar und schafft es irgendwie auch noch gleichzeitig mein Ohr zu küssen.

 

Oh nein. Nein, nein, nein. Er muss ganz dringend damit aufhören, sonst ist es auch bis zu mir noch zu weit. Widerwillig drehe ich mich weg und beschleunige meinen Schritt.

 

„Komm.“

 

Laurenz‘ Augenbrauen wandern nach oben, sein Grinsen wird breiter. Und dann laufen wir, Hand in Hand die Straße hinunter, bis zum Wohnheim. Ich habe Seitenstechen, jedes nach Luft schnappen schmerzt. Laurenz löst das Problem, indem er mich kaum Luftholen lässt. Er drückt mich gegen die Wand neben der Tür und verschließt meinen Mund mit seinen Lippen. Zwischen meinen Beinen wird es heiß, sobald er mit seiner Hüfte näherkommt und die Beule hart gegen mich drückt.

 

„Lau…“, keuche ich, komme aber nicht weiter, denn seine Zunge kreist meinen Gaumen entlang, kitzelt. Oben und unten.

 

„Ja, hallo?“

 

Die verpennte Stimme hinter meiner Schulter lässt mich zusammenzucken.

 

„Hallo?“, dringt es noch einmal aus der Gegensprechanlage.

 

„Paketdienst“, nuschelt Laurenz.

 

„Hm.“

 

Es summt, taumelnd drücken wir die Tür auf und stolpern ins Treppenhaus.

 

„Voll schade, dass es mit der Wohnung am Schlossgarten nicht geklappt hat“, murmle ich, während ich Laurenz eine Strähne aus der Stirn schiebe. Ein Schweißtropfen perlt hinterher.

 

„Wir finden etwas Neues.“ Sein Lächeln verschwindet halb hinter meiner sehr derangierten Bettdecke, aber das macht es nur umso schöner. Er streckt die Hand aus. Seine Fingerspitzen streifen meine Wimpern, meine Schläfe, meinen Hals, bleiben auf meiner Brust liegen. „Dachgeschoss wäre vielleicht auch schwierig.“

 

„Wieso?“

 

Er umkreist meine Brustwarze. „Ich bin froh, dass wir eben nur eine Etage hochmussten.“

 

„Spinner.“ Ich lache auf, versetze ihm einen Stoß gegen die Schulter. Doch ich kann mich nicht gegen die Hitze wehren, die durch meinen Körper schießt. Ich will mich auch nicht wehren. Es ist zu gut.

 

Laurenz setzt sich auf, beugt sich über die Bettkante und angelt nach meinem Laptop auf dem Schreibtisch. Die Muskeln in Schultern und Rücken treten deutlich hervor und zeichnen ein Dreieck, das spitz auf seinen nackten Hintern zuläuft. Mir wird direkt wieder warm. Laurenz legt sich wieder neben mich und schiebt mir den Laptop hin.

 

„Gib mal dein Password ein.“

 

Sobald meine Benutzeroberfläche freigegeben ist, übernimmt Laurenz wieder die Navigation und öffnet eine Immobilienseite. Ich mustere ihn. Er hat einen Zipfel meiner Deck nur notdürftig über seine Hüfte gezogen und den Laptop darüber platziert. Jetzt wäre wohl ein guter Zeitpunkt, ihm sagen, dass mein Computer schon älteren Datums ist und schon nach kurzer Zeit sehr warm wird. Ich öffne den Mund.

 

„Schau mal, es gibt noch genug Auswahl für uns.“

 

Ich lege meine Kopf auf seiner Schulter ab und schaue auf den Bildschirm. Zweihundertneunundsiebzig Wohnungsanzeigen für Erlangen? Ist das möglich? Gleich bei der obersten Anzeige wird mir flau. Über tausend Euro Kaltmiete sind utopisch.

 

„Kannst du nach kleinen und günstigen Wohnungen sortieren?“

 

Laurenz tippt sofort drauflos. „Klar. Miete bis maximal neunhundert Euro, okay?“

 

Ich beiße mir auf die Lippen. Neunhundert Euro sind absolut Schmerzobergrenze. Vielleicht sollte ich mir noch einen zusätzlichen Job an der Volkshochschule als Tschechischlehrerin besorgen. Ob überhaupt jemand Tschechisch lernen will? Aber ich möchte Laurenz nicht die Laune verderben. Irgendwie schaffe ich das schon mit der Miete. Und vielleicht finden wir ja auch etwas Günstigeres.

 

„Okay“, sage ich heiser.

 

„Ah, perfekt. Schau mal, es sind noch ein paar neue Anzeigen reingekommen.“ Laurenz‘ Hand fliegt über die Tastatur und in Windeseile hat er gefühlt hundert Tabs geöffnet.

 

„Was hältst du hiervon? 2 Zimmer, 2. Etage, neunhundertdreißig Euro warm.“

 

Laurenz scrollt so schnell über die Seite, dass ich nicht begreife, woher er so schnell diese Infos hat. Aber es klingt erstmal gut. Die Bildergalerie sieht vielversprechend aus. Lichtdurchflutete Räume, Einbauküche und ein Bad, in dem man sich auch zu zweit bewegen kann, ohne sich auf die Füße zu treten. Ich ergänze die Bilder in meiner Vorstellung durch Vorhänge und ein Sofa mit bunten Kissen.

 

„Gefällt mir.“

 

„Mmh … Ach Mist, ist nur befristet und zur Untermiete“, sagt Laurenz fast im gleichen Moment und schneller als ich gucken kann, hat er das Fenster wieder geschlossen. Die nächste Wohnung ist kleiner, günstiger, aber auch verdammt weit weg von der Uni. Näher dran ist die nächste Wohnung auch nicht, aber mein Herz schlägt einen kleinen Purzelbaum, als ich das Küchenbild sehe. Sie ist genauso geschnitten wie unsere Küche zu Hause. Und es wird noch besser; vom Wohnzimmer geht ein Balkon ab mit Blick auf den grünen Innenhof.

 

„Die gefällt mir.“

 

Laurenz sieht mich an. „Echt? Ist dir das nicht zu weit weg von der Uni?“

 

„Ich glaube, eine Wohnung, die bezahlbar, schön und neben der Philosophischen Fakultät ist, gibt es nicht.“

 

Laurenz‘ Lachen wird von einem Seufzen abgelöst, das er mit einem mitleidigen Lächeln kombiniert.

 

Wie muss ich das verstehen?

 

„Alena, ich habe dir gesagt, dass wir die Miete nicht hälftig teilen müssen.“ Er zwirbelt eine meiner Haarsträhnen zwischen den Fingern.

 

„Ich weiß“, sage ich und entziehe ihm mein Haar. „Und das ist auch total lieb von dir. Aber ich möchte, dass wir gleichberechtigt sind …“ Jetzt sollte ich es wohl ansprechen. Ich hole tief Luft. „… und dass wir beide im Mietvertrag stehen.“

 

Laurenz lässt die aufgestellten Beine sinken, der Laptop rutscht dabei ein Stück nach hinten. Mein Freund sieht mich mit großen Augen und vorgeschobener Unterlippe an. „Okay“, sagt er gedehnt. „Ich finde nicht, dass Gleichberechtigung daran hängt, wie viel Prozent Miete jemand zahlt, aber wenn du darauf bestehst …“

 

„Ja.“

 

„Gut. Sollen wir uns bewerben?“ Er zieht den Laptop wieder zu uns.

 

Froh darüber, dass er meinen Wunsch respektiert, nicke ich. Aufregung pulsiert durch meine Adern und ich spüre ein Grinsen auf meinem Gesicht. Das vergeht mir jedoch, als Laurenz das Bewerbungsformular öffnet.

 

Mieterselbstauskunft, Vorvermieterbescheinigung, Schufa-Bonitätscheck?

 

Es dauert, bis ich die Wörter entziffert habe. Mit Inhalt füllen kann ich sie trotzdem nicht. Allerdings bin ich mir sicher, dass ich nichts davon brauchte, als ich mich für ein Wohnheimzimmer der Uni beworben habe.

 

„Was ist das alles?“, frage ich.

 

Der Klumpen, der mir plötzlich im Magen liegt, macht meine Stimme dünn. Das Wort Bewerbungsunterlagen auf dem Bildschirm scheint zu wachsen, während ich gleichzeitig schrumpfe.

 

Laurenz zuckt nur mit den Schultern. „Ach, reine Formsache. Letztendlich sind es drei verschiedene Zettel darüber, dass wir bislang immer brav unsere Miete gezahlt und keine Schulden haben.“

 

Mir fällt ein Kommentar unseres Nachbarn zu Hause über deutsche Gründlichkeit ein. Er hat es damals wohl als Witz gemeint, aber mir ist überhaupt nicht nach Lachen zumute. Ich will doch einfach nur mit Laurenz zusammenziehen.

 

„Und wie komme ich an so einen Schufa-Eintrag?“

 

Laurenz lacht. „Indem du deine Miete nicht zahlst.“

 

Jetzt bin ich endgültig verwirrt. Laurenz drückt mir einen Kuss auf die Stirn. „Wenn du einen Eintrag bei der Schufa hast, bedeutet das, dass du irgendwann mal Schulden hattest. Das wäre schlecht. Du brauchst einen Beweis, dass du keine Schulden hast oder hattest.“

 

„Aber woher sollen die das denn wissen? Die wissen doch gar nichts von mir.“

 

„Umso besser.“ Laurenz‘ Hand wandert wieder zu meiner Brust, sein Mund folgt nur zwei Sekunden später. Aber diesmal bleibt das Prickeln aus, das sich vor einer Stunde noch auf meiner Haut ausgebreitet hat. Ich fühle mich wie ein kleines Kind, das von jetzt auf gleich auf sich allein gestellt ist und in einer unbekannten Welt zurechtfinden muss, und ganz ehrlich, es fühlt sich kacke an.

 

Laurenz küsst sich meinen Brustkorb und meinen Hals herauf, stützt sich auf seine Unterarme und verharrt schließlich nur einen guten Zentimeter über meinem Kopf. Wenn ich die Lippen spitze, könnte ich seinen Kuss erwidern. Stattdessen stülpe ich sie nach innen.

 

„Mach dir keine Sorgen, das ist wirklich nicht kompliziert. Ich helfe dir beim Ausfüllen.“

 

„Hm. Danke.“ Ich sehe ihn nicht an. Er meint es gut, das weiß ich. Aber die Unsicherheit nimmt er mir nicht, und in mir schnürt sich alles zusammen, weil ich ihm das nicht erklären kann.  

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