Johnny
Die Wasserleitung summt. Ein zweitöniges Schwingen hinter der Wand meiner Dachkammer. Der erste Ton hält sich eine Weile, schwillt ein bisschen an, und fällt dann ab auf einen tieferen Ton. Kristina könnte jetzt sagen, welche Töne das sind, irgendeine verminderte Terz oder so. Ich habe keine Ahnung, ist auch egal, ob cis oder h oder f. Mein Kopf ergänzt ganz von allein eine Bassfigur. Da-damm, ba-damm-damm, damm-damm, ba-da. Die Augen geschlossen summe ich mit. Da-damm, ba-damm-damm, damm-damm, ba-da. Meine Finger gleiten über die Saiten, der Stahl legt sich kühl in die geprägten Stellen meiner Haut und schickt die Vibration durch meine Hand, den Arm hinauf, in meine Schultern.
Im Bauch treffen Vibration und Resonanz aufeinander.
Da-damm, ba-damm-damm, damm-damm, ba-da.
Ich verschwinde hinter dem Rhythmus, löse mich auf in den Tönen. Vielleicht sind wir auch eins. Egal. Es ist da. Und es fühlt sich so verdammt gut an. Da-damm, ba-damm-damm, damm-damm, ba-da. Vielleicht wird das ein neuer Song. Ich kann die E-Gitarre schon hören, die sich aus dem Off leise ankündigt und immer näherkommt, bis sie sich dominant über den Bass legt. Ja, nice! Jetzt brauchen wir nur noch einen Text, aber da mache ich mir keine Sorgen. Freddy hat bestimmt eine geniale Idee.
Da bricht plötzlich das Fundament weg. Die zwei Töne, um die herum alles entstanden ist, verstummen. Da-damm, ba-mng. Ungewollter Slap. Die E-Gitarre verflüchtigt sich, ich öffne die Augen. Meine Finger liegen auf dem kalten Metallrahmen meines Betts. Kein Bass weit und breit. Fade Ernüchterung auf meiner Zunge, mein Magen rutscht eine Etage in den Keller. Fuck, wie lang ist es her, dass ich nicht mehr gespielt habe? Wieso habe ich meinen Bass auf meiner Flucht nicht mitgenommen?
Weil du dann auch direkt ein Schild vor dir hättest hertragen können: Achtung, hier ist Johnny Freitag. Hinweise bitte direkt ans Escape-Management.
Ich habe niemanden vor Augen, aber die Stimme in meinem Kopf spricht so höhnisch, dass ich sie buchstäblich mit den Augen rollen hören kann.
Freddy. Kris. Joshie. Ben.
In meiner Brust wird es enger, wenn ich nur ihre Namen denke.
Wie es ihnen wohl geht? Die Tour sollte noch in vollem Gange sein, wenn sie nicht abgesagt haben. Ich schnappe nach Luft und setze mich ruckartig auf. Sie haben doch nicht meinetwegen die Tour gecancelt, oder? Das wäre Wahnsinn. Mein Herz schlägt schneller als Joshies wildester Trommelwirbel und mit fliegenden Fingern entsperre ich das Display meines Smartphones.
Die App habe ich vor Wochen gelöscht, doch ich finde die Bilder schnell über den Browser. Everything is fine (we think)-Tour. Konzerthallen, Scheinwerfer, Publikum.
Ich atme aus und lasse mich ins Kissen zurücksinken. Sie sind auf Tour. Ich klicke auf das neueste Reel. Die Caption ist kurz und knapp. Danke Kiel, ihr wart großartig! Im Video Bilder vom Backstage, unsere Rakete hinterm Bühnenaufgang, lachende und singende Fans, die Arme in der Luft, klatschend, Schwenk über die Bühne.
Moment mal, ist das …? Ich halte das Reel an, schaue genauer hin. Tatsache, da am Bass steht Svante auf der Bühne. Ein scharfer Stich bohrt sich durch mein Herz. Sofort beiße ich mir auf die Lippen und schüttle den Kopf. Ich habe kein Recht eifersüchtig oder enttäuscht zu sein, dass sie Ersatz für mich gefunden haben. Ich bin abgehauen. Und Svante ist vermutlich nicht die schlechteste Wahl. Wir kennen uns aus der Ausbildung. Als unsere Konzerte größer wurden, habe ich ihn in unsere Crew geholt und ihn schließlich zu meinem Backliner gemacht. Scheint ja zu passen, wenn ich dem Video glauben darf.
Ich hebe den Daumen und lasse das Reel weiterlaufen.
Am Ende liegen sich alle in den Armen, verbeugen sich am Bühnenrand.
Ich wechsle zum nächsten Reel. Nürnberg. Ähnliche Bilder. Zusätzlich Rostbratwürste vom Catering, die Ben genüsslich vor der Kamera isst, Kristina, die auf der Tischkante des Tourbusses Fingerübungen macht. Das übliche Tourleben. So vertraut und so unfassbar weit weg. Ich scrolle durch die Beiträge. Was? Konzertabsage?
Leider müssen wir die Konzerte in Frankfurt, Münster und Koblenz verschieben. Kristina ist krank und muss sich erst einmal auskurieren. Es tut uns leid, wir haben uns genauso auf die Konzerte gefreut wie ihr. Wir suchen schon fleißig nach Ersatzterminen …
Verdammt, wenn sie drei Konzerte abgesagt haben, muss Kris wirklich krank gewesen sein. Sie macht sonst nie schlapp. Hoffentlich ist sie wieder fit. Ich schaue noch einmal in das letzte Reel, bleibe an der Sequenz im Tourbus hängen. Na ja, vielleicht ein bisschen blass, aber ansonsten typisch Kristina.
Nächster Beitrag, nächster, noch einen weiter. Oh.
Mein Herz macht einen Satz, als ein Foto von mir sich auf den Bildschirm schiebt. Ich halte die Luft an, starre auf den ersten Satz der Caption, die meinen Ausstieg verkündet.
Aus privaten Gründen. Wissen sie, wie richtig sie damit liegen? Ob sie etwas ahnen? Nein, das kann nicht sein. Außer Alex weiß niemand von … damals. Nicht planbar. Johnnys Wunsch. Keine Streitigkeiten. Bis Johnny wieder da ist. Ich kneife die Lippen zusammen. Gehen sie wirklich davon aus, dass ich zurückkomme?
Mein Magen ist ein einziger Knoten.
Fuck, wie sehr wünschte ich, ich könnte einfach zurück. Auf meiner schnellen Abschiedsnotiz im Hotel habe ich etwas von Auszeit gekritzelt. Das klingt nach Rückkehr. Aber wann? Wenn er nicht mehr ist? Wenn ich alt und grau bin?
Hunderte Kommentare unter dem Bild.
Oh no, wie schade. Alles Gute, lieber Johnny. Pass auf dich auf.
Was auch immer gerade bei dir los ist, Johnny, ich wünsch dir viel Kraft.
Wir warten auf dich <3
Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Wir denken an dich.
Komm bald wieder, Johnny.
Zahllose Herzen, Kleeblätter, umarmende Emojis. Doch nur ein Kommentar sticht mir ins Auge.
Der kann ruhig für immer wegbleiben. Der Typ hat echt nix auf der Bühne zu suchen.
Es steht da nicht, aber mein Hirn füllt die Lücken ganz von allein. Loser. Hässlich. Verdammter Hurensohn.
Hastig schließe ich die Bildergalerie. Die Herzen, Kleeblätter und Fotos verschwinden. Der Kommentar bleibt. Eingereiht in meine eigene Bibliothek unauslöschbarer Erinnerungen. Illusorisch zu glauben, ich könnte jemals vergessen, geschweige denn zurück. Es geht einfach nicht.
Ich öffne die Notiz-App.
Cool, dass die Tour gut läuft. Freut mich für euch. Ehrlich.
Kris, ich hoffe, du bist wieder fit. Echt Mist, dass es dich so ausgeknockt hat.
Ich … ich weiß, dass ich geschrieben habe, ich brauche eine Auszeit. Aber ich kann nicht zurück. Ich wünschte, es wär‘ anders.
Hatte gerade ne Song-Idee. Würd sie gern mit euch teilen.
Vielleicht in einem anderen Leben.
Scheiße. Wenn ich noch so eine Zeile schreibe, fange ich an zu heulen. Ich werfe das Handy auf die Bettdecke, massiere mit Daumen und Zeigefinger meine Nasenwurzel und atme tief durch. Wie bin ich nur auf die unfassbar dumme Idee gekommen, mir diese Videos und Fotos anzugucken? War doch klar, dass das nicht gut ausgeht. So kann ich unmöglich nach unten und meine Arbeit machen.
Die Schublade des kleinen Nachttischs klemmt. Heute gefühlt stärker als sonst. Aber nach zweimal kräftig ziehen ist sie weit genug offen, dass ich mit zwei Fingern hineingreifen kann. Ich taste nach dem Plastiktütchen, fische eine Pille hervor und lege sie mir auf die Zunge. Im Bad halte ich meinen Mund unter den Wasserhahn, spüle die Pille herunter.
Als ich die Tür hinter mir schließe, summt die Leitung wieder.
Nuuuuuuiiiiiiiiiiiii. Iiiiiiiooooo.
Der Rausch durchströmt mich wie ein Wasserfall. Na, bitte. Geht doch. Noch während ich die Treppe nach unten gehe, kehrt der Bass zurück. Da-damm, ba-damm-damm, damm-damm, ba-da. Ich passe mich dem Rhythmus in meinem Kopf an, hüpfe die Stufen hinunter. Da-damm, ba-damm-damm, damm-damm, ba-da. Ich schaue in die Küche. Niemand da, nur die Kaffeekanne steht noch auf dem Tisch. Egal, ich kann später etwas trinken. Ich sollte den Schwung ausnutzen und den Stall ausmisten. Mit dem Beat in meinem Kopf bin ich bestimmt schnell fertig.
Ich grinse, als ich in den noch dämmrigen Morgen auf den Hof trete und der feine Sprühregen mein Gesicht trifft. Ein klingendes Rieseln wie von Chimes. Bisschen abgefahren zu meiner Basslinie, aber irgendwie auch geil. Da-damm, ba-damm-damm, damm-damm, ba-da. Pling-pling. Ba-damm-damm.
Warme Luft und der Geruch nach Stroh und Wollfett schlagen mir entgegen, als ich die Stalltür öffne. Blöken legt sich über die Musik in meinem Kopf.
„Ja, moin!“ Ich streichle dem erstbesten Schaf, das an meiner Hose schnuppert, über den wolligen Kopf. Sofort drängen sich drei weitere Tiere um mich herum und verlangen eine Krauleinheit. Ich gehe in die Knie, breite die Arme aus und starte das schafige Gruppenkuscheln. Der warme, feuchte Atem der Schafe streift meine Haut.
Es kitzelt. Ich lache.
„Jo?“
Noch immer kichernd stehe ich auf. Hinten beim Wasserhahn steht Matĕj und hantiert mit einem Rechen.
„Ja, das bin ich“, sage ich und bahne mir durch die wuselnden Schafe einen Weg zu ihm.
„Ist alles okay?“ Seine Augenbrauen wandern aufeinander zu und graben eine fragende Furche in seine Stirn, während seine Augen an mir vorbeisehen.
„Klar, Mann. Wieso?“
Matĕj schiebt den Rechen auf dem nackten Betonboden ein paar Zentimeter hin und her. Bei dem knirschenden Geräusch rieselt es mir kalt über den Rücken. „Du klingst so komisch.“
„Echt?“ Ich schnappe mir den Spaten und lege ihn längs über die Schubkarre.
„Ja, irgendwie … keine Ahnung. Bist du sicher?“
„Klar, Mann“, wiederhole ich. „Hab bloß gute Laune.“
Matĕj zuckt zusammen, als ich ihm kumpelhaft gegen den Oberarm klopfe.
„Komm schon, lass uns ausmisten.“ Ich öffne die Tür zur Weide und scheuche die Schafe im Takt klatschend hinaus. Da-damm, ba-damm-damm, damm-damm, ba-da.

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