Kapitel 18 - Noch nie bedacht

Alena

31 Days, Girl in the Crowd, und nicht zuletzt Trust … Hast du die Formel für Hits gefunden?“

„Mit Formeln hab ich es nicht so.“ Lachen. „Aber ich freue mich natürlich, dass meine Songs den Leuten gefallen.“

„Wow, das ist ja mal bescheiden, Freddy.“ Die Moderatorin schiebt anerkennend die Unterlippe vor. Dann klopft sie Freddy aufs Knie. „Du darfst stolz auf dich sein.“

Freddy lächelt verlegen. Im gleichen Moment schaltet Joshie sich ein. „Das sagen wir ihm seit Jahren, aber no chance. Du wirst von ihm nicht hören, wie toll er ist.“

Sie macht einen eleganten Schlenker mit der Hüfte, als Freddy sie in die Seite knufft.

 

„Reicht doch, wenn ihr das ständig sagt. Themenwechsel?“

 

Die Moderatorin lacht und hebt ergeben die Hände. „Okay, okay. Ihr habt euch ja bislang immer selbst organisiert, seit kurzem habt ihr einen Manager. Was hat sich seitdem geändert?“

 

Der Typ rechts von Freddy greift nach dem Schirm seiner Basecap und schiebt sie zweimal von links nach rechts. „Es klingt wichtiger“, sagt er.

 

„Wie meinst du das, Johnny?“

 

Johnny rückt wieder an seiner Kappe. „Manchmal wollen Veranstalter oder Locations diskutieren. Was sie stellen müssen, was wir mitbringen. Früher hab ich mit den Leuten gestritten, jetzt sag ich einfach Diskutiert das mit Piet.“

 

„Und das funktioniert?“ Die Moderatorin macht große Augen.

 

Johnny zuckt mit den Schultern. „Japp. Meistens rufen sie Piet gar nicht an.“

 

„Verstehe. Er ist so der Pate im Hintergrund?“

 

Ben lacht laut auf. „Piet, hast du das gehört?“ Eine Antwort von Piet kommt nicht. Die Frage war wohl rein rhetorisch. „Vielleicht sollten wir die Welt in diesem Glauben lassen, wer weiß, wozu es gut ist“, fährt Ben grinsend fort. „Aber im Ernst. Johnny kann auch schon knallhart sein, wenn es darum geht, Tech Rider und so durchzusetzen.“

 

„Dabei kann er gefühlt auch mit nur einer Monitorbox und zwei Mikros den besten Sound aus einer Halle holen“, sagt Kristina.

 

Johnny zuckt erneut mit den Schultern. Sein Blick verschwindet hinter dem Schirm seiner Basecap. „Können schon. Aber wenn ich Spielzeug haben kann …“

 

Cora haut kräftig auf die Tastatur und das Bild friert ein. Ihre Augen leuchten. „Ist er nicht unfassbar cool?“

 

Wie Johnny eben im Video zucke ich mit den Schultern.

 

Von den letzten drei Minuten des Interviews habe ich nur Bahnhof verstanden. Wahrscheinlich ist das nicht schlimm, denn für unsere Hausarbeit können wir es sowieso nicht gebrauchen. Ich bin mir inzwischen auch gar nicht mehr sicher, ob es überhaupt um die Uni geht. Seit zwei Stunden klickt Cora sich auf meinem Laptop von einem Video zum nächsten und zeigt mir ihre Lieblingssongs und -interview von Escape. Längst habe ich den Faden verloren, was aber auch an der Nachricht liegt, die Laurenz mir vor einer guten Stunde geschickt hat.

 

Schau mal, wie findest du die?

 

Darunter ein Link zu einer Wohnungsanzeige. Bislang habe ich noch nicht daraufgeklickt, weil ich Cora nicht das Gefühl geben will, kein Interesse an ihrem Lieblingsthema zu haben. Ich weiß nur nicht, wie zielführend das alles hier ist.

 

„Ja, schon“, antworte ich endlich.

 

Cora lässt sich mit einem Seufzen rückwärts auf mein Bett fallen. „Wenn Johnny die Ausbildung leiten würde, würde ich echt auf Veranstaltungstechnik umsatteln.“

 

Die Hände auf der Brust gefaltet und mit geschlossenen Augen liegt sie verträumt auf meiner Decke. Ich habe keine Ahnung, wovon sie redet. Welche Ausbildung? Und was bedeutet umsatteln? Egal, so wichtig kann es nicht sein.

 

„Magst du auch einen Kaffee?“

 

Cora nickt, die Augen noch immer geschlossen. „Voll gerne.“

 

Ich schnappe mir mein Handy und gehe in die Gemeinschaftsküche am Ende des Flurs. Während das Wasser aufkocht, öffne ich den Link aus Laurenz‘ Nachricht.

 

2,5 Zimmer, Dachgeschoss, Nähe Schlossgarten.

 

Schön zentral, da wäre mein Weg zur Uni nicht weit.

 

Die Fotos sehen auch vielversprechend aus. Weißgestrichene Wände, helles Parkett in Wohn- und Schlafzimmer. Ein kleines Bad mit Dachfenster, die Einbauküche kann vom Vormieter übernommen werden. Mit der richtigen Beleuchtung und schönen Kissen auf dem Sofa, könnte das eine richtig gemütliche Wohnung werden. Ein Lächeln schleicht sich auf meine Lippen. Doch schon im nächsten Moment sacken meine Mundwinkel synchron zu meinen Schultern nach unten, als ich zu den Zahlen scrolle.

 

980€ kalt. Autsch. Für die Lage sicherlich in Ordnung, trotzdem muss ich schlucken. Mit meinem neuen Gehalt wäre die Miete gerade so machbar, aber auf neue Möbel müssten wir vorerst verzichten. Und zu Weihnachten muss ich mir dann wohl eine Schleife umbinden. Wobei, Laurenz fände das vermutlich witzig.

 

„Ah, da bist du ja. Ich dachte schon, du holst den Kaffee aus Ecuador.“ Cora öffnet den Küchenschrank als wäre es ihr eigener und zieht zwei Kaffeetassen heraus.

 

„Ecuador? Wieso?“

 

Sie grinst. „Weil du schon ne Ewigkeit weg bist, dafür dass du nur Kaffee machen wolltest.“

 

Ich sehe auf die gefüllte Kanne in der Maschine. „Oh. Sorry, ich war abgelenkt.“

 

„Offensichtlich. Was gab’s denn so Spannendes?“ Cora füllt die Tassen und lehnt sich mit dem Rücken gegen die Arbeitsfläche.

 

„Laurenz hat eine Wohnungsanzeige geschickt.“

 

„Ah, cool. Wo diesmal?“

 

Ich entsperre das Display und reiche Cora das Handy, ehe ich mir die zweite Kaffeetasse nehme.

 

Cora scrollt durch die Anzeige und stößt einen Pfiff aus. „Nicht schlecht. Sieht cool aus. Gute Lage. Oh, wow, der Preis ist auch nicht schlecht.“

 

Erleichtert atme ich aus. Der Kaffee schlägt Wellen in der Tasse.

 

„Ja, oder? Also, es würde schon gehen, aber viel bleibt dann am Monatsende nicht übrig.“

 

Cora legt das Handy zur Seite und trinkt einen großen Schluck. „Das ist echt krass mit den Mietpreisen. Lilly und ich haben echt so verdammtes Glück gehabt mit unserer Wohnung. Also, gut, die Fenster könnten mal neu isoliert werden und wenn die Güterzüge vorbeidonnern, dann rappeln echt die Gläser. Aber daran gewöhnt man sich voll. Dafür können wir günstig wohnen.“

 

Ich seufze in meine Tasse. „Ihr wollt nicht zufällig umziehen?“

 

„No way. Aber ich glaube auch nicht, dass Laurenz an der Bahntrasse wohnen will.“

 

Damit dürfte sie wohl recht haben, und wenn ich ehrlich bin, erscheint mir der Schlossgarten auch attraktiver. Wenn nur dieser Preis nicht wäre.

„Irgendwie habe ich mir das mit der Wohnungssuche leichter vorgestellt. Aber das ist wohl die Realität.“

 

Cora verzieht ihren Mund zu einer gequälten Grimasse. „Sad but true.“ Sie trinkt einen weiteren Schluck Kaffee, stellt die Tasse auf der Arbeitsfläche ab und sucht meinen Blick. Unwillkürlich umschließe ich meine Tasse fester. Wieso sieht Cora plötzlich so ernst aus?

„Aber egal, ob es die Wohnung am Schlossgarten wird oder irgendeine andere – achte auf jeden Fall darauf, dass ihr beide im Mietvertrag steht.“

 

Ich halte die Tasse weiterhin umklammert. Diese Ernsthaftigkeit kenne ich von Cora nicht. „Okay. Warum?“ Dafür, dass wir einfach nur Kaffee trinken wollten, ist meine Stimme seltsam belegt, und ich schaffe es nicht, Coras Blick zu erwidern. Dabei brauche ich bei ihr keine Angst zu haben, mich zu blamieren, weil ich etwas nicht weiß.

 

„Damit es eure Wohnung ist und nicht nur seine“, sagt Cora und betont die Pronomen deutlich.

 

„Oh, okay. Ich wusste nicht, dass das geht.“ Jetzt komme ich mir doch dumm vor.

 

Wieso war mir das nicht bewusst? Andererseits musste ich mir bislang nie Gedanken darüber machen. Der Mietvertrag für mein Wohnheimzimmer läuft natürlich nur auf meinen Namen und meine Eltern wohnen auf dem eigenen Hof. Oder gehört er nur meinem Vater und meine Mutter wohnt einfach dort? Langsam stelle ich meine Tasse ab. Der Kaffee ist mir mit einem Mal zu bitter. Nie zuvor ist mir der Gedanke gekommen, dass es wichtig sein könnte, wem eine Wohnung oder ein Haus offiziell gehört.

 

Cora streckt ihren Arm aus und streichelt mir liebevoll über Schulter und Oberarm, was mich endlich wieder aufsehen lässt. Sie lächelt. „Das ist reine Formsache, nichts, was kompliziert ist oder einen Extraantrag benötigt. Aber es bedeutet mehr Sicherheit für dich.“

 

Ich starre sie an. Mein Mund ist trocken und mein Magen zieht sich plötzlich zusammen. Sie meint doch nicht etwa …?

 

Mein Blick spricht wohl Bände, doch zu meinem Erschrecken nickt Cora nur. „Natürlich wünsche ich euch das Beste, Süße, und ich hoffe, dass es nie eine Rolle spielen wird, wer im Mietvertrag steht. Aber – better safe than sorry.“

 

„Das klingt irgendwie …“

 

„Unromantisch? Ich weiß. Aber glaub mir, nach der Arbeit nicht mehr in die Wohnung zu können, weil dein Ex die Schlösser ausgetauscht hat: DAS ist unromantisch.“

 

Meine Eingeweide schlagen einen weiteren Knoten. Das hat Cora doch hoffentlich nur aus einem schlechten Krimi. Oder?

 

„So was würde Laurenz nie tun“, sage ich, um eine feste Stimme bemüht. Trotzdem wackeln meine Worte.

 

„Das will ich damit auch nicht sagen. Ich freue mich, wenn es gut zwischen euch läuft und ihr auf Augenhöhe miteinander seid. Aber dann spricht ja nichts dagegen, wenn das auch auf dem Papier so feststeht, oder?“

 

Ich bringe ein heiseres Lachen hervor. „Ja, stimmt.“

 

Mein Smartphone vibriert dröhnend über die Arbeitsfläche. Eine neue Nachricht von Laurenz.

 

Und, was meinst du?

 

Ich schaue zu Cora, die sich einen zweiten Kaffee eingießt, und zurück auf das Display. In meinem Bauch rumort es noch immer etwas. Aber bei einem Blick auf Laurenz‘ Profilbild, aus dem er mir entgegenlächelt, kehrt die vertraute Wärme langsam wieder zurück. Ich öffne die Tastatur.

 

Sieht gut aus. Lass uns einen Besichtigungstermin vereinbaren. 

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