JOhnny
Die Schafe blöken empört, als ich die Stalltür öffne und der Wind etwas vom Sprühregen hineinweht.
„Kommt schon, raus mit euch“, versuche ich es mit enthusiastischem Tonfall.
Määäähhh. Es klingt eindeutig nach Willst du uns verarschen? Es regnet!
Tja, sorry, kann ich nicht ändern. Ich fülle einen Plastiktrog mit etwas Kraftfutter und raschle dabei extra laut. Der einfachste Trick der Welt, aber er funktioniert. Plötzlich haben die Schafe es sehr eilig, hinter mir her auf die Weide zu hoppeln.
Sie schubsen sich gegenseitig im Kampf um den besten Platz am Trog. Ich kämpfe mich aus dem Gewusel zurück in den Stall und schließe den unteren Teil der Tür. So kann ich hin und wieder auf die Weide schauen, ohne dass eines der Tiere kann zurückkommt und mich beim Ausmisten stört. Routiniert greife ich nach Spaten und Schubkarre und mache mich an die Arbeit. Stroh zusammenschieben, aufladen und ab damit in die Schubkarre. Von einer Ecke zur nächsten.
Es ist nicht mehr so anstrengend wie am Anfang.
Einfach nur gleichmäßige Bewegungen, fast meditativ.
Die gegenüberliegende Tür wird geöffnet. Ich brauche mich nicht umzusehen. Ich weiß, dass er es ist. Die Haare auf meinen Unterarmen richten sich auf, eine unsichtbare Kraft drückt die Luft aus meiner Lunge. Matĕj.
Es klingt bescheuert, aber irgendwie hatte ich beim Frühstück das Gefühl, er würde meinem Blick ausweichen. Nicht, dass ich besonders häufig zu ihm geschaut hätte. Ich habe mich sehr bemüht, mich auf meinen Kaffee zu konzentrieren. Aber okay, wenn mir aufgefallen ist, dass er mir ausweicht, muss ich wohl hingeguckt haben. Vielleicht ist es auch nur mein Eindruck aus den letzten beiden Tagen.
Seit Matĕj sich verlaufen hat und ich ihn gefunden habe. Seit wir uns im Regen geküsst haben. Seit er mich gebeten hat, seinen Eltern nichts zu erzählen. Vielleicht sieht es für Markéta und Jiři wirklich so aus, als wäre nichts gewesen. Die Wahrheit ist aber, dass ich an nichts anderes mehr denken kann als an Matĕjs Fingerspitzen an meiner Haut. Das sanfte Streicheln. Die zarten Vorstöße seiner Zunge. Ich will das noch mal.
„Jo?“
Ein kleiner Rest Luft entweicht zitternd meiner Lunge. Ich stemme den Spaten fest gegen den Boden und klammere mich daran fest. Lächerlich. Alles andere hier im Stall würde mir mehr Halt geben. Matĕjs Füße bewegen sich raschelnd durchs Stroh. Vorsichtig. Einen Schritt. Einen zweiten.
„Jo? Bist du allein?“
Stehenbleiben, mahne ich mich. Oder meine ich doch Matĕj?
Wieso ist er hier? Nach zwei Tagen.
„Jo, bitte sag etwas.“ Er kann nicht mehr weit weg sein. Vielleicht drei Meter hinter mir. Ich grabe meine Fingernägel in das Holz des Spatenstiels. Mein Atem flattert. Langsam drehe ich mich um. Da steht er. Die linke Hand an einer Raufe, die Pupillen zielen an mir vorbei. Eine feine Falte durchzieht quer seine Stirn, seine Lippen öffnen und schließen sich, ohne dass ihnen ein Laut entfährt. Sein Kropf hebt und senkt sich. Ich halte das Holz noch fester.
„Hey. Was gibt’s?“, presse ich hervor.
Die Falte auf Matĕjs Stirn verschwindet, seine Mundwinkel wandern ein paar Millimeter nach oben. „Ich wollte nur wissen …“ Er greift die Raufe so fest, dass seine Knöchel weiß hervortreten, schließt die Augen. „ … wie es dir geht. Ob du okay bist.“
Abgesehen von Herzrasen, Gedankenchaos und spontanem Schweißausbruch? Alles prima. „Hm.“
Ich sollte diesen verdammten Spaten loslassen und einfach zu ihm gehen, ihn in den Arm nehmen. So wie vor zwei Tagen. Aber ich bin wie auf dem Stallboden festgewachsen. Matĕj lächelt schief. Sein braunes Haar liegt zerzaust auf seinem Kopf und der Stoff seines Pullovers hüpft über seiner Brust hektisch auf und ab.
Die gleiche Kraft, die vorhin meine Lunge zusammengepresst hat, bemächtigt sich nun meiner Kehle, während mein Herz wie wild schlägt. Bis Matĕj weiterspricht.
„Ich wollte mich entschuldigen.“
Was? Wofür? Ich starre ihn an, kapiere zu spät, dass er das nicht sieht.
„Ich hätte dich nicht einfach küssen dürfen.“
„Doch.“ Keine Ahnung, wie mir dieser Widerspruch entkommen ist.
Klang es unhöflich? Matĕj sieht erschrocken aus. „Es war voll okay. Nein, mehr. Es war wunderschön.“
Ich bin immer leiser geworden, aber Matĕj hat es gehört. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Dann verschwindet es, als er den Kopf senkt.
„Hm.“ Er gräbt die Fußspitze ins Stroh. „Nur …“
„Was?“, frage ich, immer noch leise. Unter meinen Rippen zieht sich alles zu einem festen Knoten zusammen. Irgendetwas stimmt nicht. Hat er Angst, sich zu outen? Will er sich lieber nur heimlich treffen? Glaubt er, ich könnte ihn verraten? O Matĕj, du ahnst nicht, wie viel ich für mich behalten kann. Ich bin Profi im Geheimniswahren.
„Der Kuss … er war schön. Aber … ich meinte nicht … dich.“
Der Spaten fällt mir aus der Hand und knallt polternd zu Boden. Matĕj zuckt zusammen. Ich stehe immer noch wie festgewachsen.
„Was?“
Matĕj dreht den Kopf in meine Richtung, sein Blick geht wieder an mir vorbei. Das Lächeln ist verschwunden. Dafür ist die Falte auf der Stirn zurück. „Ich … du hast mich an jemanden erinnert … und dann … Es tut mir leid. Ich hätte dich nicht … Verzeih mir.“
Er dreht sich hastig um, stößt mit dem Ellenbogen gegen die Raufe, flucht. Hastig gleitet seine Hand an der Stallwand entlang, bis er die Tür erreicht hat. Weg ist er.
Und ich – stehe mitten im Mist, den Spaten zu meinen Füßen.
Ich meinte nicht dich.
Die Worte zerreißen den Knoten unter meinen Rippen. Doch sie hören da nicht auf. Sie graben sich in meine Lunge. Ziehen an meinem Herz. Bohren sich in meine Eingeweide. Sie wühlen hervor, was ich immerhin zwei Tage vergessen hatte. Worte. Alte Worte. Worte, die mich meinten.
Hässlich. Loser.
Die Bässe dröhnen vertraut.
Lassen meine Bauchdecke und mein Hirn vibrieren. Die Musik ist genauso schlecht wie in den letzten Wochen, aber es stört mich nicht mehr. Im Gegenteil. Sie löst alles, was mich auf dem Weg hierher noch umklammert hielt, schüttelt die Worte durcheinander.
Ich meinte hässlich Loser nicht dich.
Noch verengt der Schmerz meine Kehle. Aber gleich wird es besser. Gleich werde ich frei sein.
Im flackernden Licht suche ich die Tanzfläche nach Natálie ab. Im Club ist es nicht so voll wie sonst, nur knapp drei Dutzend Menschen zappeln mehr oder weniger rhythmisch unter der Discokugel. Natálie ist nicht dabei. Ich gehe zu den Toiletten, warte im Gang und behalte die Türen im Auge. Zweimal fragt mich jemand, ob ich nicht reingehen will. Ich schüttle den Kopf. Kalter Schweiß kitzelt in meinem Nacken. Meine Bauchdecke ist knallhart gespannt. Ich kann nur flach atmen. Drei Mädels kommen kichernd aus der Damentoilette. Ich kenne sie vom Sehen.
„Hi, ist Natálie da drin?“, frage ich eine von ihnen.
Sie sieht mich aus stark geschminkten Augen an, spitzt abschätzig die Lippen, als ob sie sich erst entscheiden müsste, ob ich einer Antwort würdig bin. Loser. Ich will das Wort herunterschlucken, aber es bleibt auf halbem Weg stecken.
„Nein“, sagt das Mädel schließlich. „Keine Ahnung, wo sie ist.“ Sie wendet sich wieder ihren Begleiterinnen zu und ohne mir einen weiteren Blick zu schenken, ziehen sie von dannen.
Ich balle die Hände in den Hosentaschen zu Fäusten. Versuche, tief ein und auszuatmen. Verdammt. Ich brauche etwas zum Runterkommen. Oder besser zum Draufkommen. Dringend. Langsam gehe ich zurück Richtung Bar und Tanzfläche, mustere die Leute. Ob jemand anders mir etwas verkaufen kann? Aber wer? Und was ist das Codewort? Ich beobachte die Gespräche an der Bar, sehe genau hin, wer mit wem spricht und wer wem zu den Toiletten oder nach draußen folgt. Aber wenn ich hinterhergehe, trennen sich die Wege der Leute immer. Fuck.
Wieso habe ich mit Natálie nicht längst Nummern ausgetauscht?
Weil du ein verdammter Feigling bist. Loser. Du hoffst, dass er dich nicht kriegt. Dabei hat er dich längst. Du armseliges Stück Scheiße.
Die Erinnerung drängt sich zwischen mich und die Musik, schlägt ihre kalten Krallen in mich und flüstert mir mit seiner Stimme dröhnend ins Ohr. Panisch sehe ich mich um. Tanzende Menschen. Mit Flaschen in den Händen, eng umschlungen, mit erhobenen Armen. Niemand achtet auf mich. Er ist nicht hier. Natürlich nicht.
Sicher? Ich bin überall. Ich krieg dich.
Die Übelkeit kommt so schnell, dass ich es gerade noch bis zum Eingang schaffe. Keuchend starre ich auf die säuerlich riechende Lache aus Angst zu meinen Füßen. Nicht viel. Der größte Teil steckt noch in mir. Fuck. Fuck. Fuck. Ich schlage mit dem Kopf gegen die Hauswand. Aber außer, dass der Rauputz sich in meine Schläfe bohrt, passiert nichts. Ich werde es so nicht los. Ich brauche etwas Stärkeres.
„Hi, was stehst du denn hier im Regen?“
Meine Knie werden weich vor Erleichterung. Gerade noch rechtzeitig, um nicht auf dem Boden zu landen, halte ich mich an der Fassade fest. Natálie. Endlich.
„Oh.“ Ihr Blick liegt auf der inzwischen regenverdünnten Pfütze vor mir. „Ein Drink zu viel?“
Keine Ahnung, ob es mir gelingt, ihr Grinsen zu erwidern, mein Mund, eigentlich alles, fühlt sich so unfassbar schwer an. Überflüssig, ihr zu erklären, dass ich nicht saufen muss, um kotzen zu können.
„Geht schon wieder“, murmle ich und ziehe Zigarette und Feuerzeug aus der Hosentasche. „Ich brauch Nachschub“, sage ich nach den ersten beiden Zügen.
„Klar. Wie viel?“
Sie lehnt neben mir an der Wand, die Hände in den Taschen ihrer Lederjacke vergraben. Als ob wir über die Abfahrtzeiten vom Bus reden würden. Hier mitten im Nieselregen. Ein Pärchen kommt raus, nickt uns zu, dann stellen sie sich an die andere Seite der Tür. Er gibt ihr Feuer. Sie reden auf Tschechisch.
„Sieben“, sage ich leise, sobald ich sicher bin, dass die beiden da drüben ausreichend mit sich selbst beschäftigt sind.
Natálie hebt anerkennend die Augenbrauen. „Hast Gefallen gefunden, was?“
Sozusagen. Nach der Angst muss ich wieder fliegen. Die Worte sollen sich auflösen. Jetzt. Und was die übrigen Tage betrifft: mit ein bisschen Unterstützung lebt es sich halt leichter. Wahrscheinlich brauche ich in der nächsten Woche etwas mehr Starthilfe.
„Schon nice, ja.“
„Nimm neun. Die zehnte schenk ich dir.“
„Okay“, antworte ich, ohne zu zögern. Wer weiß, wofür es gut ist.
Wie selbstverständlich greift sie nach meiner Zigarette und nimmt einen tiefen Zug. Dann schlingt sie plötzlich ihre Arme um mich und küsst mich. Ich öffne meine Lippen für sie. Es ist nicht wie mit Matĕj. Keine Sanftheit, keine Zärtlichkeit, keine Unschuld. Einfach nur Bedürfnisbefriedigung.
Voll okay. Eigentlich. Normalerweise.
Letzte Woche hat mir das noch gereicht. Jetzt ist es nur Gewohnheit. Auf perfide Weise Teil des Geschäfts.
Natálies Hand wandert in meine Hosentasche. Durch den leichten Druck spüre ich die Pillen. Genauso zufällig wie sie lasse ich das Geld in ihre Tasche wandern, greife mit der anderen Hand ihren Nacken und presse meine Hüfte näher an ihre.
Ein Zittern durchfährt ihren Körper, sie stöhnt auf, aber es ist kein lustvolles Stöhnen. Sie löst ihre Lippen von meinen, weich ein Stück zurück. Ihre Wangenmuskulatur ist gespannt.
„Heute nicht“, flüstert sie.
„Geht’s dir nicht gut?“
„Nur Unterleibsschmerzen. Geht vorbei.“ Natálie lächelt, aber es sieht gezwungen aus.
„Brauchst du etwas?“ Nicht dass ich einen Plan hätte, was ich dagegen tun könnte.
Sie zwirbelt eine meiner Haarsträhnen zwischen Daumen und Zeigefinger und schiebt sie mir hinters Ohr. Dann macht sie wieder einen Schritt auf mich zu.
„Nur ein bisschen mehr hiervon“, sagt sie und drückt ihre Lippen wieder auf meine.
Meine Zunge empfängt sie, lässt sich ein auf den Tanz. Ich schließe die Augen. Zwischen Atmen und küssen wandern meine Gedanken zu Matĕj.

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