Kapitel 16 - Showtime

Alena

„Wenn du weiter hüpfst, binde ich dich fest.“ Ich werfe abwechselnd Blicke zu Cora und den anderen Fahrgästen. Selbst das Kleinkind im Buggy neben uns ist ruhiger als meine Freundin.

„Ich mach mich nur schonmal warm“, sagt Cora und wippt weiter, jetzt immerhin nur mit einem Bein statt mit dem ganzen Körper.

Mit sanfter Gewalt halte ich ihr Knie fest und drücke es nach unten. „Wir gehen aber schon zu einem Konzert, nicht zu einem Workout oder so?“

Cora lacht. „Natürlich, Süße. Aber wir werden nicht zwei Stunden stocksteif auf einem Stuhl sitzen. Es gibt genug Lieder, zu denen wir tanzen können, und Freddy wird uns schon zum Mitmachen animieren.“

 

Mir entfährt ein Seufzen.

 

Worauf habe ich mich nur eingelassen, als Cora mich gefragt hat, ob ich sie nach Nürnberg zum Escape-Konzert begleite? Sie meinte, es sei die beste Vorbereitung auf unser Referat im Seminar. Ich glaube, das sind nur fünf Prozent der Wahrheit.

 

„Okay, was hast du mir noch alles verschwiegen?“

 

„Nichts. Es wird großartig, glaub mir!“

 

Natürlich sind wir viel zu früh an der Halle, aber längst nicht die ersten. Vor den Eingängen stehen überall Fans, teilweise in T-Shirts oder Hoodies mit Bandlogo. Einige lassen Musik laufen und singen lauthals mit. Cora fällt prompt mit ein. Ich summe nach einer Strophe mit. Die Melodie erkenne ich wieder, textsicher bin ich allerdings nicht. Für Cora und die anderen Fans spielt das offenbar keine Rolle. Schon nach zwei Minuten bin ich mittendrin, umringt von Vorfreude und guter Laune. Mit bleibt gar nichts anderes übrig als zu der Musik auf und abzuhüpfen, Cora und das Mädchen neben mir reißen mich mit. Aber ich würde es auch freiwillig tun. Unbeschwerte Ausgelassenheit ist in den letzten Monaten definitiv zu kurz gekommen. Jedes Mal, wenn meine Füße sich vom Boden lösen und ich zwischen den anderen in die Höhe schnelle, scheint ein Stück des Ballasts, der sich angesammelt hat, sich von meinem Herz zu lösen. Ich fühle mich so leicht.

 

„Run until you fly“, singt Cora laut neben meinem Ohr.

 

Ja, genau so. Ich fliege.

 

Eine gute Stunde schwebe ich in einem Lichtermeer.

 

Die Beleuchtung in der Halle geht aus, ohrenbetäubender Jubel setzt ein und mehrere Meter unter mir flammen Handybildschirme auf. Mir bleibt für einen Moment die Luft weg und ich taumle gegen Cora, die schon von ihrem Platz aufgesprungen und in den Applaus und Jubel der Masse eingefallen ist. Ich halte mich an der Rückenlehne des Platzes vor mir fest und finde langsam mein Gleichgewicht wieder. Der Beat des Schlagzeugs stampft durch meine Adern, lässt meine Bauchdecke vibrieren. Volle Gitarren schlingen ihre Akkorde um mich. Ich bin mitten in der Musik. Sie hebt mich empor wie der Wind eine Feder.

 

Und ich lasse mich treiben. Von einem Ton zum nächsten, von tiefen Basstälern in die Höhen eines E-Gitarrensolos.

 

„Schönen guten Abend, Nürnberg!“

 

Ich stimme in den Applaus ein, als der Frontman uns nach dem dritten Song begrüßt. Die Spotlights kreisen über das Publikum, erleuchten ein paar Schilder, die Fans in die Höhe halten.

 

Freddy!!!

 

Der Name ist von einem Herz und einer Gitarre eingerahmt und wackelt aufgeregt von links nach rechts. Ich lasse meinen Blick von dem Frontman mit den blonden Locken und der E-Gitarre zu dem anderen Sänger mit der Akustikgitarre weiter rechts wandern. Wer von den beiden ist Freddy? Cora hat es mir bestimmt schon mindestens dreimal erzählt. Aber gerade habe ich sowieso das Gefühl, als würde ich zum ersten Mal mit Escape in Kontakt kommen. Live klingt die Musik anders. So nah. So voll. So lebendig. Ich will mehr davon.

 

„Wow, ihr seid ja schon richtig gut drauf. Wie wär’s mit einer kleinen Verschnaufpause? Ben hat da was für euch vorbereitet.“ Der Blonde lacht und tauscht den Platz mit dem Typ mit der Akustikgitarre. Das ist also Ben. Er wirft ein Lächeln ins Publikum, dann legt er die Hände auf die Saiten.

 

Die einzelnen Töne fallen wie Sommerregen auf meine Haut. Warm und erfrischend. Pling. Plong. Platsch.

 

Never thought it works like this

Never felt so deep a kiss.

 

Sonnenlicht glitzert durch den Regen. Mein Blick verschwimmt. Ich schließe die Augen und aus den Tönen schält sich die vertraute Wiese meiner Kindheit. Grünbelaubte Bäume, in denen rote Äpfel leuchten.

 

I’ve been roaming all around

Didn’t know what I was missing

But now with you I’m safe and sound.

 

Der Regen perlt mir übers Gesicht, tropft von den Blättern, rinnt über meine Haut. Ein Rauschen erhebt sich, fegt über mich hinweg. Ich halte mich selbst umschlungen.

 

„Alena? Ist alles okay?“

 

Cora streckt ihre Arme nach mir aus und sieht mich erschrocken an. Die heimatlichen Bilder lösen sich auf, an ihre Stelle treten Scheinwerfer, die gelbblaues Licht auf applaudierende Fans werfen. Ein wenig benommen folge ich den Bewegungen der Lichtkegel.

 

„Es fühlte sich gerade so nach zu Hause an.“ Erst jetzt, da ich versuche zu sprechen, merke ich, dass ich begonnen habe zu weinen. Ich kann kaum glauben, dass Cora über den Applaus irgendetwas aus meiner dünnen Stimme verstanden hat. Aber ich habe meine Freundin unterschätzt. Sie macht einen halben Schritt auf mich zu und schließt mich in eine feste Umarmung.

 

„Willkommen in der Escape-Familie, Süße“, wispert sie in mein Ohr.

 

Gleichzeitig lachend und weinend erbebt mein Körper. Der Schmerz darüber, dass ich nicht zu Hause bin, krallt sich noch in mein Herz und weigert sich, loszulassen. Aber um meinen Bauchnabel herum prickelt es, breitet sich aus wie Ringe auf dem Wasser, bis es blubbernd in meiner Lunge landet und ich nur noch lache. Ich habe das schon einmal gefühlt. Vor zwei Jahren, als ich neben tausenden anderen Fans in München auf einer Wiese saß und den entfernten Liveklängen von Taylor Swift lauschte. Wir waren eine große Familie. Und ausgerechnet hier spüre ich es wieder. Meine eigene Familie ist weit weg. Doch die Musik malt mir ihre Bilder vor Augen, nährt die Liebe zu ihnen in meinem Herz und bringt sie mir trotz aller Entfernung so unfassbar nah. Es ist ein Wunder. Schmerzhaft schön.

 

„Ich glaube, du musst mir die Familienmitglieder da vorne nochmal vorstellen“, sage ich, bevor mich meine Gedanken wieder ins Gefühlschaos schubsen können.

 

Cora grinst. „Mit Freuden.“

 

Während der Strophen des nächsten Songs deutet Cora auf die Bühne und stellt mir die Bandmitglieder vor. Freddy und Ben, die Frontsänger.

 

„Freddys Songs sind mega. Er hat auch Trust geschrieben, du weißt schon, den Titelsong zu Golden Dreams.“ Ich habe keine Ahnung, nicke aber trotzdem. Aktuell steht Freddy wieder am vorderen Mikro. Er scheint mit seiner E-Gitarre verschmolzen. Anders kann ich mir nicht erklären, wie es ihm gelingt so schnell mit den Händen über die Saiten zu gleiten. Zum Refrain hebt er für den Bruchteil einer Sekunde den rechten Arm, zeigt ins Publikum und fordert uns zum Mitsingen auf. Cora unterbricht ihre Ausführung, singt und klatscht.

 

„You can try to tame the dragon,

But you can’t put out its fire.“

 

Freddy legt ein Gitarrensolo hin, bei dem er sich von tiefen Tönen bis ganz nach oben arbeitet. Mein Magen wandert mit. Hebt mich in die Höhe. Ich schwebe wieder über dem Lichtermeer. Der klopfende Beat des Schlagzeugs lässt mein Zwerchfell vibrieren.

 

„An den Drums ist Joshie“, fährt Cora fort.  „Sie hat den Beat erfunden, sagt Freddy immer. Ich kenn mich mit Schlagzeug nicht so aus, aber sie ist cool – und übelst sarkastisch.“

 

Die Spotlights sind noch auf Freddy fokussiert, sodass ich von Joshie hinter dem Schlagzeug nicht mehr erkennen kann als einen schwarzen Schopf und kupferfarbene Hände, die von einer Trommel zur nächsten wirbeln.

 

„Und am Klavier ist Kristina. Ich bin richtig froh, dass sie wieder fit ist nach ihrem Hörsturz. Ich hatte schon Angst, dieses Konzert würde auch abgesagt wie die in Frankfurt und Koblenz.“

 

Hörsturz? Konzertabsage? Das klingt nicht gut. Ich mustere Kristina so gut es bei der Beleuchtung geht. Ihr Haar ist zu zwei Buns aufgedreht, die mittig auf ihrem Kopf fixiert sind. Die Augen verschwinden zwischen schwarzen Linien. Liegt das am Licht oder geht es Kristina vielleicht doch nicht so gut wie Cora behauptet? Ihre Hand bewegt sich mechanisch über die Tasten. Ich halte die Luft an, halte meinen Blick auf Kristina gerichtet. Was passiert, wenn sie auf der Bühne kollabiert?

 

„Burn, burn, burn. It will burn, burn, burn.“

 

Der Gesang von Cora und den Fans um mich herum reißt mich aus meiner Starre. Wo kommen diese unruhigen Gedanken nur wieder her? Kristina wird schon wissen, was sie tut. Und von hier oben könnte ich sie sowieso nicht auffangen, wenn ihr tatsächlich schwindelig würde. Ich lasse meinen Blick wieder auf die andere Seite der Bühne schweifen, wo der Bassist steht. Ein schlanker Typ mit blondem Wuschelkopf und einer Tätowierung, die sich über seinen gesamten rechten Unterarm zieht. Das muss der Ersatz für Johnny sein. Er ist mir genauso fremd wie die anderen Bandmitglieder, ich sehe ihn zum ersten Mal. Es kann also nur an Solidarität zu Cora liegen, dass ich ihn noch prüfender ansehe als vorhin Kristina. Ein Grinsen liegt auf seinem Gesicht, während er an den Saiten zupft und im Takt nickt. Er macht ein paar Schritte auf die Bühnenkante zu, beugt sich vor. Wirft lachend den Kopf in den Nacken. Flirtet er mit Fans in der ersten Reihe?

 

„Na ja, und das ist Svante“, sagt Cora, die meinem Blick gefolgt sein muss. Sie klingt so gelangweilt, wie ich sie im Zusammenhang mit Escape noch nie erlebt habe. „Er war vorher Backliner der Band. Offenbar kann er auch Bass spielen.“

 

Ehe ich fragen kann, was ein Backliner ist, endet der Song und Cora springt laut pfeifend und klatschend neben mir auf und ab. Etwas zu enthusiastisch dafür, dass wir die Hälfte des Songs verquatscht haben. Okay, das war hauptsächlich meine Schuld. Trotzdem. So auszurasten? Als ein Scheinwerfer seinen Lichtkegel auf uns wirft, sehe ich es in ihrem Augenwinkel blitzen. Ich seufze, aber lasse Cora ihre Show. Das werden wir später aufarbeiten.

 

„Äh, Cora, das ist nicht der Weg zur Bahn.“

 

Es ist stockdunkel und, ehrlich gesagt, arschkalt. Wieso meine Freundin also einen Schlenker nach links macht, ist mir unbegreiflich. Das Konzert war toll, ich hatte Spaß und na gut, möglicherweise bin ich ein bisschen angefixt, was die Musik von Escape angeht. Trotzdem würde ich jetzt gern ins Bett. Eine gute Stunde wird es dauern, bis wir in Erlangen ankommen, und mir läuft ein zusätzlicher kalter Schauer über den Rücken, als mir das Seminar morgen früh einfällt. Acht Uhr. Das wird eine kurze Nacht. Und sie wird noch kürzer, wenn Cora weiter in die falsche Richtung läuft. Ich vergrabe meine Hände tief in meinen Jackentaschen und eile ihr hinterher.

 

„Hallo? Wo willst du denn hin?“

 

„Nur mal gucken“, murmelt Cora ausweichend und läuft unbeirrt weiter. Um die Halle herum, vorbei an einem Parkplatz, bis zu einer unscheinbaren Tür. Mein Herz macht einen Satz. Ich bleibe abrupt stehen. Cora will doch nicht etwa …

 

„Komm zurück“, zische ich.

 

Cora kommt nicht zurück, aber bleibt immerhin stehen. Einen Metter von der Tür entfernt. „Wieso? Das ist unsere Chance, der Band ein paar Fragen für unsere Hausarbeit zu stellen.“

 

Sie ist vollkommen durchgeknallt! Ich atme tief durch. „Das ist unsere Chance, uns als Groupies lächerlich zu machen und für alle Zeiten Kontaktverbot zu Escape zu bekommen.“

 

„Ach Quatsch, du siehst das viel zu pessimistisch. Die sind total lieb und reden gern mit ihren Fans.“ Cora streckt die Hand nach der Tür aus.

 

Mit einem Satz bin ich bei ihr und ziehe sie zurück.

 

„Halt. Du kannst doch nicht einfach klopfen und fragen, ob wir reinkommen dürfen. Wenn das jeder machen würde …“

 

Cora verdreht schnaubend die Augen. „Es macht aber nicht jeder. Oder siehst du hier noch jemanden?“

 

Wo sie recht hat. „Trotzdem. Bitte. Lass uns gehen. Wir kriegen das anders hin.“

 

„Ach ja, und wie?“, fragt Cora schnippisch.

 

„Keine Ahnung. Mit einem Plan. Und Überlegung.“ Wow, das klingt ja mal richtig überzeugend. „Wir schaffen das.“ Super. Jetzt klinge ich auch noch wie die Bundeskanzlerin. Ich nehme Cora am Arm und mache einen Schritt in die Richtung, aus der wir gekommen sind. Zu meiner Überraschung folgt Cora mir, wenn auch mit Schmollgesicht.

 

„Warum bist du nur so verdammt vernünftig?“

 

„Glaub mir, du wirst mir noch dankbar sein“, erwidere ich. Bis zur U-Bahn-Station lasse ich Cora nicht los und summe einen Escape-Song vor mich hin, um sie wieder aufzuheitern. Es funktioniert. Cora stimmt ein und schallert die Lyrics ungeniert über den Bahnsteig. Mir wird ein wenig flau. Nicht, weil sich ein paar Leute zu uns umdrehen. Sondern weil ich das unbestimmte Gefühl habe, dass mir mein Versprechen auf die Füße fallen wird. 

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