Kapitel 15 - Verschwunden

Johnny

Der Kaffee bröselt beinahe in die Tasse und ich gebe einen ordentlichen Schuss Milch dazu. Früher habe ich Cola getrunken, um wach zu bleiben, oder auch mal eine Flasche Mate. Aber hier gibt es nur Kaffee. Marke Herztod. Mit Milch schmeckt es erträglich.

Ich habe gerade einen Schluck getrunken, da steht Markéta in der Küche.

„Matĕj? Oh, du bist es, Jo. Hast du Matĕj gesehen?“

Ich schüttle den Kopf. „Die letzten zwei Stunden nicht.“ 

Heute Vormittag waren Matĕj und ich zusammen im Stall

 

und ich habe unter seiner Anleitung den Wasserhahn repariert. Jetzt lässt er sich wieder leicht auf- und zudrehen. Nach dem Mittagessen bin ich jedoch allein zurück gegangen, um ein paar Schrauben nachzuziehen.

 

Markéta kneift die Lippen zusammen, verlässt die Küche und ruft im Flur nach ihrem Sohn. Von Matĕj kommt keine Antwort. Die Tür fällt ins Schloss, offenbar sucht Markéta draußen weiter. Ich leere meine Tasse. Markéta kommt zurück, eine Hand an die Stirn gelegt, die eine tiefe Falte durchzieht.

 

„Wo ist er nur?“, fragt sie. Ihre Stimme ist um einige Töne höher als sonst. „Hat er dir gesagt, wohin er will?“

 

„Nein. Ich dachte, er wäre bei dir oder Jiři.“

 

Markéta läuft sich die Haare raufend zwischen Küchentür und Regal hin und her. Zwei Meter hin, zwei Meter zurück. Ihr Atem geht stoßweise. „Mein Gott, wenn ihm etwas passiert ist?“

 

Wie gern würde ich Markéta diese Sorge nehmen. Aber ganz von der Hand zu weisen ist sie nicht. Auch wenn Matĕj sich inzwischen viel zielsicherer auf dem Hof bewegt, gibt es immer noch genug Risiken für jemanden, der nicht sehen kann. Was, wenn er gegen irgendein Hindernis gestoßen oder zu weit gelaufen ist?

 

„Ich geh ihn suchen“, sage ich.

 

Markéta presst eine Hand vor den Mund und nickt. Ihre Augen glänzen. „Danke. Ich bitte Jiři, die Weide und den Bach abzugehen.“

 

„Dann übernehme ich die Obstwiesen.“ Ich bin schon halb aus der Küche, als Markéta mich zurückhält. „Bitte nimm dein Handy mit und gib mir ein Update. Ich sehe bei den Nachbarn nach Matĕj.“

 

Ich mache also einen Abstecher über mein Zimmer und stecke das Handy in die Hosentasche. Schon kurz hinter dem Haus, noch bevor ich die Wiese mit den Apfelbäumen erreiche, rufe ich nach Matĕj.

 

„Wo bist du?“ Auf Tschechisch. Auf Englisch. Keine Antwort.

 

Das Wetter könnte günstiger sein für eine Suche. Der Himmel ist wolkenverhangen, heute Morgen hat es genieselt, dazu kommt seit dem Mittag ein kräftiger Wind, der meine Worte verwirbelt und davonträgt. Fast genauso schlecht wie damals, als Freddy abgehauen ist.

 

Abrupt bleibe ich stehen. Stop. Falscher Gedanke. Ganz falsch. Das bringt mich nicht weiter. Matĕj ist bestimmt nicht abgehauen. Wohin denn auch? So viel ich weiß, liebt er den Hof über alles.

 

„Matĕj! Wo bist du?“, brülle ich gegen den Wind. Ich habe die Obstwiese erreicht.

 

Soll ich längs oder quer mit der Suche beginnen?

 

Die Apfelbäume ziehen sich gut hundert Meter bis zum Horizont, bei der aktuellen Wetterlage kann ich maximal bis zur Hälfte sehen. Wenn ich mich quer durcharbeite, kann ich die Wiese nach links und rechts relativ gut einsehen. Kurzentschlossen laufe ich los. Immer ein paar Meter zwischen das Spalierobst, dann in die andere Richtung.

 

„Matĕj!“

 

Was hatte er heute an? Irgendeine leuchtende Farbe wäre gut. Dann würde er zwischen dem Wettergrau und dem etwas verblassten Laub gut auffallen. Ich kann mich nicht erinnern, welche Klamotten Matĕj heute Morgen im Stall getragen hat. Aber rot oder gelb war es definitiv nicht. Verdammt.

 

„Matĕj!“

 

Er wird sich doch nichts angetan haben?

 

Ich schnappe nach Luft, atme irgendein Fliegenviehzeug ein, huste. Nein, bestimmt nicht. Seit Alenas Besuch ist er viel besser drauf. Oder war das nur Fassade?

 

„Ruhig.“ Ich stehe zwischen den Apfelbäumen und drehe mich suchend im Kreis. Ich muss positiv denken. Stark sein. Meine Hand gleitet in die Hosentasche. Unter dem Handy liegt ein zerknülltes Plastiktütchen. Leider ist es leer. Die letzte Pille habe ich gestern eingeworfen, als … Ich stemme meinen Fuß gegen den nächsten Baumstamm. Nicht noch mehr negative Gedanken.

 

Rasch tippe ich eine Nachricht an Markéta.

 

Hoffentlich haben sie oder Jiři mehr Erfolg.

In der anderen Hosentasche habe ich immerhin noch Zigaretten. Ich zünde mir eine an und laufe rauchend weiter.

 

„Matĕj!“

 

Der Wind lässt etwas nach, dafür nieselt es kräftiger. Beinahe die Hälfte der Obstwiese habe ich schon überquert, aber außer einem Arbeitshandschuh habe ich nichts gefunden. Der Regen legt sich wie ein Film auf meine Haut. Feuchtigkeit und Kälte dringen langsam durch meinen Pullover. Wieso habe ich Depp nicht daran gedacht, eine Regenjacke überzuziehen?

 

„Matĕj!“

 

„Jo?“ Ist es Wunschdenken oder Einbildung?

 

Ich rufe noch einmal.

 

„Jo!“

 

Jetzt bin ich mir sicher, dass Matĕj geantwortet hat. Irgendwo von rechts. Ich laufe los. Rufe weiter, lausche auf seine Stimme. Endlich entdecke ich eine Gestalt, die sich an einen der Bäume kauert. Braune Arbeitshose und schwarzer Pullover. Genau die richtigen Farben für eine Suchaktion.

 

„Matĕj!“ Ich laufe auf ihn zu. Ist er verletzt?

 

Er reckt den Kopf, richtet sich auf. „Jo.“

 

Ich nehme seine ausgestreckte Hand in meine, checke ihn kurz von oben bis unten ab. Über dem rechten Auge prangt eine Beule und die Knöchel der linken Hand sind aufgeschürft. Aber ansonsten scheint er unverletzt.

 

„Matĕj. Was machst du hier?“

 

„Jo.“ Er klammert sich an mich und heult.

 

Etwas perplex schließe ich meine Arme um ihn, während er heftig aufschluchzt und zittert.

 

„Hey, es ist okay“, sage ich leise.

 

Doch Matĕj schüttelt an meiner Schulter den Kopf. „Ist es nicht. Ich wollte … Apfelbaum … nicht gefunden … I got lost.“

 

Ich verstehe nicht alles, was er auf Tschechisch sagt. Aber der Nachsatz auf Englisch ist eindeutig.

 

„Du bist weit gelaufen. Komm, ich bring dich zurück.“

 

Aber Matĕj kann sich nicht beruhigen. Also halte ich ihn weiter im Arm, während der Regen auf den Blättern knistert.

 

„Da sagt man immer, dass man etwas im Schlaf kann, oder blind findet, aber wenn man es dann muss, geht es gar nicht so gut“, sagt Matĕj schließlich leise.

 

Was soll ich darauf sagen? Er hat wahrscheinlich recht. Meine Kollegen und ich haben auch schon oft gesagt, dass wir etwas machen, ohne hinzuschauen. Aber trotzdem haben wir immer nochmal geprüft, aus Sicherheitsgründen. Beim Bassspielen schließe ich manchmal die Augen. Die Töne finde ich tatsächlich blind. Ich schlucke. Fand. Ich spiele nicht mehr.

 

„Du findest den Weg bald wieder allein. Du brauchst noch ein wenig Übung“, sage ich.

 

Auf meinem Rücken ballt Matĕj die Hände zu Fäusten. „Ich will nicht noch mehr Übung. Ich will es können. Das ist doch scheiße.“

 

„Stimmt. Es ist scheiße.“

 

Dass er so vieles neu lernen muss. Dass ich kein Bassist mehr bin. Dass sich alles so beschissen verändert hat.

 

Plötzlich streifen Matĕjs Finger meinen Hals. Fahren sanft von meinem Ohr bis zum Pulloverkragen. Und dann liegen seine Lippen auf meinen. Ganz vorsichtig, eine leichtere Berührung als die der Regentropfen vorhin. Doch sie wirkt heftiger als der Stromstoß vom Elektrozaun.

 

Eine zweite Berührung, etwas fester als die erste. Fragend, testend.

 

Ich öffne meine Lippen. Unsere Zungenspitzen berühren sich. Ganz vorsichtig. Matĕj bewegt sich so sanft, als wäre ich zerbrechlich. Sein Atem streift meine Oberlippe in warmen, weichen Zügen. Nicht mehr abgehackt wie vorhin, als er geheult hat, sondern ruhig. Ich sollte mich ihm anpassen. Denn in meinem Bauch flattert es wie wild und mein Puls rast, als hätte ich einen Sprint durch die Obstwiesen hingelegt. Seine Zunge gleitet an meiner Zahnleiste entlang. Langsam, Stück für Stück, scheint bei jedem Zahn um neue Erlaubnis zu fragen. Ich folge der Bewegung, gebe ihm jedes Mal, wenn er innehält einen kleinen Impuls fortzufahren. Kurz holen wir Luft, dann taste ich mich vorwärts, ebenso behutsam wie Matĕj zuvor.

 

Seine Hände streicheln meine Wangen, mein Kinn, meine liegen auf seinen Hüften. Er stöhnt leise. Seine Kuss wird fordernder. Ich empfange ihn.

 

Da lässt er mich plötzlich los und weicht einen Schritt zurück. Er keucht, bedeckt sein Gesicht mit den Händen.

 

„Sorry, ich …“

 

Blinzelnd versuche ich klarzukommen. Die Bäume, Matĕj, der Regen, irgendwie dreht sich alles um mich herum. Mein Puls dröhnt. Was ist hier passiert? Es hat sich verdammt gut angefühlt. Wieso hört er auf?

 

„Ich hätte nicht …“ Matĕj streckt seine Hand nach meiner Schulter aus, zieht sie aber gleich wieder zurück, so als hätte er sich verbrannt. „Tut mir leid, ich …“

 

„Hey, es ist okay.“ Na ja, nicht ganz. Ich würde gern verstehen, was das eben war. Aber entschuldigen muss er sich definitiv nicht.

 

„Sicher? Ich … ich wollte … ich dachte … du.“ Er schüttelt den Kopf, dreht sich um, will offenbar weglaufen. Ich halte ihn am Ärmel, damit er nicht gegen den Baum rennt.

 

„Sicher. Kommst du mit zurück?“

 

Für den Bruchteil einer Sekunde fliegt ein Ausdruck von Sehnsucht über sein Gesicht und er macht wieder einen Schritt auf mich zu. Ich halte die Luft an.

 

Küss mich noch einmal.

 

Halt, was denke ich da? Ich bin hier, um Matĕj zu retten. Wir sollten jetzt wirklich zurück zum Hof gehen, bevor Markéta noch einen Herzinfarkt bekommt. Aber dieser Kuss. Er ging so tief. Er war …

 

„Okay. Lass uns gehen.“

 

Suchend streckt Matĕj seine Hand aus und ich reiche ihm meinen Arm. Außer kleinen Kommandos und Sicherheitshinweise meinerseits sprechen wir den ganzen Weg über kein Wort. Ich zwinge mich, die Wiese und die Apfelbäume genau anzusehen, beschreibe sie mir in Gedanken ausführlich. Trotzdem bin ich mir die ganze Zeit über Matĕjs Hand auf meinem Arm nur zu bewusst.

 

Als wir die Wiese verlassen und das Pflaster des Hofs betreten, bleibt Matĕj unvermittelt stehen. Seine Finger graben sich fester in den Stoff meines Pullovers.

 

„Jo? Bitte sag meinen Eltern nichts von … Sie wissen noch nicht, dass ich …“

 

„Matĕj!“ Markétas Aufschrei unterbricht ihn.

Sie läuft auf uns zu. Gleich wird sie uns erreicht haben.

 

„Versprochen“, flüstere ich Matĕj zu. Im nächsten Moment schließt Markéta ihn in eine feste Umarmung.

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