Alena
Laurenz erwartet mich am Gleis und breitet die Arme aus, als ich aus dem Zug steige. Ich lasse mich in seine Umarmung fallen und drücke mein Gesicht in seine Halsbeuge, wo er so schön warm ist und so gut nach Limette riecht.
„Määhh.“
Gerade wollte ich seinen Kopf zwischen meine Hände nehmen, jetzt lasse ich sie sinken. Mein Herz zieht sich zusammen, als ob jemand es wie einen Schwamm ausdrücken würde.
Ich schlucke.
Haftet mir der Landgeruch so stark an? Zwar habe ich mich ausgiebig von den Schafen verabschiedet, aber seitdem sind über vier Stunden vergangen. Zweieinhalb davon habe ich inmitten eines bierlaunigen Junggesellenabschieds verbracht. Ist die Landluft irgendwie genetisch verankert, sodass ich den Geruch gar nicht loswerden kann?
„So schlimm?“, frage ich.
Laurenz zieht die Nase kraus, was gemeinerweise unheimlich niedlich aussieht. „Nein, schon okay. Ich riech’s halt. Aber passt schon. Wäscht sich raus.“
Ich atme auf. Die Aussicht auf eine Dusche ist verlockend, auch wenn mir mehr daran gelegen ist, die schlechte Zugluft loszuwerden als den Geruch von Stroh, Mist und Wollfett.
Laurenz schnappt sich meinen Koffer und streckt die andere Hand nach meiner aus. Ich nehme sie. „Hattest du eine gute Zeit? Wie geht es deiner Familie?“
Die Faust, die mein Herz eben noch fest umschlossen hielt, löst sich in Wohlgefallen auf. Laurenz und ich haben jeden Tag geschrieben, zwischendurch auch ein paarmal telefoniert. Eigentlich weiß er längst, wie es zu Hause läuft. Dass er trotzdem fragt, lässt mich beinahe neben ihm durch die Unterführung schweben.
„Es war schön, alle wiederzusehen. Matĕj findet sich immer besser zurecht.“
„Hast du ihn die ganze Woche mit Kuchen über den Hof getrieben?“
„Nein, nur beim ersten Mal“, erwidere ich lachend. Matĕj hätte sicher nichts dagegen gehabt, jedes Mal mit Koláče belohnt zu werden, aber zum Glück hat er sich auch so darauf eingelassen, mit mir zu üben. „Der Weg zwischen Haus und Stall klappt problemlos, zur Hofeinfahrt und auf die aktuelle Weide findet er auch. Er schafft das.“
Beim letzten Satz schnürt meine Kehle sich zu. Matĕj hat es mir heute Morgen noch fest versprochen, weiter zu üben und nicht aufzugeben, und klang dabei sogar ein Stück weit zuversichtlich.
„Das klingt doch super. Was hab ich dir gesagt; alles wird gut.“ Laurenz knufft mich in die Seite und haucht mir einen Kuss auf die Wange. Ich schlucke die Sehnsucht nach meinem Bruder hinunter und atme tief durch, als wir den Bahnhofsvorplatz betreten. Matĕj kommt zurecht, und ich darf hier meinen Weg gehen. Mit meinem Freund. Alles wird gut.
Anderthalb Wochen später scheinen die Tage bei meiner Familie schon wieder ewig weit weg.
Mein HiWi-Vertrag läuft nun auf zehn Wochenstunden, was für meine Finanzplanung natürlich gut ist. Zumal die Mietpreise zu Beginn des Wintersemesters noch einmal gestiegen sind, zumindest ist das mein Eindruck, wenn ich mit Laurenz zusammen die Wohnungsanzeigen durchgehe.
„Siebenhundertfünfzig Euro kalt für vierzig Quadratmeter? Die spinnen doch“, habe ich bei einer Anzeige gerufen. Zum Glück war Laurenz der gleichen Meinung.
„Es gibt halt immer Leute, die es sich leisten können“, meinte Cora, als ich ihr davon erzählte.
„Ja, aber doch keine Studierenden.“
„Die vielleicht nicht, aber wenn die Eltern genug Kohle haben …“
Womit wir wieder bei der Geschichte Beamtensohn und Bauerntochter wären. Aber auch mit seinem guten Promotionsgehalt will Laurenz keine exorbitanten Mieten zahlen.
Ich schiebe die Gedanken an die Wohnungssuche mit dem Bücherstapel zur Seite, den ich für meinen Dozenten bearbeitet habe. Wenn ich mich beeile, schaffe ich es noch, sie wieder in der Bibliothek abzugeben, ehe mein Seminar beginnt. Sicherheitshalber gehe ich die Scans der einzelnen Kapitel noch einmal durch. Alles sieht gut aus. Ich erstelle das Lektürepaket und speichere es auf dem Server.
„Der Reader ist fertig“, teile ich Dr. Fietkau zwei Minuten später mit. „Soll ich die Bücher direkt in die Bibliothek zurückbringen?“
Dr. Fietkau sieht von einem Dokument auf und schaut überrascht. „Das würden Sie tun?“
„Ich komme sowieso dort vorbei, das ist kein Problem.“
Er lächelt. „Vielen Dank, Frau Svobodová.“
„Gern.“
Ich verstaue die Bücher in einem Beutel, schnappe mir meine Unitasche und mache mich auf den Weg.
„Da bist du ja endlich. Ich dachte schon, du hättest es dir anders überlegt.“
Cora umarmt mich stürmisch, kaum dass ich mein Rad vor dem Gebäude angeschlossen habe. Noch fünf Minuten, bis unser Seminar beginnt.
„Natürlich nicht. Was hätte ich denn sonst machen sollen?“ Ich freue mich, in diesem Semester alle Kurse gemeinsam mit Cora zu haben, und zu sehen, wie sehr auch sie sich darüber freut, steigert meine Motivation noch mehr.
„Ich bin echt gespannt, wie es wird. Es gibt ja so Seminare, wo man froh ist, wenn sie vorbei sind. Also so etwas Langweiliges wie Methoden oder so. Und dann gibt es Seminare, die man auch das ganze Studium über haben könnte.“
Mir schwirrt der Kopf und ich versuche, Cora mit einer Geste in ihrem Redefluss zu bremsen. Zwar bin ich schon längst über den Punkt hinaus, mir das, was ich höre, noch zu übersetzen. Aber wenn Cora in einem Affenzahn drauflosplappert, bin ich trotzdem manchmal überfordert.
„Du weißt doch noch gar nicht, wie es genau wird“, sage ich und betrete hinter Cora den Flur im dritten Stock.
„Hallo? Seminar bei Frau Dr. Theiss? Das wird großartig!“
„Wow, Cora, so viel Begeisterung kenne ich bei dir sonst nur, wenn du von Escape schwärmst.“ Unsere Kommilitonin Marie grinst breit und begrüßt erst Cora, dann mich mit einer flüchtigen Umarmung.
Coras strahlende Miene fällt augenblicklich in sich zusammen. Kaum zu glauben, dass das immer noch ein wunder Punkt bei ihr ist. Wie lang ist der Ausstieg von diesem Johnny jetzt her?
„Danke. Bis eben hatte ich noch gute Laune“, grummelt Cora und lässt ihre Tasche auf den Boden fallen.
„O my god, was ist denn mit dir los? Sag bloß, du hast ne neue Lieblingsband.“
Cora klappt der Mund auf, ein wildes Flackern tritt in ihre Augen und für einen Moment fürchte ich, sie könnte auf Marie losgehen. Aber sie bleibt vor der Pinnwand mit den Modulübersichten stehen. „Hast du etwa nicht mitbekommen, was bei Escape los ist?“
Marie zuckt mit den Schultern. „Doch, klar. Johnny macht ne Pause. So what? Steht ihm doch zu.“
Cora seufzt kopfschüttelnd und wendet sich von Marie ab. „Vergiss es.“
Mit hochgezogenen Augenbrauen sieht Marie mich an. Ich winke ab, bemühe mich gleichzeitig um ein Lächeln. Marie hat nichts falsch gemacht, objektiv betrachtet, und auf Vernunftebene ist Cora das auch klar. Leider liegt die Vernunft gerade mal wieder verschüttet unter Emotionen. Bevor die Situation zum Drama eskalieren kann, kommt Frau Dr. Theiss um die Ecke und lässt uns in den Raum.
„Herzlich Willkommen. Ich freue mich, dass Sie sich so zahlreich auf Medieneinsatz und Medienwirkung einlassen wollen.“ Sie lässt ein wohlwollendes Lächeln durch die Reihen wandern, in dem tatsächlich alle Plätze besetzt sind.
Von der Seite beobachte ich Coras Mimik. Ihr Mundwinkel zuckt, wandert nach oben und wieder nach unten. Ob das in den nächsten neunzig Minuten noch ein Lächeln wird? Ihre Finger spielen mit einem Pin an ihrem Federmäppchen. Zwei grüne stilisierte Pfeilspitzen wippen auf und ab. Das Escape-Logo, natürlich. Der Kommentar von Marie wirkt noch nach.
„Ich bin sehr gespannt, was uns in den nächsten Monaten erwartet. Ja, schauen Sie nicht so überrascht. Natürlich werden wir gemeinsam ein paar Grundlagen erarbeiten, aber erwarten Sie bitte nicht, dass ich Ihnen im vorletzten Mastersemester alles vorbete. Dieses Seminar lebt besonders von dem, was Sie erarbeiten und einbringen.“
Kurz kehrt mein Bedauern zurück, dass ich nicht auch im letzten Semester Unterricht bei Frau Dr. Theiss hatte. Diese Kombination aus motivierender Begeisterung und gleichzeitiger Erwartung von Engagement habe ich nur bei wenigen meiner Dozentinnen und Dozenten erlebt. Aber es ist zwecklos, der Vergangenheit hinterherzutrauern. Im Hier und Jetzt wirft Frau Dr. Theiss den Seminarplan ans Whiteboard und geht nacheinander auf die einzelnen Wochenthemen ein. Die zweite Hälfte des Semesters ist laut Plan Referaten vorbehalten.
„Sie werden in Partnerarbeit ein Thema aus den ersten Wochen aufgreifen und anhand von aktuellen Beispielen besprechen. Dazu erwarte ich ein Referat, das Sie gemeinsam hier im Plenum halten, die Ausarbeitung erfolgt dann in der schriftlichen Hausarbeit. Vortrag und Hausarbeit fließen anteilig in Ihre Prüfungsleistung ein.“
Der Escape-Pin löst sich von Coras Federmäppchen und fällt leise klimpernd auf den Tisch.
„Vielleicht kannst du Johnnys Ausstieg ja medienwissenschaftlich aufarbeiten“, raune ich Cora zu und nehme ihr den Pin weg, weil sie hastig daran herumfummelt und ich Sorge habe, sie könnte sich an der Nadel verletzen.
Sie schießt so plötzlich zu mir herum, dass ich zusammenzucke und mir selbst die Nadelspitze in den Zeigefinger schiebe. Verdammt.
„Das ist genial!“
„Das freut mich sehr, Frau Liebknecht. Ich habe mir im Vorfeld viele Gedanken über die Seminarplanung gemacht. Es ist schön, wenn das auf Gegenliebe stößt.“
Ein paar Leute um uns herum kichern und Coras Wangen färben sich rosa.
„Ich … äh … das meinte ich nicht. Also, ja doch … auch, aber …“
Frau Dr. Theiss lächelt milde. „Ist schon in Ordnung. Ich nehme es nicht persönlich, dass ich nicht Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit habe.“
„Doch, haben Sie“, beteuert Cora. „Ich hatte schon direkt eine Idee für das Referat und die Hausarbeit.“
Ich ziehe die Pinnadel aus meinem Finger und schaue, ob Blut kommt. Aber es ist nur die oberste Hautschicht etwas lädiert.
Cora schenkt mir ein herausforderndes Lächeln. „Du bist doch meine Partnerin? Bitte, bitte, sag ja.“
Vorsichtig drücke ich die kleine Nadel in die Halterung und schiebe den Pin zurück über den Tisch. Der grüne Doppelpfeil mit dem winzigen Escape-Schriftzug wackelt zwischen Cora und mir hin und her.
„Ich ahne Schreckliches“, murmle ich.
„Keine Sorge, das wird gut.“ Cora kritzelt den Titel eines Hausarbeitsthemas auf ihren Collegeblock. Ich erfasse nicht alles direkt, aber ein Wort springt mir unweigerlich ins Auge. Escape. Ich wusste es!
Seufzend lasse ich die Schultern hängen, kann aber nicht anders, als Cora dabei anzugrinsen. „Na gut.“

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