Johnny
Zum dritten Mal laufe ich den Weidezaun ab, den ich mit Matĕj und Jiři eben neu gesteckt habe, und kontrolliere, ob jeder Pflock fest in der Erde sitzt. Diese Aktion ist völlig unnötig, schließlich war ich dabei, als Jiři die Pflöcke eingeschlagen hat. Einige habe ich sogar festgehalten und mit jedem Schlag gespürt, wie weit das Holz in die Erde drang. Alles steht fest, der Stromzaun ist gespannt. Es kribbelt und meine Nackenhaare stellen sich auf, als ich mit der Fingerkuppe gegen die Leitung tippe. Bescheuert. Das hätte ich auch anders testen können, und eigentlich auch nicht testen müssen. Egal. Hauptsache, ich muss Alena nicht begegnen.
Markéta hat mir bereits in meiner ersten Woche hier davon erzählt, dass ihre Tochter in Deutschland studiert, und ich weiß, dass sie oft telefonieren. Bislang war Alena trotzdem weit genug weg.
Aber jetzt ist sie hier.
Fünf Tage lang. Natürlich ist es ihr gutes Recht, ihre Familie zu besuchen, und wahrscheinlich ist sie auch nett und sympathisch und alles. In all der Zeit, die ich schon hier bin, habe ich Matĕj vorhin zum ersten Mal lachen gehört. Für ihn ist es gut, dass seine Schwester hier ist. Für mich bedeutet sie Gefahr. Ob sie mich eben erkannt hat? Trotz Bart und meinem inzwischen viel zu langen Haar, das mir der Wind auch jetzt wieder in die Augen weht?
Viel habe ich nicht gesagt, und sie auch nicht angeguckt. Nicht genug Eindrücke, als dass sie mich erkannt haben kann. Und wenn doch? Wenn sie Hardcore-Escape-Fan ist?
Wieder halte ich meinen Finger gegen den Elektrozaun. Diesmal etwas länger. Es knistert und prickelt. Ich schnappe nach Luft und lasse mich auf die Wiese fallen.
Das Gras streichelt meine Haut, kühlt und erdet mich.
Alena ist bestimmt kein Hardcore-Fan. Sie wirkte einfach offen. Und ich habe sie unwirsch abgewimmelt. Habe ihr nicht gezeigt, dass ich weiß, wie Höflichkeit funktioniert. Aber ich darf kein Risiko eingehen. Lieber soll sie mich für einen Griesgram oder meinetwegen ein Arschloch halten, anstatt dass sie mich erkennt und absichtlich oder versehentlich verrät, wo ich bin.
Um ein Grasbüschel balle ich die Hand zur Faust. Markéta hat in den höchsten Tönen von Alena gesprochen, und so, wie sie gerade Matĕj angesehen und unterstützt hat, scheint Alena nicht der Typ Mensch zu sein, der andere verrät. Ich will nichts Schlechtes von ihr denken. Ich kenne sie ja gar nicht. Ich habe mich ihr gegenüber absolut scheiße verhalten und sollte mich entschuldigen.
Doch ich bleibe wie angewachsen sitzen, rupfe das Grasbüschel aus und greife mit beiden Händen ein paar neue Halme. Diesmal erdet es mich nicht. Kalt schießt die Angst durch meine Venen, während gleichzeitig Schweiß meine Stirn herunterperlt.
Sie dürfen mich nicht finden. Er darf mich nicht finden.
Halt bloß die Klappe.
Versteck dich. Verstecken kann ich, es steckt tief in mir drin. Weglaufen ist schwieriger. Wohin sollte ich diesmal? Meine Finger zittern, ich lasse das Gras los und sinke in mich zusammen. Für noch eine Flucht fehlt mir die Kraft.
Nichts. Loser.
Er hatte recht. Ich kann nicht entkommen. Aber vielleicht kann ich das Unausweichliche wenigstens noch etwas hinauszögern? Und wenn es bedeutet, dass ich die Nacht im Stall oder auf der Weide verbringen muss. Es wäre nicht meine schlechteste Nacht.
Schlaf gut. Sein hämisches Grinsen schiebt sich in mein Blickfeld.
Hör auf. Lass mich in Ruhe.
Er lacht. Ich hör auf, wann ich es will.
Er wollte nicht aufhören. Will es noch nicht. Und ich sollte endlich der Wahrheit ins Gesicht sehen. Dass er stärker ist. Dass er mich immer kriegt.
Ich kauere mich auf der Wiese zusammen. Halte mich selbst umschlungen, damit ich nicht auseinanderfalle.
Eines der Schafe nähert sich mir grasend.
Leise reißende Geräusche dringen an mein Ohr, wenn es ein paar Halme aus der Erde rupft. Als es mich erreicht, hebt es leicht den Kopf. Schnuppert an meiner Hose, mein Bein hinauf bis zum Knie. Langsam strecke ich meine Hand aus. Das Schaf beschnuppert neugierig meine Finger. Sein warmer, feuchter Atem streift meine Haut. Es kitzelt. Sanft lehnt das Schaf seinen Kopf in meine geöffnete Hand und reibt ihn zärtlich vor und zurück.
Mit einem Mal fällt es mir schwer zu atmen. Es kribbelt in meiner Nase und mein Blick verschleiert, während es in meiner Brust zieht, als ob jemand versuchen würde, meine Lunge durch den Hals zu ziehen. Ich schiebe meine Hand tief in die Nackenwolle des Schafs, und es schiebt seinen Kopf in meine Armbeuge. Ich lasse den Tränen freien Lauf.
Wenn ich doch nur so sein könnte wie dieses Schaf. Schnuppern, vertrauen, ankuscheln, ruhig bleiben.
Ich traue mich nicht einmal zu schnuppern – nicht ohne …
Wie automatisch gleitet meine Hand in die Hosentasche zu dem Plastiktütchen, das ich am Wochenende von Natálie bekommen habe. Fünf Pillen habe ich ihr abgekauft. Eine habe ich direkt im Club geschluckt, die anderen bewegen sich nun zwischen meinen Fingern hin und her.
Ich kann stark sein. Ich kann alles erreichen. Ich brauche nur ein bisschen Starthilfe.
Das Schaf schaut mit treuen Augen zu, wie ich das Tütchen aus der Tasche ziehe und eine der hellgrünen Pillen herausnehme. Dann senkt es den Kopf und grast weiter, während die Enge in mir endlich leicht wird.
„Da bist du ja, hast du immer noch keinen Hunger?“
Markéta kommt mit einer Kühlbox aus dem Wirtschaftsgebäude, in dem sie die Käserei eingerichtet hat.
„Nein, alles gut.“ In den letzten zwei Stunden habe ich nicht einmal an Essen gedacht. Die Leichtigkeit und Sorglosigkeit haben mir völlig gereicht.
Markéta öffnet die Hecktür des Lieferwagens und stellt die Kühlbox hinein. „Du bist ja genügsam“, sagt sie lachend. „Aber beim Abendessen bist du dabei, oder?“
Am liebsten nicht. Aber ich kann meiner Gastfamilie nicht ewig ausweichen. Außerdem bin ich stark. Ich schaffe das. „Ja, klar. Dĕkuji!“
„Schön. Ich bringe noch rasch den Käse und neuen Saft in die Stadt. Aber in einer Stunde können wir essen.“
„Okay. Dann kümmere ich mich um die Schafe.“
„Das kann ich übernehmen.“
Plötzlich steht Alena neben uns, eine Palette mit Saftflaschen auf dem Arm. Sie lächelt mich an, so, als ob ich sie heute Nachmittag nicht unfreundlich behandelt hätte.
„Okay, wenn du willst.“
„Das will ich tatsächlich. Ich habe die Schafe richtig vermisst.“ Erst als sie spricht, geht mir auf, dass ich ihr gegenüber ins Deutsche gewechselt bin. Ihr Akzent ist weicher als der ihrer Mutter, wenn sie Deutsch spricht. Alena rollt das r und spricht das i länger aus. Es klingt schön.
Rasch drehe ich mich noch ein Stück weg, nur zur Sicherheit. „Dann lass dich nicht aufhalten.“
Markéta schließt die Autotür. „Bis gleich.“ Sie winkt uns zu und startet kurz darauf den Motor.
Ich wende mich Richtung Haustür. „Ich bin dann mal drinnen. Kommst du klar?“ Bitte sag ja.
Alena lacht. „Natürlich.“ Es klingt wie naturlich.
„Cool.“ Ohne mich noch einmal umzusehen, gehe ich auf das Haus zu, streife die Schuhe ab und trete ein. Mit jeder Stufe, die ich nach oben in meine Dachkammer nehme, wird mein Grinsen breiter und meine Schultern straffen sich.
Ich habe es geschafft. Ich bin stark.
Und Alena hat mich nicht erkannt. Ganz sicher nicht.
Ich streife meine Arbeitsklamotten ab und steige in die Dusche in dem winzigen Bad. Mit dem Schweiß und Dreck spült das Wasser auch meine Angst in den Abguss. Er hat mich nicht gefunden. Nicht heute. Ich habe noch Zeit. Ich bin stark.
Das Handtuch um die Hüften gewickelt, lasse ich mich auf mein Bett fallen und greife nach meinem Handy. Die Notizapp ist inzwischen wie ein Tagebuch. Wenn ich etwas genommen habe, bleibt der Schmerz beim Schreiben aus.
Schafe sind großartige Tiere.
Habt ihr schonmal eure Hand ganz tief in der Wolle vergraben?
So ein geiles Gefühl.
Sind nicht alle aus der Herde so verkuschelt. Aber ich kann mir nicht merken, welche es sind. Sie haben keine Namen.
Hab den halben Nachmittag auf der Weide gesessen und Schafen beim Grasen zugeguckt. Richtig beruhigend.
Bei euch ist wahrscheinlich nix mit Ruhe.
Tourstart.
Wünsche euch ne geile Tour.
Hoffe ihr habt Spaß.
Wie von selbst greift meine linke Hand die Töne auf einem unsichtbaren Bass-Hals. Mein Hirn addiert Schlagzeug und Gitarre. Schließlich Freddys Gesang. Run, run, run until you fly.
Ich zwinge meine Finger, stillzuhalten. Ich bin gerannt. Und bin jetzt hier. Ich bin gerannt, und irgendwie werde ich es auch schaffen zu fliegen. Ich kann das. Ich bin stark.
Die Tochter der Familie ist zu Besuch.
Sie studiert in Deutschland.
So typisch, oder?
Aber sie weiß nicht, wer ich bin.
Ich lern das auch noch. Das loslassen.
I’ll run until I fly.

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