Alena
Jetzt fahr schon, feuere ich den Zug gedanklich an. Schon fünf Minuten länger als vorgesehen steht der Regionalexpress kurz vorm Nürnberger Hauptbahnhof. Keine Seltenheit, wie ich von Cora weiß, aber heute zerrt die Verspätung an meinen Nerven. Als die neongelbe Digitalanzeige eine neue Minute verkündet, bin ich drauf und dran, auszusteigen und den Zug anzuschieben. Ich weiß, wie albern das ist. Aber nichts tun zu können außer zu warten, treibt mich noch in den Wahnsinn.
Ich will doch einfach nur nach Hause.
Dreizehn Wochen habe ich meine Familie nicht mehr gesehen. Ein paar Minuten scheinen ein Witz dagegen zu sein, und doch schmerzt jede bewegungslos verstrichene Sekunde mehr als jeder der vergangenen Tage.
„Sehr geehrte Fahrgäste, auf Grund der Belegung unseres Gleises wird sich unsere Weiterfahrt noch um wenige Minuten verzögern.“
Ich bin nicht die Einzige, die bei der Durchsage stöhnend in sich zusammensinkt. Wie einige andere Fahrgäste um mich herum, zücke auch ich mein Handy, um meine Verbindung zu checken. Dabei ist es unnötig. Ich weiß, dass ich später in Schwandorf nur neun Minuten Umstiegszeit habe. Fünf davon sind bereits vorbei. Von einer pünktlichen Ankunft zum Mittagessen kann ich mich also getrost verabschieden.
Zur Ablenkung scrolle ich durch meine Chats, lese noch einmal die letzten Nachrichten.
Coras begeisterter Ausruf WAAAAAHHHH! ICH BIN DRIN! Hat es bei dir auch geklappt?
Ich habe mit einem Daumen hoch reagiert. Wir haben beide einen Platz im Seminar von unserer Lieblingsdozentin bekommen. Unsere Freude, oder besser, Coras Ausraster deswegen, haben wir bis spät in die Nacht noch per Videocall geteilt.
Ich wechsle in den nächsten Chat. Die jüngste Nachricht ist gerade eine Dreiviertelstunde alt.
Gute Fahrt. Viel Spaß zu Hause. Mach dir keine Sorgen wegen der Wohnung, wir finden etwas Passendes.
Wie schon nach Eingang der Nachricht schwebt mein Finger auch jetzt suchend über der Tastatur. Wir haben uns gegen die Wohnung in der Ratiborer Straße entschieden. Laurenz war zuerst enttäuscht, doch hat sich dann verständnisvoll gezeigt, dass ich erst sicher wissen will, ob ich meine Hiwi-Stelle aufstocken kann. In den nächsten Tagen bekomme ich Bescheid. Wenn es nicht klappt, muss ich mir wegen der Einrichtung der Wohnung keine Sorgen machen, hat Laurenz mir versichert. Tu ich aber. Weil ich nicht will, dass er sämtliche Kosten allein trägt – oder schlimmer noch, seine Eltern.
Danke. Wenn ich wieder da bin, schauen wir gemeinsam weiter.
Auf sein Viel Spaß gehe ich nicht ein, denn die Wahrheit ist; ich bin nervös wie nie. Meine Venen scheinen von Bienenschwärmen besiedelt. Ein einziges Summen und Vibrieren erfüllt meinen Körper, wenn ich versuche, mir die erste Begegnung mit Matĕj vorzustellen.
Ist es richtig, von einem Wiedersehen zu sprechen, wenn er mich nicht sehen kann? Vielleicht schließt er sich auch wieder in seinem Zimmer ein. Auf meine Anrufe und Nachrichten hat er bis heute nicht reagiert.
Es kneift in meiner Brust bei dem Gedanken, Matĕj könnte mir aus dem Weg gehen wollen. Dabei könnte ich es ihm nicht einmal verübeln. Egal, was Cora sagt, ich fühle mich trotzdem schuldig an dem Unfall. Wenn ich nicht insistiert hätte, dass er sich mit Tamaš trifft …
Ein Ruck geht durch den Zug und ein kollektives Seufzen der Erleichterung wabert durch den Wagen, während wir endlich im Nürnberger Bahnhof einrollen. Ich schnappe mir meinen Koffer und schlucke energisch die Nervosität herunter. Wird schon!
Am späten Mittag steige ich endlich in Malesice aus dem Bus.
Der erdige Geruch der umliegenden, abgeernteten Felder steigt mir in die Nase, mischt sich mit dem etwas moderigen Mief des Gebäudes am Straßenrand. Gegenüber hängt das Banner, das umfassende Kanalbauten ankündigt. Ich muss unweigerlich grinsen. Das Banner hängt nun schon ein halbes Jahr, passiert ist bislang noch nichts. Zumindest nichts Sichtbares. Auf irgendeine Art ist hier also noch alles beim Alten.
Ich nehme meinen Koffer und ziehe ihn hinter mir her, den alten Bürgersteig entlang, Richtung Hof. Hin und wieder begegne ich jemandem, aber es ist nie jemand dabei, den ich näher kenne. Also beschränke ich mich beim Grüßen auf ein kurzes Ahoj.
Je näher ich meinem Zuhause komme und je unebener die Straße wird, desto unruhiger wird auch mein Atem. Ich will meine Familie endlich wieder in die Arme schließen. Gleichzeitig wäre es mir auf einmal lieber, den Moment noch herauszögern zu können. Weil es vermutlich so aussieht wie immer. Und weil doch alles anders ist.
Wenn es doch nur ein Zeichen gäbe, das mir sagt, was ich tun soll. Aber natürlich verdunkelt sich nicht plötzlich der Himmel, es erschallt keine Stimme aus den Wolken. Es läuft noch nicht einmal eine schwarze Katze über die Straße. Und selbst wenn, ich bin nicht abergläubisch, wahrscheinlich wüsste ich die Zeichen ohnehin nicht zu deuten.
Noch während ich mit meinen Pseudoorakelgedanken beschäftigt bin, erreiche ich unseren Hof. Das Holztor strahlt mir hell entgegen, vom Stall weht ein vertrauter Geruch herüber. Wollfett, Stroh und Mist.
Mit einem Mal steckt ein dicker Kloß in meiner Kehle und Tränen schießen mir in die Augen. Und so stehe ich vorm Tor und heule, als meine Mutter aus dem Haus kommt.
„Alena!“
Sie stürzt auf mich zu und wenige Sekunden später liege ich in ihren Armen. „Was ist los, mein Schatz? Ist etwas passiert?“
„Ich … ihr …“, schniefe ich und drücke mein Gesicht eng an sie.
„Ist schon gut, meine Kleine. Du bist zu Hause“, sagt Mama und streichelt mir sanft über den Rücken, wobei sie mich in den unverwechselbaren Stallgeruch einhüllt, der nur wieder neue Tränen in mir aufsteigen lässt. Ich habe das alles so vermisst.
„Es ist so schön, wieder hier zu sein“, bringe ich schließlich hervor und löse langsam die Umarmung, nachdem ich meine Mutter noch einmal fest an mich gedrückt habe.
Mama lächelt, auch in ihren Augenwinkeln glitzern Tränen. „Und ich bin so froh, dass du endlich hier bist. Komm, es gibt Koláče zur Feier des Tages.“
Arm in Arm überqueren wir den Hof. Als ich die Schuhe auf der Fußmatte abstreife, fällt ein Schatten auf meine Füße. Ein Schatten, dessen Form mir so vertraut ist. Langsam drehe ich mich um und da steht er. Matĕj. Mein Bruder. Den rechten Arm suchend ausgestreckt, in der linken eine Rolle Draht. In seinem Gesicht sind noch vereinzelte blassrosa Striemen zu erkennen, ansonsten sieht er fast aus wie vor dem Unfall. Wenn da nicht seine Augen wären, die über Mama und mich hinweg in die obere Ecke der Tür zu blicken scheinen.
Meine Tränen, eben noch endlich versiegt, fangen wieder an zu laufen. Es ist unfair. Ich weiß, dass Mitleid Matĕj nicht hilft. Trotzdem tut es weh, ihn so zu sehen. Und gleichzeitig überflutet mich eine Welle der Erleichterung, weil er hier ist und sich nicht in seinem Zimmer eingeschlossen hat. Weil er offenbar wieder mitarbeitet.
„Mama? Ist Alena eigentlich schon da?“
Ich mache einen Schritt auf ihn zu und schließe ihn zum ersten Mal seit einem halben Jahr wieder in meine Arme. Ein Zittern lässt seinen Körper erbeben, dann umarmt auch er mich.
„Schwesterherz.“
Ein Wort. Genauso vertraut wie seine Hände auf meinem Rücken, seine warme Stimme. Er spricht es aus, als ob nichts gewesen wäre und Wut wallt in mir auf.
Ich löse mich aus der Umarmung, boxe ihn gegen den Oberarm. „Du Blödmann. Warum hast du nie geantwortet? Ich hab mir Sorgen gemacht. Ich. Wollte. Einfach. Nur. Wissen. Wie. Es. Dir. Geht.“ Bei jedem Wort boxe ich ihn ein weiteres Mal gegen den Arm. Matĕj lässt es geschehen. Meine Wut verraucht, nachdem ich ihr endlich einmal Luft gemacht habe.
Matĕj senkt den Kopf. „Ich weiß. Es tut mir leid. Ich kann noch nicht gut auf dem Handy navigieren.“
„Du hättest Mama oder Papa fragen können, ob sie für dich meine Nummer wählen.“
„Ich weiß.“ Seine Schultern sinken nach unten. Er seufzt. „Ich wollte nicht … ich konnte nicht … Ach, Scheiße.“ Er stampft auf. „Es kotzt mich einfach an, dass ich nicht mehr der große starke Bruder für dich sein kann, der dich beschützt.“
Mein Schnauben ist so deutlich, dass Matĕj mit Sicherheit daran erkennt, wie weit ich mit den Augen rolle. „Das ist doch Bullshit. Erstens bin ich schon groß, zweitens hast du mich noch nie beschützen müssen, und drittens …“ Ich lege meine Hand auf seinen Oberarm und taste die definierten Muskeln ab, „… bist du immer noch mein großer, starker Bruder.“
„Der gerade mal den Weg zwischen Haus und Stall findet und den Hof nicht mehr führen kann“, erwidert er und dreht sich ein Stück von mir weg.
Verdammt, es ist schlimmer als ich befürchtet habe. Es sticht in mein Herz und im ersten Moment will ich Matĕj wieder an mich ziehen und ihn trösten. Ich habe schon einen Arm halb ausgestreckt, da wird mir klar, dass es genau das Falsche ist. Matĕj braucht mein Mitleid nicht, sein Selbstmitleid ist mehr als ausreichend. Er braucht herausfordernde Provokation. Und wer ist dafür besser geeignet als die kleine Schwester?
Durch die geöffnete Haustür, hinter der Mama schon vor einigen Minuten verschwunden ist, dringt der Geruch von Koláče. Während mir das Wasser im Mund zusammenläuft, kommt mir eine Idee.
„Wetten, dass?“
Ehe Matĕj etwas erwidern kann, laufe ich in die Küche, wo Mama den Tisch gedeckt hat. Die Koláče mit Apfel- und Mohnfüllung leuchten mir goldgelb entgegen und ich muss mich sehr zusammenreißen, nicht sofort einen der Kuchen zwischen die Zähne zu stecken. Stattdessen lege ich sechs Koláče auf einen Teller, je drei von jeder Sorte und wende mich wieder zur Küchentür um.
„Wohin willst du denn mit dem Kuchen? Ich dachte, wir trinken alle gemeinsam Kaffee?“ Der Blick meiner Mutter mäandert zwischen Erstaunen und Entsetzen.
„Motivationsmaßnahme für Matĕj“, raune ich ihr konspirativ zu. „Versteck den Rest, wenn es sein muss. Er soll sich die Mohnkoláče erarbeiten. Wir sind im Baumhaus.“
Mama lässt beinahe die Milchpackung fallen, die sie eben aus dem Kühlschrank geholt hat. „Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?“
Todsicher. Für Koláče mit Mohnfüllung würde Matĕj töten. So wie ich für die mit Apfelfüllung. Mit dem Kuchen werde ich ihn bis ans Ende der Welt locken können. Aber für heute reicht das Baumhaus. Den Teller wie eine Trophäe vor mir hertragend gehe ich in den Flur, wo Matĕj sich gerade die Schuhe von den Füßen streift.
„Die kannst du anlassen. Wir essen draußen.“
„Was? Wo?“
„Im Baumhaus.“ Ich öffne die Tür.
Matĕj schnaubt verächtlich. „Als ob.“
Ich halte ihm den Kuchenteller unter die Nase. Seine Hand zuckt, aber genau damit habe ich gerechnet. Ich ziehe den Teller weg. „Als ob. Komm mit oder ich esse die Koláče allein.“
„Das wagst du nicht.“
Matĕjs Stimme zittert. Ich weiß, ich habe ihn an der Angel. Wenn es um unseren Lieblingskuchen geht, gönnen wir uns nichts.
„Ich würde mich an deiner Stelle nicht darauf verlassen.“ Mit zwei schnellen Schritten bin ich aus der Tür. Das Baumhaus ist nicht weit weg, und ist streng genommen auch kein richtiges Baumhaus, sondern vielmehr eine Plattform, die um den Stamm der alten Buche gebaut ist, die hinter unserer Hofeinfahrt wächst. Früher haben Matĕj und ich oft dort gesessen, Picknick gemacht und das Geschehen auf dem Hof beobachtet. Hin und wieder haben wir im Sommer sogar dort oben übernachtet. Es wäre gelacht, wenn mein Bruder den Weg dorthin nicht mehr finden würde.
Ich überquere den Hof, klettere die Holzleiter hinauf und schiebe den Teller in die Mitte der Plattform. Matĕj kommt aus dem Haus und sieht etwas verloren aus, wie er dasteht und den Kopf hin und her wendet. Ich beiße mir auf die Lippe. Bin ich zu weit gegangen? Überfordere ich ihn? Würde ich mich zurechtfinden, wenn ich nicht mehr sehen könnte?
Einmal im Sportunterricht sollten wir mit einem Partner kreuz und quer durch die Halle laufen, einer mit geschlossenen Augen, der andere sollte den Weg weisen. Meine Freundin hat damals gut aufgepasst und mich geführt, sodass ich mit niemandem zusammenstieß. Aber schon nach kurzer Zeit hatte ich komplett die Orientierung verloren und war sehr überrascht, als ich am Ende der Übung neben dem Mattenwagen stand, obwohl ich sicher war, mich nahe der Tür zu befinden. Wahrscheinlich geht es Matĕj genauso. Nur dass es keine verdammte Übung ist, sondern sein Leben.
„Komm schon“, rufe ich ihm zu, bevor mich das Mitleid übermannen kann.
Tatsächlich, Matĕj setzt sich in Bewegung. Mit vorsichtigen Schritten steuert er nach rechts. Die Richtung stimmt.
„Sehr gut!“
Die Hälfte des Platzes zwischen Haus und Hoftor bringt er gut hinter sich, doch dann knickt er zu weit nach rechts ab. Mist, wenn er die Route beibehält, läuft er genau vor den Pfosten des Carports.
„Zwei Schritte nach links“, rufe ich und Matĕj korrigiert seinen Kurs. Er spreizt die Arme ein Stück vom Körper weg, tastet in der Luft, bleibt stehen, als sein Fuß die Wiese betritt.
„Gleich geschafft“, sage ich.
Seine Schritte werden noch vorsichtiger, als er nach meinem Dirigat über die Wiese seinen Weg sucht, aber schließlich ertastet seine Hand die Leiter. Er greift nach einer Sprosse auf Schulterhöhe und tastet sich mit dem Fuß vorwärts. Die ersten drei Sprossen nimmt er zögerlich, dann wird er sicherer.
„Da bist du ja“, sage ich lachend, nehme seine Hand und ziehe ihn über die Kante zu mir.
„Du bist unmöglich“, knurrt er. Doch seine Lippen umspielt ein stolzes Lächeln.
„Aber du bist gekommen“, erwidere ich und drücke ihm ein Stück Kuchen in die Hand.
Matĕj verputzt es innerhalb von Sekunden. „Gibt’s noch mehr?“
„Hmmm“, sage ich.
„Komm schon, du willst mir nicht erzählen, dass du mich für eine lumpige Mohnkoláče über den Hof gelotst hast.“ Matĕj fährt mit der Hand suchend über die Holzplanken. Ich schiebe den Teller ein Stück außer seiner Reichweite. Prompt hält mein Bruder inne.
„Das hab ich gehört. Gib her.“
„Hol’s dir.“
„Na warte.“ Ohne Vorwarnung stürzt Matĕj sich auf mich. Ich verliere das Gleichgewicht und falle rückwärts auf die Plattform. Der Teller wackelt unter dem Druck meiner Schulter. Matĕj liegt halb auf mir, hält mich mit einer Hand fest, mit der anderen angelt er nach dem Kuchen. Ich versuche, mich zu befreien, aber ich habe keine Chance. Großer, starker Bruder halt. Schließlich hat Matĕj bei seiner Suche Erfolg und beißt genüsslich in eine Koláče mit Apfelfüllung. So ein Penner. Und dann krümelt er mir dabei auch noch in den Ausschnitt.
„Kleine Schwestern sind echt die Pest“, murmelt er und lässt mich endlich los.
Sofort richte ich mich auf und klopfe mir die Krümel vom Pullover. „Und große Brüder erst.“
Schweigend essen wir den übrigen Kuchen, Seite an Seite an den Stamm gelehnt, die Beine angewinkelt. Für diesen Moment ist alles wieder so wie früher.
„Hallo, alles gut da oben?“
Ich beuge mich über den Rand der Plattform und schaue in das sonnengebräunte Gesicht meines Vaters.
„Koláče-Nachschub wäre prima“, ruft Matĕj.
„Den kannst du dir selbst holen“, erwidert Papa. „Zuerst will ich meine Tochter begrüßen.“
Ich schnappe mir den leeren Teller und klettere die Leiter bis zur Hälfte hinunter. Dann helfe ich Matĕj, die erste Sprosse zu finden. Sobald er sicher steht, klettere ich weiter. Unten falle ich Papa um den Hals.
„Schön, dass du da bist“, murmelt er. Ich bin mir sicher, er meint auch noch etwas anderes. Aber Papa ist nicht so gut mit Worten. Wir verstehen uns trotzdem.
Matĕj kommt neben mir an. „Jetzt wäre ich bereit für eine Tasse Kaffee.“
„Gut, dann zeig mal, dass du den Rückweg genauso gut schaffst“, sage ich und laufe los.
Erst jetzt sehe ich, dass nur wenige Meter neben der Einfahrt noch jemand steht.
Ein Typ in Arbeitsklamotten mit Grasflecken, Dreitagebart und dunkelblondem Haar, dessen Schnitt etwas aus der Form geraten scheint. Er hantiert mit einer Zigarette und Feuerzeug.
„Du musst Jo sein“, sage ich auf Deutsch.
Er zuckt zusammen, das Feuerzeug fällt klappernd zu Boden. „Ja.“
„Hi, Alena.“ Ich strecke ihm die Hand entgegen, doch anstatt sie zu ergreifen, bückt er sich und sammelt das Feuerzeug wieder auf.
„Freut mich“, murmelt er dann, ohne mich anzusehen.
Als ob, schießt es mir durch den Kopf. Habe ich ihm etwas getan?
Papa und Matĕj kommen an uns vorbei.
„Jo, kommst du mit rein? Es gibt Kaffee und Kuchen.“ Matĕj lächelt in die ungefähre Richtung, in der Jo steht. Aber der zuckt nur die Schultern und zündet sich seine Zigarette an.
„Danke, ich habe keinen Hunger.“
Bilde ich es mir ein, oder weicht er tatsächlich ein Stück vor uns zurück? Mein Vater und Matĕj nehmen es allerdings ohne Kommentar hin. Ich würde die Einladung zum Kaffee gern wiederholen, doch da dreht Jo sich um und schlendert rauchend die Einfahrt hinunter. Komischer Typ.

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