Johnny
Meine Augen sind noch halb geschlossen, als ich mich an den Küchentisch setze und von Markéta einen vollen Kaffeebecher entgegennehme. Ich verzichte auf die Milch. Es hilft. Der starke Kaffee macht mich innerhalb von Minuten wach. Die Bilder der Nacht vertreibt er jedoch nicht.
Stöhnend stütze ich den Kopf in die eine Hand und greife mit der anderen nach einer Scheibe Brot, die ich mit einer Scheibe Schinken belege.
„Keine Butter?“ Jiři schiebt mir den Butterteller hin, während er in sein dick belegtes Brot beißt.
„Hm.“ Ich werfe einen unschlüssigen Blick auf die Butter, entscheide dann aber, dass es heute ohne gehen muss. Ich brauche meine zweite Hand für meinen Kopf.
„Geht es dir nicht gut, Jo?“, fragt Markéta besorgt.
Verdammter Hurensohn. Sein Ruf hallt auch noch zwei Stunden, nachdem ich aus dem Alptraum erwacht bin, nach. Einschlafen konnte ich nicht mehr, egal wie fest ich die Augen zusammengekniffen und Atemtechniken probiert habe. Du entkommst mir nicht. Ich hasse, dass er recht hat.
„Nur schlecht geschlafen“, murmle ich auf Englisch.
„Dobré ráno.“
Jetzt hebe ich doch den Kopf. Ebenso wie Markéta und Jiři, die verblüfft zu Matĕj aufschauen, der unvermittelt in der Küche steht. Seine Hand tastet nach der Küchenbank, dann setzt er sich. Ein strahlendes Lächeln breitet sich auf Markétas Gesicht aus und sie erwidert den Morgengruß enthusiastischer als sonst. Was sie noch hinzufügt, verstehe ich nicht, aber als auch Matĕj leicht lächelt, ahne ich, dass es ein Lob gewesen sein muss. Obwohl Matĕj sich seit ein paar Tagen viel sicherer durchs Haus bewegt, ist es ihm heute zum ersten Mal gelungen, nicht irgendwo gegenzustoßen. Er sagt etwas, seine Eltern antworten, zu mir dringen nur ein paar Wortfetzen vor. Heute. Schafe. Saft.
Erst als Markéta mich direkt anspricht, höre ich wieder genauer hin.
„Wir brauchen heute deine Hilfe im Stall.“ Wenn ich vorbereitet bin, verstehe ich diesen Satz inzwischen problemlos auf Tschechisch.
„Klar. Was macht ihr?“
„Wir müssen den Schafen die Klauen schneiden.“ Zum Glück erklärt Markéta das auf Englisch, die zweite Satzhälfte hätte ich im Leben nicht verstanden. Trotzdem kann ich nicht viel damit anfangen. Man muss Schafen die Klauen schneiden? Der letzte Bissen Brot rutscht mir in die Kehle, ehe ich gekaut habe. Rasch spüle ich mit Kaffee nach.
„Wie geht das?“ Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Schafe zur Pediküre brav ihre Hufe heben.
Markéta scheint meine Unsicherheit zu hören. „Es ist nicht schwer. Ich zeige es dir.“
„Ich helfe euch“, setzt Matĕj hinzu.
„Sicher?“, fragt Markéta zweifelnd.
Matĕj erwidert etwas auf Tschechisch, was mir zu schnell geht. Ich verstehe nur Abend und wieder Saft. Kein Plan, was das miteinander zu tun hat.
„Ich kann immerhin Schafe festhalten“, sagt er dann auf Englisch.
Zwanzig Minuten später stehe ich neben Markéta und Matĕj umringt von Schafen im Stall.
Markéta hält etwas in den Händen, was ein bisschen aussieht wie eine Rosenschere, allerdings mit gerader Klinge. Damit will sie den Schafen an die Füße? Und ich soll ihr helfen? Dreißig Schafe mal vier Füße. Hundertzwanzig Klauen. Vielleicht war es das, was Matĕj vorhin meinte. Diese Aktion wird bis heute Abend dauern.
Ehe ich protestieren kann, greift Markéta einem Schaf in den Nacken und zieht es mit sich in die freie Box neben uns. Dort steht bereits ein Schemel bereit, auf dem sie sich niederlässt, und mit einem Ruck auch das Schaf in eine sitzende Position befördert. Das Tier blökt laut und windet sich nach allen Richtungen, aber Markéta klemmt den Körper zwischen ihre Beine, schnappt sich einen der Vorderläufe und hält ihn fest.
Eiskalt läuft es mir über den Rücken. Mein Inneres zieht sich zusammen, als ob ich es wäre, der dort eingeklemmt ist. Stillhalten. Sonst wird es nur schlimmer.
Noch ein paar Mal wendet das Schaf den Kopf hin und her, dann ergibt es sich in sein Schicksal. Markéta winkt mich zu sich und erklärt, was zu tun ist. Sie schneidet ein Stück der Klaue ab, bis eine weiße Linie zu erkennen ist. Dann fährt sie mit der Scherenspitze durch den Spalt zwischen den Hufen und schiebt den Dreck raus.
„Tut ihnen das nicht weh?“
Markéta schüttelt den Kopf. „Sie mögen es nicht, wenn man sie festhält. Aber das Schneiden ist so wie bei uns das Nägelschneiden.“
Rasch hat sie auch den zweiten Vorderlauf des Tiers bearbeitet, mit den Hinterläufen verfährt sie genauso. Dabei macht sie immer eine kurze Pause, zeigt mir, bis wohin sie schneidet.
„Siehst du?“
„Ja.“
Schließlich lässt sie das Schaf los, das sich sofort aufrappelt und zur Boxentür läuft. Dort nimmt Matĕj es in Empfang und lässt es zurück zu den anderen Schafen. Gleich darauf schiebt er das nächste Tier in die Box und die Prozedur beginnt von vorn. Beim nächsten Schaf hält Markéta mir nach dem ersten Vorderlauf die Schere hin.
„Willst du es versuchen?“
Eigentlich nicht. Auch dieses Schaf ist alles andere als begeistert und versucht immer wieder sich zu befreien. Was, wenn ich abrutsche und dem Schaf die Schere in den Bauch oder sonst wohin ramme?
Zögernd nehme ich die Schere von Markéta entgegen. Sie hält das Bein des Schafs fest und nickt mir aufmunternd zu. Schön, dass sie so viel Vertrauen in mich hat. Mein Herz pumpt so stark in meiner Brust, dass eigentlich der Stall dröhnen müsste. Im Gegensatz zu dem Schaf hält mich niemand fest, ich könnte fliehen. Stattdessen gehe ich langsam vor dem Tier in die Knie und hebe die Schere an den Huf.
„Sieht gut aus“, sagt Markéta.
Vorsichtig öffne ich die Schere, schließe sie wieder – nichts passiert.
„Etwas kräftiger.“
Ich drücke die Schneideblätter fester zusammen und ein Teil der Klaue löst sich und fällt schließlich ins Stroh.
„Dobré“, lobt Markéta. „Ein bisschen mehr geht noch.“
Erneut setze ich die Schere an.
Mir steht der Schweiß auf der Stirn und mein T-Shirt klebt am Rücken, als ich die übrigen Hufe geschnitten und gesäubert habe und Matĕj das Tier in die Freiheit entlässt. Keuchend reiche ich Markéta die Schere, aber die Bäuerin schüttelt den Kopf.
„Das nächste machst du allein.“
„Was?“ Ich, allein mit Schaf und Schere? Was, wenn es tritt und ich statt der Klaue gleich das Bein amputiere? Füttern, okay, Stall ausmisten, alles super. Aber ich werde die Schafe nicht so festhalten können.
„Keine Sorge. Ich halte fest, du schneidest“, sagt Markéta.
Mir bleibt keine andere Wahl, denn Matĕj schiebt schon das nächste Schaf in die Box.
Mit routiniertem Griff hat Markéta es gepackt, auf den Hintern gesetzt und zwischen ihre Beine geklemmt.
Es dauert gefühlt eine Stunde, bis ich den richtigen Winkel finde und das erste Stück ins Stroh fällt. Wenn das so weitergeht, sind wir noch bis Weihnachten beschäftigt. Doch Markéta stresst mich nicht. Auch das nächste Schaf lässt sie mich allein bearbeiten.
„Super“, sagt sie, als das Tier blökend in der Herde Deckung sucht. „Du machst das gut.“
Skeptisch sehe ich sie an. Mein T-Shirt kann man inzwischen auswringen und ich frage mich, ob diese Aktion für die Schafe oder für mich stressiger ist. Tausend Meter Kabel ohne Knoten aufzurollen, ist ein Witz dagegen.
„Wirklich.“ Markéta reicht mir eine Klauenschere. „Jetzt arbeiten wir parallel. Du mit Matĕj zusammen, ich allein.“
Ohne einen Protest abzuwarten, ziehen die beiden die nächsten zwei Schafe in die Box und stellen mich vor vollendete Tatsachen, oder besser vors Schaf.
Lautes empörtes Blöken setzt ein, als Matĕj sein Schaf vor sich im Stroh platziert, doch es wird ruhig, sobald er seine Hände in der Wolle vergräbt und das Tier krault.
„Psst“, flüstert er ihm ins Ohr.
Ich greife den Hinterlauf des Schaf. Es will das Bein wegziehen, ich muss fester zupacken, und jetzt möglichst schnell schneiden. Ich atme tief durch, dann setze ich an.
In der Zeit, in der ich dieses eine Schaf bearbeite, wird Markéta mit zweien fertig. Aber immerhin gibt es am Ende keine Toten und das Schaf hat auch noch alle vier Beine. Matĕj tastet die Ränder der Klauen ab.
„Fühlt sich gut an“, sagt er. „Ich hole das nächste.“
Blöken, zupacken, festhalten, gut zureden, schneiden. Wieder und wieder. Auf Matĕjs Gesicht liegt ein Lächeln, das mit jedem Schaf, das wir aus der Box entlassen, breiter wird.
Am Ende habe ich acht Schafen erfolgreich die Hufe geschnitten. Markéta dem großen Rest der Herde. Matĕj streckt die Hand zum High-Five aus, ich schlage ein. Er lacht und zieht mich in eine Umarmung.
Good show, man!
Es durchfährt mich eiskalt. Matĕj sagt nichts, doch sein Lachen, seine Geste erinnern mich an Freddy. So, wie wir nach einem Gig einschlagen.
Vier Wochen. Vier Wochen seit ich kein Teil mehr von Escape bin. Vier Wochen, in denen ich nicht Bass gespielt habe. Kein Bühnenaufbau, kein Abbau, keine Diskussion, weil irgendeine Bedingung vom Technical Rider nicht erfüllt wurde. Kein Interview, kein Gig. Regungslos stehe ich zwischen den Schafen, die um uns herumwuseln und die Pediküre wohl schon wieder vergessen haben. Der Stolz, der mich eben noch erfüllt hat, ist wie weggeblasen. Da ist nur noch Schmerz.
Mit einem Ruck drehe ich mich um. Laufe aus dem Stall. Ins Haus, hoch in meine Dachkammer, werfe mich aufs Bett. Mein lautes Atmen mischt sich mit dem Dröhnen meines Pulses. Ich taste nach dem Handy auf der Fensterbank. Öffne die Notiz-App.
Escape fehlt mir.
Ihr fehlt mir.
Fuck, wenn ihr wüsstet, wie weh das tut.
Hab gerade Schafen die Klauen geschnitten. Könnt ihr euch das vorstellen?
Für die Leute hier bin ich Jo.
Johnny kennt hier niemand.
Ich sollte ihn auch vergessen.
Ich beiße die Zähne zusammen, bis mein Kiefer schmerzt. Starre auf den letzten Satz. Ich habe nicht nachgedacht beim Schreiben. Aber je länger ich ihn ansehe, desto klarer wird mir, dass es stimmt. Ich muss Johnny vergessen.
Es ist schon dunkel, als ich am Club ankomme.
Wie üblich ist die Musik zu laut und dröhnt von den Wänden wieder. Die Bässe bringen mein Zwerchfell zum Schwingen. Es ist schwer, dagegen anzuatmen. Die abgestandene, heiße Luft zwischen den tanzenden Körpern tut ihr Übriges. Enge. Schweiß. Cocktails. Schultern rempeln mich an, Lippen formen ein stummes Sorry, während mein Blick über die Menge wandert. Vielleicht liegt es auch an meiner Suche, dass ich kaum Luft bekomme. Meine Kehle ist eng und trocken.
Da! An der Cocktailbar sehe ich einen hellblonden Schopf, die Haare aufwändig geflochten. Ich schiebe mich zwischen den Tanzenden durch den Raum. Natálie sitzt am Tresen, ein Glas mit einem hellroten Getränk in den Händen. Sie stößt mit einem Mädel an, lacht. Hat sie wieder etwas dabei? Sie muss. Ich brauche mehr als einen geilen Abend.
„Hey.“ Ich stelle mich neben sie.
Ihr Lachen explodiert in dem Glitzern, das die Lampen der Bar in ihre Augen werfen. „Jo!“ Sie umarmt mich stürmisch.
Okay. Wow.
Orangenduft steigt mir in die Nase, als sie ihren Kopf an meinen Hals lehnt und mir einen Kuss auf die Haut haucht. Dann löst sie sich langsam von mir.
„Ich hatte gehofft, du würdest kommen. Trinkst du auch etwas?“ Sie saugt an dem Strohhalm, der in ihrem Glas steckt, funkelt mich grinsend über den Rand hinweg an.
Ich bin kein Fan von Cocktails. Zu süß. Und sie können mir definitiv nicht geben, was ich heute brauche.
„Ein Bier“, sage ich zu dem Barkeeper, dann beuge ich mich zu Natálie vor.
„Und etwas Stärkeres“, flüstere ich in ihr Ohr.
Sie spitzt die Lippen um den Strohhalm, zieht die Augenbrauen in die Höhe und nickt langsam. Der Barkeeper stellt mir ein Glas vor die Nase, ich proste Natálie zu, nehme einen Schluck, schmecke aber nichts. Natálie trinkt in aller Ruhe ihren Cocktail aus und gleitet geschmeidig vom Hocker, wobei ihre Hand wie zufällig über meinen Oberschenkel streicht und kurz in meinem Schritt verharrt. Zischend atme ich ein und halte die Luft an.
„Ich bin mal kurz für kleine Mädchen.“ Ihr Kopfnicken könnte Zufall sein, aber ich nehme es als Aufforderung, als ihre andere Hand kurz am Reißverschluss ihrer Jackentasche spielt.
Nur weil ich mich am Tresen festhalte und mich zwinge, noch einen Schluck zu trinken, schaffe ich es, ihr nicht direkt hinterherzulaufen. Aber mehr ist nicht drin. Ich überlasse das halbvolle Glas seinem Schicksal und bahne mir meinen Weg zu den Toiletten.
Natálie lehnt, die Hände in den Jackentaschen, neben einem Regal mit Werbepostkarten und grinst herausfordernd. Mein Puls beschleunigt. Spielen wir das gleiche Spiel wie an den vergangenen Wochenenden? Ich mache einen Schritt auf sie zu, erwarte eine langsame Bewegung.
Da packt sie mich und zieht mich in die Kabine.
Kaum hat sie Tür hinter uns geschlossen, presst sie sich an mich. Schwer atmend nähert sie sich meinem Gesicht.
„Was brauchst du? Ich kann nicht mehr warten.“
Ich komme nicht mit. Wo ist ihr herausforderndes Zögern? Ihre Hände machen sich bereits an meiner Hose zu schaffen und mein Körper reagiert sofort. Doch ich zwinge mich, einen halben Schritt zurückzugehen. Weiß sie, was sie tut?
„Bist du sicher?“
Sie überwindet den kleinen Abstand zwischen uns, ihre Hände noch immer an mir. „Sehe ich aus, als wäre ich unsicher?“
Eindeutig nein. Sie verschließt meine Lippen mit ihrem Mund, ehe ich antworten kann und öffnet gleichzeitig meine Hose. Erleichtert atme ich aus, als das Engegefühl nachlässt.
„Wie viel willst du?“, flüstert Natálie zwischen zwei Küssen.
Was genau meint sie? Wenn sie auf das anspielt, was sie da gerade mit ihren Händen anstellt, dann gerne mehr. Zeig es mir. Es ist gut.
Good show. Ich verkrampfe. Nicht daran denken. Ich muss vergessen. Stark sein.
„Etwas für jetzt“, antworte ich leise. „Und etwas für die Woche.“
Natálie fingert ein Plastiktütchen aus ihrer Jackentasche.
Zwei hellblaue Pillen.
Ein fragender Blick, ich nicke, stecke ihr das Geld zu. Ich nehme eine der Pillen, lege sie mir auf die Zunge und schlucke. Natálie zögert keine Sekunde und drückt ihre Lippen sofort wieder auf meine. Mein Blut scheint zu kochen. Natálies Körper ist wie von einem Leuchten umgeben. Ich schiebe ihr Shirt hoch, öffne ihren BH, kralle meine Hand in ihre Brust, als ihre Finger sich fest um meinen Schwanz schließen und sich langsam auf und ab bewegen.
Natálie legt den Kopf in den Nacken, stöhnt, als ich anfange, ihre Brust zu küssen. Weiche, heiße Haut. Sie schlingt ein Bein um meine Hüfte, zieht mich näher an sie heran. Meine Körpermitte ist zum Zerreißen gespannt, pulsiert.
„Nimm mich“, keucht Natálie. Sie nimmt meine Hände in ihre, führt sie zu ihrem Rock, ihrem Slip, zwischen ihre Beine. Es ist heiß und feucht. Ich reibe vor und zurück. Sie tut es mir gleich. Ich balle meine freie Hand zur Faust, stütze mich gegen die Wand, schließe die Augen. Trotzdem ist alles voller Farben. Rot, gelb, grün.
„Ich will alles.“ Ihre Stimme dringt scharf durch das leuchtende Farbspektrum. Ja, ich will es auch. Alles. Jetzt.
Ihre Hand führt mich. Ich gleite in sie. Stoße. Sie kommt mir entgegen. Noch einmal. Tiefer. Länger. Sterne explodieren um uns herum. Ihre Konturen deutlicher als je zuvor. Absurde Schönheit. Unendlicher Flash. Alles leicht.

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